25 Oktober 2019, 12:00
Kontur und Klarheit – eine Bitte an die Kirche
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"Wir, deine verirrten Kinder, bitten Dich um deine Festigkeit, um dein eindeutiges und starkes Wort." BeneDicta am Freitag von Gudrun Trausmuth

Wien (kath.net)
Nichts Schöneres als ein purpurrotes Ahornblatt. Nichts Zarteres und Feineres als der feingesponnene Morgentau über den Wiesen, nichts Glatteres und Anziehenderes als eine braunglänzende Kastanie. Die Astern in ihren Feuerfarben. - Ehe der Winter Konturen und Farben schwächt, noch einmal die große Feier des schmerzhaft-glühenden Lichts, die Symphonie einer großen Leidenschaft. Mein Herbst.

„Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß“, Rilkes Gedicht, das fast im Ton eines Gebets beginnt, ist die notwendige, ja, in seiner Ermutigung dynamisierende Einstimmung in das Ende der schönen Jahreszeit; dem Verfall und der Endlichkeit wird – nicht ohne Melancholie – willig entgegengegangen. Wird einerseits eine letzte Ekstase beschworen „Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;/ (…) dränge sie zur Vollendung hin und jage/ die letzte Süße in den schweren Wein.“, so ist doch die Gewissheit des herannahenden Winters mit der Warnung des Versäumnisses verknüpft. Kalt und gnadenlos dräut das „Zu spät“: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr,/ wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,/ wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben/ und wird auf den Alleen hin und her/ unruhig wandern, wenn die Blätter treiben“ Was kraftvoll- zuversichtlich begonnen hat, mündet in einsamer Bedrückung und Verlorenheit.

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Treue Abbilder der Doppelgesichtigkeit des Herbstes, schwanken die Herbstgedichte zwischen Lob der herbstlichen Herrlichkeit und Sich-Verlieren im zu Ende Gehenden, Konturlos-Nebeligen. „Seltsam, im Nebel zu wandern!“ kündet Hermann Hesse, greift die Verwunderung - gleichsam zurückirrend an den Beginn – auch in der Schlussstrophe wieder auf und setzt tastend fort „Leben ist Einsamsein. /Kein Mensch kennt den andern,/Jeder ist allein.“ Auch die sprachgewaltige Ida Friederike Görres trifft in „Oktober-Ende“ in die Mitte herbstlicher Melancholie: „Wald versank in laues Nebenschweben,/ Haus und Baum sind wallend überdeckt. Was soll Kampf, was soll mir Wunsch und Streben? Schwermutsvoll dem Ende hingegeben, fleht die Erde, daß sie keiner weckt.“

Das graue, nebelalte Herbstgesicht als Chiffre für unsere Zeit? Mit seinem Auflösen aller Konturen, dem Zerfließen von Gestalt und Form, dem egalitären Bedecken des Erhabenen und Profilierten, dem Ignorieren des Unterscheidenden, der klärenden Differenz, beschreibt das Undurchdringliche eine Grundstimmung dieser Tage: „Kein Mensch kennt den andern,/Jeder ist allein.“ Leuchttürme, Lichter, Leitschienen gibt es kaum mehr, der große Hauptstrom der veröffentlichten Meinung rauscht und tobt sie hinweg – am Wasser ist der Nebel dicht.

Eine Hoffnung gilt es. Ihr Zeichen sind zwei hart aufeinandertreffende Balken. Der rechte Winkel, den Horizontale und Vertikale des Kreuzes aufschlagen, bildet die Gegenfigur par excellence zum Gestaltlos-Verschleierten. Doch hat sie noch eine Stimme, die dieser zeichenhaften Klarheit entspricht? Denn müde und kraftlos soll die Stimme der Kirche gemacht werden, eingeschüchtert durch das Geschrei vom großen Strom.

Bedrängt von allen Seiten, läuft sie, die Schöne und Treue, in Gefahr, sich im Nebel zu verlieren, wegzulaufen vom Kreuz, das ihr Halt ist und von dem aus sie allein Halt zu geben vermag. Bleib steh’n, möchte man ihr zurufen, sei der gerade Weg! Du allein kannst noch Stimme sein, die scheidet wie ein Schwert, die orientiert, die hält und führt. Weiche nicht aus, stelle dich dem Kampf, sei die feste Stimme der Klarheit.

Du einzige Starke, du Einzige, die hart sein darf, weil du auch die unendliche Barmherzigkeit kennst. Kein halbes „ja, aber …“, sondern „fiat“ sei dein Wort. Wir, deine verirrten Kinder, bitten Dich um deine Festigkeit, um dein eindeutiges und starkes Wort, denn das allein kann noch Lichtschneisen schlagen in das Grau, kann Weg ziehen durch Sumpf und Moor, ist selbst Weg. Ja, unsere Mutter, verkünde es, sag es der verirrten Erde: „Auf mir ziehen die Jahrtausende zu Gott! .... Siehe, die Straßen, die von deinem Munde führen, sind Straßen ins Jenseits“ (le Fort: Hymnen an die Kirche) - Mutter Kirche, wir Schwankenden und Treulosen, wir bitten dich, die Du Deine Stärke von Ihm empfängst, um deine große Treue.

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