06 September 2019, 09:30
Vergebung – ein Geschenk?
 
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„Früher oder später wird sich die katholische Kirche in der Debatte um sexuellen Missbrauch in der Kirche auch dem Thema «Vergebung» stellen müssen.“ Gastbeitrag von Helmut Renner

Luzern (kath.net) Früher oder später wird sich die katholische Kirche in der Debatte um sexuellen Missbrauch in der Kirche auch dem Thema «Vergebung» stellen müssen. Warum? Aus Verantwortung um das Seelenheil der Missbrauchsopfer.

Dazu ist ein tieferes Verständnis der Thematik "Vergebung" unabdingbar. Andernfalls kommt es zu solch unerfreulichen Vorkommnissen, wie vor kurzem in Münster.

Was war geschehen? In der Heilig-Geist-Kirche in Münster, die zur Pfarrei St. Josef gehört, hält Pfarrer Ulrich Zurkuhlen eine Predigt mit der Feststellung: Es werde „allmählich Zeit, dass die kirchlichen Hierarchen nach langer Zeit auch mal ein Wort der Vergebung sagen können“. Bei den Gottesdienst-Besuchern und in einer späteren Pfarrei-Versammlung gibt es entschiedenen Widerspruch (kath.net: "Missbrauchspriestern vergeben? Protest während Predigt in Münster", 5. Juli 2019 ). Durch weitere Äusserungen von Pfarrer Zurkuhlen sieht sich Bischof Felix Genn gezwungen, disziplinarisch einzugreifen. In der dies begründenden Stellungnahme heisst es u.a.: "Natürlich kann man in einer Predigt das Thema „Vergebung“ aufgreifen. Vergebung ist ein zentrales Thema unseres Glaubens. Entscheidend ist aber, wie man das macht. Man kann und darf von Opfern niemals Vergebung verlangen, Vergebung ist immer ein Geschenk, auf das ich kein Anrecht habe. Vergebung ist immer eine Gnade, die mir geschenkt wird." (kath.net: "Bischof Genn: "Sie sehen mich hier heute wirklich fassungslos", 11. Juli 2019)

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Soweit die Vorgeschichte. Eigentlich ist die "vergebende Liebe" das Markenzeichen von uns Christen. Aber das christliche Vergeben muss richtig verstanden sein. Zum Thema «Vergebung» gibt es - nicht nur bei Laien auch bei Theologen - viele Vorstellungen, die mit unserem christlichen Glauben nicht übereinstimmen.

Eine dieser - im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch - gemachten störenden Aussagen ist: Vergebung sei ein Geschenk, auf das der Täter kein Anrecht habe, es sei eine Gnade, die dem Täter geschenkt werde.

Was ist ein Geschenk? Ein Geschenk hat einen Geber und einen Empfänger. Ein Geschenk ist das freiwillige Geben eines Gegenstandes oder einer Tat. Dies bedeutet für den Empfänger: er hat keinen Anspruch darauf.

Und wie ist das nun beim «Vergeben» als Christ? In der «Opfer - Täter« -Verflechtung ist Vergeben zwar zunächst vordergründig ein freiwilliges «Geben» des Opfers: denn das Opfer hat einen freien Willen. Aber das Opfer, der Geber, ist zum Vergeben verpflichtet durch das Wort Gottes. Vergeben ist Christenpflicht.

Dies ist der grosse Unterschied zu einem Geschenk! Der Geber, das Opfer, steht in der Pflicht. zum Vergeben. Und wie ist es beim Täter, dem Empfänger? Er hat einen Anspruch auf Vergebung durch das Wort Gottes.

Also besteht beim christlichen Vergeben ein grosser Unterschied zu einem Geschenk!

Und noch dazu: Durch die Vergebung erfährt das Opfer einen grossen Nutzen: geistlich: Es bleibt im Wort Gottes; psychisch: die inneren Wunden können verheilen; physisch: weniger Risiken auf Krankheiten.

