22 November 2019, 09:00
Röhls Papstfilm „Verteidiger des Glaubens“ ist eine Verdachtsrecherche
 
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Offener Brief November 2019 an den Limburger Bischof Bätzing zur Bewerbung des Films über Papst Benedikts XVI. durch das Bistum Limburg. Gastbeitrag von Gabriele Freudenberger

Limburg (kath.net) Sehr geehrter Herr Bischof Bätzing,
das Bistum Limburg hat kürzlich auf seiner Internetseite den Film von Christoph Röhl „Verteidiger des Glaubens“ vorgestellt. Der Anlass war die Vorpremiere des Streifens im bistumseigenen Haus am Dom in Frankfurt. Der Beitrag stellt zentrale Filmthesen dar:

- Ratzinger habe sich vom jungen Kirchenerneuerer zum konservativen Erhalter der katholischen Glaubenslehre gewandelt.

- Der Film zeige Ratzingers Rolle beim Aufbau des vatikanischen Machtsystems. Der Papst habe damit zum Vertrauensverlust bei den Gläubigen beigetragen, unter dem die Kirche seit seinem Pontifikat leide.

- Von den engsten Beratern und Vertrauten Ratzingers wären „viele“ in die Verschleierung der globalen Missbrauchskrise und in Korruptionsskandale verwickelt gewesen.

Das sind ungeheuerliche Vorwürfe, die ein „kirchenferner Atheist“ (Selbstbezeichnung von Röhl) dem Papst und dem Papstamt anlastet: Machtstreben, vatikanisches Machtsystem, Korruptionsskandale, Missbrauchsvertuschung im globalen Maßstab… Ich bin erschrocken darüber, dass das Bistum und Sie als Verantwortlicher unkritisch und kommentarlos solche Filmbeschuldigungen verbreiten, mit denen seit Jahren antikirchliche Medienkreise aggressiv auf Kirche und Papst einschlagen.

Nach den Interviewäußerungen des Filmautors in verschiedenen Medien ergeben sich folgende Einschätzungen und Einordnungen für den Röhl-Film:

1. Mediale Skandalisierung des Benedikt-Pontifikats

Das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. wurde von Anfang an von Journalisten und links-liberalen Theologen skandalisiert. Das begann mit seiner Wahl im April 2005. Britische Boulevard-Blätter verrissen den neuen Papst als „Panzerkardinal“ oder „Gottes Rottweiler“. Amerikanische und deutsche Medien wie die taz beuteten die Zwangsmitgliedschaft des jungen Josef Ratzingers in der NS-Zeit aus zu einem nazi-affinen Propaganda-Coup – etwa mit der Titelzeile; „Vom Hitlerjungen zum Papa Razi“.

2006 hielt Benedikt in seiner früheren Universität Regensburg eine prophetische Rede, in der er vor dem Gewaltpotential des Islams warnte. Was einige Jahre später in der Schreckensherrschaft des Islamischen Staates für alle Welt sichtbar wurde, konnte man auch vorher schon wissen. Aber damals empörte sich die gesamte Medienphalanx über die angebliche Intoleranz Ratzingers. Dabei begann nach der Papstrede der Dialogprozess mit Islamvertretern, indem diese die Papstkritik am islamischen Gewaltpotential und Defizite bei der Vernunftorientierung zum Anlass für Reflexion und Stellungnahmen nahmen.

Alle weiteren Äußerungen und kirchenpolitischen Maßnahmen des Papstes wurden zunehmend argwöhnischer beobachtet und bei kleinsten Anlässen medial skandalisiert. Viele Beispiele für „sprungbereite Feindseligkeit“ insbesondere deutscher Journalisten lieferte der Kölner Zeitungsredakteur Joachim Frank. „Die Rückkehr des Panzergenerals“ überschrieb er einen Kommentar auf der von der DBK subventionierten Seite katholisch.de. In seinem Hausblatt, dem Kölner Stadt-Anzeiger, nannte er Papst Benedikt einen hinterhältigen Giftmischer, der seine päpstliche Feder als Giftspritze missbrauche. Der verbissene Skandalschreiber Frank ist ehemaliger Priester und Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands.

