10 August 2017, 09:59
Sexuelle Freiheit aufgedeckt
 
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Der Umgang unserer Gesellschaft mit der Sexualität folgt einem neuen Dogma: „Es ist verboten zu verbieten.“ Ein Buch von Therese Hargot. Von Dominik Lusser, Stiftung Zukunft CH

Linz (kath.net)
„Sexuelle Freiheit aufgedeckt“ lautet der Titel eines bemerkenswerten französischen Buches, das am 23. August 2017 im Springer-Verlag in deutscher Übersetzung erscheint.
Die belgische Sexualtherapeutin Thérèse Hargot deckt darin auf, wohin die in den 60er Jahren initiierte sexuelle „Befreiung“ unsere Gesellschaft geführt hat: Wir haben uns aller Verbote und Autoritäten entledigt, sind „aber in einem sehr unreifen Verhältnis zur Sexualität stehen geblieben,“ resümiert Hargot ihre meisterhafte Analyse. Das Buch ist ein Geheimtipp für Eltern und Pädagogen, die Jugendliche zu tatsächlicher (sexueller) Freiheit hinführen möchten.

Der Umgang unserer Gesellschaft mit der Sexualität folgt einem neuen Dogma: „Es ist verboten zu verbieten.“ Daraus folgen zahlreiche Normierungen und Diktate, denen Hargot in den zehn Kapiteln ihres brillanten Buches nachgeht. Sie nennt dabei beispielsweise die Tyrannei der Pornografie, die unsere Sexualität konditioniert; den Verhütungszwang, welcher der Logik der Liebe widerspricht und Frauen jederzeit verfügbar macht; aber auch die „Obsession der sexuellen Orientierung“, welche schwankende Gefühle und Empfindungen zu einer Identitätsfrage erhebt. „Junge Leute empfinden es immer weniger als sinnstiftend, in einem Frauen- oder Männerkörper geboren zu sein“, lautet Hargots alarmierender Befund. Dieser führt sie zur rhetorischen Frage, was denn das für eine Freiheit sei, „die uns permanent dazu verurteilt, unsere Identität, unsere Leidenschaften und Sexualpraktiken zu wählen, als ob es sich dabei um ein beliebiges Konsumgut handelte?“

Hargots bemerkenswerte Kritik an gängigen Denkmustern wirkt befreiend. Das Buch hat bereits in Frankreich und auch in der französischsprachigen Schweiz für Aufsehen gesorgt und sein Potential, die institutionell verankerte emanzipatorische Sexualpädagogik in Erklärungsnotstand zu bringen, unter Beweis gestellt.

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Das in einem persönlichen Stil geschriebene Buch bietet eine tiefgehende Analyse der gesellschaftlichen Situation rund um die Themen Sexualität, Geschlecht, Affektivität und Partnerschaft. Hinter den Fragen und Erlebnisberichten zahlreicher Jugendlicher und Erwachsener, denen sie eine Stimme gibt, ortet die Autorin existentielle Ängste und Bedürfnisse, die weit über den Kontext des rein Sexuellen hinausgehen: „Wer bin ich? Bin ich liebenswert? Bin ich fähig? Was ist der Sinn meines Lebens?“ Der Druck der neuen Freiheit ist laut Hargot enorm. So seien wir keine Generation „Peace“ und „Love“, wovon die 1968er-Bewegung geträumt hätte, sondern eine von Verängstigten. Das Buch will einen Beitrag leisten, „die Muschel der vermeintlich sexuell befreiten Gesellschaft zu verlassen, in der wir aufgewachsen sind, um sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten.“ Es versteht sich als „Einladung die eigene Denkfreiheit auszuüben“.

Porno-Tyrannei

Die gegenwärtige Omnipräsenz der Pornografie zeigt für Hargot, dass der Umgang Heranwachsender mit der Sexualität oft kein Beweis ihrer Freiheit, sondern das „Ergebnis einer Konditionierung“ ist. „Dem Geist werden Bilder aufgedrängt, nach denen er kein Verlangen geäussert hat. Dies ist eine Art Vergewaltigung der Vorstellungskraft“. Die von Erwachsenen als vermeintliche Prävention eingebrachte Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität hilft wenig, wenn diese angebliche Fiktion zum Ziel hat reale Akte zu zeigen. Pornografische Erfahrungen bestimmen heute das Sexualleben vieler junger Paare. Teenagerinnen machen vieles mit, wenn sie verliebt sind. Umgekehrt wird es für männliche Jugendliche schwer Mädchen und Frauen anders denn als Sexobjekte wahrzunehmen, wenn sich pornografische Bilder im Gedächtnis eingeprägt haben. Dies ist laut Hargot der erschreckend hohe Preis von Pornokonsum in der Adoleszenz, d.h. bevor man gelernt hat, von der eigenen und der Person des Gegenübers ein ganzheitliches Bild zu gewinnen. Pornografie hält eine ständig zunehmende Zahl von Heranwachsenden in einem unreifen Zustand gefangen.

