23 April 2018, 13:00
Glaubt ihr nicht, so versteht ihr nicht
 
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Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: an die Verbindung des Glaubens mit der Wahrheit zu erinnern, ist heute nötiger denn je, gerade wegen der Wahrheitskrise, in der wir leben. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) „Das Licht des Glaubens: Mit diesem Ausdruck hat die Tradition der Kirche das große Geschenk bezeichnet, das Jesus gebracht hat, der im Johannesevangelium über sich selber sagt: ‚Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt’ (Joh 12,46)“.

„Lumen fidei“ – die letzte Enzyklika Papst Benedikts XVI., die erste Enzyklika von Papst Franziskus, da dieser das Lehrschreiben am 29. Juni 2013 unterzeichnen wollte. In einem Umschlag lag sie auf der Schachtel, die Benedikt XVI. seinem zehn Tage vorher gewählten Nachfolger am 23. März 2013 in Castel Gandolfo überreichte. Was noch in der Schachtel war, blieb geheim und Spekulationen der Klatschpresse überlassen. Nur dieser Text, das letzte Wort eines Pontifikats „über den Glauben“ mitten im von Benedikt XVI. ausgerufenen „Jahr des Glaubens“: seine Existenz war kein Geheimnis, war doch der Papst von vielen gebeten worden, gerade in diesem besonderen Jahr noch einmal in das Christentum „einzuführen“, und zwar aus den Tiefen des Glaubens heraus.

„Vom Anfang meines Dienstes als Nachfolger Petri an“, so Benedikt XVI. in seinem Motu proprio „Porta fidei“ (11. Oktober 2011), mit dem das Jahr des Glaubens ausgerufen wurde, „habe ich an die Notwendigkeit erinnert, den Weg des Glaubens wiederzuentdecken, um die Freude und die erneute Begeisterung der Begegnung mit Christus immer deutlicher zutage treten zu lassen. In der Predigt während der heiligen Messe zum Beginn des Pontifikats habe ich gesagt: ‚Die Kirche als ganze und die Hirten in ihr müssen wie Christus sich auf den Weg machen, um die Menschen aus der Wüste herauszuführen zu den Orten des Lebens – zur Freundschaft mit dem Sohn Gottes, der uns Leben schenkt, Leben in Fülle’“. „Aus der Wüste herausführen“ – gerade als Begleiter und Helfer bei diesem neuen Exodus wurde das Schreiben Benedikts XVI. erwartet.

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„Diese Enzyklika kann wahrhaftig als ein ‚Dokument’ bezeichnet werden“, so der damalige Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Gerhard Kardinal Müller, bei der Vorstellung des Schreibens am 5. Juli 2013. Denn: „sie bietet uns nicht nur Worte, sondern sie dokumentiert uns den positiven Blick eines Lebens, das sich ganz von Gott anziehen und umfangen lässt. Das ist das Licht des Glaubens“. Diese Positivität und Schönheit war es, die die Lehre und den ganzen Pontifikat Benedikts XVI. auszeichneten, der das Gegenteil von jeder Negativität und Pessimismus war (und ist).

Das Positive des Glaubens, das Positive der Gebote, „die keine Bündelung von Verboten sind, in denen nur das Nein zum Ausdruck käme, sondern die in Wirklichkeit eine große Lebensvision aufzeigen“ (Predigt am 8. Januar 2006, Taufe des Herrn“: dieses Positive wollte Benedikt XVI. in all seinem Glanz sehen und spüren lassen. Die Gebote nämlich und alle Elemente, die den Glauben bestimmen, „sind ein Ja zu einem Gott, der dem Leben Sinn gibt (die drei ersten Gebote), ein Ja zur Familie (viertes Gebot), ein Ja zum Leben (fünftes Gebot), ein Ja zu verantwortungsbewusster Liebe (sechstes Gebot), ein Ja zu Solidarität, sozialer Verantwortung und Gerechtigkeit (siebtes Gebot), ein Ja zur Wahrheit (achtes Gebot), ein Ja zur Achtung anderer Menschen und dessen, was ihnen gehört (neuntes und zehntes Gebot)“.

