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"Verbrannte Erde" - Nochmals zum Laienapostolat

2. November 2017 in Kommentar, 1 Lesermeinung
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Kirchlicher "Pazifismus" kann auch ganz schön brutal zuschlagen, wenn er nur noch Weltanschauung ist, nicht aber Tugend. Gastkommentar von Franz Norbert Otterbeck


Köln (kath.net) Allerseelen. Das Lutherjahr ist überstanden und wir dürfen uns wieder der wahren Religion zuwenden. Wir. Wieviele? Nicht nur in Österreich, Bayern und am Rhein flackern heute viele rote Lichter auf den Gräbern. Die Volksfrömmigkeit ist noch nicht spurlos verschwunden. Wir denken an die lieben Verstorbenen, beten für sie und bestellen vielleicht eine Messe, vielleicht nur in besonderer Meinung. Calvin ließ einst in Genf durch den Magistrat der Stadt, wiewohl er nur "Privatgelehrter" war, aber die Zentralfigur vor Ort, eine junge Mutter hinrichten, wegen Gotteslästerung: Weil sie am Grab ihrer Kinder betete für das Seelenheil. Luther war nahe daran, in der reformierten Gemeinde eine "Teufelskirche" zu sehen. Er pries sich glücklich, dass er diesen "Seelenmördern und Seelenfressern" stets widerstanden habe. Gottseidank, buchstäblich, hat die moderne Theologie nicht den Einfluss, in Europa den Straftatbestand "Entartetes Beten" einzuführen, zumal die Todesstrafe in unserer Weltgegend abgeschafft ist, allerdings nicht durch die Reformation. Als strafwürdig empfinden manche Volksaufklärer manche Andacht aber längst.

Die Feuerbestattung hingegen wird immer beliebter. Man kann das nicht so einfach wegwischen. Ich weiß nicht, ob es das "kollektive Unbewusste" (C.G. Jung) wirklich gibt. Aber bei diesem Trend ist nicht nur Pragmatismus am Werk. Für einige bedeutet das Verbrennenlassen vielleicht doch eine versuchte Vorwegnahme des Purgatoriums. "Fegfeuer. nein danke!" Also lasse ich mich verbrennen? Als das Verbot der Feuerbestattung gelockert wurde, seitens der Kirche, sollte noch sichergestellt werden, dass der feuerbestattete Katholik mit dieser Geste nicht, wie die "Humanisten" des 19. Jahrhunderts, die Auferstehung des Fleisches leugnet. In manchen modernen Werken der Religionspädagogik dürfte aber "unsere" Lehre von den letzten Dingen kaum noch von Seelenwanderung oder "Nahtod"-Erlebnissen zu unterscheiden sein.

Die Kirche sagt nicht viel über das Jenseits – zuletzt Benedikt XVI. in "Spe salvi" (2007), aber nicht einfach nichts. Die zentralen Aussagen von Schrift und Tradition zum ewigen Geschick der Menschen behalten ihr Recht. Ihre unverkürzte Verkündigung bleibt daher eine dringende Pflicht der Kirche, auch wenn das heute als anstößig empfunden wird. Immer wieder werden einige auch dankbar sein für den Anstoß.


Kardinal Brandmüller ist in diesen Tagen wertvoller denn je. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ brachte er die Misere auf den Punkt: "Der evolutionistische Begriff in der Theologie bedeutet: Der Mensch entwickelt sich beständig nach oben, von einer kulturellen Bewusstseinsstufe auf die andere. Und mit ihm entwickelt sich die Religion. So dass morgen wahr sein kann, was gestern Irrtum war. Und umgekehrt. Und diesen Entwicklungsgedanken, den haben die Modernisten um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert in die Theologie übertragen. Und schon haben wir den theologischen Kladderadatsch von heute" (28.10.2017). Sehr deutlich, sehr richtig. So mancher militant linksrheinische Katholik (also Rom positiv verbunden, anders als die Westfalen) hat dieses Urteil vor wenigen Jahren, ganz so, noch nicht wahrhaben mögen. Trotz des Abbruchs der Religion hierzulande, zwischen 1975 und 2013, und der schmerzhaften Funkstille zum Wesentlichen seither, schien doch allzu selbstverständlich zu sein: Das kirchliche Amt hat immer eine doppelte Funktion in beide Richtungen. Es muss notwendig modern und antimodern zugleich sein, Es hat Anpassungen vorzunehmen, aber auch illegitime Neuerer zurückzuweisen (prominent zuletzt 2006: Jon Sobrino SJ). Wenn aber plötzlich Klartext das "Auslösen von Prozessen" behindern könnte und, anscheinend deshalb, von höchsten Stellen vermieden wird, was dann? Ist das dann noch Modernismus oder schon Postmodernismus? Ich vermute immer noch, dass die schwer verständliche Stelle in "Evangelii gaudium" ('Zeit über Raum', Nr. 222) keine Billigung des 'Teilhardisme-rahnerien' enthielt. Aber wer weiß? Brandmüller verortet das Phänomen schon bei Hegel. Auch der war preußischer Protestant, wenn auch mit süddeutschen Wurzeln. Die Reformation wollte aber doch eigentlich "zurück" zu den ersten Christen; und nicht nach vorn in die Apokalypse oder die All-Erlösung. Die beschert uns vielleicht Kim Jong-Un; und dann ist auch Schluss mit Hegel.