Aber auch der Täter profitiert geistlich. Christliches Vergeben ist abgegeben, übergeben, an Jesus Christus. Und zusätzlich ist Vergeben freigeben.
Indem das Opfer durch seine Vergebung den Täter an Gott freigibt, kann Gott in seiner Gnadenfülle frei am Täter wirken im Rahmen seines göttlichen Heilsplans, den der liebende Gott auch für jeden Missetäter hat.

Und nicht zu vergessen: Das Gegenteil "Nicht-Vergeben einer Missetat" mit den Folgen Ärger, Groll, Zorn, Hass, Rachegefühle, trennt das Opfer von Gott und wird letztlich zur Sünde des Opfers und wird zum Risiko für dessen Seelenheil. Wie ernsthaft Gott die Vergebung einfordert, hören wir im Vaterunser. Die Vaterunser-Bitte - "vergib uns unsere Schuld" - weist unmissverständlich darauf hin, dass die göttliche Vergebung für uns nur möglich ist, wenn wir vorher "unserem Schuldiger vergeben haben". Dies ist der entscheidende, geistliche Aspekt.

Jede Missetat, auch die allerschlimmste, muss letztlich vom Opfer dem Täter vergeben werden, so verlangt es unser Glaube, wenn er konsequent gelebt werden will. Vergeben ist ein Prozess, der Zeit, Arbeit und vielleicht auch viele Tränen erfordert. Aber ohne Vergebung kann beim Opfer im Laufe des Lebens keine innere Heilung der Verletzungen gelingen. Und spätestens auf dem Totenbett muss das Opfer dem Täter vergeben, um seines eigenen Seelenheils willen. Aber was ist mit dem Seelenheil, wenn das Opfer unvorhergesehen einen plötzlichen, jähen Tod erleidet, ohne dem Missetäter vergeben zu haben und diese Unvergebenheit bewusst im Herzen mit in den Tod nimmt? Vielleicht auch deswegen, weil die Seelsorger den Opfern die Vergebung nicht gelehrt haben. Wie ist es dann mit der geistlichen Mitschuld der Seelsorger vor Gott?

Das Entscheidende an unserem katholischen Glauben ist die Beziehung zu Jesus Christus, eine Beziehung der Liebe und Freundschaft. Wie kann das Missbrauchsopfer diese Liebesbeziehung zu Jesus leben, solange es noch Ärger, Groll, Zorn, Hass oder gar Rachegefühle gegen den Täter in seinem Herzen hat? Schlimm genug, was das Opfer erleben und erleiden musste. Aber will es für den Rest seines Lebens das Beste, was unser Glaube zu bieten hat - die Liebesbeziehung zu Jesus - verpassen, weil es dem Täter nicht vergibt?

Und wie war das mit den Heiligen Märtyrern? Haben sie nicht sterbend ihren Peinigern und Mördern vergeben? Ist sexueller Missbrauch schlimmer als die eigene Ermordung? So ist zur eigenen Heiligung - dem Ziel unseres Lebens -beim Opfer Vergebung an den Peiniger unabdingbar.

Dabei heisst Vergebung einer Missetat nicht, die Tat zu verharmlosen, zu beschönigen, oder gar zu rechtfertigen. Missetat bleibt Missetat und muss von den zuständigen Institutionen geahndet werden. Der Schweregrad einer Missetat wird in der juristischen Aufarbeitung extern festgestellt, nicht vom Opfer. Unabhängig vom Schweregrad einer Missetat muss das Opfer vergeben, es darf nicht sagen, diese Missetat war so schwer, die muss ich nicht vergeben.

Die Täter müssen für ihre Missetat zur Rechenschaft gezogen werden. Dazu heisst es, durch die Verurteilung des Täters würde das Opfer endlich die verdiente Gerechtigkeit erfahren. Soll dann das Opfer erst nach Ablauf der Strafe vergeben? Und wenn der Täter nicht verurteilt werden kann, weil er schon verstorben ist? Dann würde dem Opfer die Gerechtigkeit nicht widerfahren, entfällt dann die Pflicht zu vergeben? Die immer wieder gehörte Argumentation: Zuerst Gerechtigkeit für das Opfer, diese Argumentation ist nicht zielführend. Denn das Gefühl, Gerechtigkeit erhalten zu haben, bringt vielleicht subjektive Genugtuung, aber keine Heilung der tiefen inneren Verletzungen, die die Missetat verursacht hat. Nachhaltige Heilung gelingt nur durch Vergebung.

