14 Juli 2017, 13:00
Das glorreiche Kreuz Christi: Maß der Liebe Gottes
 
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Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: Christsein, Priestertum und Sendung. Die übernatürliche Dimension des Lebens wiederentdecken. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Das Wetter hatte einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ursprünglich hätte Papst Benedikt XVI. im Rahmen seiner 27. Reise innerhalb Italiens am 13. Mai 2012 das Franziskus-Heiligtum auf dem Berg La Verna 45 Kilometer nördlich von Arezzo im Casentino-Tal besuchen sollen. Dort hatten ihn verschiedene Minoritengemeinschaften, die Klarissenschwestern der Toskana und die Ordensschwestern von Chiusi della Verna erwartet. Aufgrund heftiger Windböen und Nebel jedoch musste der Besuch nach langer Überlegung kurzfristig abgesagt werden. Der päpstliche Hubschrauber hatte den auf 1.283 Meter Höhe gelegenen Ort nicht anfliegen können.

Für Benedikt XVI. hat La Verna eine besondere Bedeutung, an die er noch als Kardinal bei einem früheren Besuch im Jahr 1988 erinnert hatte. Der Ort inspirierte den Kirchenlehrer Bonaventura von Bagnoreggio (1221-1274) und Lehrer Joseph Ratzingers zu seinem mystischen Hauptwerk „Itinerarium mentis in Deum“ („Reisebericht des Geistes zu Gott“). Der Papst hatte für seine Begegnung mit den Ordensleuten eine tiefgehende Meditation vorbereitet, in deren Mittelpunkt er in direkter Verbindung mit dem franziskanischen Pilgerort Christsein, Priestertum und Sendung stellte und über die Betrachtung des Kreuzes nachdachte.

„Das glorreiche Kreuz Christi fasst die Leiden der Welt zusammen, vor allem aber ist es ein greifbares Zeichen der Liebe, das Maß der Barmherzigkeit Gottes gegenüber dem Menschen“.

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Nur wenn man sich von der Liebe Gottes erleuchten lasse, „können der Mensch und die gesamte Natur erlöst werden, kann die Schönheit endlich den Glanz des Antlitzes Christi widerspiegeln, wie der Mond die Sonne widerspiegelt“, so Benedikt XVI. Das Blut des Gekreuzigten, „das aus dem glorreichen Kreuz hervorquillt, belebt wieder die ausgetrockneten Gebeine des Adam, der in uns ist“.

Die Betrachtung des Gekreuzigten „ist ein Werk des Verstandes, der sich jedoch nicht in die Höhe aufschwingen kann ohne die Unterstützung, ohne die Kraft der Liebe“.


Die für den ausgefallenen Besuch beim Heiligtum von La Verna vorbereitete Ansprache Benedikts XVI., 13. Mai 2012):

Der geplante Kurzbesuch beim Heiligtum von La Verna musste wegen Schlechtwetter ausfallen. Im folgenden die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. vorbereitet hatte.

Liebe Minderbrüder,
liebe Töchter der heiligen Mutter Klara,
liebe Brüder und Schwestern

Der Herr schenke euch Frieden! Das Kreuz Christi betrachten! Wir sind als Pilger auf den »Sasso Spicco« von La Verna gestiegen, wo sich dem hl. Franziskus »zwei Jahre vor seinem Tod« (Celano, Vita prima, III, 94: FF, 484) die Wundmale des glorreichen Leidens Christi in seinen Leib einprägten. Sein Weg als Jünger hatte ihn zu einer so tiefen Vereinigung mit dem Herrn geführt, daß er auch die äußeren Zeichen des höchsten Akts der Liebe am Kreuz mit ihm teilte. Dieser Weg hatte in San Damiano begonnen, vor dem Gekreuzigten, den er mit dem Verstand und mit dem Herzen betrachtete. Die beständige Betrachtung des Kreuzes an diesem heiligen Ort war der Weg zur Heiligung für viele Christen, die über acht Jahrhunderte hinweg niedergekniet sind, um in Stille und Sammlung zu beten.

Das glorreiche Kreuz Christi faßt die Leiden der Welt zusammen, vor allem aber ist es ein greifbares Zeichen der Liebe, das Maß der Barmherzigkeit Gottes gegenüber dem Menschen. An diesem Ort sind auch wir aufgerufen, die übernatürliche Dimension des Lebens wiederzuentdecken, die Augen von dem zu erheben, was unwesentlich ist, um uns wieder völlig dem Herrn anzuvertrauen, mit freiem Herzen und voll Freude, und den Gekreuzigten zu betrachten, auf daß er uns mit seiner Liebe verwunde. »Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen« (Sonnengesang: FF, 263).

