24 April 2018, 08:00
Das Schweigen der Gebildeten
 
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Oder: Was ist robuste Verletzlichkeit? Gastbeitrag der Religionspsychologin Martha von Jesensky

Zürich (kath.net) Der Jesuit und Philosoph Michael Bord, sagt: „Mein Ideal ist robuste Verletzbarkeit, diesen schönen Ausdruck habe ich beim britischen Poeten Davis Whyte gefunden. Indem ich übe, mit meinen inneren Verletzungen und Spannungen zu leben, und sie langsam ausheilen lassen…“ (PH heute, 02 / 2018)

Der Begriff Vulnerabilität (von lateinisch vulnus „Wunde“) bedeutet „Verwundbarkeit“ oder „Verletzbarkeit“. Vulnerable Personen werden leicht verwundet, impulsiv und ärgern sich schnell. Jeder Mensch durchläuft in seinem Leben vulnerable Phasen, meistens wegen einer seelischen Verletzung. Sie prägt sich tief in das Gedächtnis ein und kann zu emotionalen Rückzug, Gefühlsabstumpfung und Vermeidung von Reizen, die eine Wiedererinnerung an das gelittene Unrecht hervorrufen, führen. Ist in diesem Zustand verzeihen möglich?

Natürlich, wir wissen es alle. Um Vergeben zu können, braucht ihre Zeit. Wut, Ärger und Vorwürfe, auch der Wunsch nach Vergeltung und Wiedergutmachung, gehen dem Prozess des Verzeihens fast immer voraus. Das bedeutet aber keineswegs, dass man die kritische Haltung gegenüber dem „Übeltäter“ aufgeben muss, aber sie artet nicht in Hass aus. Der Psychologe und Buchautor Heiko Ernst (2004), sagt: „Wer verzeihen kann, muss seine Identität nicht auf Verletzungen aufbauen, die ihm zugefügt wurden. Wir retten Beziehungen, die noch zu retten sind, oder wir beenden unrettbare auf eine Weise, die uns nicht länger quält und nachhängt.“ (S. 169)

Die Angst vor der Leere

Nun es gibt auch eine spezifische Art der Verletzlichkeit, deren Quelle ganz anderswo liegt. Es handelt sich um ein (oft nicht zugegebenes) Leiden an der Sinnlosigkeit des Daseins. Sie ist vielfach gerade bei gebildeten Menschen anzutreffen, die sich nicht zum Glauben an Gott durchdringen können. Je leidenschaftlicher sie dann ihre Argumente gegen die Unsterblichkeit der Seele vorbringen, desto mehr steckt Angst dahinter, nach dem Tode in Bedeutungslosigkeit („Nichts“) zu versinken..

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Im März 1929 trafen sich im Tagungssaal des Grandhotels Belvèdére in Davos die bedeutendsten Philosophen ihrer Zeit zu einer dreiwöchigen Debatte: „Davoser Hochschulkurs“. Darunter Martin Heidegger (1889-1976) und Ernst Cassirer (1874-1945).

Ein Beobachter stellte fest: Die Konversation zwischen einem „sehr netten und einem etwas weniger netten Herrn, war in der Sache jedoch „ein unerbittliches Streitgespräch zwischen Verfechtern radikal unterschiedlicher Standpunkte, kein Dialog also, sondern eine Abgrenzung, gilt bis heute als epochales Ereignis in der Geschichte des modernen Denkens.“ Der Ideenhistoriker Peter Gordon, bezeichnete sie als „kontinentale Spaltung“. (Aufklärung kontra Gegenaufklärung)

Das Gefühl, Zeuge eines historischen Umbruchs, eines Zusammenstosses von altem und neuem Denken zu sein, berauschte alle Teilnehmer, über 200 Professoren, Dozenten und Studenten aus 20 Ländern, die meisten aus Deutschland und Frankreich. (Vgl. DER SPIEGEL Nr.13, 2018)
Es ging im Wesentlichen um das Ringen um die Deutungshoheit zur Sinnfrage der Existenz: „Was ist der Sinn von Sein?“ Cassier war der Vertreter des klassischen Humanismus, welcher aus der Begegnung der Römer (Cicero) mit der antiken Kultur des Griechentums entsprang. Das Zeitalter des Humanismus („Menschlichkeit“) breitete dem Zeitalter der Renaissance („Wiedergeburt“ der klassischen Antike) mit Dante, Petrarca und Boccaccio, den Weg vor.

