11 Februar 2018, 09:30
Von der Klarheit eines Kirchenlehrers
 
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Die für viele völlig überraschende Ankündigung des Rücktritts von Papst Benedikt XVI. vor fünf Jahren traf viele ins Mark. Gastkommentar von Martin Lohmann

Vatikan (kath.net) Der Theologe, Historiker und Publizist kennt Joseph Ratzinger seit Kindertagen und aus zahlreichen Begegnungen aus nächster Nähe. kath.net hat ihn um persönliche Erinnerungen gebeten.

Den Rosenmontag 2013 werden viele, vor allem zahlreiche katholische Christen, nicht vergessen können. Ich auch nicht. Als plötzlich durch einen Telefonanruf bei mir diese unfassbare Nachricht reinknallte, konnte ich es nicht glauben. Der Rheinländer in mir schwankte zwischen üblem Karnevalsscherz und erschreckender Bodenlosigkeit. Denn der Boden tat sich, so meinte ich zu spüren, auf an jenem 11. Februar, an dem die Kirche nach altbewährter Liturgie das Fest der Erscheinung der unbefleckten Jungfrau Maria in Lourdes feiert. Und als mir dämmerte, dass Benedikt XVI. tatsächlich vor den Kardinälen in lateinischer Sprache erklärt hatte, seinen Petrusdienst am 28. Februar 2013 enden zu lassen, da sträubte sich in mir alles zu einem beklemmenden Klos – und nun wollte ich es nicht glauben. Nicht glauben müssen, muss man wohl sagen. Das am Abend im Fernsehen erkennbare Gesicht seines engsten Vertrauten Georg Gänswein sprach Bände. Es machte anschaulich, was viele dachten und empfanden: Traurigkeit.

Ungezählte Erinnerungen an ebenso ungezählte Begegnungen, Gespräche und gemeinsame Essen, viele Zeitungsinterviews und Fernsehgespräche schossen mir durch den Kopf und fanden keine wirkliche Ordnung. Auch sein Vorgänger, der heilige Johannes Paul II., der bis zum letzten Atemzug dem petrinischen Dienst treu blieb, stand vor meinem geistigen Auge. Warum? Warum? Warum? Eine wirklich umfassende Antwort sollte nicht kommen. Wohl aber die Ahnung, dass dieser Gottesmann mit Sicherheit alles ausführlich und intensiv zuvor im Gebet und der Zwiesprache mit dem Herrn, dessen Stellvertreteramt er nach seiner Wahl am 19. April 2005 freiwillig übernommen hatte, besprochen und bedacht haben werde. Spontan und gleichsam aus der Hüfte – das war nie der Habitus eines Joseph Ratzinger.

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Die Frage der Tochter, die mich daran erinnerte, dass ein Papst auch so etwas wie ein Vater sei, rief mir ins Gedächtnis, dass der Kardinal und ich bei einem unserer immer wieder gepflegten Treffen darüber sprachen, dass die von Paul VI. eingeführte Zwangspensionierung eines Bischofs mit bestimmtem Alter theologisch durchaus problematisch sei. Schließlich, so dachten wir beide, sei der residierende Bischof quasi verheiratet mit seinem Bistum, seiner Ortskirche, worauf ja auch der Bischofsring hindeute. Versetzungen zu einer anderen Ortkirchenbraut müssten die Ausnahme sein, und die automatische Pensionierung des Bistumsvaters berge inhaltliche Probleme und verändere das Amt erheblich. Ein späterer Papst könne das ja wieder ändern. Dennoch kam auch Benedikt nicht umhin, zahlreich zu versetzen. Bisweilen ist die Notwendigkeit vor Ort stärker als der theologische Überbau. Und doch zögerte ich an diesem Rosenmontag 2013, an dem der Papa der Weltkirche seinen Rückzug verkündete, keinen Augenblick, meiner Tochter zu ihrer Beruhigung und auf ihre konkrete Frage hin zu versprechen, auch dann nicht als ihr Papa zurückzutreten, wenn die Kräfte einmal nachlassen.

Ich gestehe: Ich bin ein, wie man das heute zu sagen pflegt, Ratzingerianer. Aber kein ausschließlicher. Doch dieser Theologe, Priester und Papst hat mich vom ersten Augenblick an fasziniert. Wegen seiner Milde, seiner Klarheit, seiner Liebe zur Wahrheit. Als bester Freund der besten Freunde meiner Eltern lernte ich ihn als Siebenjähriger kennen. Der Kontakt riss niemals ab. Während seines Urlaubs im oberbayerischen Bad Adelholzen war ich als Student sein Chauffeur, ebenso in Bierbronnen während der theologischen Werkwoche zusammen mit dem Exegeten Professor Heinrich Schlier. Der damalige Münchner Erzbischof und spätere Präfekt der Glaubenskongregation begleitete mich im Studium durch Gespräche und das Zusenden neuester Schriften aus seiner Feder. Seine Einführung in das Christentum war das erste Buch, das ich als Theologiestudent verschlungen habe. Es war leichter für mich zu lesen als das ebenfalls am Studienbeginn von seinem engsten Freund „zu treuen Händen“ mir überlassene Buch „Philosophische Einübung in die Theologie“ seines Doktorvaters Gottlieb Söhngen.

