17 Mai 2019, 13:00
Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben
 
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Pfingsten – Natalis Ecclesiae. Die Kirche – der vom Heiligen Geist aus vielen Gliedern zusammengefügte und beseelte geheimnisvolle Leib Christi. Wenn die Kirche in den Seelen erwacht... Von Walter Kardinal Brandmüller

Rom (kath.net/as/wb) Ein Predigtwort des Trostes und der Hoffnung in einer finsteren Zeit, in der nicht davor zurückgeschreckt wird, die Gottesmutter und den Leib ihres Sohnes, die Kirche, zu schänden. Unterwegs nach Pfingsten (as).

***

„Da formte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Ackerboden und hauchte ihm den Odem des Lebens ein. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ So lesen wir in der Heiligen Schrift über die Erschaffung des Menschen. Edel und wohlgestaltet liegt Adam da und hält die Hand seinem Schöpfer entgegen, von dessen Finger der Funke des Lebens auf Adam überspringt. So hat Michelangelos Meisterschaft jenen Höhepunkt der Schöpfungsgeschichte an die Decke der Sixtinischen Kapelle gemalt.

Die Erschaffung Adams – ein wunderbares Bild für jenes Geheimnis, dessen Feier uns an Pfingsten zusammenführt: die Erschaffung der Kirche. Aus Menschen hatte der Mensch gewordene Gottessohn seine Jüngerschar, die Keimzelle der Kirche, versammelt. Erwartungsvoll sind sie im Saal des Letzten Abendmahls vereint – und nun, am Pfingsttag um die neunte Stunde, erfasst sie der machtvolle Hauch des Creator Spiritus, der ihr mit Sturm und Feuer das Leben einhaucht. So fügt er die einzelnen Jünger zu Christi geheimnisvollem Leib zusammen – Christi Kirche erblickt das Licht der Welt.

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I

Kirche und Heiliger Geist – das ist wie Leib und Seele. Wie die Seele des Menschen Leib belebt und seine Organe lenkt, so belebt und lenkt Gottes Geist Glieder und Organe der Kirche. So hat es Jesus selbst vor seinem Abschied aus der Welt des Greif- und Sichtbaren versprochen: ,,Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26). Und: ,,Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit einführen“ (Joh 16,13). Worte, die die Stiftungsurkunde für das sind, was wir das Lehramt der Kirche nennen, das seither Papst und Bischöfe in der Vollmacht Jesu Christi ausüben: ,,Lehret alle Völker, lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe“. Noch in der ersten Stunde der Kirchengeschichte haben die Apostel dieses Lehramt wahrgenommen, als sie eine schwerwiegende Streitfrage mit den Worten entschieden: ,,Der Heilige Geist und wir haben beschlossen…“ (Apg 15,28).

So ist denn die Kirche – wie der heilige Paulus sagt – in der Kraft des Heiligen Geistes die ,,Säule und Grundfeste der Wahrheit“. Einem weithin sichtbaren Leuchtturm gleich weist sie durch alle menschlichen Irrtümer hindurch den sicheren Weg der Wahrheit – auch durch die Tod und Verderben bringenden Ideologien des vergangenen Jahrhunderts – wie der Gegenwart.

,,Deine Lehre ist wie eine Feste auf uneinnehmbaren Bergen“ – sagt die Dichterin.

Am Ostemachmittag, als der Auferstandene Herr seinen Jüngern begegnete, hat er wiederum vom Heiligen Geist gesprochen: ,,Empfangt den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden nachlassen werdet, dem sind sie nachgelassen“ (Joh 20,23). Der Heilige Geist verleiht also den Aposteln und ihren Nachfolgern die wahrhaft göttliche Vollmacht, Sünden zu vergeben – l Sünder mit Gott zu versöhnen, Menschen zu retten. Damit war das Sakrament der Sündenvergebung, das Sakrament der Beichte eingesetzt.

Der Heilige Geist ist es, der allen Sakramenten der Kirche ihre göttliche Kraft verleiht, und die Kirche so zum Werkzeug der Erlösung der Menschen macht. Dass dies vom Pfingsttag an bis zum letzten Tage dieser Welt so geschehen kann, bewirkt derselbe Heilige Geist durch das Sakrament der Weihe. So wird denn bei der Erteilung der Bischofs- und Priesterweihe in den Worten des weihenden Bischofs der Heilige Geist auf die Weihekandidaten in feierlichster Weise herabgerufen und durch die Auflegung der Hände mitgeteilt. Lehre, Leitung und Heiligung, die in der Kirche und durch sie geschehen, sind Werk des Heiligen Geistes, der in ihr lebt und wirkt.

II

Wir sagten, die Kirche sei der vom Heiligen Geist aus vielen Gliedern zusammengefügte und beseelte geheimnisvolle Leib Christi.

Damit ist zugleich gesagt, dass die Kirche auch das Schicksal ihres Hauptes teilt. Dazu gehören auch Ablehnung und Verfolgung. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht aut“ (Joh l). Als Jesus in der Synagoge von Nazareth das Wort ergriff, fragten die Leute: ,,ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Woher hat er diese Weisheit und die Kraft, Wunder zu tun? Und sie nahmen Anstoß an ihm“. So lesen wir im Evangelium.

