21 April 2019, 09:15
Ein Blick auf die Kirche, hinein in die Zukunft
 
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So sehr sich Wirklichkeiten wandeln mögen – das Wesen der menschlichen Person, ihre Natur als ‚Geist im Leib’ ist immer dieselbe. Ostern – Ein Gespräch mit Walter Kardinal Brandmüller. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Ostern ist eine gute Zeit, um über Substantielles nachzudenken. Ostern ist der Moment, der zu einem ersten Rückblick drängt und die Türen weit aufmacht, von denen aus man dann in die nahe und auch ferne Zukunft blicken kann. Dies gerade auch in einer Zeit der Gottesfinsternis, wie dies immer wieder der heilige Papst Johannes Paul II. und auch Benedikt XVI. genannt hatten.

„Eine Gesellschaft, in der Gott abwesend ist – eine Gesellschaft, die ihn nicht kennt und als inexistent behandelt“, so Benedikt XVI. in seiner jüngsten Wortmeldung vom 12. April 2019, „ist eine Gesellschaft, die ihr Maß verliert. In unserer Gegenwart wurde das Stichwort vom Tod Gottes erfunden. Wenn Gott in einer Gesellschaft stirbt, wird sie frei, wurde uns versichert. In Wahrheit bedeutet das Sterben Gottes in einer Gesellschaft auch das Ende ihrer Freiheit, weil der Sinn stirbt, der Orientierung gibt“.

Bereits vorher waren wir zu seinem „österlichen“ Frühlingsgespräch mit Walter Kardinal Brandmüller zusammengekommen, um in aufgeregten Zeiten auch etwas zur Ruhe zu kommen.

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kath.net: Eminenz, es gehörte zu den Fixpunkten des Lehramts Benedikts XVI. und all seiner Vorgänger: der Papst machte immer wieder deutlich, dass eine Kirche, die sich nicht als tiefgreifender, echter Widerspruch zur herrschenden Ideologie welcher Art auch immer darstellt, eine Kirche ist, die nicht alle Kräfte des Heils offenbart, die der Glaube an Christus hat.

Brandmüller: Es ist in der Tat ein gefährliches Unterfangen, wenn Verkündigung und Handeln der Kirche aus dem Gleichgewicht geraten. Das geschieht, wenn im Mittelpunkt nicht die zentralen Geheimnisse des Glaubens, sondern die Probleme der Welt stehen – und zudem diese nicht im Lichte des Glaubens, sondern nach den Kriterien der Nützlichkeit, der Machbarkeit beurteilt werden. In erster Linie muss es hingegen dem Lehramt der Kirche um die Wahrheit gehen.

kath.net: Die Dubia, das Dossier „Viganò“ aus dem Sommer 2018, das jüngste „Glaubensmanifest“ Kardinal Müllers und die in diesen mutigen Dokumenten aufgeworfenen entscheidenden Fragen wurden vom Papst sowie von dessen Mitarbeitern und der ihnen nahe stehenden Presse ignoriert, angeklagt oder sogar verleumdet.

Glauben Sie nicht, dass diese institutionellen Verhaltensweisen dramatisch das hervorgehoben haben, was die Zivilgesellschaft als alarmierendes Problem der „Demokratie“, das heißt ihrer „Verfassung“ bezeichnen würde?


Brandmüller: Wesentlich und eigentlich wichtig ist, dass die Wahrheit, die von Gott in Jesus Christus geoffenbarte Wahrheit immer wieder neu verkündet wird. Natürlich ist dies in erster Linie Recht und Pflicht der Inhaber des Lehramts der Kirche. Das Wort des hl. Paulus, „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde“, gilt in erster Linie aber nicht nur für die geweihten Lehrer der Kirche. Es ist jeder getaufte und gefirmte Christ zum Zeugnis für das Evangelium gerufen. Nun hat es – der selige John Henry Newman hat darüber Wichtiges gesagt –, Momente in der Geschichte der Kirche gegeben, in denen die berufenen und geweihten Hirten und Lehrer versagt und dem Irrtum nicht gewehrt haben. Da aber waren es die Gläubigen, die in der Kraft des Firmsakraments den Glauben bewahrt haben... In einer vergleichbaren Situation scheint die Kirche heute sich an manchen Orten zu befinden.

kath.net: Im Zusammenhang der Missbrauchskrise wurde von altbekannten Kräften das Thema „Zölibat“ wieder aktuell. Wie vor zehn Jahren soll eine objektiv nichts mit der priesterlichen Ehelosigkeit zu tun habende Problematik zum Anlass genommen werden, um den Zölibat in der lateinischen Kirche zu kippen, gleichzeitig die Grundpfeiler der katholischen Morallehre zur Sexualität radikal zu ändern und dies unter dem Schlagwort „Weiterentwicklung“ der Lehre zu tun.

Was können wir diesem „Missbrauch mit dem Missbrauch“ entgegenhalten?