Wir können hier der Komplexität der kirchlich-weltlichen Sachlage heute nicht in allen Einzelheiten nachgehen. Wer Kritik übt, der muss auch Selbstkritik üben. Selbstverständlich kann auch ein "Problem in der Person" es auslösen, dass diese zur Seite der Kritiker überläuft, von rechts nach links oder von links nach rechts; oder kritisch in alle Richtungen, weil vielleicht nur eigensinnig. Jedoch nützt es bekanntlich nicht einmal in der Diktatur irgendetwas, den Überbringer einer Nachricht zu ermorden, wenn die Nachricht wahr ist. Gorbatschow hatte am Beispiel von Tschernobyl 1986 ein Einsehen: Transparenz muss her. "Verbrannte Erde." Wenn die Nachricht zutrifft, dann muss sie den zuständigen Stellen auch überbracht werden. Falls in Kevelaer am Niederrhein eine unwürdige "Mariensäule" errichtet wurde, dann muss sie fallen - oder zumindest überarbeitet werden. Falls die Kritik aber nicht zutrifft, dann kann der Kritiker widerlegt werden. "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" war nämlich noch nie ein katholischer Ausspruch, sondern ein preußisch-polizeilicher nach der verheerenden Niederlage von Jena und Auerstedt 1806. Ich habe einen Pflasterstein aus Auerstedt in meinem Büro. So sehr verachte ich die preußische Staatsvergötzung, noch viel mehr als die Reformation, wenngleich diese der Staatsvergötzung erst das Tor öffnete. Selbstverständlich ist auch nicht Unruhe die erste Christenpflicht; mal so, mal so. Schon Pius XII. forderte eine echte öffentliche Meinung in der Kirche, unbeschadet der Hierarchie; erfolglos bis heute, jedenfalls nördlich der Alpen. Der Konformitätsdruck im landeskirchlichen Protestantismus ist zwar noch weit höher als im diözesanen Deutschkatholizismus, weil einfach die Sozialkontrolle mit abstürzenden Zahlen immer intensiver wird. Aber auch "bei uns" wird man bald sagen: Der Rest-im-System teilt die Beute schmunzelnd unter sich auf. Dort gilt also: Ruhe bewahren. Weiterspielen.

Das provoziert die bedrängende Frage: Welche Chancen bleiben dem Laien noch, der einen theologischen "Kladderadatsch" am Werke sieht? Können wir Wenigen noch ein Apostolat antreiben (LG 37, Fn. 118), wenn der Wille zum eigenständigen Gehorsam, gegenüber der berufenen Hierarchie, dort konterkariert wird dadurch, dass zuständige Stellen, auch Beschwerdestellen, erst einmal eine Art "Umerziehung" verordnen und da, wo das nicht greift – wegen selbstständigen Denkens oder selbstständiger Tätigkeit – ad personam zuschlagen. Ekklesiogener "Pazifismus" kann auch ganz schön brutal zuschlagen, wenn er nur noch Weltanschauung ist, nicht aber Tugend. "Historisch" auf der richtigen Seite zu stehen (es zu meinen), das ist, anders als bei Hegel, christlich keine Rechtfertigung.

Als Pius XI. die katholische Aktion formierte, da sollte das Laienapostolat von der Hierarchie angeleitet sein. Im Konzil kam es zu einer vorsichtigen Anerkennung der "iusta autonomia" der weltlichen Kultursachbereiche (GS 36). Wie kommt es dann dazu, dass deutsche Bischöfe regelmäßig zuerst die Politik ins Visier nehmen, offizielle deutsche Ersatzgremien für die "katholische Aktion", aber ganz gern die Sakramententheologie neu zu modellieren beanspruchen? Verkehrte Welt, katholische Passion.

Fast fünfzig Jahre nach 1968 tröstet es uns kaum, dass auch die Position der "Konzilsmehrheit", die durch eine maßvolle Anpassung an die (damalige) Gegenwart öffentliche Räume zurückerobern wollte, jedenfalls in den anglo-germanischen Gefilden der Kirche, in eine krasse Minderheitsposition geraten ist. Denn die nackte Rachsucht an der "überwundenen" Konzilsminderheit, die "man" nur historisch einbinden wollte, huldvoll mitnehmen, ist immer noch grenzenlos. Denn das Kirchenbild der 'Bolschewiki' unter den Mehrheitlern ist eklatant gescheitert. Das Kasperletheater der "revolutionären Lustgreise" legte davon in jüngster Vergangenheit beredtes Zeugnis ab. Es bleibt dabei: Der Katholizismus muss sich vom deutschen Idealismus freimachen, vollständig, und insofern dieser sich als Erbe der Reformation sah: auch von dieser. Der Gang zum Friedhof hingegen bleibt heute anempfohlen; und sogar die Gewinnung von Ablässen, fürbittweise. Das neue Apostolat könnte so beginnen, mit den "letzten Dingen". Als Anstoß, um in der Wüste wieder Oasen zu bauen.

Der Verfasser, Dr. iur. Franz Norbert Otterbeck, ist Rechtshistoriker und Wirtschaftsjurist. Siehe auch kathpedia: Franz Norbert Otterbeck.


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