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„Wankt der Fels, auf den Jesus seine Kirche gebaut hat?“

14. Jänner 2020 in Weltkirche, 4 Lesermeinungen
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Neujahrspredigt: „Zustimmung nachchristlicher Gesellschaft und Meinungsmacher in Mainstream-Medien verwechseln selbst höhere kirchliche Autoritäten mit der Zustimmung zum Glauben an Jesus den Christus.“ Von Gerhard Kardinal Müller


Rom (kath.net) kath.net dokumentiert die Predigt von Gerhard Ludwig Kardinal Müller, dem emeritierten Präfekten der Glaubenskongregation, bei einer mehrtägigen Konferenz der „Fellowship of Catholic University Students“ (FOCUS) in Phoenix/US-Bundesstaat Arizona vor fast 10.000 Nachwuchsakademikern am.1.1.2020 in voller Länge.

Lieber Brüder und Schwestern in "Jesus dem Christus, dem Sohne Gottes" (Mk 1,1).

Wenn wir uns am ersten Tag des Neuen Jahres begegnen, wünschen wir uns wechselseitig ein Glückliches Neues Jahr. Als Christen sehen wir das in dem tieferen Zusammenhang, dass wir alle Gottes geliebte Söhne und Töchter sind. Denn "ER hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel." (Eph 1, 3).

Als Katholiken verbinden unser Wohlwollen für die Mitmenschen mit der wunderbaren Erfahrung, dass alles Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige im Licht Gottes einen Sinn hat. Wenn in der hl. Messe das Opfer Christi für das Heil der Welt gegenwärtig wird, "sagen wir Gott, dem Vater, jederzeit Dank für alles im Namen unseres Herrn Jesus Christus." (Eph 5, 20). Wir danken Gott, dass er die Welt erschaffen hat und uns alles gibt, was wir zum Leben brauchen. Wir danken ihm, dass er um unseres Heiles willen Mensch geworden ist und dass er uns den Heiligen Geist geschenkt hat. Wir danken ihm für die Kirche, die im Glauben unsere Mutter geworden ist. Sie ist der Leib Christi, in den wir durch die Taufe und das Bekenntnis des katholischen Glaubens eingegliedert worden sind. Wir danken ihm für die Familie, in der wir heranwachsen durften und für unsere Freunde, die uns im Leben treue Begleiter sind. Und wenn Gott uns zur Lebensform der Ehe berufen hat, danken wir für unseren Ehepartner (husband or wife) und die Kinder, die wir lieben, weil sie Gottes Geschenk an ihre Eltern sind.

Wir Christen haben ein musikalisches Lebensgefühl. In unserem Herzen singt und klingt das Danklied der Erlösten. Seine Melodie ist die Liebe und seine Harmonie ist die Freude an Gott. Wir glauben nicht in einem oberflächlichen Optimismus, dass ein blindes Fatum uns immer hold bleibt. Keiner bleibt vom Leid dieser Welt verschont und jeder muss sein Kreuz tragen. Ein Christi setzt vielmehr in Arbeit und Erholung, in Glück und Leiden, ja im Leben und im Sterben seine ganze Hoffnung allein auf Gott. "Denn wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Besten gereicht." (Röm 8, 28). Wie aus einer Quelle das Wasser aufsprudelt und zu einem lebendigen Strom wird, der sogar eine Wüste zum Blühen bringt, so ist unsere Freude an Gott der Same auf dem Acker unseres Lebens, der hundertfach gute Früchte hervorbringt. Das ist unsere Gottesverehrung im Geist Christi: "unseren Leib Gott als lebendiges, heiliges und ihm wohlgefälliges Leben darzubringen" (Röm 12, 1). Unser Leben ist ein Opfer für Gott nach dem Vorbild Jesu, der auf dem Altar des Kreuzes sein Leben hingab zur Vergebung der Sünden. Aber es ist derselbe Christus, der uns durch seine Auferstehung das Tor zum ewigen Leben geöffnet hat. Das ist unser Glaube.


Doch mit tiefer Besorgnis fragen sich viele Christen, ob angesichts der Krise der christlich geprägten Gesellschaften des Westens und sogar der Skandale in der Kirche, das Christentum überhaupt noch in unsere Zeit passt. Wankt der Fels, auf den Jesus seine Kirche gebaut hat?

