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Gott in Frankreich

19. April 2019 in Kommentar, 7 Lesermeinungen
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„Jerusalem, Jerusalem, convertere ad Dominum Deum tuum!“ - Gastkommentar von Klaus Obenauer.


Berlin (kath.net)
Es haben sich schon einige daran gemacht, dass furchtbare Ereignis des Pariser Kathedralbrandes zu kommentieren. Innerlich aufgewühlt und im Gewissen berührt durch die schrecklichen Bilder von der brennenden Notre-Dame-Kirche, sehe ich mich zu einem Appell veranlasst, wenigstens die Frage nach einem Mahnzeichen Gottes, einem Fingerzeig sozusagen, ehrlich an sich heranzulassen.

Es ist hier nicht der Ort für sonderliche theologische Distinktionen. Nur so viel: Von einem Wunder, näherhin einem Straf- oder Gerichtswunder Gottes, kann man gewiss nicht reden. Aber ich denke, es gibt auch diesseits von eigentlichen Wundern Ereignisse, die intuitiv als derart in eine Situation „passend“ erfasst werden können, dass die Exponiertheit an ihre spontane Eindrücklichkeit einen nur noch sagen lassen: da ist Gott am Werk, da sind ebenso furchtbar oder (je nach dem) auch großartig wie trotzdem diskret Gottes Winke greifbar.

Die reflexive Vergewisserung mag ein Einzelner nur bedingt leisten können. Aber dafür umso mehr meine eindringliche Bitte, die Frage an sich heranzulassen, ob das Pariser Ereignis nicht so ein Wink war. Schon aufgrund der Umstände, die ja schon von anderen breit dargelegt wurden: Beginn der Karwoche etc.

1) Beim Nachdenken über diese schrecklichen Bilder kamen mir die aussagekräftigen Perikopen beim Propheten Ezechiel in den Sinn: die Herrlichkeit des Herrn verlässt den Tempel und Jerusalem: 10,18-22; 11,22-25. Natürlich sind dies Assoziationen. Schon allein deshalb, weil alttestamentliche Aussagen über das Tempelschicksal nur sehr analog auf unsere christlichen Gotteshäuser anzuwenden sind. Wie Benedikt XVI nicht müde wird zu sagen, ist ja der neue Tempel der Leib Christi und kein Gebäude.


Aber dafür sind unsere Kultgebäude im eminenten Sinne Gotteshäuser, weil sie diesen Leib Christi in dessen eucharistischer Gegenwart beherbergen, weil in ihnen die Communio sanctorum, die Gemeinschaft am Heiligen und der Heiligen, ihren Vollzug findet. Und von daher ist da ungleich mehr Herrlichkeit des Herrn.

2) Es ist bei uns sprichwörtlich geworden, dass Gott sich in Frankreich besonders „wohlfühlt“. Über dem zumal von der Gotik geprägten Frankreich liegt, noch bis zur Stunde, etwas von Gottes eigenem Charme, wenn man das so sagen darf. Gerade auch in Paris ist das noch (!) greifbar, in jener Stadt, an deren berühmter Universität seinerzeit so wegweisend wie nirgendwo sonst über die „gratia gratum faciens“ reflektiert wurde, die uns Gott angenehm machende Gnade. Man könnte vom supranaturalen Charme der Geheiligten sprechen, den die Heiligen ausstrahlen, bis in ihre figürlichen Abbildungen. Das ist Herrlichkeit des Herrn.

3) In dieser Herrlichkeit oder wenigstens in ihrem steinernen Widerschein wollte man sich sonnen, ohne groß damit behelligt zu werden, wessen Herrlichkeit das ist. Notre-Dame als unverzichtbare Kulisse für der Welt größte und schönste Flaniermeile für Verliebte und für allerlei mondänes Treiben. Sich sonnen im Glanz Gottes unter dem Vorzeichen der Gottvergessenheit. Und die Welt trauert, dass sie das (!) nicht mehr hat. Sie ist eben blind für Seine Zeichen. Es ist halt kein Wunder, dass Er das nicht mehr mitgemacht hat.

4) Wir katholischen Christen trauern aus einem anderen Grund. Wir wissen, dass Notre-Dame ihren Charme hat, weil sie doch das Haus Unserer Lieben Frau ist! Und uns treffen diese Bilder so schrecklich, weil wir wissen, wie sehr die Welt mit ihrem Versuch, Gottes Herrlichkeit zu verweltlichen, inzwischen in die Kirche selbst hereinragt. „Ich hasse eure Feste“, heißt es beim Propheten Amos (5,21).

5) Auch mich dünkt, dass kaum ein Gotteshaus (nicht einmal Sankt-Peter in Rom) so repräsentativ für die abendländische katholische Christenheit ist wie Notre-Dame von Paris: hier wirkt die Geschichte nach, da Paris seinerzeit als geistige (spirituelle wie intellektuelle) Metropole der Christianitas Rom bei weitem übertraf. Wenn uns daher, wie ich mit vielen anderen glaube, Gott der Herr vor Augen führen wollte, wie es bei uns in Europa mit seiner Kirche bestellt ist, dann war Notre-Dame die erste Adresse dafür.

Aber noch etwas: Immerhin spricht Gott noch mit uns. Und er spricht mit uns, indem er mit der Kirche in Frankreich ein ganz ernstes Wort spricht. Warum? Weil, so dünkt mich, man dort noch besser hört. Trotz allem. Die „Ave Maria“ betende Menge als Echo auf diese furchtbare Botschaft: hätte es das bei uns auch gegeben? Noch mehr als anderswo sind wir in Deutschland verformt durch eine Theologie, deren Geschäft darin besteht, Distanzierungstheorien zu entwickeln: man macht uns glauben, Gott rücke uns nicht so dicht auf den Leib, dass uns das in die Knie zwingt. Man theoretisiert schon noch viel, reichlich trocken und dürr, vom „Handeln Gottes“ – aber wenn er mal handelt … „Was wollt ihr denn, Kirchenbrände hat’s schon immer gegeben!“ „Der Verhärtete verhärte sich weiter“, kann man da, in freier Anverwandlung von Apg 22,11, nur noch sagen.

6) Aber nicht nur das: es geht um den Zustand der Kirche insgesamt. Wir sind es inzwischen gewohnt, vieles hinzunehmen. Aber: „Brennt“ nach ‚Abu Dhabi‘ nicht „die Hütte“? Schön, Papst Franziskus hat dazu eine Erklärung kolportieren lassen, die den berühmten ärgerlichen Satz salviert, wozu der Theologe jedoch auch nur sagen kann: „transeat“, „das gehe halt so durch“. – Eine Kirche, in der man sich mit einer Vier-minus-Orthodoxie begnügt und seine Inspirationen aus Lessing bezieht – wie weit ist man dann noch entfernt vom „Greuel der Verwüstung“ im Heiligtum Gottes (vgl. Mt 24,15parall.)?

„Jerusalem, Jerusalem, convertere ad Dominum Deum tuum!“


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