Vergötterung der Paarbeziehung

Während die Pornografie die Sexualität auf ein mechanisches genitales Geschehen reduziert, fordern die Gefühle als neuer „Gradmesser der Liebe“ ihren Platz ein. Im Gefühl des Verliebtseins muss das Glück, die Erfüllung liegen. Daraus folgen die häufig stark übersteigerten Erwartungen an den Partner. Oft ist die frühe Paarbeziehung auch eine Flucht, z.B. aus einem Elternhaus, das wenig Bestätigung und Liebe bot. Das neue Liebes-Ideal entspricht dem der Boulevard-Presse. Beziehungen bleiben so häufig im rein Affektiven, Emotionalen gefangen, nach dem Motto: „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt“. „Man lebt als Paar nur mit dem Herzen, und riskiert, niemals seine Gefühlszustände zu überschreiten, indem man beginnt, die Beziehung zu denken, aufzubauen und ihr einen festen Stand in der Zeit zu geben.“ Wer zu früh eine Beziehung eingeht, behindert laut Hargot sein Wachstum zur reifen Persönlichkeit. Geht eine solche rein affektive, unreife Beziehung in die Brüche, ist „der Gewaltausbruch proportional zur verletzten Eigenliebe“.

Obsession sexuelle Orientierung

Die Nachfahren der sexuellen Revolution haben sich von Natur und Biologie befreit. Vermeintlich sexuell befreit, „stellen sie sich jedoch paradoxerweise eine einengende Frage.“ Um jeden Preis fordert man voneinander eine klare Antwort auf die Frage nach der sexuellen Orientierung, um sich gegenseitig als homo- bi- oder heterosexuell zu etikettieren. „Wenn man frei ist, muss man wählen“, so die medial weit verbreitete Botschaft. Doch die Frage: „Bin ich homosexuell?“ ist für Hargot keine, die man sinnvollerweise stellen sollte.

Homosexualität als Identität ist angesichts der Komplexität menschlicher Sexualität nur eine „ideologische Konstruktion“: denn wie sollte man sich aufgrund von Gefühlen, Regungen, und Lustempfindungen, die oft widersprüchlich sein können (manche empfinden ja sogar starke Gefühle gegenüber Tieren!), aber auch aufgrund von Handlungen, die eine mehr oder weniger grosse Bedeutung im eigenen Leben einnehmen können, in seiner Identität festlegen? Die Person lässt sich weder auf ihre Gefühle, noch auf ihre sexuellen Anziehungen oder Beziehungen reduzieren. Hinter dieser „Obsession der sexuellen Orientierung“ sieht Hargot ein philosophisches Menschenbild am Werk, das nicht zwischen der Person und ihrem Verhalten (oder „ihrem Tun“) unterscheidet.

Erziehung zur Gefahr

Sexuell übertragbare Infektionen aller Art nehmen wieder zu. Die überall gegenwärtige Präventions-Botschaft, immer ein Kondom bei sich zu haben, zeigt nicht die gewünschte Wirkung. Laut Hargot ist diese Botschaft schon deswegen zum Scheitern verurteilt, weil sie auf einem mechanischen Verständnis von Sexualität beruht, mit dem sich Verliebte nicht identifizieren können. Diese sind überzeugt, keinem vorgegeben Modell zu entsprechen, sondern eine „auf der Welt einzigartige Geschichte“ zu erleben: Die Logik, sich vor dem Partner als potentielle Gefahr zu schützen, ist der Logik der Liebe diametral entgegengesetzt. Unter dem Vorwand, man wolle Prävention betreiben ohne zu moralisieren, wird – was ebenfalls eine „moralische“ Entscheidung ist – verschwiegen, dass Enthaltsamkeit und Treue unter Umständen viel effizienteren Schutz bieten könnten. So aber geht „der sexuelle Liberalismus Hand in Hand mit einer Erziehung zur Angst und einer Angstkultur, die aus der Sexualität ein Spiel des Zufalls macht.“

Hargot, selbst ein Kind der sexuellen Revolution, muss feststellen: „Die Kultur, in der wir aufgewachsen sind, entsprach nicht unserer tiefsten Sehnsucht: voll und ganz zu lieben und geliebt zu werden.“ Hingegen zwingt uns das Drama der sexuell übertragbaren Krankheiten immerhin dazu, uns tiefgehende Fragen über den Sinn unseres Körpers zu stellen. Darin sieht Hargot auch eine Chance.

Mein Körper gehört mir! Und euch?

Hargot fragt provokativ: Besteht die sexuelle Freiheit einer 14-Jährigen im 21. Jahrhundert tatsächlich in dem Recht, Jungen oral zu befriedigen? Die scheinbar nicht hintergehbare Antwort auf diese Frage lautet heute: „Sie macht mit ihrem Körper, was sie will. Wenn sie das mag, ist das ihr Recht.“ Die Heiligkeit des Körpers, als deren Garant sich die paternalistische Moral früherer Zeiten verstand, ist der Erniedrigung des Körpers zur Ware gewichen. Heilig ist heute nicht mehr der Körper, und auch nicht die Sexualität, sondern die freie Zustimmung. „Sie allein gibt dem Sexualakt seinen moralischen Wert.“

Doch diese Sichtweise klammert aus, dass wir alle eine Erziehung und eine Vergangenheit haben, die unsere Entscheide konditionieren. „Damals gewöhnten sich unsere Eltern an die Möglichkeit, Sexualität und Fortpflanzung zu trennen. Heute werden Gefühle und Sexualität voneinander geschieden. Die freie Zustimmung wird als Ausdruck des reinen, aller Gefühle entledigten Willens gesehen.“ Doch: können sich Menschen überhaupt „lediglich zum Sex“ verabreden?

