27 Juni 2017, 09:00
Nochmals: Wie weit links beginnt eigentlich 'rechts'?
 
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Versuch einer relativ undeutschen Ortsbestimmung. Gastkommentar von Franz Norbert Otterbeck

Münster (kath.net) Einigkeit und Recht und Freiheit gegen den Extremismus von rechts gehören zum Lorbeer der Bundesrepublik, auch nach 1990 noch. Man hat aus der Geschichte gelernt. „Der Feind steht rechts.“ Mit diesem Satz wird der zentrumslinke Reichskanzler Joseph Wirth bisweilen noch heute zitiert. Er hat das 1922 richtig gesehen, aber auch 1945? Und wo stand man 1989 richtig? Auf Seiten des Pfälzers Helmut Kohl oder doch der beiden Saarländer Honecker-Lafontaine? Kanzler Kohl, der am 1. Juli in der Nähe des Kaiserdoms zu Speyer zu Grabe getragen wird, war sicherlich kein Glaubenszeuge im engeren Sinn, aber "relativ", unter dem Regenbogen des Relativismus, dann wohl doch. Ein wenig 'Glaubenshass' schlug ihm seitens der "Protestanten" Geißler, Schäuble, Weizsäcker usw. mitunter entgegen. Denn für ihn gab es unverrückbare Standpunkte, für Deutschland und für Europa.

Die Rechtslinks-Spektren, die „Regenbögen“ sind in Staat und Kirche durchaus verschiedene. Die Orientierung, nach linker oder rechter Hand, sie entstammt dem abendländischen Parlamentarismus, also der freien Rede „pro und contra“. Man kann sie auf das britische Unterhaus beziehen oder die Französische Revolution. In England wird die Staatspartei sozusagen „Tories“ gerufen, also: Königsschreier, die Liberalen waren die „Whigs“, die Viehtreiber, die Volkspartei. Die Anführer der rechten Seite im französischen Konvent, die vom Revolutionär Robespierre nur „der Klüngel“ genannt wurden (‚la faction‘), den er 1793 folgerichtig beiseite räumte, hat erst die Nachwelt unter dem Namen Girondisten von den Montagnards abgegrenzt. Wer aus der Gironde kam, der Gegend um Bordeaux, gehörte zu den Fußkranken, den Nachzüglern der Revolution. Die „Bergpartei“ sammelte die Männer der Tat. Immer noch sitzen wegen dieser Unterscheidung von „Sumpf“ und „Berg“ in den Parlamenten deshalb die Rechten rechts und die Linken links, vom Präsidium aus betrachtet. Im Reichstag zu Berlin sprach Papst Benedikt XVI. allerdings im September 2011 mit Recht vom Zentrum aus, über das Recht. Nur die Optik war etwas nach rechts verschoben, weil zur linken Hand etliche Sessel leer geblieben waren. Seine aufmerksameren Hörer saßen zu seiner Rechten, ad dexteram patris. Wie weit links also beginnt der „rechte Flügel“? Kirchlich ziemlich in der Mitte.

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Als Papst Johannes Paul II. ungefähr zu Zeiten meines Abiturs den deutschen Bischöfen „ad limina“ vorhielt, dass doch unser Leben als Christen immer schon „alternativ“ gewesen sei, da griff der noch jugendliche Verfasser das Stichwort dankbar auf und hämmerte über 100 Seiten in die Schreibmaschine, unter der Überschrift: „Das andere Leben“. Ich erkenne heute in der Rückschau, dass es sich bei diesen sehr unvollendeten Gedanken um eine Art freies, wildes Nachempfinden des Maritainisme-Montinianismo handelte, was ich aber damals nicht so recht wusste. Eine brennende Hoffnung sprach sich darin aus, dass eine „Bewegung katholischer Erneuerung“ das Antlitz dieser Erde werde verändern können, ja „dieser Erde“. So ähnlich sagte Johannes Paul II. am 2. Juni 1979 es auch in Warschau, bekanntlich mit unerwartetem Erfolg.

Das Evangelium will in dieser Welt wirken. Man darf es sich aber nicht so einfach machen, wie manche Funktionäre anscheinend meinen, die Gesellschaft werde schon dann "aus dem Glauben heraus" gestaltet, wenn ihre aktuelle Gestalt schlicht Zustimmung einiger Gläubiger findet, die auch bei Nichtgläubigen schlicht dieselbe Zustimmung ist, aber ohne die Religion als Motiv. Insofern manche Bischöfe das typisch lutherische "landesherrliche Kirchenregiment" jetzt gleich selber imitieren, etwa in der Reichweite ihres Beschäftigungssektors, scheinen sie damit aber schon ganz zufrieden zu sein.

