09 Februar 2020, 11:00
Der Kampf des Gewissens und die Psychologie der Angst
 
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Von Franziskus Ritter Groenesteyn, Theologe, Coach und Therapeut.

München (kath.net)
Vor kurzem ist ein unscheinbarer Film in die Kinos gekommen, der weltweit für Furore sorgt. „Ein verborgenes Leben“, so heißt er. Und er zeigt ein unscheinbares Leben. Und doch wohnt dieser scheinbaren Unscheinbarkeit die Kraft einer Atombombe inne. Was macht diesen Film so besonders? Was macht dieses einfache Leben so besonders? Was macht die einfache Entscheidung von Ja oder Nein zu einer gesellschaftsreformierenden Kraft, die ein tausendjähriges Reich leicht wie eine Feder überdauert und heute in die Gesellschaft strahlt, wie die Sonne?

Es ist ein absoluter Glücksfall, dass dieser Filmstoff Terrence Malick in die Hände fiel. Der medienscheue Außenseiter Hollywoods, bekannt für so großartige Filme wie „Der schmale Grat“, „Der Baum des Lebens“ oder „The New World“, ist weder Regisseur noch Autor noch Produzent, und doch ist er all das, er ist ein Phänomen. Alle reißen sich darum mit ihm zu drehen. Darunter Namen wie Brad Pitt, Jim Caviezel, Colin Farell und John Travolta, um nur einige zu nennen. Er ist ein Michelangelo der Naturgewalten, ein Raffael der Farben und ein Beethoven der Komposition von Bild, Ton und Wort. Er versteht es meisterhaft und mit verborgener, ehrlicher Mystik tiefe Emotionen auf die Leinwand unserer Seele zu malen, in der sich Gottesworte einprägen und verweilen, wie eine wohlriechende Salbung. „Er lässt mich lagern auf grünen Wiesen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.“

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Malick versteht es, wie kein anderer, Worte und Noten dort zu platzieren, wo sie unser Innerstes bewegen. In scheinbar einfachen, ländlichen Bildern, von Bergen, wogenden Feldern, Kirchenglocken und dem fröhlich, unbefangenen Spiel der Kinder auf Sommerwiesen stimmt er in uns eine Seite oft vergessener Kindertage an. Dazu in scharfem Kontrast, das Schwarz/Weiß historischer Dokumentation. Doch das Wort, zur rechten Zeit gesprochen, im mystischen Voice-Over, durchbricht die trostlose Welt der Todeskultur und durch diesen Riss dringt Licht. So sagt sich Franz am finsteren Ort: „Auch die Finsternis ist nicht finster vor dir, die Nacht leuchtet wie der Tag.“

August Diehl wurde von Malick ausersehen, wie der Fokus schreibt, „Die Rolle seines Lebens“ nicht zu spielen, sondern zu leben. Und ja, Diehl, angeleitet von Malick, lebt an der Seite, der ebenso großartigen Valerie Pachner, als seiner Frau, die Rolle des Franz Jägerstätter in einer Tiefe und Authentizität, die nicht nur die die Bewohner seines Dorfes St. Radegund im Innersten trifft, sondern auch uns, sein Publikum.

Und für jeden, der diesen Film auf sich wirken lässt, dieses Leben, diese Entscheidung, entscheidet selber, ob er Publikum bleiben möchte, wie die Raupe, die im Gefängnis scheinbar teilnahmslos über Jägerstätters Aufzeichnungen wandert, oder ob er sich so wie Franz verwandeln lässt und frei wird, weil er den Tod nicht mehr fürchtet.

Wer war nun dieser Franz Jägerstätter? Er war ein Mann, der Zeit seines Lebens mit sich gerungen hat. Und doch, oder vielleicht genau deshalb war er, voller Glück und innerer Zufriedenheit, ein Mann, der mit seiner Frau und seinen drei Töchtern im Paradies lebte. Das Paradies hat einen Namen und eine Lage. So schwer es ist, dieses Paradies im Inneren zu verorten, so leicht fällt es, dies geografisch zu tun. Das Paradies liegt in St. Radegund, im Innviertel Österreichs. Filmisch wurde es nach Südtirol und ins Friaul versetzt. Dort gibt es noch diese archaisch schönen Bilder einfachen aber kargen Landlebens.

Dieses verborgene Leben ist überschattet vom damaligen Weltgeschehen, dessen Sinn und Wertigkeit Jägerstätter im Licht seines christlichen Glaubens mehr und mehr hinterfragt. Sind es am Anfang nur wenige Wolken, die das Licht des Paradieses trüben, so verdichten sich das schwarzbraune Gewölk hegemonistischer Eroberungspläne immer mehr zu einer unausweichlichen Frage des Herzens:

„Kann und darf ich, mich dem Bösen verweigern, indem ich den geforderten Eid auf ihn nicht leiste?“

Um diese Frage geht es. Und um die richtige Antwort darauf. Darum ringen sie alle. Jeder auf seine Weise. Das gemeine daran ist, jeder von ihnen hat auf seine Weise Recht. Wer den Konstruktivismus des genialen jüdischen Verhaltensforschers und Philosophen Paul Watzlawick kennt, weiß, dass jeder Mensch in seiner eigenen Welt wohnt. Mit seinen Erfahrungen und mit seinen Entscheidungen und Wertungen, die er darin trifft. Ist man nicht bereit, sich auf die Welt des anderen einzulassen, entstehen Missverständnisse, Konflikt und Krieg und Leid.

