01 August 2019, 10:45
"Caritas Christi urget nos"
 
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"Die Liebe Christi zu uns manifestiert sich selbstverständlich in jeder heiligen Messe. Aber manchmal hilft Er ein bisschen nach, damit wir das auch wirklich erfassen und erfahren können." Gastbeitrag von Barbara Wenz

Rom (kath.net/Blog Barbara Wenz) Sonntagvormittag, ich bin in Deutschland. Zur heiligen Messe gehen ist mir leider manchmal eher Routine und Pflicht hierzulande. Während ich Kaffee trinke, mich anziehe und vorbereite, denke ich, dass ich doch einmal wieder eine orthodoxe Liturgie besuchen sollte.

Vielleicht sollte ich das wirklich einmal wieder tun, aber gerade heute hat mir der Herr ziemlich deutlich gewiesen, dass alles ganz und gar gut so ist, wie es ist.

Ich sitze ziemlich weit vorne und die erste Bank bleibt leer. Das macht mich unruhig, denn normalerweise sitzen dort die Gebrechlichen und Alten, die nicht mehr aufstehen und nach vorne gehen können zur heiligen Kommunion. Unser deutscher Pfarrer teilt stets zuerst an sie aus. Heute fehlt mir ganz besonders eine weißhaarige, wunderschön zarte Frau, die mich an meine verstorbene Mutter erinnert und vielleicht nicht mehr gut beieinander ist, aber der heiligen Messe stets aufmerksam wie ein Luchs folgt. Begleitet wird sie meist von einer leicht rundlichen polnischen Betreuerin, der man ansieht, dass sie froh ist, eine Deutsche betreuen zu dürfen, die genausoviel Wert auf den sonntäglichen Messbesuch legt wie sie selbst.

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Da, in der Sakristei hat es schon geläutet und die Gemeinde ist aufgestanden, kurven die beiden Frauen ein. Ich bin erleichtert. Wie immer klettert das greise Mädchen aus dem Rollstuhl in die Bank, ihre Betreuerin parkt sorgfältig den Rollstuhl, betet kurz in der Bank und schaut dann nach, ob noch etwas fehlt. Diesmal ist es ein Päckchen Papiertaschentücher, das sie unaufgefordert bereitlegt, um sich dann ganz wieder dem Geschehen hinterm Altar zu widmen.

Wir haben einen jungen Kaplan zu Gast, der gerade in Rom studiert und uns bereits am Fest Mariä Heimsuchung mit seiner geisterfüllten Predigt erfreut hat. Das ist die erste Überraschung dieses Herrentages. Ich erkenne ihn wieder und freue mich schon beim Gloria auf seine Predigt. Doch zunächst möchte er die Gemeinde mit Weihwasser segnen – im novus ordo (oder wie sagt man mittlerweile kirchenpolitisch korrekt dazu) leider nicht mehr immer selbstverständlich. Meine protestantische Mamma hat das besonders geliebt, wenn ich sie manchmal zur Alten Messe mitnahm.

Der junge Kaplan kommt zu seiner frei gehaltenen Predigt über die Stelle im Evangelium, in der Jesus die Jünger lehrt: „So sollt ihr beten“ – nachdem sie ihn dazu angefragt haben. Er predigt leidenschaftlich und voller Freude. Wir erfahren ganz neue Blickwinkel auf diese altbekannte Stelle und das Vaterunser. Das weißhaarige Mädchen weiter vorne klatscht vor Freude die Hände zusammen, als er geendet hat. Auf diesem jungen Priester liegt Segen, sie hat es gespürt. Mit besonderer Hingabe singen wir das Vaterunser heute und geben uns den Friedensgruß.

Zur Austeilung des Allerheiligsten erhebt sich diese wunderschöne alte Dame mit aller Mühe – wie immer. Normalerweise erhält sie und andere Gebrechliche, die in der ersten Bank sitzen, auch vor der gesamten Gemeinde die Kommunion. Unser junger Kaplan kann das aber nicht wissen und es ist auch nicht sein Fehler, dass ihm das nicht gesagt wurde, in keiner Weise. Und so steht mein tapferes greises Mädchen während der gesamten Austeilung an die Gemeinde weiter, in der Hoffnung, dass sie auch noch den Leib des Herrn empfangen darf.

Doch als der Kaplan das Allerheiligste im Tabernakel wegschließt, ist ihre Hoffnung dahin.

„Hallo?“ sagt sie, obwohl sie sich kaum richtig artikulieren kann und auch keine laute Stimme mehr hat. Dann sinkt sie resigniert zurück auf die Bank. Noch bevor ich erfassen kann, was sich eigentlich gerade abspielt, erhebt sich ein hochgewachsener breitschultriger Mann aus den vorderen Bänken. Er sieht ein bisschen aus wie ein gut gealterter Daniel Craig und kurz denke ich, will der jetzt Krawall machen?

Doch der Hüne schreitet vor den Altar und macht eine Kniebeuge. Dann erklärt er dem jungen Kaplan in zwei Sätzen die Sachlage und deutet auf die erste Bank zu meiner Seniorin. Der Kaplan erkennt die Sachlage blitzschnell, die Situation war und bleibt völlig entspannt. Das Tabernakel wird wieder aufgeschlossen. Die polnische Betreuerin, die viel zu schüchtern war, um sich vor der Gemeinde zu äußern, stupst die ihr Anvertraute an: Schau, er kommt noch einmal, er kommt noch einmal wieder, extra für dich! meinte ich zu hören.

Er kommt noch einmal wieder. Extra für dich.

Das hat sie wahrscheinlich nicht gesagt, aber ich habe es trotzdem gehört.

Natürlich war die alte Dame glücklich. Vielleicht war aber mein junger Kaplan noch viel glücklicher, der das Tabernakel mit dem Allerheiligsten ohne eine Miene zu verziehen wieder aufschloss und dann loseilte, zur ersten Bank, mit einem wunderschönen Lächeln und dem Leib Christi in der Hand, den er der alten Dame, die sich wieder emporgemüht hatte, auf die Zunge legte und ihr danach noch segnend über die Wange strich. Und die Polin strahlte über fünf Kirchenbänke hinweg herzlich dankend und nickend den rettenden Helfer an, der jetzt den Kopf gesenkt hielt bis nach dem Schlusssegen.

Die Liebe Christi zu uns manifestiert sich selbstverständlich in jeder heiligen Messe.

Aber manchmal hilft Er ein bisschen nach, damit wir das auch wirklich erfassen und erfahren können.

Barbara Wenz ist Buchautorin und Publizistin, sie lebt in Italien.

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