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Ab 2010 versuchten die deutschen Medien verstärkt, hinter den bekanntgewordenen Missbrauchsfällen von katholischen Geistlichen den Papst als zentralen Vertuscher hinzustellen. Dazu berichtete der damalige SPIEGEL-Redakteur Matthias Matussek in der WELT vom 15. 6. 2011eine aufschlussreiche Geschichte: Er hatte zu dem Papstbuch von Peter Seewald eine positive Rezension geschrieben. Dafür wurde er vom stellvertretenden Chefredakteur abgemahnt mit den Worten: „Pass mal auf, wir haben 13 Leute an der Front, die versuchen, dem Papst Verwicklungen in den Missbrauchsskandal nachzuweisen. Da kannst Du doch nicht kommen und den Papst freisprechen!“ Verräterische Sprache: Mehr als ein Dutzend Journalisten wurden mit klarem Verdachtsauftrag an die „Front“ geschickt, um im Propagandakrieg gegen die Kirche dem Papst einen Skandal anzuhängen. Die Reporter mussten liefern. Und wenn sie keine belegbaren Fakten fanden, dann eben Beschuldigungen und Gerüchte. Die Journalisten des Hamburger Magazins sind darin Profis, auch VorSPIEGELeien im Stil von Tatsachenberichten zu verkaufen. So oder so blieben für die Öffentlichkeit die Schmutzspuren des medialen Dreckbeschusses an der weißen Papstsoutane haften.

2. Aus dem Geiste einer Verdachtsrecherche ist der Papstfilm „Verteidiger des Glaubens“ von Christoph Röhl entstanden.

Der Streifen wird als Ratzinger-Portrait beworben, ist aber ein einziger Verriss seines Lebens und Wirkens. Statt Dokumentation wird eine Ansammlung von negativen Meinungsäußerungen präsentiert durch eine selektive Auswahl von Papstkritikern als Interviewpartner. In seinem journalistischen Projekt lässt Röhl „alle journalistischen Standards außer Acht“, urteilt der Papstbiograph Peter Seewald: „etwa eine gründliche Recherche, eine ausgewogene Darstellung, die Orientierung an Fakten.“

Der Filmemacher Röhl stammt aus England, wo er zweisprachig aufwuchs, zur Schule ging und studierte. In der englischen Geschichte ist die Aversion gegen die Katholiken tief verankert. Aus dieser Tradition kommen zahlreiche polemische Schriften gegen Päpste und Kirche. Ein Beispiel ist das Buch von John Cornwell über Papst Pius XII. mit dem verleumderischen Titel „Hitlers Papst“. Nach der Leitidee des Autors hätte der Pius-Papst alle (Kirchen-)Politik seinem Ziel, die Macht des Papsttums zu stärken und zu zentralisieren, untergeordnet. Das klingt wie eine Blaupause für den Film von Röhl. Der ging ebenfalls von dem Ziel aus, Benedikt als „Symbolfigur“ für das autoritäre Machtsystem des Papsttums darstellen zu wollen. So habe Ratzinger die Macht des Lehramts schamlos ausgenutzt, um etwa die Befreiungstheologen persönlich zu „diffamieren, diskreditieren und desavouieren“, behauptet er in einem Interview des Deutschlandfunks. An diesem Beispiel zeigt sich die Voreingenommenheit des Filmautors. Hätte er nur einige der lehramtlichen Verlautbarungen und Dekrete vom Kardinal und Papst gelesen, dann wäre ihm klar geworden, dass Ratzinger stets um theologische und sachorientierte Argumentation bemüht war. Er hat sich nie auf das Niveau von Polemik und Beschimpfungen eingelassen, auf dem seine Kritiker reagierten – wie oben exemplarisch aufgezeigt. Es ist also das Gegenteil der Röhl-These richtig: Benedikts kirchenpolitische Gegner haben seine lehramtlich-theologische Kompetenz vielfach nicht akzeptiert und ihn regelmäßig mit Diffamierungen und Diskreditierungen angegriffen. Röhl schließt sich dieser Desavouierungsstrategie gegen Papst Benedikt an, indem er vorwiegend Kritiker zu Wort kommen lässt. Erzbischof Georg Gänswein, der persönliche Sekretär von Benedikt, sieht in der durchgehenden Präsentation von negativ gestimmten Papstkritikern die Absicht des Regisseurs, ein tendenziös-einseitiges Bild vom inzwischen emeritieren Papst zu vermitteln. Diese Sicht resultiert aus absurden Vorurteilen des kirchenfernen Filmautors: „Der Katholizismus zielt darauf ab, die Gedanken der Menschen zu kontrollieren“.