Jesu Landsleute waren nicht in der Lage, hinter seiner menschlichen Erscheinung die göttliche Wirklichkeit zu ahnen. Eben dies geschieht auch der Kirche. Allzu viele sehen in ihr eine bloß menschliche, gesellschaftliche Institution. Ein berühmter Schotte nannte die Kirche einmal ein Meisterwerk menschlicher politischer Kunst.

Allzu vielen erscheint die Kirche wie etwa ein Unternehmen, eine Partei, eine Gewerkschaft oder irgendein Interessenverband. Gewiss, man schätzt sie als kulturelle Größe, auch als Wohltätigkeitsanstalt – eine Art Weltverbesserungsagentur – und beurteilt sie danach. Der Blick bleibt an der Außenseite der Kirche hängen.

Kirche ist für nicht wenige Kirchensteuer oder Caritas. So glaubt man denn, die im Alltag gewohnten Formen und Regeln einer demokratischen Gesellschaft auch auf die Kirche anwenden, sie im Leben der Kirche praktizieren zu können.

Dabei wird allzu oft vergessen, was wir im Glaubensbekenntnis sprechen: ,,Ich glaube an die eine, heilige, katholische und Apostolische Kirche“. Die Kirche ist nicht nur Verkünderin des Glaubens, sie ist selber ein Geheimnis des Glaubens!

Hinter ihrer irdischen, anfälligen und angreifbaren menschlichen Gestalt verbirgt sich göttliche Wirklichkeit, verbirgt sich der geheimnisvolle Leib Christi, verbirgt sich das Werkzeug und das Wirken des Heiligen Geistes.

Es gilt, die verborgene Wirklichkeit der Kirche neu zu entdecken und neu zu begreifen. Es gilt, die Kirche mit dem Auge des Glaubens zu erkennen. Wenn das geschieht, wenn – wie einst Romano Guardini gesagt hat – die Kirche in den Seelen erwacht, dann kann neues Leben wachsen. Dann wird auch den Christen von heute wieder klar, dass nicht wir es sind, die Kirche bauen und gestalten, dass sie nicht ,,unsere“ Kirche ist, sondern die Kirche des lebendigen Gottes, Haus Gottes, Tempel des Heiligen Geistes. Dieses Haus Gottes, dieser Tempel des Heiligen Geistes, ist von Jesus Christus auf den Felsen Petrus gebaut, gebaut nach einem ewigen Bauplan, den zu verändern in keines Menschen Macht gelegen ist. „Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben“ – sagt der Apostel Paulus.

III

Diesen sehr ernsten Worten fügt der Apostel eine ebenso ernste Mahnung an: „Löschet den Geist nicht aus!“ Es gehört zu den Geheimnissen Gottes, dass er sein Wirken zu unserem Heil von unserem Ja oder Nein abhängig macht: der allmächtige Gott vergewaltigt uns nicht – auch nicht zu unserem Heil. Ob Gottes Geist in uns und in der Kirche wirken kann, liegt also zum guten Teil an uns selbst. Darum die Mahnung: Löscht den Geist nicht aus!

Wie notwendig ist doch dieser Anruf! Sind wir nicht allzu eifrig dabei, durch hektische Betriebsamkeit, durch die Vielzahl von Gremien, Sitzungen, Kursen, Diskussionen, Seminaren, Protokollen und irgendwelchen Aktionen den Geist Gottes zu ersticken? Besonders aber sind es die Sünden der Gläubigen und der Hirten, unter deren Asche die Glut des Geistes erkaltet und erlischt.

Dann kommt es dazu, dass das Schiff der Kirche mit schlaffen Segeln von den Wellen hin- und hergeworfen Fahrt und Richtung verliert und zum Spielball des Meeres, d. h. des Zeitgeistes, wird. Gilt das nicht für die Kirche im Deutschland von heute, während in Afrika und Asien der Geist des Herrn mächtig wirkt? Diese Einsicht muss uns doch aus unserer Selbstzufriedenheit, Selbstgerechtigkeit und Trägheit aufschrecken und zur Umkehr bewegen!

IV

Die Frage muss uns umtreiben: wie können wir dem Geist Gottes wieder Türen öffnen, ihm mehr Raum schaffen in unserem privaten Leben, im Leben der kirchlichen Gemeinschaft?

Gottes Geist kommt weder als Einbrecher noch als ungebetener Gast. Es gilt, ihn um sein Kommen – und zwar inständig – zu bitten. Erfüllen kann er diese Bitte dann, wenn wir in ernster Abkehr von der Sünde in all ihren Formen im Bußsakrament unser Herz öffnen. Die Wiederbelebung dieses Sakraments ist die entscheidende Voraussetzung dafür, dass Gottes Geist in uns aufs neue seine Herzen und Welt verwandelnde Kraft entfalten kann.

„Komm, Heiliger Geist, der Leben schafft – erfülle uns mit deiner Kraft!“: so beten wir vom Himmelfahrtstag an jeden Tag – wie einst die um die Mutter des Herrn versammelten Apostel. Dieses Gebet darf nie mehr verstummen, es muss vielmehr umso inniger zum Himmel dringen, je düsterer die Tage werden, die die Kirche durchlebt. „Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie Viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten“, hat der Herr selbst gesagt.

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