06 Oktober 2018, 16:00
Erntedank in der Großstadt
 
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"In einer modernen westeuropäischen Stadt gibt es nicht weniger Brot, wenn nach schlechter Ernte die Kornpreise gestiegen sind, und es wird kaum teurer." Monatliche Kolumne von Claudia Sperlich

Berlin (kath.ent/cs) Erntedank ist kein verbindliches Fest der Kirche, und er hat kein verbindliches Datum. Natürlich feiert man Erntedank je nach Klimazone zu verschiedenen Zeiten, aber auch innerhalb Deutschland ist der Termin zwar von der Bischofskonferenz auf den ersten Sonntag im Oktober festgelegt, das Fest kann aber legitim zu anderen Terminen zwischen September und November gefeiert werden. In vielen Gemeinden ist der Sonntag nach Michaelis üblich – in diesem Jahr der 30. September.

Dank für eine gute Ernte ist dem Menschen selbstverständlich, solange er noch irgendeinen Bezug zur Ernte sieht. In einer modernen westeuropäischen Stadt gibt es nicht weniger Brot, wenn nach schlechter Ernte die Kornpreise gestiegen sind, und es wird kaum teurer. Dadurch schwindet das Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen unserem Frühstück und der Arbeit des Bauern – zumal das Brotgetreide oft in China angebaut wurde. Die meisten Menschen backen ihr Brot nicht selbst. In Erntedankkörben sieht man dann auch manchmal abgepacktes Brot und Früchte, die ganz sicher nicht in dem Land geerntet wurden, in dem dieser Korb steht. Solange wir uns klarmachen, dass auch für uns Grund zur Dankbarkeit für Zitrusfrüchte und Feigen besteht, ist das nicht ganz falsch. Trotzdem freut es mich immer, wenn ich in den Körben liebevoll selbstgebackenes Brot sehe und Früchte aus der Region. Schön, wenn einige der Feiernden schon mal eines der Felder gesehen haben, auf denen das wächst, wofür wir hier danken. Ohne Fernreise!

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Dank für die Ernte, ob sie nun gut oder schlecht war, einfach Dank dafür, dass wir irgendetwas auf unseren Tellern haben, Dank dafür, dass es auf jeden Fall genug ist, um dem armen Nachbarn etwas abzugeben – das ist christlicher Erntedank. In diesem Jahr haben die Getreidebauern auch in Europa große Verluste erlitten. Dennoch wird gerade in ländlichen Gegenden der Erntedank weit üppiger gefeiert als in den Großstädten. Auch in diesem harten Jahr.

Zuweilen wird zum Erntedank gemahnt, auch für die eigene „Ernte“ an Erkenntnis, Gesundheit, Liebe, Freundschaft, berufliches Fortkommen zu danken. Das ist alles gut und schön, selbstverständlich soll man auch für diese Dinge danken. Aber es banalisiert den Erntedank. Ich nehme mir zu Erntedank vor, wirklich und wahrhaftig für die Früchte der Erde zu danken. Das schließt die Fürbitte für alle ein, die dafür sorgen, dass das Essen auf meinen Tisch kommt – und das sind von Land- und Viehwirten aus verschiedenen Erdteilen über die verarbeitenden Betriebe und alle Beschäftigten auf den Transportwegen (Luft, Wasser, Land) bis zu den Arbeitern in Gas- und Stromwerken, einschließlich den Männern, die in Russland dafür sorgen, dass hier mein Gasherd funktioniert, eine ganze Menge hart arbeitender Menschen.

Es ist sicher sinnvoll, sich (nicht nur) zu Erntedank Gedanken über Umweltschutz, fairen Handel und faire Verteilung der Güter zu machen. Aber all diese wichtigen Überlegungen sollen dem Dank nicht vorausgehen, sondern ihm folgen. Es nervt mich, wenn (zuweilen selbst in Kirchen) erst von sozialer Verantwortung gesprochen wird und dann von dem Dank, den wir Gott schulden. Wir haben Verantwortung, weil wir beschenkt sind! Vor allem anderen – selbst vor dem Fürbittgebet – sollen wir Gott danken. Zum Erntedank ganz spezifisch für die Ernte. Danach ist die Fürbitte an der Reihe und dann die gerechte Verteilung, das heißt: das gerechte Handeln jedes einzelnen, die tätige Nächstenliebe. Der Korb für die Bedürftigen der Gemeinde, für die Suppenküche, wird in vielen Gemeinden in der Woche vor dem Erntedankfest allmählich gefüllt mit dem, was jeder geben kann und will (und was sinnvoll ist; dafür haben viele Gemeinden Zettel, auf denen die gewünschten Gaben aufgelistet sind, in der Regel haltbare Lebensmittel wie Reis, Nudeln oder Konserven sowie Hygieneartikel). Aber verteilt werden die Gaben nach dem Dank, nach der Fürbitte.

Nicht zu vergessen: Es heißt Erntedankfest, es soll gefeiert werden. Freuen wir uns an den Gaben, die Gott uns schenkt! Freuen wir uns, dass wir das tägliche Brot haben, dass wir es teilen können. Nehmen wir uns Zeit, nach dem Gottesdienst bei mehr als Brot (zum Beispiel: Kaffee und Kuchen) beisammen zu sitzen, einander zuzuhören, vielleicht miteinander zu singen, die Erntekörbe zu bewundern, mit den Kindern zu spielen, einfach fröhlich da zu sein. Auch wer nicht unmittelbar dazu beigetragen hat, dass die Ernte auf den Tisch kommt (in meiner Berliner Heimatgemeinde dürften das ausnahmslos alle Gemeindeglieder sein), ist aufgerufen, zu feiern.

kath.net-Buchtipp
Die Befreier
13 Geschichten von Verwandten, Nachbarn und anderen Dämonen
Von Claudia Sperlich
Taschenbuch, 108 Seiten
2017 Tredition
9783743908666
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Symbolfoto: Erntedank




Foto (c) Petra Lorleberg/kath.net

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