3. Der Film bestätigt Ratzingers Warnung vor der (medialen) ‚Diktatur des Relativismus’

Das beschriebene Vorgehensmuster kommt auch bei anderen Themen zum Tragen. So schließt sich der Filmemacher der in linkskatholischen Kreisen verbreiteten These an, Ratzinger habe sich von einem reformorientierten Konzilstheologen in Abwendung von den 68ern zu einem reaktionären „Verteidiger des Glaubens“ entwickelt. Freilich hatte sich der Theologieprofessor Ratzinger von den Exzessen des Neo-Marxismus’ und seinen Jüngern in der Befreiungstheologie distanziert. Davon war aber sein kirchenpolitischer Reformkurs im Kern nicht berührt. Das zeigte sich in seiner programmatischen Ansprache an Kardinäle und Kurie im Dezember 2005, in der er sein Konzilsverständnis als „Hermeneutik der Reform“ bei Kontinuität in der Lehre darlegte. Dieser auf die Päpste Johannes XXIII. und Paul VI. gestützte Konzilsdeutung konnten die linken Kirchenvertreter mit ihrer ‚Hermeneutik des Bruchs’ argumentativ wenig entgegensetzen – und so verlegten sie sich auf die Beschimpfung Benedikts als Reaktionär, was Röhl in seinem Film reproduziert.

Ein zentraler Vorwurf des Filmautors besteht darin, Benedikt habe in der Christus- und Christenlehre die absolute Wahrheit gesehen. Er „hat in seiner Person keine anderen Wahrheiten zugelassen“ und hätte deshalb „auch nicht mit der Realität umgehen können“. Insbesondere die „Wahrheiten der Opfer“ habe er nicht (an-)erkennen wollen. Mit diesen Interviewäußerungen zeigt Röhl seine Begriffsverwirrung: Er identifiziert Wahrheitsaussagen mit der Realität der Dinge sowie der Zuwendung zu Menschen. Seine Forderung vom Pluralismus von Wahrheiten in einer Person kann nur ein Schizophrener erfüllen. Ratzinger hat sich in vielen Schriften mit dem philosophischen Wahrheitsbegriff und theologisch mit dem Wahrheitsanspruch des Christentums auseinandergesetzt – stets auf der Grundlage einer historisch versierten und vernunftorientierten Argumentation in gedanklicher Präzision. Darin wurde der „Philosophen-Papst“ weltweit von Intellektuellen als Gesprächspartner geschätzt – wie etwa von Jürgen Habermas. Anscheinend hat Röhl sich nicht mit Ratzingers Schriften beschäftigt. Doch ein fünfjähriges Filmprojekt zum Portrait des Papstes Benedikt, ohne dessen Schriften zu berücksichtigen, kann nur defizitär sein. Und wenn der „kirchenferne Atheist“ keinen Zugang zu kirchlich-theologischer Literatur hat, dann hätte er sich bei dem großen Kreis von Ratzinger-Schülern in dessen Denken einführen lassen können. Doch von denen kommt kein einziger zu Wort, sondern eben nur eine Handvoll Kritiker.

