12 September 2017, 10:30
Wie wertvoll ist ein behindertes Kind?
 
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„Ich könnte Ihnen viele Erlebnisse mit Eltern erzählen, die dankbar sind, ihr Kind gerade mit Down-Syndrom zur Welt gebracht zu haben. Und viele betroffene Kinder, die froh darüber sind, dass sie hier sein dürfen.“ Gastbeitrag von Dennis Riehle

Konstanz (kath.net) Seitdem ich vom pränatalen Test auf Trisomie 21 weiß, denke ich, dass wir uns eine solche Frage unterbewusst des öfteren stellen. Das ist einerseits gut, denn wir kommen kaum umhin, uns in diesem Zusammenhang auch mit der Frage zu beschäftigen, wie wir es mit Artikel 1 unseres Grundgesetzes halten. Sind wir wirklich noch unantastbar, wenn doch die Option besteht, schon frühzeitig in der Entwicklung von Leben diagnostisch einzugreifen, um den weiteren Fortschritt des Heranwachsenden zu lenken, ihn vielleicht auch abzubrechen?

Die Würde des Menschen, wann beginnt sie? Und ist es einem Menschen würdig, dass wir ihn auf das „Down-Syndrom“ hin „prüfen“, um später darüber zu entscheiden, ob wir ihm das Leben zugestehen wollen oder nicht? Ich bin überzeugt: Mit der Idee und im Bewusstsein, ein Kind zu zeugen, entsteht bereits ein neues Leben. Und damit beginnt bereits die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass es gedeihen kann. Wir bedienen mit einem Test auf eine Behinderung ein Sensationsinteresse von Eltern, das ich gut verstehen kann. Denn es ist wahrlich eine Nachricht, zunächst vielleicht auch ein Schock, ob mein Kind ein ganz besonderes sein wird oder nicht. Doch die meisten Mütter und Väter möchten die Information nicht als Neuigkeit, sondern als Ausgangspunkt, den sie als Grundlage für ihre Abwägung heranziehen können: Sie befinden darüber, ob sie ein Leben zulassen. Die pränatale Diagnostik hilft dabei, Gott zu spielen.

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Der Test auf Trisomie 21 befördert die Auseinandersetzung mit dem eigenen Kind. Nicht aber vorrangig aus Sorge um seine Gesundheit oder dessen Entwicklung, sondern aufgrund der Unsicherheit heraus, ob wir es als Eltern schaffen werden, dieses Kind mit einer Behinderung zu erziehen, ob wir es uns zumuten wollen – und ob wir es unserem Kind antun wollen, dass es mit einem „Down-Syndrom“ auf die Welt kommt. Wissen wir dabei eigentlich, wie es sich mit so einer Behinderung lebt? Nein, Menschen mit Trisomie 21 werden selten befragt, wenn es darum geht, ob eine Mutter ein Kind mit solch einem „Fehler“, wie ich die Formulierung kürzlich las, austragen möchte. Viel eher fragt man einen Test, um Gewissheit zu bekommen. Um damit unsere Neugier, unsere Angst zu besänftigen, die wir in früheren Zeiten, als die Technik solche Untersuchungen noch nicht erlaubte, aushalten mussten.

Ich könnte Ihnen viele Erlebnisse mit Eltern erzählen, die so dankbar dafür sind, ihr Kind gerade mit dem „Down-Syndrom“ zur Welt gebracht zu haben. Und so viele „betroffene“ Kinder, die ebenso froh darüber sind, dass sie hier sein dürfen. Doch das wird Sie nicht beeindrucken, denn ja, es gibt auch Menschen, die sich von ihrer Furcht übermannen lassen. Aber nicht aus Wissen darüber, wie es wirklich sein wird mit solch einem Kind – denn darüber informiert sich kaum jemand. Viel eher vertraut man aus puren Eigeninteressen einem Test, der lediglich eine Tatsache aufbietet. Die Konsequenzen daraus malen wir uns aus. Aus Vorurteilen und aus der Enttäuschung darüber, kein Kind zu bekommen, das so „normal“ ist wie die anderen auch. Egoistisch.