Weil ich ihn lange und gut kannte, konnte ich mich dem etwas klischeehaften Strom derjenigen nie anschließen, die ihn als Panzerkardinal und Reaktionär verspotteten. Das war er nämlich niemals. Auch Hartherzigkeit, die manche ihm anhängen wollten, war ihm stets fremd. Freilich: Ein wenig Tapferkeit gehörte damals auch innerhalb der „deutschen“ Kirche dazu, Ratzinger fair sehen zu wollen – und dies auch noch zu sagen. Verspottung inbegriffen. Dummheitszuspruch ebenfalls. Auch hier hatte also Wahrheit ihren Preis. Joseph Ratzinger selbst musste viel aushalten, und er ertrug vieles mit Demut.

Unbarmherzigkeit kennt er nicht. Liebenswürdigkeit und die Fähigkeit, seinen Gesprächspartner auf Augenhöhe das Gefühl der Wertschätzung zu geben, aber sehr wohl. Bei ihm formten sich die Brillanz eines luziden Geistes, der kindliche Glaube eines aufgeklärten Christen und die Sensibilität eines empfindsamen Herzens sowie das Gemüt eines in der Freude des Herrn verankerten besorgten Beobachters zu einer geradezu perfekten Symbiose. Diese Kombination schien ihn aber auch immer ein wenig ängstlich zu machen gegenüber Streit und Disharmonie, was sich bisweilen schon während der Zeit als Theologieprofessor in Fluchtbereitschaft zu zeigen schien und sich in Personalentscheidungen des nicht zum Regieren Geborenen auch als glücklose Milde und harmoniesehnsüchtiger Menschen(un)kenntnis zu offenbaren bereit war.

Joseph Ratzinger war und blieb stets Theologe. Auch als Papst. Es war der glückvolle Segen des eher extrovertierten und die Öffentlichkeit suchenden starken Johannes Paul II., sich an seine Seite den eher zurückhaltenden und starken Theologen Joseph Ratzinger geholt zu haben. Es war die selige Tragik des großen Theologen auf der Cathedra Petri, nunmehr selbst der Stellvertreter zu sein. Stiller, weniger gestenreich, theologischer. Zu Johannes Paul kam man, um ihn zu sehen, hieß es bald. Zu Benedikt komme man, um ihn zu hören. So wenig diese Dichotomie auch letztlich stimmt, so wenig ist sie auch falsch.

Zu den Kennzeichen des später sicher auch einmal selbst in Deutschland erkannten großen Pontifikats des aus Bayern stammenden Deutschen gehört sicher die theologische Präzision seiner für jeden verständlichen und von einer poetischen Verliebtheit in die Wahrheit geprägten Sprache. Seine Texte atmen edle Vornehmheit und lichtvolle Klarheit. Einem Kirchenlehrer gleich verweist der Theologe, der auch als Papst selbst in seiner bescheidenen Sitzhaltung nicht verheimlichen konnte, dass er auf dem Stuhl Petri eigentlich einem anderen den Platz freihalten möchte, immer auf den Herrn. Seine gesammelten Schriften werden irgendwann ähnlich gesammelt sein wie die anderer Kirchenlehrer. Die Leidenschaft, mit der Benedikt XVI. selbst als Kirchenoberhaupt die Trilogie über Jesus Christus vollendete, zeigt ihn, der seinen hierarchischen Dienst in eine – wie es Gänswein so schön formulierte – „kontemplative Amtsführung“ wandelte, bis zum Schluss als liebevollen und feinen Lehrer. Seiner Lebenssehnsucht, Wahrheit, Glaube und Vernunft endlich wieder einer Versöhnung zu öffnen, verlieh er als Papst eine nicht zu unterschätzende Dynamik.

Und nun der 11. Februar 2013. Was für ein Paukenschlag! Buchstäblich bodenlos schien vieles. Es passte nicht – und passte doch. Zu einem Mann, der den Dienst immer vor seine Person gestellt hatte und offenbar, manche Schelte und Häme erahnend, im letzten jenem Jesus Christus treu sein wollte, der ihn so treu durch das Leben führte und dem er treu auch in die Zurückgezogenheit zu folgen bereit war. Es fällt, trotz aller noch unbeantworteter Fragen und der dadurch ausgelösten Irritationen, schwer bis hin zur Unmöglichkeit, ausgerechnet einem Joseph Ratzinger und Benedikt XVI. absprechen zu wollen, dass er nicht seinen ungewöhnlichen und ungewöhnlich mutigen Schritt bis in die letzte Faser hinein zuvor im intensiv hörenden Gebet bedacht habe. Im Gegenteil. Er ist und bleibt (sich) treu. Das zeigt sich auch daran, dass er jeder Versuchung – und jedem Versucher – zu widerstehen in der Lage ist, sich anders als treu und wertschätzend über seinen Nachfolger zu äußern. Alles andere würde seiner selbstverständlichen Genetik im Denken und Glauben widersprechen.