4. Alpenländische Verzwergung eines großen Theologen-Papstes

Josef Ratzinger war als Professor, Konzilsberater, Bischof, Kardinal und Papst maßgeblich an der theologischen Forschung und Lehre beteiligt. Noch als Papst schrieb er in den Sommermonaten das dreiteilige Jesusbuch als sein theologisches Vermächtnis. Seine herausragenden theologischen Leistungen werden in dem Film mit keinem Wort gewürdigt. Stattdessen beschränkt sich der Filmautor darauf, aus den bayrisch-katholischen Folkloreszenen der Ratzinger-Familie die katholische Glaubenswelt des Papstes zu erklären, was zu grotesken Fehleinschätzungen führt: „Mein Ziel war, den Glauben darzustellen, was dieser Glaube bedeutet. Und das bedeutet halt: Heimat, Familie, nostalgische Erinnerungen an der Kindheit“ (Deutschlandfunk). Auf diese Weise kann man einen großen Theologenpapst zu einer alpenländischen Vorgartenfigur verzwergen. Der Autor sollte sein Glück mal als Heimatfilmer versuchen.

5. Antikirchlicher Eiferer will den Ruf von Papst Benedikt zerstören

Im letzten Teil beschäftigt sich der Film mit dem sexuellen Missbrauch in der Kirche. Röhl behauptet, Papst Benedikt habe in seinem Pontifikat keine Verantwortung übernommen für die Missbräuche von Klerikern und die Opfer nicht zu Wort kommen lassen. Das Bekanntwerden der sexuellen Übergriffe von Geistlichen hätte er als Gefahr und Angriff auf die Kirche gesehen. Deshalb habe er alles geheim gehalten, „alles vertuscht – das hat er getan“ – so der Filmautor im Deutschlandfunk. Die Vorwürfe und Verurteilungen sind nicht neu. Röhl wärmt nur die Beschuldigungen auf, die Theologen und Journalisten – unter anderem die 13 auf den Papst angesetzten SPIEGEL-Leute - in der Amtszeit des Papstes zusammengeschrieben hatten. Und das waren weniger die „realen Fakten“ (Röhl) als selbstverfestigte Verdächtigungen und Verurteilungen.

In Wirklichkeit führte Joseph Ratzinger in seiner Amtszeit als Kurienkardinal und Papst neue Maßstäbe für Aufklärung und Bestrafung von klerikalen Missbrauchstätern ein.

- Er setzte das Programm der Null-Toleranz in der Kurie durch. In den 90er Jahren waren bei übergriffigen Geistlichen auf Anraten von Psychologen meistens Therapiekurse verordnet worden. Das führte nach „erfolgreichen“ Kursbesuchen zu den katastrophalen Wiedereinsetzungen selbst von Serientätern in die Seelsorge.

- Es war das Verdienst Kardinal Ratzingers, schon 1988 auf die Schwächen der Kirchenrechtsanwendung durch die Diözesanbischöfe hingewiesen zu haben.

- Auf seine Initiative wurde 2001 das kirchliche Strafrecht zum sexuellen Missbrauch verschärft und in der Römischen Glaubenskongregation ein eigener Gerichtshof als zentrale kirchliche Untersuchungs- und Strafbehörde eingerichtet.

- Im Rahmen dieser Initiativen wurden in seiner Amtszeit knapp vierhundert Missbrauchspriester mit der kirchenrechtlichen Höchststrafe der Laisierung belegt und somit aus der Seelsorge entfernt.

- Ratzinger/Benedikt war nicht der vatikanische Bremser von Aufklärung und Strafen bei klerikalen Sexualvergehen, wie der Film behauptet. Im Gegenteil: Der Wiener Kardinal Schönborn bescheinigt ihm, dass er die Null-Toleranz-Maßnahmen gegen erheblichen Widerstand in der Kurie durchsetzen musste. Das gilt insbesondere auch für Ratzingers Vorgehen gegen den notorischen Sexualtäter Marcial M. Degollado. Erst nachdem er als Papst Benedikt die Macht dazu hatte, enthob er den Gründer der Legionäre Christi aller seiner Ämter.

