19 Mai 2018, 08:00
Maria, Mutter der Kirche – Hintergründe zum neuen Gedenktag
 
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Auf Wunsch des Papstes wurde festgelegt, dass am Montag nach Pfingsten Maria als „Mutter der Kirche“ verehrt wird. Der neue Gedenktag ist ein Gewinn für die Zukunft und hat eine interessante Vorgeschichte. Gastbeitrag von Pfr. Robin Baier

Limburg (kath.net) Da die Mutter Jesu ein wesentlicher Teil des neutestamentlichen Heilsgeschehens ist, haben Aussagen über Maria seit jeher nicht nur sie als Einzelperson betroffen, sondern immer auch die anderen Bereiche der Theologie. In den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte sind die immerwährende Jungfräulichkeit und die Gottesmutterschaft Mariens dogmatisiert worden, was jedoch letztendlich Aussagen über Jesus Christus sein sollten. Die marianischen Dogmen von 1854 (unbefleckte Empfängnis) und 1950 (leibliche Aufnahme in den Himmel) wiederum korrelieren mit der Gnadenlehre.

Als ab 1959 die Vorbereitungen auf das II. Vatikanische Konzil begannen, stellte sich für die Theologen auch die Frage, welche Aussagen über Maria getroffen werden sollten. Da es sich das Konzil zur Aufgabe gemacht hatte, die Lehre über die Kirche zu vertiefen – was vor allem durch die Definition der Kirche als „Sakrament“ (Lumen Gentium 1) geschehen ist – war es naheliegend, Maria in ihrer Relation zur Kirche zu beschreiben. Während des Konzils gab es eine starke Fraktion, die Maria als Teil der Kirche definieren wollte, was dann in Lumen Gentium 53 umgesetzt wurde. Andere Konzilsväter wollten ergänzend dazu Maria auch als „Mutter der Kirche“ beschreiben, konnten sich damit aber nicht durchsetzen.

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Die Vorbehalte, auf die sie gestoßen sind, lassen sich vereinfacht in drei Gruppen einteilen. Zum Ersten wollten einige Konzilstheologen möglichst alles vermeiden, was die Unterschiede zwischen katholischer und protestantischer Theologie offenbart hätte, um die gewünschte Annährung in der Ökumene nicht zu erschweren. Nach protestantischem Verständnis ist die Kirche an sich ein rein menschliches Gebilde, eben die Gemeinschaft der durch Christus Gerechtfertigten. Die Aussage, dass die Kirche Maria zur Mutter hat, deutet jedoch darauf hin, dass die Kirche mit Jesus Christus – und insofern mit dem Göttlichen – untrennbar verbunden ist.

Zum Zweiten war der Titel „Mutter der Kirche“ zur Zeit des Konzils nicht gut erforscht. Immer wieder wurde gesagt, diese Bezeichnung würde aus dem Mittelalter stammen – was für manche Theologen schon als Argument ausreicht, um etwas abzulehnen.

Zum Dritten haben einige Konzilsväter den Ausdruck „Mutter der Kirche“ nicht verstanden bzw. nicht verstehen wollen. Teilweise wurde argumentiert: „Die Kirche ist ja schon unsere Mutter. Wenn nun Maria die Mutter der Kirche wäre, dann wäre Maria nicht mehr die Mutter, sondern die Großmutter der Gläubigen.“

Aufgrund dieser Vorbehalte ist in den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils die Bezeichnung Marias als „Mutter der Kirche“ vermieden worden. Allerdings hat Papst Paul VI., der ein großer Befürworter dieses Titels war, ihn auf anderem Weg bestätigt: Bei der offiziellen Vorstellung von „Lumen Gentium“, also dem Dokument über die Kirche, hat er Maria feierlich als „Mutter der Kirche“ proklamiert. Die Reaktion der versammelten Bischöfe war entsprechend geteilt: Während die meisten spontan aufsprangen und applaudierten, blieben einige demonstrativ teilnahmslos sitzen.

Die Tatsache, dass dieser Titel nun – gut ein halbes Jahrhundert nach dem Konzil – jedes Jahr mit einem gebotenen Gedenktag gefeiert wird, ist wahrscheinlich auch dem Umstand zu verdanken, dass die drei genannten Vorbehalte gegenüber dem Titel „Mutter der Kirche“ in den letzten Jahrzehnten immer mehr entkräftet werden konnten.

Zum Ersten ist in der jüngeren Geschichte offensichtlich geworden, dass die Ökumene zwischen der Kirche und den protestantischen Gemeinschaften nicht durch die Unterschlagung der Glaubenslehre gelingen kann. Wenn die Kirche von „Einheit“ spricht, meint sie ja schließlich auch nicht die Einheit der Mehrheit oder die Einheit des kleinsten gemeinsamen Nenners, sondern die Einheit im wahren Glauben. Insofern ist für die kirchliche Einheit die Wahrheit kein Hindernis, sondern eine notwendige Voraussetzung.

Zum Zweiten ist die Geschichte des Ausdrucks „Maria, Mutter der Kirche“ besser erforscht worden, was wir in erster Linie der ausgezeichneten Promotionsarbeit von Pfr. Achim Dittrich zu verdanken haben. Darin hat er u. a. nachgewiesen, dass das Motiv Maria als „Mutter der Kirche“ viel älter ist, als man auf dem Konzil vermutet hat. Ansatzweise taucht diese Vorstellung beispielsweise schon bei Papst Leo dem Großen († 461) auf, der schreibt: „In Betlehem wurde die Kirche mit Christus verborgen geboren.“ Die explizite Bezeichnung Marias als „Mutter der Kirche“ findet sich dann spätestens bei dem Benediktiner Berengaudus, der im neunten Jahrhundert gelebt hat.

Zum Dritten ist schließlich auch das theologische Verständnis für den besagten Titel gewachsen. Das Neue Testament beinhaltet vor allem zwei Bilder, die das Wesen der Kirche charakterisieren. Zum einen wird die Kirche als „Frau“ vorgestellt bzw. als Jungfrau, Braut und Mutter (vgl. Joh 3,27-29 / Mt 22,1-2 / 2 Kor 11,2 / Eph 5,25.31-32). Und zum anderen wird die Kirche als „Leib Christi“ beschrieben (vgl. Eph 1,23 / Eph 4,15-16 / Eph 5,23 / Kol 1,18 / 1 Kor 12,12-13.27). Insofern nun die Kirche Jungfrau, Braut und Mutter ist, ist Maria Teil der Kirche und Urbild der Kirche. Insofern die Kirche aber „Leib Christi“ ist, ist Maria Mutter der Kirche.

´Ad Jesum per Mariam´ - Durch Maria zu Jesus - Darstellung in der Zisterzienserinnenabtei Lichtenthal/Baden-Baden (Erzbistum Freiburg)




Foto (c) Petra Lorleberg/kath.net

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