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Tagung: Bis zu einer Million Kryptochristen in der Türkei

26. September 2019 in Weltkirche, keine Lesermeinung
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Lage der christlichen Minderheit in der Türkei stand im Mittelpunkt der Jahrestagung der "Initiative Christlicher Orient" in Salzburg


Salzburg-Linz (kath.net/KAP) In der Türkei dürfte es bis zu einer Million Kryptochristen geben. Das war eines der Themen, das auf der diesjährigen Jahrestagung der Initiative Christlicher Orient (ICO) in Salzburg diskutiert wurde. Beim Völkermord an den Christen 1915 mussten zahlreiche im Osmanischen Reich lebende Armenier, syrisch-orthodoxe und griechisch-orthodoxe Christen - vornehmlich Kinder und Frauen - zwangsweise zum Islam konvertieren. Manche konvertierten auch freiwillig, um nicht ermordet zu werden. Vielfach wussten die Kinder und Kindeskinder der "Konvertiten" nichts von ihrer Herkunft, in anderen Familien wurde das Geheimnis streng gehütet und christliche Traditionen weiter heimlich gepflegt.

Nun würden sich aber immer mehr Nachkommen dieser "Konvertiten" auf die Suche nach ihrer eigenen Identität machen, wie etwa der aus Istanbul stammende armenisch-deutsche Theologe Hacik Rafi Gazer in seinem Vortrag anmerkte. Gazer ist Professor für "Geschichte und Theologie des Christlichen Ostens" an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Wie die Salzburger Armenien-Expertin Jasmin Dum-Tragut ergänzte, könnte es zudem in Deutschland bis zu 300.000 Krypto-Armenier geben, und in Österreich zumindest einige hundert. Viele jener Muslime, die derzeit zum Christentum konvertieren, würden sich aus jenen Gruppen speisen.

Gastarbeiter waren auch Christen

Dum-Tragut ging in ihren Ausführungen vor allem auf die Geschichte der aus der Türkei stammenden Armenier in Österreich ein. Deren Geschichte beginnt im 17. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert gab es zwei Ausreisewellen aus dem Osmanischen Reiche bzw. der Türkei. Zum einen jene nach 1915 im Zusammenhang mit dem Völkermord, zum anderen befanden sich unter den Gastarbeitern in den 1960er und 1970er Jahren auch sehr viele Armenier und (syrisch-aramäische) Christen. Diese litten u.a. auch darunter, dass sie in Österreich oder Deutschland als Türken angesehen wurden.


Selbiges konstatierte die in England lehrende österreichische Sozialantropologin Heidi Armbruster über die aus der Türkei ausgewanderten syrischen-orthodoxen Christen. In ihren Feldforschungen bei den Menschen in der Dispora seien stets die Erfahrungen vom Verlust der Heimat, der Familie und zum Teil auch der eigenen Identität im Mittelpunkt gestanden. Viele Christen hätten sich auch schwer getan, sich in der säkularen westlichen Welt zurecht zu finden.

Trotzdem hätten sich die syrischen Gemeinschaften inzwischen längst konsolidiert, so Armbruster. Eine wesentliche Rolle habe dabei auch die Kirche gespielt, die gerade auch in der Diaspora für die Identität der Menschen von besonderer Bedeutung sei. Gab es in den 1970er Jahren erst zwei syrisch-orthodoxe Diözesen in Europa, so sind es gegenwärtig bereits sieben.

Freilich verlief der Prozess nicht friktionsfrei. So hätten sich innerhalb der ausgewanderten syrisch-orthodoxen Christen zwei Gruppierungen herausgebildet: jene, die sich selbst als "Assyrer" bezeichnen, und jene der "Aramäer", wobei erstere sich eher säkular verstehen und auch andere Christen der syrischen Tradition miteinschließen.

Spaltung der türkischen Gesellschaft

Der langjährige Direktor des St. Georgs-Kollegs in Istanbul, Franz Kangler, ortete in seinen Ausführungen bei der Tagung u.a. eine zunehmende Spaltung der türkischen Gesellschaft: in eine westlich und säkular orientierte Schicht, die vor allem in Istanbul und an der Westküste des Landes zu finden sei, und jene große und eher eher ländliche Bevölkerungsgruppe, die sich bisher als benachteiligt erlebt habe und zu den deklarierten Anhängern der AKP bzw. von Präsident Recep Tayyip Erdogan gehöre.