Auch die nicht-christliche Vergebungsforschung (forgiveness research) zeigt den Wert der Vergebung. So ist bei Angehörigen von Mord- und Terror-Opfern die Vergebung an die Täter hilfreich und heilsam. Diese Studienergebnisse sind statistisch signifikant.

Vergeben heisst nicht vergessen. Die schmerzhaften Erinnerungen können nicht wie ein Computerprogramm gelöscht werden, aber sie können durch die Vergebung heilen und ihre Schmerzen verlieren.

Vergeben heisst auch nicht versöhnen. Wir müssen die Begriffe klar trennen. Auch kann eine Institution wie die "kirchlichen Hierarchien" einem einzelnen Missetäter oder einer Gruppe von Missetätern nicht vergeben, sie kann allenfalls begnadigen. Vergeben ist ein Geschehen zwischen zwei Personen. Vergeben ist ein einseitiger Willensakt des Opfers ohne Mitwirken des Täters und ohne Wissen des Täters. Vergeben ist ein Akt spiritueller Intelligenz. Die Überlegung ist: "Ich will vergeben, weil es mir am Meisten nützt. Deshalb vergebe ich dem Täter seine Missetat." Vergeben ist primär eben kein Geschenk des Opfers an den Täter, sondern ein Geschenk des Opfers an sich selbst, primär zum Selbstschutz, zur Selbsthilfe, zur Selbstheilung, zur Selbstheiligung.

Vergeben ist keine Gnade, die das Opfer dem Täter gewährt. Vergeben können ist eine Gnade, die dem Opfer von Gott her zu Teil wird, für dessen Seelenheil. Diese Gnade muss hartnäckig und demütig erbeten werden. Dieses Gebet könnte so formuliert werden: «Herr Jesus Christus, gib mir die Gnade und die Kraft, dem Missetäter zu vergeben. Du siehst, dass ich diese schlimme Tat alleine nicht vergeben kann, so vergib du in mir dem Täter seine Missetat, und gemeinsam mit dir will auch ich in dir dem Täter vergeben. Herr Jesus Christus, du in mir und ich in dir, ich vergebe."

Die Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche haben in ihrem grossen Leid Anrecht auf jede erdenkliche Hilfe von Seiten der zuständigen Institutionen, materiell, psychologisch, seelsorglich. Dabei ist für eine wirkmächtige Seelsorge in meinen Augen unabdingbar neben Anteilnahme und Trost zusätzlich die Bedeutung der Vergebung für Heilung und Heiligung aufzuzeigen und die Betroffenen auf den Weg der Vergebung zu führen.

Zum Thema "Vergebung" besteht einiger Nachholbedarf in der Katechese, wie ich bei vielen Vorträgen und Seminaren erfahren musste. Vergebung muss auch bei den Missbrauchsopfern ein Thema werden, um deren Seelenheil willen.

Weiterführendes - z.B. was ist Vergebung, wie "macht " man Vergebung, was muss ich als katholischer Christ bei der Vergebung alles beachten , was bewirkt Vergebung für die Gesundheit von Seele und Leib - findet sich in meinem kleinen Büchlein; "Vergebung - ein Arzneimittel ohne Risiken und ohne Nebenwirkungen"

Prof. Dr. med. Helmut Renner war 32 Jahre lang Chefarzt der Abteilung Strahlentherapie und Leiter der Klinik für Radio-Onkologie in Nürnberg. Seit seinem Ruhestand 2008 ist er ein gefragter Referent im In- und Ausland, vor allem zum Schwerpunktthema „Vergebung“. Er lebt in Luzern.

kath.net-Buchtipp
Vergebung
Ein Arzneimittel ohne Risiken und ohne Nebenwirkungen
Von Helmut Renner
Hardcover, 144 Seiten
2017 Danielis
ISBN 978-3-936004-13-7
Preis Österreich: 13.30 EUR

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