Nach Johannes Paul II. und André Frossard ist der Humanismus, wie auch die Wissenschaft und Fortschritt, nur verschiedene Artikel des „Credo der Vernunft“, die von Franzosen der Revolution zur Gottheit ernannt worden sind und zu deren Ehre auf dem Place de la Concorde in Paris im Jahr 1873 eine Statute errichtet wurde. Doch die Verehrung der „Göttin der Vernunft“ hat nicht lange gedauert, es ist kein nationales Fest daraus geworden, wie es sich die Urheber erhofft hatten. (Vgl. André Frossard, 1982, S. 243)

Diese Enttäuschung zeigte sich auch bei einem der einflussreichsten Aufklärer, F .M. Voltaire (1694-1778). Gegen Ende seines Lebens verwandelte sich sein Enthusiasmus in Skeptizismus über das Wissen der Vernunft. So schreibt er:

„Alles um euch, alles in euch ist ein Rätsel, dessen Lösung zu erraten dem Menschen nicht gegeben ist. Manchmal bin ich nahe daran, in Verzweiflung zu versinken, wenn ich bedenke, dass ich nach allem Forschen nicht weiss, woher ich komme, was bin ich, wohin ich gehe, was aus mir werden wird. Nachdem ich recht nachgedacht habe, kommt es mir vor, als sei die Welt ein Haufen von Eitelkeiten…Wir sind alle in diese Welt wie zum Tode verurteilte Kriegsgefangene, die sich im Augenblick auf ihrer Wiese vergnügen. Jeder wartet, dass die Reihe an ihn kommt…“ (Vgl. Wilhelm Weischedel, 1982, S.159)

Diesem Gedankengut wollte Martin Heidegger „entgegenkämpfen“ indem er eine „Lösung“ anbot.

Heideggers Standpunkt.

In seinen Überlegungen zum „In-der-Welt-Sein“ als Existenzform, geht Heidegger von der alltäglichen Situation des Menschen aus. Dieser ist zunächst und zumeist nicht bei sich selber, sondern an die Welt „ausgeliefert“; er ist nicht er selbst, sondern was „man“ ist (etwa durch, Bildung, Erziehung, Umwelteinflüsse usw.); er ist an „das Man“ ausgeliefert. Doch seine Aufgabe ist es, aus dieser Verstrickung herauszufinden und er selbst zu werden. Das wird ihm in gewissen Grundstimmungen, wie zum Beispiel bei A n g s t deutlich, die ihm kundtut, dass es etwas mit ihm nicht stimmt.

In der Angst wird er auch mit der Unausweichlichkeit des Todes konfrontiert - „in das Nichts“ hineingeworfen. Doch gerade diese Stimmung, so Heidegger, kann ihn aus seinem bis jetzt unreflektierten „Dahinleben“ und Illusionen herausreissen. In diesem Augenblick kann sich sein In-der-Welt-Sein in ein „Mitsein mit anderen“ verwandeln. Heidegger nennt das „Einbruch in das Ganze des Seienden“, oder die „Transzedenz“. Damit ist das Hinausgehen aus sich selbst gemeint, also die Zuwendung zur Welt, und nicht die Bezugnahme auf eine übersinnliche Welt (Gott), die es ja nach Heidegger nicht gibt. Und eben aus diesem Grund soll der Mensch den Sinn seiner Existenz nicht im Göttlichen suchen, sondern sich selbst einen geben. Denn, so Heidegger, unser In-der-Welt-Sein hat weder einen erkennbaren Sinn noch ein Ziel; „unsere Anwesenheit in der Welt ist ein unerklärlicher Zufall.“ (Vgl. Leszek Kolakowski, 2006)

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Dieser Satz stammt von dem bekannten Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein (1889-1951). Auch er war am 26. März 1929 in Davoser Tagung anwesend. Auch er hat lange Zeit nach dem Sinn des Lebens gerungen. Bevor er diesen gefunden hat, litt er an seinem, wie er sagt „labilen Gleichgewicht“, vor allem unter Depressionen. In einem Brief an seinen Freund (Engelmann), schreibt er:

„Ich glaube oft, dass ich verrückt werde. – Mein Tag vergeht zwischen Logik, Pfeifen, Spazierengehen und Niedergeschlagensein. Ich wollte zu Gott, ich hätte mehr Verstand und es würde mir nun endlich alles klar; oder ich müsste nicht mehr lange leben! – 1914: Ich war jeden Tag abwechselnd von schrecklicher Angst und Depressionen gequält…Mein Leben war bisher eine große Schweinerei – aber soll es immer so weitergehen?“ Dann im Mai 1920 schreibt er an Engelmann: „…Alles läuft natürlich darauf hinaus, dass ich keinen Glauben habe!“

Einen Anstoss zum Glauben, den er in späteren Jahren immer mehr vertieft hat, hat er bei TOLSTOJ gefunden. Wittgenstein war offensichtlich vom Ringen des immer wieder fallenden Sünders Tolstoj beeindruckt. Sein Kampf steht symbolisch für die Dialektik zwischen geschöpflichen und damit sündhaften Sein und dem Vollkommenen, das eigentlich sein sollte. Wittgenstein zu einem anderen Freund: (Ficker): „Gestern – am 1. September 1914 – fing ich an an Tolstojs Erläuterungen zu den Evangelien zu lesen. Ein herrliches Werk…Dieses Buch hat mich seinerzeit geradezu am Leben erhalten.“ (Vgl. K. Wuchertl / A. Hübner, 2006, S. 64)

