25 Juni 2017, 11:30
Irak: 'Christina wurde ein neues Leben geschenkt'
 
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Sechsjähriges Mädchen drei Jahre durch IS verschleppt – Muslimische Familie half dem Kind - Der Vater des Mädchens betete täglich den Rosenkranz - Priester berichtet über Rückkehr - Interview von Maria Lozano

Bagdad (kath.net/KIN) Die Bilder im Internet verbreiteten sich wie ein Lauffeuer: Seit dem 10. Juni ist das sechsjährige Mädchen Christina aus der irakischen Ninive-Ebene wieder in den Armen ihrer Eltern (Foto). Drei Jahre lang waren sie getrennt: Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hatte das Mädchen verschleppt. Jetzt ist es frei und wurde zu ihrer Familie zurückgebracht, die sich derzeit als Flüchtlinge im nordirakischen Erbil aufhält. Es ist wie ein Wunder, das neben der Solidarität der muslimischen Bevölkerung auch auf das Gebet der Familie von Christina zurückzuführen ist. Davon ist der syrisch-katholische Geistliche Ignatius Offy überzeugt. Er kennt die Familie seit langem. Über die Hintergründe der Befreiung, wie es Christina jetzt geht und wie sehr sich die Christen der Ninive-Ebene nach einer Rückkehr sehnen – darüber hat er mit Maria Lozano von der Päpstlichen Stiftung „Kirche in Not“ gesprochen.

Maria Lozano: Das Wichtigste zu Beginn: Wie geht es Christina nach ihrer Befreiung? Sie war schließlich drei Jahre von ihrer Familie getrennt.

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Ignatius Offy:
Christina ist verständlicherweise ängstlich und verschreckt. Als sie entführt wurde, war sie ja erst drei Jahre alt. Deshalb hatte sie gar keine Erinnerung mehr an ihre Eltern und Geschwister. Sie hat auch ihre syrische Muttersprache verlernt und kann nur Arabisch. Überhaupt redet sie sehr wenig. Manchmal lächelt sie mich an, wenn ich sie besuchen komme – an anderen Tagen nicht. Der Schock sitzt tief.

Lozano: Wie kam es zu der Entführung?

Offy:
Christinas Familie stammt wie ich aus der Stadt Karakosch in der Ninive-Ebene, 30 Kilometer südöstlich von Mossul. In der Nacht zum 7. August 2014 besetzte der IS unsere Stadt. Einigen Christen gelang die Flucht oder sie wurden deportiert. Hunderte Menschen aber saßen fest, so auch Khouder Ezzo, seine Frau Hanna und ihre kleine Tochter Christina – damals drei Jahre alt. Schließlich erlaubte der IS ihnen, nach Erbil auszureisen. Alle Wertsachen hatte man ihnen vorher abgenommen. Am Tag der Evakuierung riss einer der IS-Schergen der Mutter das Kind aus den Armen. Die Mutter flehte ihn an, es ihr zurückzugeben. Der Kämpfer deutete ihr nur, in den bereitstehenden Bus zu steigen, sonst würde er das Mädchen töten. Die Mutter fügte sich, aus Angst um ihr Kind. Das war das letzte Mal, dass sie Christina sah – für fast drei Jahre.

Lozano: Wissen Sie, wo Christina in diesen drei Jahren versteckt wurde?

Offy:
Christinas Vater fragte jeden, der aus der Ninive-Ebene stammte, ob er ihm etwas über den Verbleib seiner Tochter sagen konnte. Einer seiner Verwandten erzählte ihm: „Deine Tochter lebt. Sie wurde mit einem IS-Kämpfer in der Nähe der Moschee gesehen.“ Danach brachen alle Kontakte ab. Erst viele Monate später erfuhren sie, dass das Kind mittlerweile bei einer muslimischen Familie in der Nähe von Mossul lebte. Diese hatte das verwahrloste Kind bei einer Moschee gefunden, es mitgenommen mit und behandelten es jetzt wie ihr eigenes. Sie suchten die ganze Zeit nach einer Möglichkeit, Christina wieder zu ihrer Familie zurückzubringen. Aber es war zu gefährlich, das Kind aus den vom IS besetzten Gebieten zu bringen.

Lozano: Mitarbeiter von „Kirche in Not“ hat vor zwei Jahren Christinas Eltern in Ankawa, einem Stadtteil von Erbil, getroffen. Es war herzzerreißend, ihr Schicksal zu hören, aber auch sehr beeindruckend, ihren Glauben zu erleben. Konnten die Eltern sich diesen Glauben bewahren?

