17 September 2019, 10:40
„Weit ist die weltliche Denkart in die Kirche selbst eingedrungen“
 
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Salzburger Erzbischof Lackner: „Mit Themen wie Hierarchie, letzte Verantwortung vor Gott, Treue zur Berufung und Kirche, stehen wir – mit Jesus – am Abgrund.“ – Seine bemerkenswerte Predigt im Wiener Stephansdom in voller Länge

Salzburg (kath.net/Erzbistum Salzburg) kath.net dokumentiert die Predigt des Salzburger Erzbischofs Franz Lackner im Wiener Stephansdom zur Maria Namenfeier am 14.9.2019 in voller Länge:

Liebe Brüder und Schwestern!
Auf meinem geistlichen Weg wurden mir lange Jahre des Studiums, der Reflexion und des kontemplativen Lebens geschenkt. Ich habe vom Anfang meiner Bekehrung an das Gespür gehabt, ein betender Priester zu werden. Ich kann auch heute noch sagen: was mich in den Stürmen der Zeit beruhigt, ist das Gebet, vor allem das Rosenkranzgebet. Als Soldat auf Zypern habe ich dieses Gebet neu beten gelernt. Bis auf den heutigen Tag gehört es zu meinem täglichen Leben. Mein treuer Wegbegleiter in der Bewältigung eigener Probleme wie auch jener von Zeit und Kirche. Der Glaube ist vielen Bedrängnissen ausgesetzt. Mit dem Hl. Apostel Paulus können wir sagen: „Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben, … wir wissen weder ein noch aus…“

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Ich weiß nicht, wie es Euch geht, ich sehne da nicht selten das versprochene Kommen unseres Herrn Jesus Christus herbei; wie es der vorletzte Satz in der Hl. Schrift sagt: „Ja, ich komme bald. – Amen, Komm, Herr Jesus!“

Die Sehnsucht nach dem direkten Eingreifen Gottes war, so glaube ich, zu allen Zeiten da. Auch heute ist es bei tief religiösen Menschen so, aber für die Masse schaut es anders aus. Wir leben in einer weithin Gott-losen Zeit. Schon das Wort „Gott“ hat bei vielen Menschen die Bedeutung, v.a. aber die Verbindlichkeit verloren. Es wird verdrängt vom Wort „Mensch“, wobei ausschließlich der Mensch in der Mitte seines Lebens gemeint ist; der produktive, konsumierende Mensch, nicht jedoch der kranke, alte, der flüchtende und auch der ungeborene Mensch. Um diese Menschen geht es heute vordergründig nicht. Obwohl in unserer Zeit so viel vom Menschen die Rede ist, haben wir allerdings das Menschsein im Sinne Jesu verloren, so wie er es uns vorgelebt hat. In der Lesung konnten wir hören: „Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen.“

Die Erniedrigung Gottes hat die Erhöhung des Menschen zur Folge. Ein Mensch hat das auf einzigartige Weise verstanden: Maria, dieses jüdische Mädchen ist eine – fast möchte ich sagen – kongeniale Entsprechung zur Menschwerdung Gottes. „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie Du gesagt hast.“ So beten wir täglich im Engel des Herrn. Von diesem göttlich-menschlichen Gnadenereignis war die Atmosphäre des Hauses Nazareth geprägt. Das gilt es mit zu bedenken wenn wir in der Lesung gehört haben: „Sein Leben war das eines Menschen.“ Maria ist ganz Magd dieses Menschseins Gottes. Über 30 Jahre lang geschah dies in der Verborgenheit von Nazareth. Jesu Leben eingetaucht in ein äußerlich ganz normales, in keiner Weise über die anderen herausragendes Leben Jesu. Wie gewohnt, heißt es beim Evangelisten Lukas, ging er am Sabbat in die Synagoge. Wahrscheinlich lernte er dort auf Gott aufzuschauen, denn es heißt sehr oft von Jesus: „Er erhob seine Augen zum Himmel und betete…“ Die Menschen damals konnten bestimmt sein Zeugnis des Glaubens und des Lebens hautnah spüren. Nur: Was hat sich in Folge in Nazareth ereignet? Als Jesus nämlich aussprach, wer er eigentlich ist; wozu er gekommen ist; nämlich ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen, da heißt es: Und sie lehnten ihn ab. Weil sie meinten ihn zu kennen. Und nicht nur das. Sie wollten ihn auch gleich töten; einem hohen Berg hinabstürzen. Neben dieser Absturzstelle, so heißt der Berg, ist ein zweiter Hügel, der Tradition nach Hügel des Schweigens genannt. Die Legende besagt: Dort sei Maria schweigend und bangend gestanden und habe dem wütenden Treiben zuschauen müssen. Ein weiterer Anklang an ihr Stehen unter dem Kreuz.