Brandmüller: Vor allem empfiehlt es sich, die Zahlenverhältnisse zu beachten. Wie die Statistik zeigt, treffen die Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester und sogar Bischöfe und Kardinäle auf 1,5% bis 5% der Priester zu (Erklärung des Heiligen Stuhls gegenüber der UN-Menschenrechtskommission, vorgetragen von Erzbischof Silvano Tomasi, 2009). Ständig nur von diesen zu reden, ohne dabei die „restlichen“ 99/95 % der Priester zu erwähnen, die treu und unauffällig ihre Sendung erfüllen, verzerrt in unzulässiger Weise die Wirklichkeit. Es lässt deutlich die Absicht erkennen, mit den Anklagen wegen Missbrauchs gegen den Zölibat anzurennen. Das geschieht seit nunmehr gut hundert Jahren in regelmäßig wiederkehrenden Wellen.

Mittlerweile sollte man begriffen haben, dass die Kirche vom Zölibat nicht abgehen kann, ohne mit einer auf die Apostel zurückgehenden und damit verbindlichen Überlieferung zu brechen. Neuere Regelungen wie die der katholischen Ostkirchen oder den Konvertiten aus dem Protestantismus oder der Anglikanischen Welt sind als Antwort auf Ausnahmesituationen von begrenzter Dauer zu sehen. Hier geht es um das hohe Gut der Einheit der Kirche.

Und nun sprechen Sie auch von einer Weiterentwicklung der katholischen Sexualmoral.
Nun, vom Wandel der Lebensverhältnisse der modernen Gesellschaft kann natürlich auch die Moraltheologie nicht unberührt bleiben. Da gilt es in der Tat, der gesellschaftlichen Wirklichkeit Rechnung zu tragen.

Aber, so sehr diese sich wandeln mag – das Wesen der menschlichen Person, ihre Natur als „Geist im Leib“ ist immer dieselbe. Und darum unterliegen auch jene sittlichen Normen, die die Vernunft daraus gewinnt, nicht der Beliebigkeit oder dem Wandel der Gesellschaft. In sich stimmige Anwendung dieser Normen auf die Erfordernisse des Tages – ja, aber Nein zu einer Änderung der Norm!

Zum Schluss Ihrer Frage nach dem „Missbrauch mit dem Missbrauch“: den sollte man laut und deutlich entlarven. Man merkt die Absicht und man ist verstimmt!

kath.net: Angesichts der zahlreichen Fälle von klerikaler Homosexualität und sexuellem Missbrauch, der häufig in diesem Bereich begangen wird: sind Sie der Meinung, dass der Ausbildungsweg zukünftiger Priester in Europa und in den verschiedenen Wirklichkeiten der Welt Merkmale und Mängel aufweist, die verschiedene Formen der klerikalen Soziopathie oder etwas, das als eine Art „Funktionsstörung“ des Priesteramtes bezeichnet werden kann, beeinflussen oder sogar bestimmen können?

Brandmüller: Dass die zutage getretenen schlimmen Verhältnisse auch mit der Auswahl und Ausbildung des Priesternachwuchses zu tun hat, ist offenkundig. Ebenso unzweifelhaft ist es, dass die Einführung von Gruppendynamik, Psychoanalyse etc. in Klöstern und Seminarien verheerende Folgen hatte – und was die gruppendynamischen „Spielchen“ betrifft immer noch hat. Diese Methoden haben in der Priesterausbildung nichts zu suchen.

Entscheidend ist vielmehr die Auswahl der Leiter und Spirituale der Seminarien bzw. Noviziate. Hierzu bedarf es der lebenserfahrenen, klugen und ebenso kritischen wie wohlwollenden Persönlichkeiten. Der Regens des Priesterseminars hat eine Schlüsselrolle des Bistums inne. Die Auswahl der Kandidaten für dieses Amt erfordert also die besondere Aufmerksamkeit des Bischofs.

In der Ausbildung der Seminaristen sollten kulturelle, theologisch-wissenschaftliche Bildung, charakterliche, spirituelle Formung und Fähigkeit zum pastoralen Teamwork gefördert – und am Ende beurteilt werden. Das aber ist doch genau das, was in „Optatam totius“ des 2. Vaticanums vorgeschrieben wird.

Wenn endlich die Priesterausbildung diesem Dekret entsprechend erfolgt, werden viele Probleme gelöst sein. Wie viel Zeit muss noch vergehen, ehe man zu dieser Einsicht kommt? Oder: will man etwa gar keine Priester mehr, die diesem Konzilstext entsprechen?

kath.net: Eminenz, ich danke Ihnen für die Zeit, die Sie unseren Lesern geschenkt haben, ich danke auch für die Klarheit und Frische des Blickes. Von ganzem Herzen wünschen wir Ihnen ein gesegnetes Osterfest!

Brandmüller: Auch Ihnen und der werten Leserschaft alle guten Segenswünsche. „Victimae paschali laudes immolent Christiani – Dem österlichen Schlachttier sollen Lobgesänge weihen die Christen“. „Agnus redemit oves; Christus innocens Patri reconciliavit peccatores – Das Lamm hat die Schafe erlöst. Christus, der Schuldlose, hat die Sünder mit dem Vater versöhnt“. Frohe Ostern!

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