Was rechtlich und wissenschaftlich möglich ist, das muss ethisch noch lange nicht korrekt sein. Würden wir alles, was uns die Forschung und Technologisierung heute bereits an Möglichkeiten bietet, auch wirklich ausnutzen, wir wären bereits Opfer unserer eigenen Erfindungen und des Dranges geworden, den Menschen immer weiter zu „verbessern“, er wäre uns wahrlich schon entglitten – und beim Zwang auf Sicherheit über den „Zustand“ unseres heranwachsenden Kindes ist uns die Verantwortung, die wir gegenüber fremdem Leben tragen, schon längst entronnen. Denn da galoppiert die Angst, die Vernunft haben wir schon lange zurückgelassen, wenn wir gierig nach dem Befund lechzen, als ob es um uns ginge. Warum maßen wir uns an, über Gefühle eines Anderen zu urteilen, von dem wir noch nicht einmal wissen, wie er selbst die Nachricht aufnehmen wird, mit einer Behinderung zu leben?

Ich bin selbst behindert. Nicht so, dass man diese genetischen Veränderungen wahrscheinlich vor über 30 Jahren schon hätte vorgeburtlich feststellen können, aber doch hätte sicher auch meine Mutter kurz gegrübelt, ob sie ein Kind zur Welt bringen will, das doch an einigen Stellen „Macken“ mit sich bringt. Doch sie hätte sich bestimmt für mich entschieden. Ich glaube auch, sie hätte gar keinen Test gewollt. Denn sie wollte nicht Klarheit über eine Behinderung, sondern sie hatte sich bereits für mich ausgesprochen, als ihr Kind, nicht als Wesen mit oder ohne Behinderung. Da hätte es keine Diskussionen mehr gegeben, denn sie wusste, dass das Leben mit einem behinderten Menschen ganz besonders herzlich werden würde. Sie hatte als Kinderkrankenschwester Erfahrungen mit ihnen – und genau daher rührte auch ihre Besonnenheit, auf solche eine Vorabprüfung überhaupt zurückgreifen zu müssen, auch wenn es sie gegeben hätte.

Ich würde mir wünschen, dass Frauen nicht den Weg zu Ihrem Test suchen, wenn sie schwanger sind. Sondern dass sie im Zweifel die „Lebenshilfe“ oder einen anderen Verein besuchen, um sich anstecken zu lassen von der Lebensfreude, die dort ausgestrahlt wird. Ich kann nachvollziehen, dass das Bewusstsein für eine Behinderung wie Trisomie 21 eine hohe Last darstellen kann. Doch wir leben in einem Sozialstaat, der jegliche Unterstützung bietet, auch Menschen mit „Down-Syndrom“ so gut wie nur möglich zu fördern. Und auch die Eltern müssen hier nicht bangen, alleine gelassen zu werden mit manchen Herausforderungen, die wir aber nicht aus Selbstbestimmung über uns und unser Kind, sondern aus der Verpflichtung, Leben in diese Welt zu bringen, tragen müssen. Und ich bin sicher, würde sich eine Gesellschaft nicht vor der Auseinandersetzung drücken, wie es denn ist, mit Behinderung zu sein, sich nicht vorab ein Testergebnis einholen, sondern sich auf ein Kind zu freuen, egal, wie es sein wird, dann müsste sich auch niemand fürchten, keine Solidarität zu erleben.

Leider befördern Sie eine Entwicklung in die andere Richtung. Und ich bin enttäuscht darüber, dass meine Heimatstadt mittlerweile zu einem Mittelpunkt der pränatalen Diagnostik geworden ist, die dazu beiträgt, das Befinden über Abtreibungen zu erleichtern, Menschen Entscheidungen durch ein einfachen Befund abzunehmen, statt mit ihnen wahrlich „schwanger“ zu gehen, die Definition über den Wert von Leben zu verschieben – auch wenn Sie das bewusst sicherlich so nicht wollen – und damit einen Vorschub in der Debatte leisten, ob wir aus der Kraft der menschlichen Überlegenheit Naturgesetze brechen wollen, deren Überschreitung heute zwar machbar ist, für viele Mitmenschen aber unerträglich bleibt.

Einladung zum Marsch für das Leben Berlin 2017 - Samstag, 16.09.2017

Der Autor, Dennis Riehle, war der Sprecher der Humanistischen Alternative Bodensee (HABO).

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