Offy:
Christinas Vater betete täglich den Rosenkranz für ihre Heimkehr. An der Innenwand des Wohncontainers, in dem sie untergebracht sind, hängte er ein Heiligenbildchen neben das Foto seiner Tochter. Viele Gläubige schlossen sich dem Gebet für die Heimkehr von Christina und der anderen Vermissten an. Zwei Jahre lang hörte Christinas Familie hier und da kleine Neuigkeiten über sie, aber sie konnten nicht direkt mit ihr Kontakt aufnehmen.

Lozano: Und dann war es soweit: Am 10. Juni konnten die Eltern ihr Kind wieder in die Arme schließen. Wie kam es dazu?

Offy:
Der Süden von Mossul, wo Christina bei der muslimischen Familie lebte, ist nach wie vor heftig umkämpft. Die Familie brachte sich in einen anderen Stadtteil in Sicherheit. Von dort rief der muslimische Familienvater über Umwege bei Christinas älterem Bruder an. Die beiden Familien trafen sich, und Christina wurde ihrer richtigen Familie übergeben. Sie war gesund und wohlauf. Endlich war die Familie wieder vereint – auch dank der muslimischen Familie, die selbstlos gehandelt und sich damit in Gefahr gebracht hatte.

Lozano: Können Sie das Gefühl beschreiben, dass die christliche Flüchtlingsgemeinde jetzt erfüllt? Sie haben ja so lange für Christinas Rückkehr gebetet, mit der Familie gebangt und gehofft.

Offy:
Was mit Christina, ihrer Familie und mit uns geschah, ist ein himmlisches Wunder! Ihr wurde ein neues Leben geschenkt. Wir danken Gott dafür! Die Menschen hier haben das Mädchen mit Musik und Tanz willkommen geheißen. Jeden Tag kommen immer noch Leute in unser Flüchtlingslager, um der Familie zur Heimkehr ihrer Tochter zu gratulieren. Die Familie kann ihr Glück noch gar nicht fassen.

Lozano: Was für Christina und ihre Familie Wirklichkeit geworden ist, liegt für andere noch in weiter Ferne. Es wurden ja noch andere Personen verschleppt.

Offy:
Es sind Hunderte. Ich habe eine Liste erstellt und vielen Organisationen vorgelegt. Christina war auf der Liste bislang die Jüngste. Wir arbeiten hart daran, die Personen aufzuspüren. Von vielen haben wir seit Jahren nichts mehr gehört. Aber Christinas Rückkehr hat uns wieder Hoffnung gegeben!

Lozano: Wie sehen die Zukunftspläne von Christinas Familie aus?

Offy:
Ihnen geht es wie tausenden Flüchtlingsfamilien: Ihr Haus in ihrer Heimat Karakosch ist zerstört. Sie leben nach wie vor in Erbil in einem Wohncontainer, fünf Personen! Die Sehnsucht, nach Hause zurückzukehren, ist groß. Aber gerade die jungen Menschen überlegen sich, ob sie bleiben oder ins Ausland gehen sollen. Sie sehen keine Perspektive. Ich hoffe, dass Wiederaufbauprogramme wie aktuell von „Kirche in Not“ daran etwas ändern. Es steht für die Christen im Irak auf Messers Schneide. Ich flehe alle Organisationen und Wohltäter im Ausland an: Helfen Sie unseren Familien! Ermöglichen Sie der kleinen Christina und den vielen anderen traumatisierten Kindern psychologische Hilfe, damit sie eine Chance auf Zukunft haben!

„Kirche in Not“ hat zusammen mit den christlichen Kirchen im Irak ein Wiederaufbauprogramm für die christlichen Dörfer in der Ninive-Ebene ins Leben gerufen. Dort sind rund 13 000 Gebäude beschädigt oder komplett zerstört. Die Gesamtkosten werden auf über 250 Millionen US-Dollar geschätzt. Auch die rund 90 000 christlichen Binnenflüchtlinge, die sich derzeit noch rund um Erbil aufhalten, unterstützt „Kirche in Not“ mit Lebensmitteln und Medikamenten, durch die Anmietung von Wohnraum, mit eigens errichteten Schulen und vielem mehr. Um weiterhin helfen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden:

Kirche in Not Deutschland

Kirche in Not Österreich

Kirche in Not Schweiz

Kirche in Not - Dieses christliche Mädchen war von der IS entführt worden und ist jetzt wieder bei seiner Mutter




Foto oben (c) Kirche in Not







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