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Nach dem Coronavirus: der Weg zur wahren Freiheit

18. Juni 2020 in Aktuelles, 1 Lesermeinung
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Fern von Gott ist der Mensch unstet und krank. Neuanfang aus dem Wesen der Soziallehre der Kirche heraus. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) Die Welt und die Kirche nach der im Wesentlichen politisch verursachten Corona-Krise. Eine besondere Anforderung stellt sich dabei an die christliche Soziallehre. Diese Zeit zeichnete sich nicht nur in Italien durch eine besonders sichtbare und spürbare Abwesenheit der Kirche aus. Vor allen Dingen schienen sich die Bischöfe zu „desparecidos“ gewandelt zu haben, gerade jene Bischöfe, denen es ansonsten immer gefiel, sich öffentlichkeitswirksam auf einem großen und vielberedeten politischen Parkett zu bewegen. Dazu kommt: im Moment ist festzustellen, dass das kirchliche Leben im Land zum Erliegen gekommen ist. Streaming-Messen sind eben nun mal kein kirchliches Leben. Eines ist deutlich geworden: es bedarf in vielerlei Hinsicht eines Neuanfangs, von dem noch keiner weiß, wie er ausschauen wird. Denn zweifellos genügt es nicht, wenn ein Pfarrer nach Monaten der Abwesenheit mit einer Whatsapp-Meldung den neuen Termin für die Firmungen im Herbst mitteilt. Gleichzeitig mangelt es noch an einer eingehenden Analyse der psychologischen und sozialen Folgen des „Lockdowns“ sowie des politisch motivierten Missbrauchs der Vorgänge.

 

In Italien begann nun der Bischof von Triest, Erzbischof Giampaolo Crepaldi, auf die Notwendigkeit einer eingehenden Reflexion hinzuweisen, deren Wurzeln in der Substanz der katholischen Soziallehre zu suchen und zu finden sind. Die Gedanken des Erzbischofs gehen natürlich von der besonderen Lage in Italien aus. Nichts hindert daran, sie weiterzuspinnen.

 

Johannes Paul II. hatte Crepaldi am 3. März 2001 zum Titularerzbischof von Bisarcio und zum Sekretär des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden ernannt. Am 4. Juli 2009 ernannte ihn dann Papst Benedikt XVI. zum Bischof von Triest und verlieh ihm den persönlichen Titel eines Erzbischofs.

 

*****

 

Die wahre Freiheit. Von Erzbischof Giampaolo Crepaldi

 

Die nahe Zukunft muss eine Phase der wahren Freiheit sein, wobei daran erinnert werden muss: „die Freiheit erhält erst durch die Annahme der Wahrheit ihren vollen Wert” (Centesimus annus, Nr. 46). Während der Notlage erlebten wir einige legitime Einschränkungen der Freiheit zusammen mit einigen weniger legitimen. Wissenschaftliche Daten wurden nicht immer wahrheitsgetreu verwendet, Einschränkungen und Sanktionen wurden manchmal nicht mit gesundem Menschenverstand angewandt, neue Formen des politischen Autoritarismus sind ebenfalls entstanden.

 

Die nahe Zukunft muss eine echte Freiheit sein, nicht um absolute Freiheit zu beanspruchen, sondern um die Freiheit wiederzuerlangen, in den verschiedenen natürlichen Realitäten zu leben, von der Familie bis zum Unternehmen, von der Nachbarschaft bis zur Schule. Es besteht eine große Chance, eine künstliche Freiheit zu überwinden und eine wirkliche und natürliche Freiheit aufzubauen, die Ausdruck des wahren Wesens der menschlichen Person und der authentischen Ziele der politischen Gemeinschaft ist.


 

Die Rückkehr der Verstaatlichung

 

Um einer wahren Freiheit historische Konkretheit zu verleihen, muss darauf geachtet werden, eine neue Verstaatlichung zu vermeiden. Sicherlich muss der Staat seinen Teil dazu beitragen, die Sicherheit in der Wirtschaft zu gewährleisten und die Justiz zu überwachen. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass eine neue heftige Einflussnahme und Präsenz des Staates zwar vielleicht die Ressourcen der Wohlfahrtsverbände verteilen könnte, aber diese wird kaum in der Lage sein, einen gerechten wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung zu fördern (vgl. Centesimus annus, Nr. 48). Der Staat wird an den großen Infrastrukturknotenpunkten eingreifen müssen, aber es müssen Mittel für Investitionen und Produktivität, für die Schaffung von echter Arbeit und nicht von geförderter Arbeit bereitgestellt werden. Auch dies ist Teil der Wahrheit der Freiheit, in diesem Fall der wirtschaftlichen Freiheit. Unter diesem Gesichtspunkt sollten Hypothesen wie Notgelder, Blockade der Regularisierung irregulärer Einwanderer, massive Rekrutierung im öffentlichen Dienst ohne wirkliche funktionale Gründe vermieden werden.