- Schließlich ist die Behauptung infam, der Papst habe nie mit Missbrauchsopfern gesprochen. „Benedikt XVI. traf sich auf mehreren Reisen mit Opfern sexuellen Missbrauchs, insbesondere im September 2011 in Erfurt. Dieser Umstand wird verschwiegen, was den Film unseriös macht.“ (DBK-Pressemitteilung vom 31. 10. 2019).

Angesichts dieser von Röhl unterschlagenen Tatsachen ist dessen pauschale Verurteilung, Benedikt habe nur „alles vertuscht“, selbst-disqualifizierend für den Filmemacher. Seine Äußerung, er finde es „wahnsinnig wichtig“, das positive Bild des Papstes zu zerstören, zeigt ihn als antikirchlichen Eiferer.

Der Vorwurf, Benedikt habe zu wenig gegen Missbrauch in der Kirche getan, ist als allgemeine Beschuldigung wohlfeil. Doch im konkreten Vergleich mit seinem Nachfolger waren die Ansätze des emeritierten Papstes weitergehend: So ließ er im Oktober 2008 dem Missbrauchs-Kardinal McCarrick Sanktionen für ein zurückgezogenes Leben auferlegen. Der neue Papst ignorierte die Maßregelungen und machte den übergriffigen Prälaten sogar zu seinem Berater und Spitzendiplomaten. Franziskus hob Verurteilungen gegen erwiesene Missbrauchsgeistliche auf und entließ Mitarbeiter der Glaubenskongregation wegen deren strikter Rechtsanwendung.

6. Die Homo-Lobby führte im Hintergrund Regie

Christoph Röhl war einige Jahre als Englisch-Tutor an der Odenwaldschule tätig. Später erstellte er über das Missbrauchsinternat einen Film. In einem ZEIT-Interview nach den Parallelen zwischen der „eher linken Odenwaldschule und der erzkonservativen Kirche“ gefragt, meinte der Filmemacher, die libertäre UNESCO-Schule mit ihrer sexual-liberalen Reformpädagogik wäre im Kern genauso autoritär gewesen wie die katholische Kirche. Nach dieser Gleichung: ‚liberal = autoritär’ würden völlig gegensätzliche Systeme gleiche Ergebnisse hervorbringen – eine begriffs-absurde These.

Gegenüber solchen grobschlächtigen Verallgemeinerungen sind Untersuchungen von einzelnen Vergleichssektoren durchaus erhellend:

In der Kirche liegt der Anteil von männlichen Missbrauchsopfern bei 80 Prozent. Abzüglich der über zehn Prozent Opfer im vorpubertären Alter sind zwei Drittel der Übergriffe an geschlechtsreifen Jungen und Jugendlichen begangen. Noch höher liegt nur der Prozentsatz von missbrauchten Schülern der nachpubertären Phase in der hessischen Eliteschule.

Was ist der Grund dafür, dass allein in diesen beiden so verschiedenen Institutionen ein signifikant höherer Anteil von sexuellen Übergriffen an postpubertären Jungen vorkam als in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen wie in Vereinen, Familien, Nachbarschaften etc.?