Mir liegt das Originalmanuskript nicht vor, aber irgendwie fand sich in einem Vortrag, der dem Hörensagen nach jetzt in etlichen Bildungshäusern zur Aufführung kommt, der Appell, die Reihen seien zu schließen, eine Fronde zu bilden, eine Phalanx oder so ähnlich; also doch wieder: Rock gegen rechts? Zum gesellschaftspolitischen „Umbruch heute“ bringt uns ein Satz zurück, dass die 'katholische Rechte', der Feind, um den es da geht, nicht etwa vom Fremdenhass motiviert werde, sondern es ginge ihr eigentlich um die Sexualordnung. Die gibt es katholischerseits aber gar nicht. „Sex“ ist naturgemäß in Unordnung. Es gibt das Sakrament der Ehe, das Jesus Christus selber mit großer Strenge gelehrt hat, zwar nicht sakramenten-theologisch, im Stil des Katechismus, aber biblisch oft und oft aufweisbar. Wer der göttlichen Stiftung der Ehe nicht entspricht, der lebt seine autonome „Sexualordnung“ nunmal nicht heilig. So einfach ist das. Aus sehr vielen gesellschaftlichen, kulturellen, politischen Gründen hat ein Bewusstseinswandel auf diesem Gebiet eingesetzt, der für die kirchliche Lehre, ihr Leben und auch ihre Sakramentendisziplin von immenser Relevanz ist, aber auch mit Amoris laetitia wohl kaum zu packen sein wird.

Es liegt mir fern, über irgendjemanden nur wegen einer lockeren Bemerkung „den Stab zu brechen“, wie es nicht nur Nazi-Richter taten, sondern auch DDR-Ideologen. Hier geht es jetzt auch nicht um alle möglichen Implikationen der alten Ehemoral, sondern um diese politische Bewertung, die etwaigen Widerstand gegen die sexuelle Revolution, die längst ihre Kinder frisst, mit der Zensur belegt: Da zeigt es sich. Der Feind steht rechts! Lebensschützer ticken in der Regel eher konservativ, öfter als die Spender für GREENPEACE jedenfalls. Aber soll das zum Banne führen? Welches Lehramt tobt sich da aus? Eine Agenda aus Brüssel? Ein "Luther heute" müsste genau 'so eine' Bannbulle verbrennen, die Gegnern der „Homo-Ehe“ (bzw. Gegnern der 'Gesellschaft', die für diese "steht") die Hölle auf Erden androht. Zum Glück gibt es bislang keine Inquisition beim EU-Gerichtshof in Luxemburg, die postmoderne Folterkeller baut gegen Bekenner der unauflöslichen, gern fruchtbaren Einehe zwischen Mann und Frau unter dem Segen Christi. Aber gibt es noch die volle Meinungsfreiheit zu sagen, dass die „neue Lehre“ falsch ist? Die Aktivisten der neuen 'Doctrina fidei' stehen nicht immer konsequent "links", aber die tonangebende "Community" verketzert Verteidiger von Ehe-und-Familie, als seien sie von vorgestern, Fußkranke, Nachzügler. Diese sind aber in aller Regel gar nicht intolerant, sondern wollen oft nur Regel und Ausnahme in Balance sehen. Queer ist nicht normal. "Wir" weisen damit den Anspruch zurück, als müsste jede/r umlernen, als würde sich das 'neue Bild der Vielfalt' ebenso zwangsläufig durchsetzen wie das heliozentrische Weltbild nach Kopernikus. Diese Meinung darf die Miliz der "Toleranz" ja überall medial abfeuern. Aber sie muss den ganz diskreten Widerspruch letzter Hausfrauen, Familienväter und auch Zölibatäre dagegen noch ertragen.

