17 Juni 2018, 10:00
Ein blinder Abt
 
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Ein Beitrag von Claudia Sperlich über den Seligen Ramwold

Gorze (kath.net)
Gorze ist ein Städtchen im Regionalen Naturpark Lothringen, gewachsen um die 757 vom heiligen Bischof Chrodegang von Metz gegründete Benediktinerabtei Gorzia. Von hier gingen starke Impulse zur Verbreitung des benediktinischen Mönchtums aus. Dennoch verfiel die Abtei schon bald; 843 versuchte Bischof Adventius von Metz – eigentlich ein tüchtiger Reformer – vergeblich, sie wieder auf Vordermann zu bringen. Mehr Erfolg hatte Bischof Adalbero I. Bar von Metz, der sein Bistum im Investiturstreit verteidigte und 933 das Kloster dem Abt Einold übergab. Einold hatte als Weltgeistlicher Karriere gemacht, sich dann aber der Askese und dem Büßerleben verschrieben und auf Ämter verzichtet. Gemeinsam mit einem Gorzer Mönch begann er nun eine Reform, die eine Rückbesinnung auf die strenge benediktinische Disziplin anstrebte. Als Abt von Gorze brachte er den Bischof dazu, zweckentfremdete Klostergüter zurückzugeben. Auch bestätigte der Papst das Recht der Mönche, ihren Abt frei zu wählen. Das auf zwanzig Mönche heruntergekommene und verfallene Kloster blühte wieder auf.

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Die Reform entstand unabhängig von der Cluniazensischen Reform, war ihr aber trotz struktureller Unterschiede ähnlich.

Ramwold ist zu dieser Zeit etwa 33 Jahre alt. Vermutlich ist er bereits Benediktinermönch im Kloster St. Maximin in Trier. Allerdings stammt die erste erhaltene urkundliche Erwähnung aus dem Jahr 963 und weist ihn als Dekan des Klosters aus. Als Priester ist er zugleich Kaplan des Erzbischofs Heinrich von Trier. Der stirbt bereits 964, und Ramwold zieht sich ganz ins Kloster zurück.

Ob der mit dem Schulwesen betraute Bischof Wolfgang von Regensburg ihn erst als Kaplan kennenlernt oder ihn als nahen Verwandten seit Kindertagen kennt, ist unsicher. Da Wolfgang 25 Jahre jünger ist als Ramwold, kann durchaus beides stimmen – er mag den priesterlichen Verwandten als Knabe von ferne bestaunt und erst viel später wirklich kennengelernt haben.

Jedenfalls ist genug Zeit verstrichen, um aus kindlich-bewundernder Zuneigung eine kollegiale Wertschätzung zu machen. Als Bischof Wolfgang den Ramwold 975 aus Trier nach St. Emmeram in Regensburg beruft, um dort als Probst, später als Abt, eine Reform im Gorzer Geist durchzuführen, ist er selbst schon kein „juvenis“ mehr, und Ramwold ist ein alter Mann. Wenige Jahre vorher ist das Kloster reichsunmittelbar geworden. Als Abt „in commendam“ (treuhänderisch) fungiert nun nicht mehr der Bischof (eine im Mittelalter gängige Praxis, die den Klöstern keineswegs immer wohltat), sondern die Mönche wählen einen Abt aus ihren Reihen.

Als erster unabhängiger Abt des Klosters legt Ramwold gleichermaßen Wert auf Bildung, Frömmigkeit und Caritas. Er lebt selbst asketisch und lädt immer zahlreiche Arme zu Gast, hält auch die anderen Mönche zur Freigebigkeit an. Seine Freigebigkeit trägt ihm den liebevollen Spitznamen „Schatzmeister der Armen“ ein.

Ein schwelender Streit zwischen Kaiser Otto II. und Herzog Heinrich II. von Baiern, genannt der Zänker, belastet auch die Kirche. 976 ist Regensburg belagert, Ramwold und Wolfgang ziehen sich eine Weile nach Trier zurück. Nachdem der Kaiser den Aufstand niedergeschlagen hat, kehren sie mit einem bedeutenden Reliquienschatz nach Regensburg zurück. Nun legt Ramwold richtig los: Er beginnt mit dem Bau einer Krypta, die von Wolfgang geweiht wird.

Ein Augenleiden lässt ihn erblinden, aber das hindert ihn nicht, seinen Dienst als Abt zu erfüllen. Denen, die sich traurig und bestürzt über sein Leiden äußern, sagt er: „Wer die selige Hoffnung, des ewigen Lichtes teilhaftig zu werden, in sich trägt, der soll nicht jammern über die Entbehrung des zeitlichen Lichts. Sind die Augen unseres Geistes durch den Glauben geöffnet, dann sind wir nicht blind. Blind und in Finsternis ist nur derjenige, der den erleuchtenden Glauben nicht hat. Darum dürfen die im Glauben Wandelnden das zeitliche Licht nicht zu hoch anschlagen; denn diesen Genuß haben ja auch die Mücken und die armseligsten Tierchen. Ich will mit aller Kraft mich an denjenigen halten, der da spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nach folgt, wandelt nicht in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.”
Als er nach zweijähriger Blindheit eines Nachts zwischen den Altären der Heiligen Benedikt und Kilian betet, wird er bewußtlos. Im Traum erscheint ihm Christus, der ihm zwei Altarkerzen vor die Augen hält. Ramwold erwacht und kann wieder sehen.

Die klostereigene Schule hatte schon früher einen guten Ruf, nun blüht sie auf, Ramwold sorgt für eine ausgezeichnete Bibliothek, hauptsächlich theologische und liturgische Werke, aber auch griechische und lateinische Klassiker. Im Skriptorium werden auch kostbare alte Bücher gepflegt und ergänzt. Wolfgang ist ganz an seiner Seite und veranlasst den Bau eines neuen Bibliothekssaales. Auch Pilger-, Kranken- und Armenhospize entstehen auf Ramwolds Initiative.

994 stirbt Wolfgang als Heiliger. Sein Amtsnachfolger, Bischof Gebhard, zeigt sich weniger heilig – er beschuldigt Ramwold der Majestätsbeleidigung gegenüber Kaiser Otto III. Tatsächlich hat Bischof Gebhard persönliche Gründe, den Abt weit fort zu wünschen: der Kaiser hat Gebhard gegen Wolfgangs Willen und trotz bereits erfolgter Wahl eines anderen Bischofs eingesetzt, und Ramwold missbilligt das sehr. Vor allem aber gibt es eine Reihe Besitzurkunden im Kloster, die sowohl Wolfgang als auch Ramwold als Empfänger bezeichnen. Dies legt Gebhard als juristische Ungenauigkeit aus und will den Besitz an sich bringen, was Ramwold verhindert. Otto III. kommt wütend nach Regensburg, lässt sich aber von seinem Kaplan, der den frommen Ramwold kennt, besänftigen und ist nach einer Anhörung des Beschuldigten vollständig von seiner Unschuld überzeugt. Gebhard geht für diesmal leer aus.

Ramwold wirkt bis zu seinem Tod als Hundertjähriger aufrecht und fromm im Kloster St. Emmeram. Er stirbt am 17. Juni 1000 (oder 1001) im Kreis der Mönche. An seinem Grab sollen schon Wunder geschehen sein; er ist Patron gegen Augenleiden. Allerdings ist er zwar selig-, aber nicht heiliggesprochen worden.

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