In der Odenwaldschule wurden die meisten Missbräuche von homosexuellen Lehrern begangen. Bekannt wurden der schwule Direktor und ein Musiklehrer als Serientäter, tatsächlich wurden mehr als ein Dutzend homophile Pädagogen übergriffig. Auch für die Kirche ergibt sich die Evidenz, dass für den Zwei-Drittel-Anteil an männlichen geschlechtsreifen Missbrauchsopfern eine beträchtliche Anzahl von homosexuellen bzw. ephebophilen Klerikern verantwortlich ist. Das ist aus dem Pennsylvania-Report nachweisbar und wird auch durch eine europäische Studie erhärtet: Danach offenbarten sich 42 Prozent der kirchlichen Missbrauchstäter als homo- oder bisexuell. Aufgrund der Mehrfachtäterschaft ist dieser Homosexuellen-Anteil den zwei Drittel an postpubertären Missbrauchsopfern zuzuordnen. Ohne Berücksichtigung der relativ hohen Täterquote von homosexuell orientierten Klerikern kann eine transparente Aufklärung und Prävention in der Kirche nicht gelingen. Aber dieser Aspekt wird durchgängig von den Bischöfen, Theologen und Medien tabuisiert – selbstverständlich auch in dem Röhl-Film.

Papst Benedikt hatte am Ende seines Pontifikats eine Untersuchung zu den Seilschaften und Einflusswegen der Homo-Lobby im Vatikan angeordnet. Sein Nachfolger ließ die mehrhundertseitige Studie versenken und förderte sogar homosexuell kompromittierte Prälaten wie McCarrick, Ricca, Zanchetta u. a.

7. Verdopplung der Missbrauchszahlen in den Jahrzehnten nach dem Konzil und der sexuellen Revolution der 68er

Auch zu dem zeitlichen Schwerpunkt der Missbräuche gibt es aufschlussreiche Parallelen. In den 20 Jahren direkt nach der sexuellen Revolution der 68er explodierten die Missbrauchszahlen an der Odenwaldschule. Die 132 nachgewiesenen Missbrauchsopfer, geschätzt über 500, fielen in die Zeit, als die Grünen-Partei in Deutschland und die Creme der linken Philosophen in Frankreich die gesetzliche Erlaubnis zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen forderten. Diese Botschaften im Klima der sexuellen Revolution affizierten auch die (progressiven) Kleriker in Europa. Das Konzil hatte dafür in den 60er Jahren den Boden bereitet, indem es eine Öffnung der Kirche zu Welt und Zeitströmungen empfahl. Jedenfalls verdoppelten sich die kirchlichen Missbrauchszahlen in den beiden Jahrzehnten nach dem Konzil. Diese statistisch eindeutigen Ergebnisse lieferten die drei John-Jay-Studien. Dagegen versuchten links-liberale Journalisten und Theologen mit kapriziösen Interpretationsbemühungen aufzuzeigen, dass der horrende Missbrauchsanstieg gar nichts mit der libertären Sexualrevolution zu tun hätte. Als Papst em. Benedikt kürzlich auf den offensichtlichen Zusammenhang hinwies, fielen die einschlägigen Medien mit Härte und Häme über ihn her. Die Abstreitung von gesellschaftlichen Einflüssen auf die Kirche ist Teil der Strategie von Medien und Bischöfen, die Gründe für Missbrauch von Klerikern ausschließlich kirchlichen Systemfaktoren in die Schuhe zu schieben. Auf dieser Linie bewegt sich auch der Film über Papst Benedikt. Der Filmautor fokussierte sich nach eigenen Angaben zunächst auf systemische Dynamiken in der Kirche, um dann in der Filmausführung Papst Benedikt als personales Zentrum der angeblichen kirchlichen Missbrauchsvertuschung anzuschwärzen. Bei seinem Film zur Odenwaldschule hat Röhl dagegen die systemischen Missbrauchshintergründe in der links-liberalen Reformpädagogik fein ausgeblendet.

8. Deutsche Bischöfe auf dem Holzweg von Struktur-Ursachen

Die führenden DBK-Bischöfe haben ebenfalls die fatale Entscheidung getroffen, kirchliche Lehrtraditionen und Lebensformen wie Zölibat und biblische Sexualmoral als missbrauchsverursachend zu verdächtigen. Die meisten Bischöfe sehen die Missbrauchstaten in den Strukturen der Kirche verankert, ja sogar in der DNA der Kirche. Sie selbst, Herr Bischof Bätzing, haben behauptet, die ganze Kirche „muss“ sich als „Täterorganisation“ bezeichnen lassen, obwohl mit vier Prozent der übergriffigen Kleriker nur eine kleine Minderheit an den Missbräuchen beteiligt war.

