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Vertiefung statt Horizontalisierung des Glaubens

14. November 2019 in Kommentar, 2 Lesermeinungen
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„Wir alle sollten sehr vorsichtig sein, eigene Überlegungen in einem Zusammenhang mit dem Wirken des Heiligen Geistes zu sehen oder mit diesem zu identifizieren.“ Gastbeitrag von Thorsten Paprotny


Hannover (kath.net) Politischen Charakter haben offene Briefe in jedem Fall. Diesen Weg wählten am 5. November auch zehn Generalvikare deutscher Diözesen. Sie plädierten für die bekannten Strukturreformen, beriefen sich auch auf das Wirken des Heiligen Geistes und appellierten beherzt: „Wir haben dabei die grundlegende Erfahrung gemacht, dass es möglich ist, im Vertrauen auf den Hl. Geist, die Wirklichkeit von Kirche und Gesellschaft vorbehaltlos anzuschauen und über notwendige Veränderungen angstfrei nachzudenken. Unsere Erfahrung ermutigt uns in dem Vertrauen, dass Gottes Geist größer und weiter ist als das je eigene Denken und die je eigene Perspektive. Darum appellieren wir an alle Mitwirkenden und Beteiligten des Synodalen Weges, aber auch an alle verantwortlichen und engagierten Gläubigen in unserer Kirche, das Wirken dieses Geistes nicht voreilig einzugrenzen.“

Skeptiker und Kritiker des „Synodalen Weges“ könnten darauf erwidern, dass die nachdenkliche oder vorbehaltlose Zustimmung zu manchen Entwicklungen in der Gesellschaft und die Anpassung der Lehre der Kirche daran vielleicht nicht mit dem Wirken des Heiligen Geistes identifiziert werden sollte. Wer von uns verfügt über die Gabe, die „Wirklichkeit“ auch nur des Mitmenschen „vorbehaltlos anzuschauen“? Wenn von den Generalvikaren „notwendige Veränderungen“ angesprochen werden, dann scheinen diese ja bereits festzustehen und als unverzichtbar anerkannt zu sein. Muss über das, was als „notwendig“ schon identifiziert ist, überhaupt noch „angstfrei“ nachgedacht werden? Gottes Geist sei größer als das je eigene Denken – das klingt zunächst demütig. Wenn es so gemeint ist, müsste doch sogleich gefragt werden, wie denn engagierte Kleriker und Weltchristen imstande sein könnten – durch ihre kritischen Reflexionen zum „Synodalen Weg“ etwa, gedacht seien an ebenso notwendigen wie nachdenklichen Worte von Kardinal Woelki und Bischof Voderholzer –, „das Wirken dieses Geistes … voreilig einzugrenzen“? Wir alle sollten vor allem sehr vorsichtig sein, eigene Überlegungen in einem Zusammenhang mit dem Wirken des Heiligen Geistes zu sehen oder mit diesem zu identifizieren.


Pater Engelbert Recktenwald hat in dem Beitrag „Ist in der Kirche noch Platz für den Glauben?“ kritische Fragen formuliert: „Die Generalvikare bitten darum, auf den Vorwurf mangelnder Rechtgläubigkeit zu verzichten. Bedeutet das, dass man die Leugnung des Dogmas von der päpstlichen Unfehlbarkeit für rechtgläubig halten muss? … Vor einigen Jahren wurde in anderem Zusammenhang aus den Reihen der deutschen Bischofskonferenz laut verkündet, dass das Zweite Vatikanische Konzil nicht verhandelbar sei und es für Menschen, die es ablehnen, keinen Platz in der Kirche gäbe. Gilt das nun nicht mehr?“

Erinnern möchte ich an eine Episode, die Kardinal Joseph Ratzinger 1997 in seinen Lebenserinnerungen berichtete. Sein Doktorvater Gottlieb Söhngen sprach sich 1949 leidenschaftlich gegen die Möglichkeit des Dogmas der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel aus. Als ihn ein protestantischer Kollege fragte, ob er nicht, wenn das Dogma komme, aus der Kirche austreten müsse, erwiderte Söhngen: „Wenn das Dogma kommt, dann werde ich mich daran erinnern, daß die Kirche weiser ist als ich, und ihr mehr vertrauen als meiner eigenen Gelehrtheit.“ Im Credo bekennen wir uns zur Kirche aller Zeiten und Orte. Sich das im Gebet Tag für Tag neu zu vergegenwärtigen und diese eine, heilige, katholische und apostolische Kirche immer mehr zu lieben, könnte vor einer Horizontalisierung des christlichen Glaubens schützen und uns zu Glaubensvertiefungen zu ermutigen.

Dr. Thorsten Paprotny lehrte von 1998-2010 am Philosophischen Seminar und von 2010 bis 2017 am Institut für Theologie und Religionswissenschaft der Leibniz Universität Hannover. Er publizierte 2018 den Band „Theologisch denken mit Benedikt XVI.“ im Verlag Traugott Bautz und arbeitet an einer Studie zum Verhältnis von Systematischer Theologie und Exegese im Werk von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.

kath.net-Buchtipp
Theologisch denken mit Benedikt XVI.
Von Thorsten Paprotny
Taschenbuch, 112 Seiten
2018 Bautz
ISBN 978-3-95948-336-0
Preis 15.50 EUR

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Lesermeinungen

 lesa 14. November 2019 

Die Kirche lebt!

Danke für diesen wie immer sehr hilfreichen, klärenden Beitrag. Es ist so schön, wie gerade in dieser Not der Kirche Menschen beweisen, dass der auch Geist der Unterscheidung in ihr lebendig ist.


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0
 
 Authentisch 14. November 2019 

Danke! Wunderbarer Beitrag wieder von Ihnen, sehr verehrter Herr Paprotny,

diese Worte zeugen davon, dass die Unterscheidung der Geister wichtig ist, ja ELEMENTAR!
Beten wir!
Ich weiß, dass ich Gebet brauche! Das Gebet, das demütig bittet, dass wir das Rechte, das Richtige erkennen dürfen. Dass wir immer den Willen Gottes suchen - und finden, erkennen dürfen.


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