Die von Menschen gemachte Krise ist in der Kirche entstanden, weil wir uns bequem dem Zeitgeist eines Lebens ohne Gott anpassten. Deshalb ist soviel Unerlöstheit in unseren verwundeten Herzen, die nach Ersatzbefriedigungen verlangen! Doch wer glaubt, braucht keine Ideologie. Wer hofft, greift nicht zu Drogen. Wer liebt, sucht nicht die Lust der Welt, die mit ihr vergeht. Wer Gott und den Nächsten liebt, findet sein Glück im Opfer der Selbsthingabe. Er wird froh und frei, wenn er im Geist der Liebe die Lebensform annimmt, zu der Gott ihn ganz persönlich berufen hat: in der sakramentalen Ehe, im zölibatären Priestertum oder im gottgeweihten Leben nach den drei evangelischen Räten der Armut, des Gehorsams und der ehelosen Keuschheit um des Himmelreiches willen.

Ich möchte erinnern an eine berühmte Weihnachtspredigt des hl. Papstes Leo des Großen. Mitten im Chaos der Völkerwanderung und des Zusammenbruchs aller Ordnungen, als das römische Reich unterging, spricht er jeden Katholiken in seinem persönlichen Glauben an. Und seine Worte möchte ich jedem Katholiken zurufen, der unsicher geworden ist in der gegenwärtigen Krise der Kirche: "Christ, erkenne deine Würde! Kehre nicht, nachdem du der göttlichen Natur teilhaftig geworden bist, durch verwerfliche Sitten zur alten Erniedrigung zurück. Denke daran, welchen Hauptes und welchen Leibes Glied du bist! Vergegenwärtige dir, dass du der Macht der Finsternis entrissen und in Gottes lichtvolles Reich versetzt worden bist! Durch das Sakrament der Taufe wurdest du zu einem Tempel des Heiligen Geistes. Vertreibe nicht durch schlechte Handlungen einen so hohen Gast aus deinem Herzen!" (Sermo 21,3).

Dem tödlichen Gift der Schlange entkomme ich nicht, wenn ich Freundschaft mit ihr schließe, sondern wenn ich mich klug von ihr fern halte oder für alle Fälle immer das Gegengift griffbereit habe. Das Gift, das die Kirche lähmt, ist die falsche Meinung, man müsse sie dem Zeitgeist anpassen, die Gebote Gottes relativieren und die Glaubenslehre umdeuten. Man will aus der "Kirche des lebendigen Gottes, die Säule und Grundfeste der Wahrheit" (1 Tim 3, 15) ist, eine bequeme Zivilreligion machen. Die Zustimmung einer nachchristlichen Gesellschaft und der antichristlichen Meinungsmacher in den Mainstream-Medien zur dieser Selbstsäkularisierung der Kirche verwechseln selbst höhere kirchliche Autoritäten mit der Zustimmung zum Glauben an Jesus den Christus. Nicht wer um den Vatikan herumschleicht, um den Papst für seine Agenda vom Klimawandel bis zur Geburtenkontrolle einzuspannen, kommt wieder nahe an die Kirche heran, sondern nur wer mit Petrus auf Jesus schaut und bekennt: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes." (Mt 16,18).

Das Gegengift gegen die Verweltlichung der Kirche ist die "Wahrheit des Evangeliums" (Gal 2,14) und "das Leben aus dem Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich dahingegeben hat." (Gal 2,20).

Das Zauberwort des Versuchers ist die notwendige Modernisierung, so dass jeder der dieser Ideologie entgegentritt als ihr Feind bekämpft und des Traditionalismus bezichtigt wird. Ich möchte nur ein Beispiel nennen für die Perversion der Logik: Man diffamiert den Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum Tod als eine konservative und rechte Position, während man die Tötung eines unschuldigen Kindes im Mutterleib für ein Menschenrecht reklamiert und sich deswegen für fortschrittlich hält. In der Politik und den Medien geht es um die Macht über die Köpfe und das Geld in unseren Taschen. Darum muss man die Menschen mit den Kampfparolen von konservativ oder zeitgemäß konditionieren. Im Glauben an Gott geht es hingegen um den Gegensatz von wahr und falsch und in der Ethik geht es um die Unterscheidung von gut und böse.

Kardinal Martini hatte gegen die katholische Kirche kurz vor seinem Tod den zweideutigen Vorwurf erhoben, sie hinke 200 Jahre hinter der Zeit her. Auf dieses Diktum berufen sich die Atheisten rechthaberisch und schadenfroh. Die progressiven Katholiken spielen hingegen die Musterschüler der Aufklärung und versprechen die versäumten Lektionen der atheistischen Religionskritik schnell nachzuholen.