„Lumen fidei“ hätte zu einem Bindeglied der Pontifikate und der Zeiten nach einer historischen Wende und einer historischen Singularität werden können. Die Interpreten des zuerst herbeigeredeten und sich dann vollziehenden neuen Kurses dagegen zogen es vor, diese Enzyklika gleichsam zum Symbol eines Bruchs werden zu lassen, eines „Paradigmen-Wechsels“, wie es in der letzten Zeit genannt wird, um intellektuell unredlich zu verstehen zu geben: alles ist anders, aber natürlich hat sich nichts geändert. Tatsache ist, dass es sich bei „Lumen fidei“ wahrscheinlich um den am wenigsten gelesenen oder gar rezipierten Text von zwei Pontifikaten handelt. Aus diesem Grund lohnt es sich, diesen verborgenen und auch versteckten Schatz zu heben.



Aus der „vierhändig“, von Papst Benedikt XVI. geschriebenen und von Papst Franziskus unterschriebenen Enzyklika „Lumen fidei“ (29. Juni 2013):

Glaube und Wahrheit

23. Glaubt ihr nicht, so versteht ihr nicht (vgl. Jes 7,9): So gab die griechische Übersetzung der hebräischen Bibel, die im ägyptischen Alexandrien erstellte Septuaginta, die Worte des Propheten Jesaja an den König Ahas wieder. Auf diese Weise wurde das Problem der Erkenntnis der Wahrheit ins Zentrum des Glaubens gestellt. Im hebräischen Text heißt es allerdings anders. Darin sagt der Prophet zum König: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht". Es handelt sich hier um ein Wortspiel mit zwei Formen des Verbs ’amàn: „ihr werdet glauben" (ta’aminu) und „ihr werdet bleiben" (te’amenu). Verängstigt durch die Macht seiner Feinde, sucht der König die Sicherheit, die ihm ein Bündnis mit dem großen assyrischen Reich geben kann. Da fordert der Prophet ihn auf, sich allein dem wahren Felsen, der nicht wankt, anzuvertrauen, dem Gott Israels.

Weil Gott verlässlich ist, ist es vernünftig, an ihn zu glauben, die eigene Sicherheit auf sein Wort zu bauen. Es ist dies der Gott, den Jesaja später zweimal den „Gott, der das Amen ist", nennt (vgl. Jes 65,16), das unerschütterliche Fundament der Bundestreue. Man könnte meinen, die griechische Fassung der Bibel habe mit ihrer Übersetzung von „bleiben" mit „verstehen" eine tief greifende Änderung am Text vorgenommen, indem sie von der biblischen Auffassung des Sich-Gott-Anvertrauens zur griechischen des Verstehens übergegangen sei. Doch ist diese Übersetzung, die sicher den Dialog mit der hellenistischen Kultur zuließ, der tiefen Dynamik des hebräischen Textes nicht fremd. Die Sicherheit, die Jesaja dem König verspricht, kommt nämlich durch das Verstehen des Handelns Gottes und der Einheit, die dieser dem Leben des Menschen und der Geschichte des Volkes verleiht. Der Prophet fordert dazu auf, die Wege des Herrn zu verstehen, indem man in der Treue Gottes den Plan der Weisheit findet, der die Zeiten lenkt.