Die richtige Autonomie der kulturellen Sachbereiche erlegt einem Bischof im Stil des Vatikanum II übrigens die Pflicht auf, dass er moderate politische Einsprüche „von rechts“ nicht mittels seiner Amtsgewalt zurückweist, auch nicht dem Anschein nach, sondern allenfalls im Modus eines Kolloquiums. Falls die deutsche Kirche die „offene Gesellschaft“ stützen will, dann setzt das vermutlich eine Selbstzurücknahme der Amtsgewaltigen voraus. Der Rückgang ihrer Relevanz durch das schlichte „Abhauen“ fast aller unter 60-jährigen aus den Sakralräumen ist damit aber nicht gemeint, sondern ein freiwilliger Abstieg aus Demut und Einsicht, vulgo: die „Entweltlichung“ der Kirche, zugunsten einer Entmythologisierung der Politik. Wahrscheinlich ist der Zug schon abgefahren. Denn welcher Journalist von Rang besucht noch die Pressekonferenzen der Bischofskonferenz?

Da aber immer noch Wunder geschehen, könnte mit episkopaler Demut und Einkehr sogar eine Rückkehr der Beter zur communicatio in sacris eingeleitet werden. Derzeit sieht es mehr danach aus als würden sich einige 'Propagandaleiter' an den Agit-Prop-Methoden der früheren Linken ein Beispiel nehmen. Der Welt die Welt verkündigen? Sowas lockt keine Katze hinter dem Ofen hervor, führt niemanden zum Glauben zurück, wie Joseph Ratzinger schon im Juni 1965 vor der Studentengemeinde in Münster bekundete, mit Recht. Es hieß mit Recht auch Studentengemeinde; denn studierend ist nur der, der gerade jetzt seine Nase zwischen Buchdeckel klemmt (bzw. das E-Learning am Laptop aufruft). Die gegenwärtig Studierenden heiliger Theologie in Deutschland könnte man übrigens allesamt in einem relativ kleinen Volkstheater versammeln.

Innerkirchlich ist es wegen der hierarchischen Essentials, die eine katholische Kirche ('offen für alle') auszeichnet, grundsätzlich unzulässig, a priori nach „links“ und „rechts“ zu unterscheiden. Man kann das als ungefähre Orientierung durchgehen lassen. Aber gerade das jüngste Konzil ist in Europa weitgehend um seine Wirkung gebracht worden, indem die theologische Generation, die damals am Drücker war, „konservativ“ von „progressiv“ abhob und die konservative Minderheit faktisch kaltstellte. Dieser Umbruch ist kultur-„theoretisch“ überhaupt noch gar nicht aufgearbeitet worden. Wie kann eine derart einheitliche Bewegung überhaupt ins Rutschen kommen? In den Diözesen ebenso wie bei Jesuiten oder Dominikanern? Und dicke oder doofe Kirchenleute sehen sich jetzt veranlasst, auch das letzte „vorkonziliare“ Porzellan zu zerschlagen? Das Konzil allerdings wollte eine missionarische Kirche, keine Selbstdemontage.

Man wird sehen, was von der „offenen Gesellschaft“ noch übrigbleibt, wenn die Grundwasser der Taufe unter einen kritischen Spiegel abgesunken sein werden, im einstmals christlichen Abendland, das begrifflich ja immer schon den Verzicht auf eine besondere „deutsche Sendung“ einschloss.

Christliche Demokratie ist immer Entspannungspolitik, so gut möglich; christliche Demokratie ist immer irgendwie „undeutsch“, allein schon ihres griechischen Ursprungs wegen, auch der Worte, aber sie ist nicht immer unpatriotisch. Die christliche Demokratie hat seit 1918 und seit 1945 mit hoch beachtlichem Erfolg einige innovative Konzepte ausgeprägt, die für die Zukunft der Demokratie überhaupt noch „lebensrettend“ sein werden. Dazu gehören auch Einflüsse der katholischen Soziallehre, ihre Prinzipien, aber noch mehr als das. Nur von einem explizit oder implizit christlich verankerten Standpunkt aus vermag der Demokrat überhaupt einzusehen, dass im Parlamentarismus immer „linke“ und „rechte“ Kräfte mitspielen werden; und dass diese Dialektik, solange sie sich im Dialog bewährt, ebenso den Fortschritt fördert wie auch die Werte wahrt; und im Zweifel für die Freiheit eintritt. Mit Recht durfte die CDU der 1970-er Jahre ihr christliches Weltbild in die drei Worte fassen: „sicher, sozial und frei“.

Christliche Demokratie setzt auch die Hierarchie voraus, aber mit Zuständigkeit für den Sakralraum. Die eigentlich kirchliche Ordnung ist nur in engen Grenzen einer Demokratisierung fähig, aber genau das ermöglicht umso mehr das 'freie Wort in der Welt' und kann verhindern, dass Politiker einander das Fallbeil androhen.

