26 Juli 2019, 12:00
Das kleine Mädchen Hoffnung
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Fiat. Denn Hoffnung hat mit einem Mädchen zu tun – schon mehr als 2000 Jahre - BeneDicta am Freitag von Gudrun Trausmuth

Wien (kath.net)
„Wo Du hinschaust, ist Elend und alles furchtbar“, hatte sie mir gesagt, „Der Klimawandel, die Flüchtlinge im Mittelmeer, die Kriminalität, die ganzen kaputten Familien, und meine Situation, aus der ich nicht herauskann ….“. Das Telephongespräch ist lange und dunkel. Es kommen alle medial verordneten Szenarien der Sorge und Panik, daran angeschlossen die eigene Misere. Eine Wand der Negativität, die Schwärze der Depression. Ich kämpfe, versuche im Gespräch immer wieder den Faden der Hoffnung aufzunehmen. Es ist schwierig, minutenlang nur Zuhören, zumindest Halbsätze der Hoffnung … Ich möchte nur, dass es am Ende des Gesprächs für sie ein wenig heller ist als zu Beginn. Denn es ist ein Geschenk, selbst Hoffnung zu haben, eine Gnade, unverdient, herrlich, verlässlich, großartig. Bis jetzt war die Hoffnung immer an meiner Seite, egal, wie bitter die Tränen manchmal waren. Auch wenn das Herz so schmerzte, dass es fast zersprang, war sie da, zart und zäh zugleich, groß und geheimnisvoll.

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Das Geheimnis der Hoffnung hat eine neue Dimension bekommen, als ich in Kalifornien Hope kennengelernt habe. Hope, auf Deutsch „Hoffnung“, war der Name eines kleinen sechsjährigen Mädchens, das wir über Freunde kennengelernt haben. Hopi, „kleine Hoffnung“, wurde sie von allen genannt – und ihre ältere Schwester hieß Grace (Gnade). Hopi mit riesengroßen blauen Augen, struppigen blonden Haaren.

Braungebrannt, kräftig und sehr temperamentvoll. Und immer lief sie voraus, hüpfend, springend, Rad und Saltos schlagend. Nicht zart und schüchtern, nein, stark und ansteckend war die Hoffnung in Gestalt des kleinen Mädchens, sprühend vor Leben und Mut. Hoffnung teilen, Hoffnung ausstrahlen, „… jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt; (1Petr 3,15)“ - durch das kleine Mädchen Hope ist das konkreter geworden.
Als ich zurückkam, habe ich Charles Péguy‘s (1873-1914) Buch „Das Mysterium Hoffnung“ wieder zur Hand genommen, in dem die Hoffnung als kleines Mädchen auftritt. Man nennt das Allegorie oder auch Personifizierung, wenn abstrakte Begriffe wie Glück, Frieden, Liebe, Geld als Personen dargestellt werden. Im barocken Drama war das sehr üblich, aber auch Hugo von Hofmannthals „Jedermann“, der jeden Sommer vor dem Salzburger Dom gefeiert wird, lebt davon, dass der Tod, der Mammon und der Glaube als Personen agieren.

Das kleine Mädchen Hoffnung. Péguys Text ist eine eigenwillige Mischung aus Reflexion und Dichtung; ein Bild wächst in das nächste hinein, in weitausholenden Pinselstrichen wird von der Hoffnung erzählt, schön und widerständig und weise.
Warum gibt Péguy der Hoffnung die Gestalt eines kleinen Mädchens? - Das Kind ist ein Sinnbild des Neuen, dessen, was die Zukunft vor sich hat; in allem Anfang liegt ja dieses Funkelnde, Ziehende, nirgends berückender beschrieben als in Hesses Gedicht „Stufen“ (1941) : „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,/ Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“. Mag sein, dass Hesse diese Verse von Péguy gelesen hat:
„In allem was anfängt, ist eine Quelle, ist eine Wurzel, die sich nie wieder findet./ Eine Ausfahrt, eine Jugend, die man nie, die sich nie wieder findet./ Nun ist aber das junge Hoffen/ Immer Anfang und immer offen./ Dieses unaufhaltsame Entspringen. Dieses ununterbrochene Gelingen.“

Péguy beschreibt die Hoffnung als Grund aller Bewegung, als Grundbewegung des Lebens – das kleine Mädchen Hoffnung geht allem voran: „Schlechterdings nichts von allem/ Bestand hat als durch die junge Hoffnung/ Durch sie, die immer wieder beginnt und wieder verheißt/ Und alles verbürgt. Die das Morgen dem Heute verbürgt und den heutigen/ Mittag und Abend dieser Frühe./ Und das Leben dem Leben und die Ewigkeit selbst der Zeit/ Sie verbürgt, sie verspricht dem Morgen die Tagesstunden/die runden/Dem Frühling die Jahreszeiten/die weiten/ der Kindheit das ganze Leben/zu geben/ Der Erde die Sterne/trotz ihrer Ferne/ Und der Schöpfung Gottes Gesicht/ohne Verzicht. Den Schollen die Garben/die vollen/ Und den Reben den Wein: er ist dein/ Dem Reich den König und den König dem Reich; und so hält sie die vollständige Welt/ Zeitlich und Ewig, Geistlich und Fleischlich/ Gott und die Welt/(Bequem) in ihren kleinen Händen“

Schließlich folgt ein kühner und zunächst schwer begreiflicher Gedanke: Péguy ordnet die Hoffnung auch Gott zu! Für ihn ist die drängende Liebe Gottes zu uns Menschen begründet in der Hoffnung Gottes. - Er, der Vollkommene hat Hoffnung? Ist Hoffnung nicht (auch) ein Zeichen unserer Unvollkommenheit, Sehnsucht? Warum also soll Gott Hoffnung haben?? - Gottes Hoffnung hänge mit der Liebe zu uns Menschen zusammen, meint Péguy, wir hätten durch die Sünde die Hoffnung Gottes notwendig gemacht: „Gott hat auf uns gehofft/ Er hat angefangen. Er hat gehofft /daß der letzte der Sünder/ Der elendigste der Sünder wenigstens ein klein wenig sich anstrengen würde für sein Heil /Wie wenig, wie armselig auch immer/ Daß er sich ein klein wenig drum kümmere/Er hat auf uns gehofft/ Sollten wir also nicht auf ihn hoffen/Gott hat seine Hoffnung, seine arme Hoffnung auf jeden von uns gesetzt.“ - Die Hoffnung Gottes hat einen Namen: Jesus Christus. Unter dieser Perspektive ist die Heilsgeschichte die Geschichte der Hoffnung Gottes. Wenn auch wir unsere Hoffnung auf Christus setzen, antworten wir auf die Hoffnung des Höchsten – zwei Hoffnungen treffen einander, umarmen sich. Und in dieser Umarmung mit der Hoffnung Gottes, geschieht etwas mit unserer Hoffnung: sie verliert ihre Endlichkeit, ihre Begrenztheit, sie geht über den Tod hinaus. Sie weiß sich im ewigen, tragenden Grund allen Seins verankert. Fiat. Denn Hoffnung hat mit einem Mädchen zu tun – schon mehr als 2000 Jahre.

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