Nur wenn wir uns vom Licht der Liebe Gottes erleuchten lassen, können der Mensch und die gesamte Natur erlöst werden, kann die Schönheit endlich den Glanz des Antlitzes Christi widerspiegeln, wie der Mond die Sonne widerspiegelt. Das Blut des Gekreuzigten, das aus dem glorreichen Kreuz hervorquillt, belebt wieder die ausgetrockneten Gebeine des Adam, der in uns ist, auf daß ein jeder wieder die Freude finde, sich auf den Weg zur Heiligkeit zu machen, aufzusteigen zu Gott. An diesem gesegneten Ort schließe ich mich dem Gebet aller Franziskaner und Franziskanerinnen der Erde an: »Wir beten dich an, o Christus, und preisen dich hier und in allen Kirchen der Welt, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst. «

Hingerissen von der Liebe Christi! Man steigt nicht nach La Verna herauf, ohne sich durch das Gebet Absorbeat des hl. Franziskus leiten zu lassen, in dem es heißt: »Mit dem Feuer deiner überaus beglückenden Liebe, reinige mich, o Herr, von allem, was unter dem Himmel ist, damit ich all dem aus Liebe zu deiner Liebe absterbe, der du aus Liebe zu meiner Liebe zu sterben dich gewürdiget hast« (Gebet Absorbeat, 1: FF, 277). Die Betrachtung des Gekreuzigten ist ein Werk des Verstandes, der sich jedoch nicht in die Höhe aufschwingen kann ohne die Unterstützung, ohne die Kraft der Liebe.

Ebenfalls an diesem Ort verfaßte Bruder Bonaventura von Bagnoregio, ein berühmter Sohn des hl. Franziskus, sein Itinerarium mentis in Deum, in dem er uns den Weg aufzeigt, den man beschreiten muß, um sich aufzumachen zu den Höhen, wo man Gott findet. Dieser große Kirchenlehrer teilt uns seine eigene Erfahrung mit und lädt uns ein zum Gebet. Vor allem muß der Verstand auf das Leiden des Herrn ausgerichtet werden, denn das Kreuzesopfer löscht unsere Sünde aus, eine Verfehlung, die nur von der Liebe Gottes bedeckt werden kann. Er schreibt: »Ich ermahne den Leser vor allem zum inständigen Gebet durch den gekreuzigten Christus, dessen Blut die Makel unserer Schuld reinigt« (Itinerarium mentis in Deum, Prol. 4).

Um wirksam zu sein, bedarf unser Gebet jedoch der Tränen, also der inneren Anteilnahme, unserer Liebe, die auf die Liebe Gottes antwortet. Außerdem bedarf es jener »admiratio«, die der hl. Bonaventura in den Kleinen des Evangeliums erkennt, die über das Heilswerk Christi staunen können.

Und eben die Demut ist das Tor jeder Tugend. Denn nicht durch den intellektuellen Stolz der in sich selbstverschlossenen Suche kann man zu Gott gelangen, sondern durch die Demut, wie es in einem bekannten Wort des hl. Bonaventura heißt: »Niemand möge glauben, ihm genüge die Lesung ohne Salbung, die Spekulation ohne Hingabe, die Forschung ohne Verehrung, die Umsicht ohne Begeisterung, der Fleiß ohne Frömmigkeit, die Wissenschaft ohne Liebe, der Verstand ohne Demut, das Studium ohne die göttliche Gnade, die Beobachtungsgabe ohne die göttlich inspirierte Weisheit« (ebd.).

Die Betrachtung des Gekreuzigten hat eine außerordentliche Wirkkraft, weil sie uns von der Ebene der gedachten Dinge zur gelebten Erfahrung übergehen läßt, vom erhofften Heil zum seligen Vaterland. Der hl. Bonaventura sagt: »Wer [den Gekreuzigten] aufmerksam betrachtet … führt mit ihm das Pascha, also den Übergang aus« (ebd., VII, 2). Das ist das Herzstück der Erfahrung von La Verna, der Erfahrung, die der »Poverello« von Assisi hier gemacht hat. Auf diesem heiligen Berg lebt der hl. Franziskus in sich selbst die tiefe Einheit von »sequela«, »imitatio« und »conformatio Christi«.

