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Moraltheologe: ‚In sich schlecht’ ist ein zu enger Begriff

31. Jänner 2018 in Weltkirche, 24 Lesermeinungen
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Der Begriff ‚in sich schlecht’ werde der Vielfalt und Komplexität konkreter menschlicher Situationen nicht gerecht. Papst Franziskus wolle diese Einschränkung nicht mehr akzeptieren, schreibt Gerhard Höver.


Rom (kath.net/jg)
Gerhard Höver, emeritierter Professor für katholische Moraltheologie an der Universität Bonn und Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben, hat in einem Artikel den Begriff des „in sich Schlechten“ sinngemäß als überholt und einengend bezeichnet. Dies berichtet der Vatikanexperte Edward Pentin in einem Artikel für seinen Blog auf der Seite des National Catholic Register, in dem er sich mit den Überlegungen Hövers kritisch auseinander setzt (siehe Link am Ende des Artikels).

Höver begründet seine Ansicht mit dem viel diskutierten Artikel 305 des nachsynodalen Schreibens „Amoris laetitia“, in welchem Papst Franziskus davor warnt, dass der Glaube, „dass alles weiß oder schwarz ist ... den Weg der Gnade und des Wachstums“ versperre. Der deutsche Moraltheologe sieht hier Einwände gegen die Vorstellung einer klaren Abgrenzbarkeit regulärer und irregulärer Situationen in Fragen von Ehe und Familie. Deshalb setze der Papst das Wort irregulär stets in Anführungszeichen. Der zweite Punkt der fünf „dubia“, in dem es um die Gültigkeit absoluter moralischer Normen geht, die in sich schlechte Handlungen verbieten, sei daher nicht unberechtigt, merkt Höver an.

Doch wie ist diese im Vergleich zur bisherigen katholischen Morallehre neue Sichtweise zu rechtfertigen? Höver bezieht sich auf ein Prinzip, das Papst Franziskus in seinem apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ entwickelt und an das er zu Beginn von „Amoris laetitia“ wieder erinnert. Es lautet: Die Zeit ist wertvoller als der Raum. Damit ist gemeint, dass Wachstum und Erkenntnis auf dem Weg zu Gott schrittweise erfolgen und Zeit brauchen. Die Zeit habe daher große Bedeutung für das Heil der gefallenen Menschheit, aber auch für jeden individuellen Menschen in seiner Geschichte mit Gott, betont Höver.


Die theologische Bedeutung dieses Prinzips will Höver durch ausgewählte Schriften des heiligen Bonaventura und von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. erläutern. Papst Franziskus folge mit dem Prinzip „Die Zeit ist mehr Wert als der Raum“ der Auffassung von Zeit und ihres Verhältnisses zur Ewigkeit, die der heilige Bonaventura vertrete und nicht jener des heiligen Thomas von Aquin, die stark von Aristoteles beeinflusst sei.

Das von Franziskus betonte Prinzip beeinflusse nicht nur die Sicht auf Zeit und Raum, sondern auch die theologische Sicht von Ehe und Familie. Es habe auch eine wesentliche Bedeutung für die Moraltheologie, unter anderem hinsichtlich des Begriffs der in sich schlechten Handlung. Dieser setze eine Dichotomie zwischen gut und böse, zwischen regulär und irregulär voraus, die dem Leben nicht gerecht werde. Es gebe auch „Reguläres“ in einer irregulären Situation. Wenn man von in sich schlechten Handlungen spreche, sei dafür kein Platz. Der Begriff sei daher zu restriktiv, schreibt Höver.

Papst Franziskus wolle diese Beschränkung nicht akzeptieren. Das heiße nicht, Gegensätze und Fehler zu negieren. Der bisherige Ansatz sei allerdings unzureichend, um mit der Unterschiedlichkeit und der Komplexität der konkreten Situationen umgehen zu können, betont der Moraltheologe.

Hövers Artikel ist zuerst auf Deutsch in der Zeitschrift Marriage, Families & Spirituality erschienen und ist auch auf der Internetpräsenz der Päpstlichen Akademie für das Leben veröffentlicht. Die Akademie weist darauf hin, dass die publizierten Artikel nicht unbedingt die Ansicht der Päpstlichen Akademie für das Leben wiedergeben.

Ein Moraltheologe hat gegenüber Edward Pentin seine Überraschung über die Vorgangsweise Hövers zum Ausdruck gebracht, der seiner Ansicht nach undurchsichtige Bezüge zu Joseph Ratzingers Dissertation über die Geschichtsphilosophie des heiligen Bonaventura herstelle, die sich gar nicht mit der Frage des in sich Schlechten befasse.

Andererseits sei Höver nicht auf die klaren Aussagen über in sich schlechte Handlungen eingegangen, die von Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika „Veritatis splendor“ dargelegt worden seien. Selbst wenn Hövers Überlegungen richtig seien, was er nicht so sehe, würde er damit die Philosophie über die Lehre Christi, des heiligen Paulus, des heiligen Petrus und über die gesamte moralische Tradition der Kirche einschließlich Joseph Ratzingers stellen. Die These Hövers bedeute eine radikale Veränderung der Morallehre der Kirche und höhle letztlich die Bedeutung von Moral aus, sagte er in seiner Analyse.


Link zum Artikel von Edward Pentin auf der Seite des National Catholic Register (englisch):

Pontifical Academy for Life Member: Term ‘Intrinsically Evil’ Too Restricting

Symbolbild



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