Der heilige Augustinus bringt die Synthese von „verstehen" und „bleiben" in seinen Bekenntnissen zum Ausdruck, wenn er von der Wahrheit spricht, der man sich anvertrauen kann, um stehen zu können: »Dann wird mir Stand und Festigkeit sein in Dir, […] der Wahrheit, die du bist.«[17] Aus dem Zusammenhang entnehmen wir, dass der heilige Augustinus zeigen will, in welcher Weise diese verlässliche Wahrheit Gottes — wie aus der Bibel hervorgeht — seine treue Gegenwart durch die Geschichte hindurch bedeutet, seine Fähigkeit, die Zeiten zusammen zu halten, indem er die Tage des Menschen in ihrer Zersplitterung sammelt.[18]

24. In diesem Licht gelesen, führt der Jesaja-Text zu einer Schlussfolgerung: Der Mensch braucht Erkenntnis, er braucht Wahrheit, denn ohne sie hat er keinen Halt, kommt er nicht voran. Glaube ohne Wahrheit rettet nicht, gibt unseren Schritten keine Sicherheit. Er bleibt ein schönes Märchen, die Projektion unserer Sehnsucht nach Glück, etwas, das uns nur in dem Maß befriedigt, in dem wir uns Illusionen hingeben wollen. Oder er reduziert sich auf ein schönes Gefühl, das tröstet und wärmt, doch dem Wechsel unserer Stimmung und der Veränderlichkeit der Zeiten unterworfen ist und einem beständigen Weg im Leben keinen Halt zu bieten vermag.

Wenn der Glaube so wäre, hätte der König Ahas Recht, sein Leben und die Sicherheit seines Reiches nicht auf eine Gefühlsregung zu setzen. Aber gerade durch seine innere Verbindung mit der Wahrheit ist der Glaube fähig, ein neues Licht zu bieten, das den Berechnungen des Königs überlegen ist, weil es weiter sieht, denn es versteht das Handeln Gottes, der seinem Bund und seinen Verheißungen treu ist.

25. An die Verbindung des Glaubens mit der Wahrheit zu erinnern, ist heute nötiger denn je, gerade wegen der Wahrheitskrise, in der wir leben. In der gegenwärtigen Kultur neigt man oft dazu, als Wahrheit nur die der Technologie zu akzeptieren: Wahr ist, was der Mensch mit seiner Wissenschaft zu konstruieren und zu messen vermag — wahr, weil es funktioniert und so das Leben bequemer und müheloser macht. Dies scheint heute die einzige sichere Wahrheit zu sein, die einzige, die man mit anderen teilen kann, die einzige, über die man diskutieren und für die man sich gemeinsam einsetzen kann.

Auf der anderen Seite gebe es dann die Wahrheiten des Einzelnen, die darin bestünden, authentisch zu sein gegenüber dem, was jeder innerlich empfindet; sie wären nur für den Einzelnen gültig und könnten den anderen nicht vermittelt werden mit dem Anspruch, dem Gemeinwohl zu dienen. Die große Wahrheit, die Wahrheit, die das Ganze des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens erklärt, wird mit Argwohn betrachtet. War das nicht die Wahrheit, fragt man sich, die sich die großen totalitären Systeme des vergangenen Jahrhunderts anmaßten — eine Wahrheit, die ihre eigene Weltanschauung aufzwang, um die konkrete Geschichte des Einzelnen zu erdrücken? So bleibt dann nur ein Relativismus, in dem die Frage nach der universalen Wahrheit, die im Grunde auch die Frage nach Gott ist, nicht mehr interessiert.

Aus dieser Sicht ist es logisch, dass man die Verbindung der Religion mit der Wahrheit lösen möchte, denn diese Verknüpfung stehe an der Wurzel des Fanatismus, der alle überwältigen will, die die eigenen Überzeugungen nicht teilen. Wir können in diesem Zusammenhang von einer großen Vergessenheit in unserer heutigen Welt sprechen. Die Frage nach der Wahrheit ist nämlich eine Frage der Erinnerung, einer tiefen Erinnerung, denn sie wendet sich an etwas, das uns vorausgeht, und auf diese Weise kann sie uns jenseits unseres kleinen und begrenzten Ich vereinen. Es ist eine Frage nach dem Ursprung von allem, in dessen Licht man das Ziel und so auch den Sinn des gemeinsamen Weges sehen kann.

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Archivfoto: Papst Franziskus und Papst em. Benedikt XVI. - Übergabe der Untersuchungsakten




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