Maßstäbe dafür, wann jemand im Übermaß dazu tendiert, „rechts“ oder „links“ zu votieren, kann man auch in der Kirche aufstellen, in Analogie zum Parlamentarismus, wohl kaum aber strikte Gesetze. Der angebliche Kampf für eine „überwundene Sexualordnung“ dürfte unter allen nur denkbaren Maßstäben der am wenigsten taugliche sein, um die Sentenz zu fällen: „Du rechte Ratte!“ (Ratten waren übrigens in mancher linken Szene nicht ganz unbeliebte Hausgenossen.) An deutsche Bischöfe zu appellieren, mit brutaler Härte den ganzen kirchlichen Apparat „wider rechts“ zu sammeln, also fast überall Rattengift zu streuen, dürfte im Lichte des jüngsten Konzils nur wenig zielführend sein. Und „ultramontan“ ist so ein Thesenanschlag 2017 keineswegs: Nihil novi sub sole. Oder anders gesagt: Gut Ding will Weile haben, auch in Köln, Mainz oder Trier. Denn ein Wahlvolk, das 2013 mit ca. 98% der abgegebenen Stimmen erklärt hat, sich im Antifaschismus einig zu sein, steht doch eher links als rechts. Oder?

Der Bischof weiß doch, dass die Kirche zuerst „Gotteslob“ ist, Liturgie; und zwar nicht das Lob Gottes für unser graues Gesangbuch, sondern unser Dank für die Erlösung von Sünde und Tod. Kirche ist auch 'Leben unter einer Leitung', aber diese Anleitung bezieht sich a.) auf Die Letzten Dinge, immer noch, b.) auf vorletzte Dinge (wie Arbeit, Frieden, Zukunft), aber immer mit dem gebotenen Augenmaß. Kirche ist auch eine Doctrina fidei, eine Überzeugung. Diese ist weder rechts noch links, sondern im Wesentlichen: wahr. Und überall da, wo man sich legitim eher rechts oder links positionieren kann, im Saeculum, da ist diese Doktrin nicht maßgeblich, weil sie eben keine Ideologie enthält.

Die "heiligen drei Könige", Kasper, Murxior und Woelkizar, tun aus ihrer Sicht viel Gutes, um den nationalen Katholizismus in Deutschland hoffähig zu halten, vielleicht sogar wieder salonfähig zu machen, quasi als eine postmoderne Spielart des 'deutschen Idealismus' im weitesten Sinn. Daran sollte ja die kranke Welt genesen. Dabei müssten sie Zeugen des Glaubens sein, ganz gegen den Trend einer „Pastoral“ der Zeugnisverweigerung.

So Gott will und wir leben: Der herkömmliche politische Katholizismus in Deutschland endete 2008 vermutlich mit der Publikation des verdienstvollen Handbuchs zur katholischen Soziallehre, herausgegeben vom Gundlach-Nachfolger in Mönchengladbach, Anton Rauscher SJ. Am 3. Februar 2009 „ohrfeigte“ die Bundeskanzlerin den deutschen Papst. Seither ist die Party vorbei. Katholische Ansprüche sind, dank einer diffusen Zufriedenheit insbesondere der Andersdenkenden – etwa Martin Schulz – mit Papst Franziskus, hier und heute schon fast ganz aus dem öffentlichen Leben ausgemerzt. Ein Minimum ist greifbar: Selbstverständlich wird das starke Engagement vieler Christen für Flüchtlinge und Randgruppen anerkannt und gelobt. Das ist auch gut so. Aber werden auch Pfade zurück gefunden von der Caritas zum Sacramentum caritatis? Wir dürfen für 2018 ff. noch hoffen. Aktuell scheint mir die erste Bedingung für eine Besinnung auf das Wesen des Christentums zu sein: Der Bischof möge im Wahlkampf etwas leiser brüllen, zumal ihm, außerhalb des Kreises seiner Lohnempfänger, sowieso keine Partisanen in der Politik mehr zu Gebote stehen.

Der Verfasser, Dr. iur. Franz Norbert Otterbeck, ist Rechtshistoriker und Wirtschaftsjurist. Siehe auch kathpedia: Franz Norbert Otterbeck.

Symbolbild: Orientierung








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