01 Juni 2019, 08:30
„Wir lassen uns nicht spalten“
 
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Bischof Martin Happe/Mauretanien über zunehmende Gewalt gegen Christen in Westafrika. Interview von Volker Niggewöhner/Kirche in Not

Ouagadougou (kath.net/KIN) Vom 13. bis 20. Mai 2019 fand in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, die dritte Vollversammlung der Bischöfe Westafrikas statt. Überschattet wurde diese Begegnung von schweren terroristischen Anschlägen.

Am 12. Mai wurden bei einem Angriff auf die katholische Kirche in Dablo im Norden von Burkina Faso sechs Gottesdienstteilnehmer getötet. Einen Tag später wurden in der Pfarrei Singa vier Katholiken bei einer Marienprozession ermordet. Das Land kommt auch weiterhin nicht zur Ruhe: Am 26. Mai wurde erneut ein Sonntagsgottesdienst angegriffen, diesmal im Dorf Toulfe an der Grenze zu Mali. Dabei fanden vier Kirchgänger den Tod.

Der aus dem Münsterland stammende Bischof Martin Happe, der das Bistum Nouakchott in Mauretanien leitet, hat an dem Bischofstreffen in Burkina Faso teilgenommen. Über die dramatischen Ereignisse hat Volker Niggewöhner von „Kirche in Not“ Deutschland mit dem Afrikamissionar gesprochen.

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Kirche in Not: Bischof Happe, mehrere Mordanschläge innerhalb kürzester Zeit: Wie haben die Teilnehmer des Bischofstreffens darauf reagiert?

Bischof Happe:
Trotz dieser dramatischen Ereignisse sind über hundert Bischöfe aus mehreren westafrikanischen Ländern zu dem Treffen in Burkina Faso gekommen. Es war für die Kirche und das ganze Land ein Zeichen der Ermutigung. Nicht nur Burkina Faso ist von Gewalt betroffen, sondern die ganze Region. Die Gewalt geht von islamistischen Fundamentalisten aus, die Konflikte innerhalb der Volksgruppen und zwischen Katholiken und Muslimen loszutreten versuchen. Niemand weiß genau, wer dahintersteckt. Man muss auch festhalten: Die meisten Opfer dieser Gewaltwelle sind Muslime. Die letzten Mordanschläge auf Christen standen im Zusammenhang mit dem Bischofstreffen. Das war schon ganz gezielt.

Kirche in Not: Was macht die Christen zu einer Zielscheibe für Terroristen?

Bischof Happe:
Bevor ich nach Mauretanien kam, habe ich 22 Jahre lange in Mali gearbeitet, die meiste Zeit im Norden des Landes. Damals fingen die Attacken das an. Die Fundamentalisten haben gezielt die kleine christliche Minderheit angegriffen. Wobei man auch herausstellen muss: Bis zu 160 0000 muslimische Flüchtlinge aus Mali haben in Mauretanien Zuflucht gefunden. Für die Fundamentalisten sind auch diese Muslime „Ketzer“, die nicht diesem wahhabitischen und fundamentalistischem Islam folgen. Die Nicht-Muslime sind für diese Terroristen natürlich noch schlimmer einzustufen. Deshalb sind die Christen ihre erste Zielscheibe.

Kirche in Not: Ist der religiöse Fanatismus der einzige Beweggrund für die Verfolgung oder gibt es noch andere Ursachen?

Bischof Happe:
Der religiöse Fanatismus ist oft ein Vorwand. Es geht um Bodenschätze, es geht um politische Macht. Es ist eine sehr komplexe Geschichte.

Kirche in Not: Wie reagieren die Christen auf den Terror?

Bischof Happe:
Sowohl die westafrikanischen Bischöfe als auch die Regierung in Burkina Faso haben in den vergangenen Tagen eindeutig gesagt: Wir lassen uns nicht spalten. Wir lassen uns nicht auseinanderbringen zwischen den verschiedenen Religionen und Volksstämmen. Denn sonst fallen wir genau auf das herein, was die Terroristen wollen.

Kirche in Not: Sehen Sie Möglichkeiten, wie der Gewalt gegen Christen Einhalt geboten werden kann oder wie etwa die gemäßigten Stimmen im Islam mehr Gehör finden können?

Bischof Happe:
Das ist ein entscheidender Punkt. Wir Bischöfe haben in der Schlussbotschaft unseres Treffens formuliert: Die Religionsführer müssen gezielt zusammenarbeiten. Wir müssen gemeinsam deutlich Stellung beziehen: Wer im Namen Gottes tötet, kann sich nicht als von Gott Gesandter bezeichnen. Wir müssen diesen Schulterschluss noch verstärken; es gibt ihn schon. Das ist das einzige Mittel, wie wir gegen die Gewalt vorgehen können.

Kirche in Not: Die Ausgangssituation in Westafrika ist sehr unterschiedlich. Es gibt Länder mit einer christlichen Bevölkerungsmehrheit wie Ghana. Und es gibt Länder, wo die Christen eine kleine Minderheit darstellen, zum Beispiel in Mauretanien. Wie ist Lage dort?

Bischof Happe:
In Mauretanien legen Regierung und Bevölkerung starken Wert darauf, dass sie eine islamische und keine islamistische Republik sind. Der Islamismus wird sehr stark überwacht. Es hat Anschlagspläne gegeben, aber die wurden alle im Voraus entdeckt und vereitelt. Ich als katholischer Bischof fahre im ganzen Land herum und habe keine Angst. Ich weiß aber nicht, wie lange das so bleibt.

Kirche in Not: Gibt es trotz der vielen Probleme auch Entwicklungen, die Ihnen Mut machen?

Bischof Happe:
Allein die Tatsache, dass die Bischöfe sich nicht haben einschüchtern lassen und nach Burkina Faso gekommen sind, ist ein solches Zeichen. Wir haben einen Gottesdienst gefeiert in einem Wallfahrtsort in der Nähe von Ouagadougou. Tausende Gläubige sind gekommen. Das ist doch eine Botschaft. Wir versuchen, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sondern auch unsere Feinde zu lieben und für sie zu beten.

Kirche in Not: Was können wir Christen in Europa tun?

Bischof Happe:
Solidarität zeigen, das ist wichtig. In Mauretanien zum Beispiel sind wir eine verschwindend kleine Kirche – ungefähr 4000 Katholiken. Es ist schon sehr wichtig, dass wir Besuch bekommen, dass die Menschen Interesse zeigen, sich informieren und für uns beten.

Weitere Informationen:
Kirche in Not Deutschland

Kirche in Not Österreich

Kirche in Not Schweiz

Foto: Gläubige im Bistum Ouahigouya/Burkina Faso beim Gottesdienst © Kirche in Not

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