Liebe Brüder und Schwestern: Nazareth und Europa liegen nah beisammen. Wie Nazareth ohne Jesus nicht denkbar ist, so gilt gleiches für Europa. Von Goethe soll das Wort stammen: „Europa sei auf dem Jakobsweg entstanden.“ In der Tat ist es so, dass Christentum das Werden Europas wesentlich mitbestimmt. Denn: Wer waren die ersten die Krankenhäuser und Schulen gegründet haben? Und in wessen Namen ist das geschehen? Es waren Männer und Frauen, tief von Gott berührt, die aus dieser Berührung heraus in eine Welt voller Nöte blickten, um dann Werke der Barmherzigkeit umzusetzen. Wem verdanken wir die Menschenrechte, auf die wir heute alle so stolz sind? Diese entstammen einer großartigen Begegnung von jüdisch-christlichem Denken mit dem der griechischen Philosophie. Nicht zu vergessen sind die Missionen, die im Namen Jesu von Europa ausgegangen sind. Davon wird heute allgemein üblich eher negativ gesprochen. Ich treffe immer Missionare, die auf Heimaturlaub kommen und berichten, wie von der medialen Welt weithin unbekannt, sie für Menschen da sind und Hoffnung geben. Ich werde manchmal gefragt, wie es denn zu verstehen sei, dass Jesus einmal gesagt habe, wir würden Größeres tun als er den Menschen getan hat. Ich antworte darauf. Es stimmt, wir können heute in gewisser Weise Größeres tun. Denken wir nur an das, was das Gesundheitswesen zu leisten vermag; die Lebenserwartung heute ist ungleich höher als damals. Der Mensch vermag heute sehr viel. Auch im technischen Bereich. Mit einem Unterschied allerdings. Dafür dankt man nicht Gott, sondern dem Menschen.

Aber wo stehen wir heute? Leidet der Mensch heute nicht mehr an Sinnlosigkeit als wir es von früheren Zeiten kennen? Wird nicht auch die Kirche – und sie ist bei all ihrer Gebrechlichkeit Sakrament Gottes – von den Marktplätzen dieser Welt vertrieben? Die Kirchenaustrittszahlen sind horrend; Die Majorität der Bevölkerung gebärdet sich anti-christlich. Hohe Werte wie Ehe, Familie zwischen Mann und Frau, Leben als göttliche Gabe von seinem Anfang bis zum gottgewollten Ende, werden eingeebnet. Es darf keine Unterschiede geben. Das ist Diskriminierung. Wer gegen Abtreibung auftritt, für den ist in der Mitte der Gesellschaft kein Platz mehr. Weit ist die weltliche Denkart in die Kirche selbst eingedrungen. Mit Themen wie Hierarchie, letzte Verantwortung vor Gott, Treue zur Berufung und Kirche, stehen wir – mit Jesus – am Abgrund.

Aber wir sind nicht allein. Der Hl. Papst Johannes Paul II hat den Menschen in seiner ersten Ansprache den Menschen zu gerufen: „Fürchtet euch nicht, öffnet Christus die Tore.“ Jesus ging durch die Menge hindurch, die ihn den Berg herunter stürzen wollte, und ging weg. Daraus dürfen wir Zuversicht und Hoffnung schöpfen.

Wir sind nicht allein, heute wenn wir das Fest der Kreuzerhöhung feiern. Mit Maria stehen wir unter dem Kreuz. Für sie war der Aufblick auf den Gekreuzigten noch nicht ein Aufblick zum Erhöhten. Wir dürfen hingegen glaubend wissen, der Herr ist wahrhaft auferstanden. Gott hat ihn erhöht und das Kreuz zum Abbild der unendlichen Liebe Gottes zu Menschen gemacht.

Liebe Brüder und Schwestern, der Hügel des Schweigens, auf dem Maria einst hoffend, bangend auszuharren hatte, ist auch unser Hügel, jedoch mit verändertem Namen: Es ist dies der Hügel des Gebetes. Es ist kein einsamer Ort mehr. Mit Maria vereint erheben wir unsere Augen zum Erhöhten Herrn. Der Diener Gottes P. Petrus Pavlicek hat uns das Rosenkranzgebet so sehr ans Herz gelegt. Folgen wir seinem Rat mit aufrichtigem und reinem Herzen.

Denn: „Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten.“ (Jak 5,16), so heißt es in der Hl. Schrift. Gott wird unser Flehen erhören.
Amen

Archivfoto Erzbischof Lackner (c) Erzbistum Salzburg

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