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Wie Franziskus und Benedikt XVI. gegeneinander ausgespielt wurden

14. Mai 2020 in Buchtipp, keine Lesermeinung
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"Es war eine Frage der Zeit, wann unterschiedliche Kreise damit beginnen würden, die beiden Päpste gegeneinander auszuspielen, und sei es nur, um Auflage zu machen." - Leseprobe 4 aus Peter Seewald: "Benedikt XVI., Ein Leben"


München (kath.net/pl) Jorge Bergoglio, Sohn italienischer Einwanderer und gelernter Chemiker, der das Kochen liebt, die Oper, Shakespeare und Hölderlin, überzeugte mit einem unkonventionellen, volksnahen Auftritt. »Abtreibung lehnt er ab«, schob ein Reporter nach, als sei dies bei einem Papst eine Sensation. Der frühere Erzbischof von Buenos Aires nahm nicht im Palazzo Apostolico Quartier, sondern im Gästehaus des Vatikans, wenige Hundert Meter von Mater Ecclesiae entfernt. Alt- und NeuPapst schienen sich zu verstehen. Das Verhältnis sei »bestens«, erklärte Vatikansprecher Lombardi. Für seinen Vorgänger lässt Bergoglio seine Schrift Evangelii Gaudium eigens in Weiß binden, was nur dem Papst zusteht, und vor jeder größeren Reise kommt er zu Besuch, um sich zu verabschieden. Benedikt sei »ein subtiler Denker, den der Großteil der Menschen nicht kennt oder nicht verstanden hat«, verkündet er. Es sei »eine Freude, Ideen mit ihm zu teilen«.

Umgekehrt beteuert Benedikt, er habe kein Problem mit dem Stil von Franziskus, »im Gegenteil, ich finde das gut«. Es sei »eine neue Frische in der Kirche, eine neue Fröhlichkeit, ein neues Charisma, das die Menschen anspricht«. Manchmal frage ihn sein Nachfolger auch um Rat, berichtete er, aber »im Allgemeinen besteht dazu kein Anlass. Im Großen und Ganzen bin ich auch sehr froh, dass ich nicht hineingezogen werde.«

Es war eine Frage der Zeit, wann unterschiedliche Kreise damit beginnen würden, die beiden Päpste gegeneinander auszuspielen, und sei es nur, um Auflage zu machen. Von »progressiver« Seite bekam Franziskus die Rolle des Reformers auf den Leib geschneidert, mit Buchtiteln wie »Der Kämpfer im Vatikan«, »Franziskus unter Wölfen«, oder gern auch als »der einsame Papst«, der sich hartnäckig den Betonköpfen im Vatikan entgegenstemme. Die »konservative« Seite benutzte Schablonen wie die vom »Diktator Papst«. Bergoglio sei in Wahrheit ein Machtmensch, dessen Verrat am Erbe seiner Vorgänger die Kirche zum Einsturz bringe.


Die in den Medien zelebrierte Rolle von Benedikt war durch das »Schattenpapst«-Verdikt von Hans Küng ohnehin festgelegt. Eine Erweiterung erfuhr sie durch das Bild vom Verschwörer, der seinem Nachfolger pausenlos dazwischengrätscht und in seinem Klösterl Reaktionäre um sich schart, um Franziskus’ Pläne zu torpedieren. Kommentatoren jubelten, die Reden Bergoglios seien eine »Abrechnung mit Benedikt«. Ein protestantischer Theologe verstieg sich zu der »Analyse«, Franziskus habe in drei Wochen mehr erreicht als Benedikt in acht Jahren.

