22 Dezember 2019, 08:40
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O Heiland reiß die Himmel auf - von Juliana Bauer.

Mainz (kath.net)
„O Heiland, reiß die Himmel auf“ ist ein Adventslied, dessen Text seit 1622 publiziert und eindeutig dem Mainzer Jesuiten Friedrich Spee von Langenfeld (1591–1635) zugeschrieben wird. In dem genannten Jahr erschien der Text erstmals in der in Würzburg gedruckten katechetischen Liedersammlung „Das Allerschönste Kind in der Welt.“ Die Ähnlichkeiten des adventlichen Liedes und anderer Kirchenlieder mit seinen 52 geistlichen Gesängen in dem „kunstvoll zusammengestellten“ (Wikipedia) Band Trutznachtigall verweisen auf Spee als dessen Dichter.

Ein Jahr später wurde das Lied in das von Peter von Brachel publizierte Kölner Gesangbuch aufgenommen; die bis heute gesungene Melodie ist im Rheinfelsischen Gesangbuch, das in Augsburg erschien, 1666 zum ersten Mal belegt. Das Lied fand von da an rasch Eingang in katholische Liedsammlungen; in evangelischen Gemeinden wurde es erst um 1917 bekannt, jedoch nahm man es in das Evangelische Gesangbuch nicht vor 1950 auf. Heute findet sich das Lied im Gotteslob, im Evangelischen Gesangbuch wie auch in Gesangbüchern der evangelischen Freikirchen.

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O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
dass Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.

O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern;
o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.

Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland.


Das Lied thematisiert das grundlegende Leitmotiv des Advent: die Sehnsucht nach dem Erlöser, dem Erlöser des Menschen und der gesamten Menschheit.

Der historische Hintergrund des Textes stellt, wie für die Lyrik des Barock allgemein, der Dreißigjährige Krieg (1618-48) dar. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Liedes tobte der Krieg in deutschen Landen seit vier Jahren. Der Dichter und Theologe Spee formuliert daher die Erfahrung von Leid, Elend, Tod und den Ruf nach dem Erlöser, ohne den Text letztlich jedoch auf konkrete Orte und Zeiträume zu beziehen. So kann dieser auf jeden Ort sowie auf alle Zeiten übertragen werden.

Betrachten wir nun die einzelnen Strophen einmal etwas näher. Dabei möchte ich einigen Worten des Wittenberger Theologen Friedrich Schorlemmer folgen, der sich mit dem Lied in Predigten und Tonbandaufnahmen intensiv auseinandersetzte und es seinen Zuhörern in zutiefst fundierter und anschaulich-lebendiger Weise erschließt.

„Als ob der Heiland der Welt noch nicht gekommen wäre, aber dringend herbeigerufen werden müsse, beschwört so drängend wie bildreich der Jesuit Friedrich Spee 1622 eine erlösungsbedürftige Welt.“ So beginnt Schorlemmer eine seiner Göttinger Predigten. „… Ein verriegelter Eingang in die Welt des Lichts, ein Tal des Jammers, der Finsternis, ein elendes Leben, fern vom Vaterland…“ fasst er die Aussage des ersten Verses sowie der Verse 4 -5 im Kontext von Friedrich Spees Umfeld zusammen. Dabei verweist er auf den durchgehenden O-Pathos – jenen Klagelaut, der auch in einen Freudenlaut gewandelt werden kann – zählt ihn in den sechs Strophen zehnmal:
„o Heiland, o Gott, o Erd‘, o komm, o Sonn‘…,“
verweist er auf die ausdrucksstarken imperativischen Verben wie:
„reiß ab, gieß, sprieß, brecht und regnet aus, schlag aus…“ –
Imperativverben, die zahlreich, ja achtzehnmal, in den Strophen vorkommen. Es sind auch dynamische Verben, die das Flehen des Menschen um Befreiung, um Erlösung eindringlich verbildlichen.

Inhaltlich nehmen die einzelnen Strophen mehrere messianische Prophetien des Propheten Jesaja auf, die sich in den Versen 1-3 niederschlagen, sich dort verdichten und selbst zur Prophetie werden. So verbindet Strophe 1 gleich zwei Bilder Jesajas: dessen flehende Bitte um die Rettung seines Volkes „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab…“ (Jes 64,1) wie auch jenes Bild vom zu erwartenden Gesalbten Jahwes, des Messias, des Christus: „So spricht der Herr zu seinem Gesalbten ... ich will die ehernen Türen zerschlagen und die eisernen Riegel zerbrechen“ (Jes.45, 1-2). Strophen 2 und 3 verweisen zum Einen auf Jes. 45,8, den Vers, der in der katholischen Kirche als Antiphon zum Introituspsalm des Vierten Advent im Rorate coeli (Tauet ihr Himmel) gesungen wird: „Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen! Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit sprießen.“

Zum Anderen kommen hier Jesaja-Worte zum Tragen, die das Kommen Gottes und die mit diesem Kommen verbundene Erlösung von Mensch und Natur ankündigen: „Die Wüste und die Einöde werden frohlocken, die Steppe wird jubeln und blühen wie die Lilien… Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande… (Jes. 35,1; 6. 35, 1-10).

Den Hoffnungsbildern „Tau, Himmel, Erde“ der ersten Strophen setzt Spee nun in den Strophen 4-6 das Leid entgegen, das Leid der „größten Not“, das Leid, wie er es tausendmal „hier im Jammertal“ erfuhr, an dessen Ende der „ewig‘ Tod“ steht. Und hier fleht er den Himmel an, ja beschwört er den Himmel, den Trost zu senden, auf den die Menschen warten, den Trost, der Jesus Christus heißt, dessen Sinnbilder, die vor allem für seine Wiederkunft stehen, in Vers 5 unmissverständlich aufscheinen.

„O klare Sonn, du schöner Stern“ stellt den Bezug zu Jesus her, wie er uns u.a. in der Offenbarung an zwei Stellen begegnet: in Off 1,16, wo „sein Angesicht leuchtete wie die helle Sonne“ und in Off 22,16. Dort stellt er sich selbst als der „helle Morgenstern“ vor: „Ich bin der Nachkomme aus dem Geschlechte Davids, der Trieb, der aus seiner Wurzel hervorsprießt. Ich bin der helle Morgenstern.“ Es sind konkrete Bilder, die in diesen Strophen mit denen von Leid, Elend und Tod in wechselseitiger Beziehung stehen und so für den Leid geprüften Menschen zur Hoffnung werden. In allen 3 Strophen wird wieder Christus angerufen, der als einziger Trost geben kann „komm tröst uns hier im Jammertal“, der „allein der Finsternis und dem Elend ein Ende bereiten kann“: „O Sonn, geh auf, ohn‘ deinen Schein, in Finsternis wir alle sein.“

Friedrich Schorlemmer sieht in diesem Lied „ein Adventslied im eigentlichen Sinn,“ in dem „das Kommen des Retters sehnlichst“ herbeigerufen wird, „… verstehbar als Kommen des Gekommenen ins Hier und Jetzt…“, in eine Welt, die „auch heute wieder zutiefst erlösungsbedürftig ist“ und der „starken Hand“ Gottes bedarf, die sie aus dem Elend herauszuführen vermag.

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