Kangler berichtete auch von neuen Herausforderungen für die Kirchen in Istanbul. So gebe es etwa zunehmend Christen aus Asien und Afrika, mit einer ganz eigenen Spiritualität. "Darum müssen wir jetzt auch unsere Gottesdienste etwas charismatischer gestalten, damit uns diese Gläubigen nicht zu den evangelikalen Kirchen davonlaufen", so Kangler wörtlich.

Der Ordensmann erinnerte an die lange Tradition des St. Georgs-Kolleg in Istanbul, ließ durchblicken, dass die Schule aktuell auch mit so manchen Problemen zu kämpfen habe, man aber trotzdem optimistisch in die Zukunft blicke. Die Geschichte des St. Georgs-Kolleg reicht bis in die Spätzeit des Osmanischen Reiches (1882) zurück. Die Einrichtung wird als Auslandsschule von der Republik Österreich gefördert. Drei Viertel der Fächer werden auf Deutsch unterrichtet, ein Viertel auf Türkisch. Derzeit unterrichten 35 österreichische Lehrer an der Schule.

Schulerhalter des St.Georgs-Kolleg ist die Ordensgemeinschaft der Lazaristen mit Sitz in Graz. P. Kangler ist zeichnungsberechtiger Bevollmächtigter des Schulerhalters in der Türkei. Er war in den Jahren von 1983 bis 2010 auch als Direktor der Schule sowie von 1983 bis 2015 als Superior tätig.

Christen werden diskriminiert

Weitere Themen, die auf der ICO-Tagung diskutiert wurden, waren u.a. die politische und rechtsstaatliche Situation in der Türkei. Für die Kirchen im Land ist es weiterhin ein großes Problem, dass sie keinen eigenen Rechtsstatus als juristische Person haben, zudem darf keine Kirche mehr eine eigene Priesterausbildungsstätte führen. Immer noch gibt es auch unzählige Prozesse, in denen gegen ungerechtfertigte Enteignung von Kirchenbesitz durch den türkischen Staat angekämpft wird. Schließlich würden die Christen im Land auch im Alltag auf vielerlei Weise diskriminiert, hieß es weiter. So sei es etwa undenkbar, dass ein Christ als Richter eingesetzt wird oder in den Polizeidienst treten darf. Stimmen im Land, die sich für mehr Rechte für die Minderheiten stark machen, müsse man derzeit mit der Lupe suchen, so der Tenor.

Prominente Teilnehmer der ICO-Jahrestagung, die am Dienstag im Salzburger Bildungshaus St. Virgil zu Ende ging, waren u.a. der Salzburger Erzbischof Franz Lackner, der für die Niederlande zuständige syrisch-orthodoxe Bischof Mor Polycarpus, der Erzbischof der syrisch-orthodoxen Erzdiözese Mardin in der Südosttürkei, Mor Philoxenos Saliba Özmen und die frühere österreichische Botschafterin in der Türkei, Heidemaria Gürer.

ICO-Festgottesdienst

Die beiden syrisch-orthodoxen Bischöfe waren auch Ehrengäste beim Festgottesdienst am Dienstagabend in Linz, mit dem das 30-Jahr-Jubiläum der ICO begangen wurde. ICO-Obmann Slawomir Dadas und der Linzer Altbischof Maximilian Aichern dankten dabei in besonderer Weise ICO-Gründer Prof. Hans Hollerweger für dessen Engagement für die Orient-Christen. Hollerweger seinerseits erinnerte an die Anfänge des Hilfswerks 1989, als er bei einer Reise in den "Tur Abdin" in der Südosttürkei die Not der letzten verbliebenen Christen hautnah erlebte und einfach reagieren und agieren musste.

Der Jubiläumsgottesdienst fand in der Kirche der Marienschwestern (Friedensplatz 1) statt, wo die ICO auch jeden Monat zum Gebet für die verfolgten Christen einlädt. Die nächsten Termine: 3. Oktober, 7. November, 5. Dezember, jeweils um 19 Uhr.

Die "Initiative Christlicher Orient" unterstützt seit 30 Jahren die Christen im Orient. Allein 2018 konnten 670.000 Euro für Hilfsprojekte in Syrien, im Irak, in Jordanien, Libanon und in Palästina aufgewendet werden. (Infos: www.christlicher-orient.at)

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