Und so sagt er auch zu uns, daß es, um Christen zu sein, weder ausreicht, sich als Christen zu bekennen, noch zu versuchen, gute Werke zu tun. Man muß Christus ähnlich werden, durch ein langsames, fortschreitendes Bemühen, das eigene Sein nach dem Abbild des Herrn zu verwandeln, damit durch die göttliche Gnade jedes Glied seines Leibes, der Kirche, die nötige Ähnlichkeit mit dem Haupt, dem Herrn Christus, aufweist. Und auch diesen Weg beginnt man – wie uns die mittelalterlichen Meister nach dem Vorbild des großen Augustinus lehren – bei der Selbsterkenntnis, bei der Demut, aufrichtig in sich selbst hineinzuschauen.

Die Liebe Christi bringen! Wie viele Pilger haben diesen heiligen Berg bestiegen und besteigen ihn, um die Liebe des gekreuzigten Gottes zu betrachten und sich von ihm hinreißen zu lassen. Wie viele Pilger sind heraufgestiegen auf der Suche nach Gott, der der wahre Grund ist, warum es die Kirche gibt: um eine Brücke zwischen Gott und den Menschen zu schlagen. Und hier begegnen sie auch euch, den Söhnen und Töchtern des hl. Franziskus. Denkt immer daran, daß das geweihte Leben die besondere Aufgabe hat, durch das Wort und das Vorbild eines Lebens nach den evangelischen Räten die faszinierende Liebesgeschichte zwischen Gott und der Menschheit zu bezeugen, die die Geschichte durchzieht.

Das franziskanische Mittelalter hat ein unauslöschliches Zeichen in eurer Kirche von Arezzo hinterlassen. Das wiederholte Hindurchziehen des »Poverello« von Assisi und sein Aufenthalt in eurem Gebiet sind ein kostbarer Schatz. Außerordentlich und grundlegend war das Ereignis von La Verna durch die Einzigartigkeit der Wundmale, die sich in den Leib des seraphischen Paters Franziskus eingeprägt haben, aber auch durch die gemeinsame Geschichte seiner Ordensbrüder und der Menschen in eurem Gebiet, die beim »Sasso Spicco« noch immer die Zentralität Christi im Leben des Gläubigen wiederentdecken. Montauto di Anghiari, »Le Celle« in Cortona und die Einsiedeleien von Montecasale und von Cerbaiolo, aber auch andere kleinere Orte des toskanischen Franziskanertums prägen weiterhin die Identität der Gemeinschaft von Arezzo, Cortona und Sansepolcro.

Viele Lichter haben diese Gegend erleuchtet, wie die hl. Margareta von Cortona, eine kaum bekannte franziskanische Büßerin, die in der Lage war, in sich selbst mit außerordentlicher Lebendigkeit das Charisma des »Poverello« von Assisi nachzuerleben, indem sie die Betrachtung des Gekreuzigten mit der Nächstenliebe gegenüber den Geringsten vereinte.

Die Liebe zu Gott und zum Nächsten beseelt auch weiterhin das kostbare Werk der Franziskaner in eurer kirchlichen Gemeinschaft. Die Profeß der evangelischen Räte ist ein Königsweg, um die Liebe Christi zu leben. An diesem gesegneten Ort bitte ich den Herrn, auch weiterhin Arbeiter in seinen Weinberg zu senden, und vor allem an die jungen Menschen richte ich die dringende Einladung, daß jeder, der von Gott berufen ist, mit Großherzigkeit antworten und den Mut haben möge, sich im geweihten Leben und im Priesteramt hinzuschenken. Ich bin als Nachfolger Petri nach La Verna gepilgert, und ich möchte, daß jeder von uns noch einmal die Frage hört, die Jesus dem Petrus stellt: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? … Weide meine Lämmer!« (Joh 21,15).

Die Liebe zu Christus liegt dem Leben des Hirten ebenso wie dem des Geweihten zugrunde: eine Liebe, die Einsatz und Mühe nicht scheut. Bringt diese Liebe dem Menschen unserer Zeit, der oft verschlossen ist in den eigenen Individualismus; seid Zeichen der unermeßlichen Barmherzigkeit Gottes.

Die priesterliche Frömmigkeit lehrt die Priester, das zu leben, was sie feiern, das eigene Leben zu brechen für jene, denen wir begegnen: im Teilen des Schmerzes, in der Aufmerksamkeit auf die Probleme, im Begleiten des Glaubensweges. Ich danke Generalminister José Carballo für seine Worte, der ganzen franziskanischen Familie und euch allen. Beharrt wie euer heiliger Vater in der Nachahmung Christi, damit alle, die euch begegnen, dem hl. Franziskus begegnen – und indem sie dem hl. Franziskus begegnen, dem Herrn begegnen.

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