So auch im Fall Jägerstätter; bei seiner Frau, der eigenen Mutter, dem Dorfpfarrer (Tobias Moretti), dem Bürgermeister, dem Bischof, dem Anwalt, dem Militärrichter, ja selbst der Mitgefangene in Berlin Tegel versteht nicht. Alle versuchen auf ihre Weise Franz dazu zu bewegen, das scheinbar Sinnlose aufzugeben. Und sie tun alles, um das, noch nicht mal als Randnotiz der Weltgeschichte endende Schicksal auf einem Hinterhofschafott, mit guten, ehrlichen Worten zu wenden.

Genau darin liegt das Perfide. Warum, wenn es so unwichtig ist, wenn es sinnlos ist, das Schicksal der Welt nicht wendet, warum dann diese enorme Anstrengung des Regimes ihn davon abzubringen, ihn zur Umkehr zu bewegen? Liegt in diesem Handeln bereits die Antwort?

Franz kann nur seinem Herzen folgen: „Besser die Hände gefesselt als der Wille!“ Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Er wird einberufen, verweigert den Eid, kommt ins Gefängnis und wird nach wenigen Monaten am 9. August 1943 in Berlin Plötzensee durch das Fallbeil hingerichtet. So die einfache Lebenslinie des Franz Jägerstätter, doch in diesen Monaten liegen ganze Welten an menschlicher Psychologie.

Sie kommt zum Ausdruck in den verstörten Gesichtern der Dorfbewohner. Er macht ihnen Angst, wenn er den Hitlergruß nicht erwidert. Er verunsichert sie, wenn er die Nazi-Kriegsopferbüchse leer lässt, obwohl er als spendenfreudig gilt.

Diese Angst bedroht sie in ihrer Existenz. Und so machen sie ihrer Angst Luft. Sie machen es so, wie sie es können, nicht anders kennen. Sie grenzen sich ab und sie grenzen aus. Ein Leidensweg beginnt für die Familie. Für Franziska, seine Frau, für Rosalia, Maria und Aloisia, seine Töchter daheim und für ihn im Gefängnis.

Während seine Kinder mit Pferdemist beworfen werden, nicht mehr mitspielen dürfen, man seiner Frau den Erntedienst verweigert, sie anschreit, vor ihr ausspuckt, wird er zum Spielball boshafter Naziwillkür. Und auch hier ist das äußere Leid ein Spiegel innerer Angst. Franz ist dessen, ist deren Projektionsfläche. Und weil es so weh tut, was Wärter, Soldaten und andere Schergen des Regimes darin zu sehen bekommen, tun sie das, was sie gelernt haben, um diesen Schmerz zu betäuben, sie tun ihm und anderen weh, in Gedanken, Worten und Werken, immer wieder.

Jene, die nicht mit roher Gewalt agieren, jene, die verstehen wollen, es aber nicht können, jene, bauen ihm eine goldene Brücke: Sanitätsdienst statt Waffe bieten sie an und „was ist schon ein Eid, Worte, nichts weiter, denke, was du willst.“, und „noch heute sind Sie ein freier Mann“, sagt ihm sein Anwalt zukunftsverheißend.

Wunderbar auch zu sehen, wie Malick das psychologisch, theologische Instrument des Perspektivenwechsels einzusetzen weiß. Es kommt zum Ausdruck, wenn Bruno Ganz aus der Rolle des Militärrichters in die Rolle des Verurteilten wechselt, indem er dessen Sitzposition einnimmt.

Und sie kommt subtil zum Ausdruck, weil sowohl Diehl als auch Bruno Ganz bereits prägende Nazirollen in anderen Filmen gespielt haben. Bruno Ganz als Hitler in seinen letzten Tagen und Diehl als SS-Sturmbannführer Hellstrom in Tarantinos „Inglourious Basterds“. Wie anders muss es sich für sie jetzt anfühlen auf der Anklagebank zu sitzen oder den zu spielen, der die andere Rolle kritisch hinterfragt.

Jägerstätter macht sich die Entscheidung nicht leicht, er denkt an seine Familie, an die Konsequenzen und er sieht Franziska ein letztes Mal in die Augen, in Berlin, im Gefängnis. Doch er kann nicht anders. Letzte Zweifel sind zerstreut, als er hört, dass der österreichische Pallottinerpater Franz Reinisch ebenfalls den Wehrdienst verweigert hat und dafür hingerichtet worden ist. „Das habe ich doch immer gesagt,“ sagt sich Franz, „ich kann doch nicht auf dem falschen Weg sein. Wenn sogar ein Priester sich so entschieden hat und dafür in den Tod gegangen ist, dann darf ich es auch tun.“ Franziska akzeptiert, doch es bedarf eines ganzen Lebens, seine Entscheidung anzunehmen, sie zu verstehen. Und dem Dorf geht es nicht anders.

Der große Psychologe Viktor Frankl, der vier Kz-Aufenthalte überlebt hatte, sagte einmal „Jeder hat sein Auschwitz“. Können wir auch sagen: „Jeder hat sein Jägerstätter“?! Das verborgene Leben blieb nicht verborgen. Es ist erblüht und scheint in seiner Glaubenskraft tief in das Herz unserer Gesellschaft. Denn kraftvoll ist das Wort, schärfer als jedes zweischneidige Schwert.

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