Franziskus wurde indes nicht müde, seinen Vorgänger zu loben. Ratzinger habe in den vergangenen drei Jahrzehnten einen fundamentalen Beitrag zur Modernisierung der Kirche geleistet. Er empfinde für ihn »ein Gefühl tiefer Gemeinschaft und Freundschaft«. »Haben Sie Benedikt XVI. je um Rat gefragt?«, war eine der Fragen, die ihm 2014 der Corriere della Sera stellte. »Ja«, meinte der Papst kurz und betonte, dass der emeritierte Papst »keine Statue in einem Museum« sei: »Er ist eine Institution.« Benedikt sei diskret und bescheiden, er wolle nicht stören. Aber sie hätten »darüber gesprochen und gemeinsam beschlossen, dass es besser wäre, wenn er Leute sieht, hinausgeht und am Leben der Kirche teilnimmt … Seine Weisheit ist ein Geschenk Gottes«. Auf dem Rückflug von einem Besuch in Armenien betonte Franziskus, »Benedikt deckt mir mit seinem Gebet Schultern und Rücken«. Er habe ihm auch dafür gedankt, »dass er die Tür für die emeritierten Päpste aufgestoßen hat«. Bei der heutigen Lebenserwartung müsse man sich in einem gewissen Alter fragen, ob man »mit den altersbedingten Beschwerden eine Kirche leiten« könne. In Zukunft werde es vielleicht zwei oder drei emeritierte Päpste geben.

Ein geradezu zärtliches Bekenntnis war die Ansprache von Franziskus zum 65. Jahrestag der Priesterweihe Ratzingers in der Sala Clementina. Zu seinem Vorgänger meinte der Papst: »Indem Sie heute auf intensive und helle Weise das einzig wirklich Entscheidende leben – den Blick und das Herz zu Gott gewandt –, fahren Sie, Heiligkeit, fort, der Kirche zu dienen, Sie hören nicht auf, wirklich kraftvoll und weise zu ihrem Wachstum beizutragen. Und Sie tun dies von jenem kleinen Kloster Mater Ecclesiae im Vatikan aus, das so zeigt, dass es alles andere ist als eine jener vergessenen Ecken, in die die Wegwerfkultur von heute Menschen auszugrenzen tendiert, wenn mit dem Alter ihre Kräfte weniger werden. … So hat die Vorsehung gewollt, dass Sie, lieber Mitbruder, an einen sozusagen ›franziskanischen‹ Ort gelangten, aus dem Ruhe, Frieden, eine Kraft, ein Vertrauen, eine Reife, ein Glaube, eine Hingabe und eine Treue strömen, die mir so guttun und mir und der ganzen Kirche Kraft schenken.« Benedikt lächelte und bedankte sich seinerseits für die Güte, die ihm seit dem ersten Moment der Papstwahl zugefallen sei: »Danke, Heiligkeit, ich fühle mich durch Euch geschützt.«

Die Freundschaftsbezeugungen Bergoglios für Ratzinger ließen sich lange fortführen. Für die Kirche sei »die Präsenz eines emeritierten Papstes neben dem amtierenden eine Neuheit«, hielt er im Vorwort zur Benedikt-Biografie des Theologen Elio Guerriero fest, »und eben weil sie sich mögen, ist es eine schöne Neuheit. In einem gewissen Sinn drückt es in besonders deutlicher Weise die Kontinuität des Petrusamtes aus, ohne Unterbrechung, wie die Glieder derselben Kette durch Liebe zusammengeschweißt«.

Umgekehrt zeigte sich Benedikt nicht nur loyal gegenüber seinem Nachfolger, sondern auch von einer unerschütterlichen Diskretion. Jedem Besucher gegenüber bekannte er seine Verbundenheit mit Franziskus und betonte dessen Herzlichkeit im Umgang mit ihm. Tatsächlich gibt es keine einzige Wortmeldung, in der er den Papst kommentiert oder gar kritisiert hätte. Dass er nicht mit jedem Akt Bergoglios übereinstimmte, war eine andere Sache. Aber darüber sprach er nicht.

kath.net-Buchtipp
Benedikt XVI.
Ein Leben
Von Peter Seewald
Hardcover
1184 Seiten; 245 mm x 170 mm
2020 Droemer/Knaur
ISBN 978-3-426-27692-1
Preis Österreich: 39.10 EUR

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Titelblatt zu Peter Seewald: Benedikt XVI. - Ein Leben


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