Als sein Pontifikat von ihm am Abend des 28. Februar 2013 in Castelgandolfo beendet wurde und er seinen letzten päpstlichen Segen gab, war ich dabei. Mit Wehmut und Dankbarkeit. Die Rückkehr auf den Petersplatz, wo dann um 22 Uhr offiziell der bisherige Petrusdienst des 265. Papstes endete, war umgeben von jener Beklommenheit, die nicht nur ich empfand. Der Papstpalast mit der Wohnung, in der unter anderem Pius X., Pius XII., Johannes XXIII., Paul VI. und Johannes Paul II. lebten und in der Kapelle Zwiesprache mit dem eucharistischen Herrn hielten, war und blieb dunkel. Mein Blick fiel auf die Loggia, unter der ich am 19. April 2005 „zufällig“ ganz nach vorne „gespült“ worden war. Jetzt berührten sich in mir zwei starke Gefühls- und Erlebniswelten, die nicht zusammen passen sollten, es aber mussten. Damals hatte ich noch bei einem Essen unweit der Engelsburg vor Beginn des Konklaves in einer Runde von Freunden gesagt, ich könne mir die Wahl Ratzingers vorstellen, der sich dann auch den Namen Benedikt geben werde. Man lachte wohlwollend und zeigte sich ungläubig angesichts der Prognose dieses Ratzingerianers. Dabei waren die Nähe Ratzingers zum intellektuellen Vorgänger Benedikt XV. und seine Nähe zur Spiritualität des Benedikt von Nursia nicht unbekannt.

Das Unglaubliche passierte tatsächlich, haute mich selbst fast um, als da oben der Kardinalprotodiakon das „Habemus Papam“ und die Wahl mit „Josephum Cardinalem Ratzinger“ verkündete, der sich den „Benedictus“ gegeben habe. Nun, am 28. Februar 2013, hatte es mich gleichsam von der anderen Seite „umgehauen“. Aber fünf Jahre später ist in meinem Herzen längst die Erkenntnis gewachsen, dass dies alles zu diesem weisen Kirchenlehrer passt, der seinem gewählten Namen entsprechend nicht nur ein Gesegneter, der den Segen für andere weitergibt, war, sondern auch ein solcher bleibt. Auf ganz andere Weise zeigt er der Welt aus der Abgeschiedenheit des Klosters Mater Ecclesiae im Vatikan, wie verschieden und einzigartig die Wege zu Gott sein können. Der emeritierte Papst, der mit seiner Emeritierung das Stellvertreteramt dessen, der immer bleibt, bleibend veränderte, hat sich auf die ihm eigene Pilgerreise nach Hause begeben. Nicht erst, wenn er im Haus des Vaters angekommen sein wird, kann sich die Klarheit eines Kirchenlehrers zeigen, der sein Leben für sich und andere der fordernden, beschwerlichen und befreienden Weisheit öffnete: Wir sind Mitarbeiter der Wahrheit. Cooperatores Veritatis.

Aus vollem Herzen und sehr begründet sage ich trotz manchem Unverständnis und einiger noch unbeantworteter Fragen:
Danke, lieber Vater Benedikt!

Martin Lohmann kennt Papst Benedikt seit mehr als einem halben Jahrhundert persönlich sehr gut. Er schrieb unter anderem die viel beachteten Bücher „Mit den Augen des Heiligen Vaters“ (Weltbild) und „Maximum“ (Gütersloher Verlagshaus). Mehrere große Interviews für die Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“ und die „Rhein-Zeitung“, wo Lohmann Chefredakteur war, erzeugten Aufmerksamkeit. Bekannt wurde auch die vom Bayerischen Fernsehen ausgestrahlte Sendung „alpha-Forum“, in der Martin Lohmann vor der Kamera 1998 ein ausführliches und sehr persönliches Gespräch mit dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, führte.

Papst em. Benedikt XVI. mit Martin Lohmann








Papst Benedikt XVI. mit Martin Lohmann bei der ersten Audienz des Papstes nach seiner Wahl (2005)




Kardinal Ratzinger mit Martin Lohmann - In den 90-er Jahren, nach einem Interview für den ´Rheinischen Merkur´




1994 in Jerusalem, nahe der Grabeskirche



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