Wittgenstein hat auf vielen Umwegen zum Glauben gefunden. Er sagt: „Ich bin zur Einsicht gelangt, dass der Wunsch, über den letzten Sinn des Lebens, das absolut Gute, das absolut Wertvolle etwas zu sagen, Zeugnis eines Drangs im menschlichen Bewusstseins sei, den ich für meinen Teil nicht anders als hochachten kann und um keinen Preis lächerlich machen würde“. (Zitat übernommen von Wolfram Eilenberger, philosophischer Publizist)

Aber warum können das viele Intellektuelle nicht? Die Antwort darauf, hat schon Voltaire gegeben. Seine Argumente ähneln die der heutigen Gebildeten:

„Kann man an die Güte Gottes glauben, wenn sich doch so viel Sinnloses in der von ihm geschaffenen Welt zeigt? Für Gott existiert das Übel nicht, nur für uns.“

Diese Worte verraten nicht nur eine „Empörung“, sondern auch ein verborgenes Leiden, das nicht wenige Gebildete in sich tragen - darüber aber schweigen: Zum Beispiel über ihr Unverständnis, warum Gott den Kreuzestod JESU zugelassen hat? - Gott überlässt seinen Sohn einer tiefen Verlassenheit, mehr noch, er schickt ihn in den Abgrund des Todes. Kann der Tod eines Unschuldigen als stellvertretende Sühne einen Sinn haben? Das Opfer eines Unschuldigen für die Sünden der Schuldigen?!

Ja, das kann. Ein Blick auf das Buch Ijob, so Papst Benedikt XVI., in dem sich in vieler Hinsicht schon das Geheimnis Christi abzeichnet, kann zum Verständnis dieses Geheimnisses verhelfen. Papst Benedikt:

„Satan verhöhnt den Menschen, um so Gott zu verhöhnen: Sein Geschöpf, das er nach seinem Bild geschaffen hat, ist eine erbärmliche Kreatur. Alles, was gut an ihm scheint, ist doch nur Fassade; in Wirklichkeit geht es dem Menschen – jedem - doch immer nur um das eigene Wohlbefinden. Da ist die Diagnose Satans, den die Apokalypse als den „Ankläger unserer Brüder“ bezeichnet…(Offb. 12,10) Die Verlästerung des Menschen und der Schöpfung ist im Letzten Verlästerung Gottes, Rechtfertigung für die Anklage an ihn.

Satan will am gerechten Ijob seine These beweisen: Wenn ihm nur erst alles genommen werde, dann werde er schnell auch seine Frömmigkeit fallen lassen. So gibt Gott dem Satan die Freiheit zur Erprobung, freilich mit genau definierten Grenzen: Gott lässt den Menschen nicht fallen, aber prüfen. Hier scheint ganz leise, noch unausgesprochen, doch schon das Geheimnis der Stellvertretung auf, das in Jesaja 53 grosse Gestalt erhält: Die Leiden Ijobs dienen der Rechtfertigung des Menschen. Er stellt durch seinen im Leiden bewährten Glauben die Ehre des Menschen wieder her. So sind die Leiden Ijobs im Voraus Leiden in der Gemeinschaft mit Christus…die uns den Weg zeigt, auch im tiefsten Dunkel den Glauben an Gott nicht zu verlieren…Wie der Saft der Traube vergären muss, um edler Wein zu werden, so braucht der Mensch Reinigungen und Verwandlungen, die unerlässlichen Wege sind, um zu sich selbst und zu Gott zu kommen“. (Vgl. Josef Ratzinger Benedikt XVI. „JESUS von Nazareth, 2006, S. 196-197)

Nun was braucht es, um die gebildeten Humanisten Gott näher zu bringen? Johannes Paul II. sagt es:
„Wenn also die Situation des Menschen in der modernen Welt – vor allem in bestimmten zivilisierten Kreisen – derart ist, dass sein Glaube zusammenbricht, sagen wir sein laikaler Glaube an den Humanismus, die Wissenschaft und Fortschritt, dann ist es sicherlich angebracht, diesem Menschen Gott zu verkünden, den Gott, den Jesus Christus verkündete. Ganz einfach deshalb, damit er darin den grundlegenden und endgültigen Sinn des Humanismus, der Wissenschaft und des Fortschritts wiederfindet, damit er nicht daran zweifelt und nicht aufhört, dort seine Aufgabe und seine Berufung auf Erden zu sehen.“ (S. 242)

Hier, so denke ich, liegt ein großes, nicht so erkanntes Glaubenspotenzial für uns alle, welches noch zu entdecken wäre. Könnte man eine solche Entdeckungsreise auch als Neuevangelisierung des Herzens bezeichnen?

Dr. phil. Martha von Jesensky (Foto) ist Religionspsychologin und praktizierende Katholikin. Die Schweizerin führte lange eine eigene Praxis in Zürich, ihren (Un-)Ruhestand verbringt sie in Matzingen TG

Foto (c) Martha von Jesensky

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