Für die Selbstbeschuldigung des „Versagens der Kirche“ wird stets die MHG-Studie herangezogen. Die Untersuchung war allerdings nicht ergebnisoffen, wie das von einer wissenschaftlichen Forschung zu erwarten ist. In diesem Fall waren die späteren Empfehlungen schon im Exposé der Untersuchung als Zielorientierung eingebaut, so dass man aus dem vorgefassten Ansatz der Studie die Ergebnisse voraussagen konnte – nämlich die „spezifischen Strukturen innerhalb der Institution Kirche, die sexuellen Missbrauch befördert haben“. Man muss aus diesem Verfahren folgern: Da die DBK den besagten Forschungsansatz kannte, war nicht nur die Gesamt-Studie, sondern auch die angezielten Ergebnisse von den deutschen Bischöfen „beauftragt“.

Der Mediziner und Therapeut Manfred Lütz hat in einer kritischen Analyse die unwissenschaftlichen Methoden der MHG-Studie aufgezeigt, mit der die Autoren die erwarteten Auftragsergebnisse produzierten. In dem zweiten Teilprojekt etwa waren es zufällig ausgewählte Missbrauchstäter, die in empathisch-verständnisvollen Interviews ihre Entschuldigungsstrategien entfalten konnten: Sie selbst hätten an den Übergriffen keine oder nur wenig Schuld, sondern die Gesellschaft, die strenge katholische Sexualmoral und andere kirchliche Zwänge hätten sie in eine emotionale Dynamik zur Disposition für Missbrauchstaten gebracht. Mit dieser Abschiebung von Schuld auf kirchliche Strukturen versuchten die Missbrauchstäter sich als Opfer bemitleiden zu lassen. Die MHG-Forscher ließen sich kritiklos auf die Selbstexkulpierung der Täter ein. Damit wurde der ethisch-rechtliche Konsens ausgehebelt, nach dem „ein erwachsener Mann für seine Taten ausschließlich selbst verantwortlich ist“ (Lütz). In den Schluss-Folgerungen zu diesem MHG-Teilprojekt wird die Schuldverschiebung von den Tätern auf die Kirche in Empfehlungen gefasst. Offenbar waren viele der befragten Missbrauchskleriker homosexuell orientiert, die in den Interviews die Zwänge der kirchlichen Sexualmoral beklagten. Nur so ist es zu erklären, dass in dem Kapitel zu den Missbrauchstätern als einzige Erklärung aufgeführt wird: Die Haltung der katholischen Kirche zu Homosexualität habe zum Missbrauch von Minderjährigen beigetragen – mit der impliziten Aufforderung zur Änderung. Nach ähnlichem Erklärungsmuster wird dem Zölibat eine Teilschuld an den Missbrauchstaten von Klerikern zugeschoben. Lütz spricht von „unbelegten, aber populären Forderungen“. Die Medien und progressive Theologen schlachteten jedenfalls sofort nach Veröffentlichung der MHG-Studie diese Punkte aus. Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken stürzte sich darauf und forderte die Bischöfe auf, gemeinsam mit dem ZdK die Abschaffung des Zölibats und die Änderung der katholischen Sexualmoral voranzutreiben. Die DBK-Führung ging darauf ein mit dem Beratungskonstrukt des „synodalen Wegs“, bei dem nunmehr in zwei Gesprächskreisen die „Empfehlungen der MHG-Studie“ umgesetzt werden sollen. So schließt sich der Schwindel-Kreis: Die Bischöfe lassen sich durch eine Auftragsstudie pseudowissenschaftlich die Schuld von kirchlichen Strukturen an den Missbräuchen bescheinigen, um danach unter diesem Vorwand die schon länger angestrebten „Reformen“ als Anpassung an den Zeitgeist durchzudrücken.