War mit diesem Slogan gemeint, dass die Kirche sich die Ablehnung der geschichtlichen Offenbarung Gottes in Jesus Christus zu eigen machen müsse? Bleibt die Kirche ihrem Grund und Gründer treu, wenn sie zu einer Humanitätsreligion mutiert? Die friedlichen Agnostiker von heute, die dem einfachen Volk die Illusion einer Religion gönnen, würden sich gerne des sinnstiftenden Potentials der Kirche bedienen. Denn wenn sie den geoffenbarten Glaube auch nicht für wahr halten, möchten sie ihn dennoch als Baumaterial für eine Welteinheitsreligion verwenden. Der Preis für den Eintritt der Kirche in die Internationale der Weltreligionen sei lediglich der Verzicht auf ihren Wahrheitsanspruch. Der Relativismus lehnt sowieso die Erkennbarkeit der Wahrheit ab und präsentiert sich als Garanten des Friedens aller Religionen und Weltanschauungen. Und in der Tat: Ein Katholizismus ohne Dogmen und Sakramente und ohne das unfehlbare Lehramt ist die Fata Morgana, nach der nicht wenige Kirchenfürsten lechzen.

Wenn Gott aber in der "Fülle der Zeit" seinen Sohn gesandt hat, der von einer Frau geboren wurde (Gal 4, 4), und den die Hirten von Betlehem finden als "das Kind, das in der Krippe lag" (Lk 2, 16), dann ist jede Zeit unmittelbar zu Gott. Jesus kann nicht überholt werden durch den Wechsel der Zeiten, weil Gottes Ewigkeit alle Epochen der Geschichte und die Biographie jedes einzelnen Menschen umgreift. In dem konkreten Menschen Jesus von Nazaret ist die universale Wahrheit Gottes konkret jetzt und hier gegenwärtig – in Raum und Zeit der Geschichte. Jesus Christus ist nicht die Veranschaulichung einer überzeitlichen Wahrheit, sondern "Weg und Wahrheit und Leben" in Person (Joh 14, 56). "Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen; der Mensch Jesus Christus." (1 Tim 2, 4f)

Die Kirche geht mit der Zeit in ihren gesellschaftlichen Veränderungen. Und die Theologie formuliert im Dialog mit dem modernen Weltbild der Wissenschaften und Technik die Vereinbarkeit von Glauben und Vernunft. Sie stellt heraus, dass der Glaube eine Erkenntnis der Wahrheit Gottes ist und ein Licht, in dem wir uns selbst und die Welt in ihrem innersten Ursprung und Ziel verstehen. Diese Erkenntnis verdankt sich aber nur dem Wort Gottes, das Fleisch geworden ist, und das unter uns gewohnt hat (Joh 1, 14). Doch die Wahrheit des geoffenbarten Glaubens kann weder durch innerweltliche Vernunftgründe bewiesen noch widerlegt werden. Die Kirche weiß, dass wir ohne das Evangelium Christi verloren sind. Maria hat in ihrem Schoß Gott selbst empfangen, der aus ihr geboren werden wollte: Jesus Christus -wahrer Gott und wahrer Mensch, der einzige Retter der ganzen Welt.

Und so beten wir am Hochfest der Gottesmutter Maria: Barmherziger Gott, lass uns auch im neuen Jahr immer und überall die Fürbitte der gnadenvollen Mutter erfahren, die uns den Urheber des Lebens geboren hat, Jesus Christus, deinen Sohn unseren Herrn und Gott, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Amen.

Archivfoto: Kardinal Müller in Köln


Archivfoto Kardinal Müller (c) kath.net/Markus Gehling


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Lesermeinungen

 Spondeo 14. Jänner 2020 
 

Wunderbarer Kardinal Müller!

was für eine wunderbare Predigt!Deo gratias.


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 SalvatoreMio 14. Jänner 2020 
 

Welch fundierte Predigt!

Herr Kardinal Müller!
Wirklich herzlichen Dank für jedes Ihrer Worte! Am liebsten würde ich sie Ihren Mitbrüdern zuschicken in der Hoffnung, dass einigen wenigstens ein Licht aufgeht!


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 Chris2 14. Jänner 2020 
 

Eine hervorragende Predigt.

Klare Worte, wie man sie von Kardinal Müller in diesen Zeiten allgemeiner Verwirrung schon öfter gehört hat. Möge der Heilige Geist die Kirche wieder in ruhigere Fahrwasser führen, denn die Stürme auf dem See Genezareth werden das Schiff der Kirche zwar nicht versenken, führen aber viele Beiboote auf die Klippen und machen viele, die versuchen, Kurs zu halten, mindestens seekrank.


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 lesa 14. Jänner 2020 

Singt dem Herrn en neues Lied ...!

Erinnert an Johann Sebastian Bach …
Danke für die herrliche, Orientierung gebende Predigt!


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