Weil Affekte und Gefühle aus realen Beziehungen nicht ausgeblendet werden können, birgt das Prinzip der freien Zustimmung auch viel Potential für Missbrauch und traumatische Erfahrungen. Freie Zustimmung bzw. Verhandlungsmoral setzen nicht nur Wissen über den eigenen Körper voraus, sondern auch die Reife einer erwachsenen Person. Wer sich noch nicht selbst gefunden hat und narzisstisch nach dem Blick anderer Ausschau hält, kann nicht wissen, was er wirklich will.

Medikamente für Gesunde

Die Pille zeigt zahlreiche, teils gravierende Nebenwirkungen. Dennoch wird sie als alternativlos dargestellt. Obwohl es andere Wege gäbe, die Fruchtbarkeit zu regeln, werden gesunde Frauen unter Medikamente gesetzt. Die vorherrschende Devise, die Pille sei zwar potentiell gefährlich, jedoch effizient, verhindert ein Umdenken. „Auf der Werteskala wird so die technische Wirksamkeit der Gesundheit der Frau übergeordnet.“ Auch hier zeigt sich laut Hargot ein verkürzter Blick auf den Menschen. Die Pille ermöglicht zwar sexuelle Kontakte, wann immer man will, ohne die Angst einer ungewollten Schwangerschaft. Doch lusterfüllt ist Sexualität mit Pille deswegen noch lange nicht.

Zudem nützt die ständige Bereitschaft des weiblichen Körpers zum Sex vor allem dem Mann, dessen Sexualtrieb von niemandem infrage gestellt wird.

Diese und noch viele weitere Kehrseiten der sexuellen „Befreiung“ deckt Hargot auf. Es darf gehofft werden, dass dieses Buch auch im deutschsprachigen Raum etwas in Bewegung bringt: nicht zuletzt eine fundierte und breit angelegte Auseinandersetzung darüber, welche Art Sexualpädagogik an unseren Schulen unterrichtet werden soll.

Kumpelhafte Eltern

Hargots Buch richtet sich explizit auch an Eltern. Echte sexuelle Freiheit bedingt aus ihrer Sicht auch eine Loslösung vom elterlichen Erbe. Viele Eltern projizieren sich und ihr sexuelles Erleben auf ihre Kinder und belasten sie damit schwer. Dies gilt sowohl für die Väter und Mütter, die das Thema Sexualität nach wie vor tabuisieren, wie auch diejenigen, die meinen, Kindern alles erzählen und zeigen zu müssen. Beide Verhaltensweisen führt Hargot auf eine gewisse Unreife zurück. Vater und Mutter sein bedeutet, eine gesunde Distanz einzuhalten und zu überlegen, welche Zuwendung und Liebe Kinder tatsächlich für ihr eigenes Leben freisetzt.

Nicht selten werden die Rollen heute nämlich vertauscht: Zu sehr mit sich selber beschäftigt, merken Eltern nicht, dass sie ihre Kinder für die Stillung ihrer eigenen affektiven Bedürfnisse benutzen. Ferner ist Liebe nicht gleichbedeutend mit der „Rede“ über Liebe. Erst die gelebte Vertrauensbeziehung bietet dem Kind die Möglichkeit, seine Fragen stellen zu können, wenn dies seinen Bedürfnissen und seiner individuellen Reife entspricht.

Erlebtes Vertrauen ist auch das, was das Kind braucht, um seine Identität als Mann oder Frau zu entwickeln. Das erste Bedürfnis jedes Kindes besteht darin, zu spüren, dass es geliebt ist, dass es eine Existenzberechtigung und eine Würde als Person besitzt. Das Reden über explizit sexuelle Themen ist in dieser Hinsicht zweitrangig.

Hören wir endlich auf, Kinder und Jugendliche mit sexuellen Themen zu belästigen, lautet Hargots Appell. Helfen wir ihnen vielmehr, zu reifen Persönlichkeiten zu werden, die wirklich frei sind. „Avant d’être avec quelqu’un, il faut être quelqu’un,“ bringt Hargot ihre Kernthese auf den Punkt: Bevor man bereit ist, sich auf eine (sexuelle) Beziehung einzulassen, muss man selbst zu einer reifen Persönlichkeit werden!

kath.net-Buchtipp
Sexuelle Freiheit aufgedeckt
Von Therese Hargot
200 Seiten
2017, Springer Verlag
ISBN 978-3-662-54767-0
Preis 20,55 EUR
Erscheint am 23.08.2017

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