9. Das urchristliche Anliegen von Kinderschutz im Kontext der Gesellschaft

Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey warnte Ende 2018 davor, Missbräuche als isolierte kirchliche Phänomene zu betrachten. Nach ihren Worten ist „sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ein gesamtgesellschaftliches Problem“: Rund eine Million Kinder und Jugendliche sind in Deutschland von Missbrauch betroffen. In jeder Schulklasse sitzen ein bis zwei Kinder, die Missbrauchserfahrungen gemacht haben. Angesichts dieser horrenden Dimensionen kann die Kirche nicht so tun, als wenn die 3677 Missbrauchsopfer, die die MHG-Studie für einen Zeitraum von 70 Jahren nennt, allein kirchlich-strukturell bedingt seien und damit völlig anders zu erklären wären als in der umgebenden Gesellschaft. Zwar ist und bleibt die Kirche als Stiftung Christi die una sancta, aber die Gläubigen und Kleriker sind stets auch sündige Menschen. Darin unterscheiden sie sich nicht von den Ungläubigen. Aus diesen Erkenntnissen sind Grundsätze für die Aufarbeitung der kirchlichen Missbrauchsfälle abzuleiten:

- Sexuelle Übergriffe von Klerikern und Laien sind in erster Linie als menschliches Versagen, in schwerwiegenden Fällen als Verbrechen und schwere Sünde anzusehen. Daraus folgen die Forderungen: Null Toleranz, moralische Ächtung und gerechte (kirchliche und weltliche) Bestrafung.
- Auch die Themen wie Täterstrategien und Vertuschung sowie Prävention und institutionelle Kontrollen sind nicht auf den kirchlichen Rahmen beschränkt. Sie sollten in der Kirche intensiv und vorbildlich für andere gesellschaftliche Institutionen angegangen werden, was teilweise schon geschieht.

- Erst zum Dritten sind die kirchenspezifischen Aspekte in den Blick zu nehmen- wie etwa die oben aufgezeigte hohe Täterquote von homosexuellen Klerikern, Missbrauch in pastoraler oder geistlicher Betreuung, klerikale Übergriffe in Nonnenorden etc. Wenn die Kirche in dieser Weise den Schutz der Kinder und die Abwehr von übergriffigen Tätern angeht, wird das für die anderen gesellschaftlichen Bereiche Ausstrahlung haben.

Die Kirche hat in der Bibel und ihrer Geschichte starke geistliche Ressourcen zu Achtung und Schutz der Kinder. Das beginnt mit verschiedenen Jesusworten: Wer Kinder aufnimmt, nimmt Jesus / Gott auf; die spirituelle Haltung des Kindwerdens und Kleinwerdens; der Geist echter Kindschaft vor Gott; schließlich das Fluchwort von den Mühlsteinen gegen Kindesverführer und Knabenschänder. Die Kirche hat vor Gott, von den Vorgaben der Bibel her und nach ihrem eigenen Selbstverständnis die Pflicht, Kinder vor Missbrauch zu schützen und Täter einer Strafe zuzuführen. Bei diesem Vorgehen kann sie sich an der frühen Kirche orientieren:

Die frühen Christen duldeten in ihren Reihen keine der antiken kinderverachtenden Praktiken wie Abtreibung, Aussetzung behinderter Kinder, Kinderverkauf an Menschenhändler zur Prostitution, Verpfändung von Kindern sowie in Homosexualität eingebettete Knabenliebe. Aus dem Geiste Christi sollte die Kirche die Missbrauchs-Verfehlungen von Klerikern und Laien streng ahnden. Aus der urchristlichen Wertschätzung von Kindern könnte sie dabei Vorbild sein für den Kinderschutz in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Pressefoto Bischof Bätzing (c) Bistum Limburg

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