 

Ein subsidiäres Gesundheitssystem

 

Es gibt viele Stimmen, die (in Italien) eine Wiederaneignung des Gesundheitssystems durch den Zentralstaat fordern. Die Soziallehre der Kirche schlägt in diesem Zusammenhang das Subsidiaritätsprinzip vor: „Eine übergeordnete Gesellschaft darf nicht in das innere Leben einer untergeordneten Gesellschaft dadurch eingreifen, dass sie diese ihrer Kompetenzen beraubt. Sie soll sie im Notfall unterstützen und ihr dazu helfen, ihr eigenes Handeln mit dem der anderen gesellschaftlichen Kräfte im Hinblick auf das Gemeinwohl abzustimmen“ (Centesimus annus, Nr. 48). Deshalb bin ich der Meinung, dass die Gesundheitsversorgung nicht mit dem Kriterium der Re-Zentralisierung, sondern subsidiär auf der Grundlage des Prinzips der Verantwortung sowohl der lokalen Verwaltungen als auch der zwischengeschalteten Stellen neu überdacht werden sollte. Die Zentralisierung als solche kann tatsächlich zu einer Deregulierung der Verantwortung führen. Wir brauchen eine verantwortungsbewusste und koordinierte Subsidiarität, an der auch der private Sektor, Stiftungen, religiöse Einrichtungen mit Berufung im Gesundheitswesen und lokale Gemeinschaften beteiligt sind.

 

Die Freiheit zur Erziehung

 

Die jetzt gesehenen Aspekte sind Ausdruck der wahren Freiheit, der organischen und nicht individualistischen Freiheit, auf die die Soziallehre der Kirche immer verweist. Von der gleichen Art ist die Freiheit der Schule, die während der Pandemie stark bestraft wurde. Wieder einmal haben wir die Verwendung abstrakter Bestimmungen von oben verfolgt, die nicht in der Lage sind, die soziale und territoriale Vielfalt und die im Land zu fördernden Protagonisten zu berücksichtigen. Die staatlich geförderten Privatschulen sind in ernste Schwierigkeiten geraten, und dieser neue laizistische Betonung des Staates hat den positiven Wunsch nach einer wirklich staatsfreien Schule geweckt, die in naher Zukunft ihre Früchte tragen wird. In Italien brauchen wir echte Bildungsfreiheit auf allen Ebenen, eine notwendige Voraussetzung für den gleichen wirtschaftlichen und zivilen Aufschwung. Auch hier muss die Zentralisierung überwunden werden, während den natürlichen Familien und den geistlichen Familien der Zivilgesellschaft Raum gegeben werden muss.

 

Abbau der Maschine des „Leviathan“

 

In unserem Land nimmt der auf den Staat konzentrierte Zentralismus die Form eines sehr starren bürokratischen Systems an. Während der Pandemie wurde der Unterschied zwischen den Arbeitnehmern im privaten Sektor, die sich um ihre Zukunft sorgen, und den Arbeitnehmern im öffentlichen Sektor deutlich. In der öffentlichen und garantierten „Maschinerie“ mussten wieder einmal Fehler und Langsamkeit verzeichnet werden. Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte haben ihr Bestes gegeben, aber dies geschah trotz der Mängel im System, oder besser gesagt: um sie zu kompensieren. Die Reform der Bürokratie steht seit Jahrzehnten auf der Tagesordnung und wurde nie gelöst. Dazu bedarf es einer neuen, subsidiären Vision, die auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist. Die Realität setzt sich nicht aus einzelnen Bürgern, anonymen öffentlichen Ämtern und dem Staat als dem großen Individuum zusammen. In der heutigen organischen Gesellschaft gibt es Menschen mit großem Know-how, die keinen Handlungsspielraum haben, was sowohl im wirtschaftlichen, pädagogischen als auch im produktiven Bereich zutrifft. Der Abbau der Bürokratie erfordert eine große Reform, die in der Lage ist, den öffentlichen Dienst neu zu überdenken und zwischen den Begriffen Öffentlichkeit und Staat zu unterscheiden.

 

Die wahre Freiheit beim Fiskus

 

Die wirkliche Freiheit, für die wir in dieser Phase der Erholung kämpfen müssen, ist auch die Freiheit beim Fiskus. Nicht nur eine Steuer auf Vermögen ist zu vermeiden, sondern auch die Aufrechterhaltung einer übertriebenen und erdrückenden staatlichen Besteuerung. Das Steuersystem muss für Unternehmen und Familien angemessen sein, nicht für die Einzelpersonen. Der Fiskus muss seine moralischen Kriterien zurückgewinnen: es muss für das Gemeinwohl eingesetzt werden und verhältnismäßig sein. Schon „Rerum novarum“ hoffte, dass das Privateigentum nicht durch zu hohe Steuern aufgezehrt wird (vgl. Nr. 35). Während der Pandemie wurden die Steuern nur aufgeschoben, sie müssen radikal gesenkt werden, damit sie mit der Umstrukturierung des bürokratischen Apparats und seinen Kosten zusammenfallen. Um Familien und Unternehmen zu helfen, dürfen wir nicht einfach Subventionen ausschütten, wir müssen die Steuern senken und die steuerliche und soziale Bedeutung des Naturrechts auf Privateigentum wiederentdecken.

 

Besser ein nationaler Kredit

 

Es wurde nun beschlossen, dass der Aufschwung mit starker finanzieller Unterstützung aus Europa kommen soll. Dies ist keine kostenlose Hilfe, die weder in finanzieller noch in politischer Hinsicht nicht zurückzuerstatten wäre. Unter dem Gesichtspunkt des Wohls der Nation und des Subsidiaritätsprinzips wäre die von mehreren Ökonomen vertretene Idee eines nationalen Kredits vorzuziehen gewesen. Dies stünde nicht im Widerspruch zu der oben dargelegten Kritik an der staatlichen Zentralisierung, da es um das Auffinden von Ressourcen und nicht um deren Verwendung gegangen wäre. Subsidiär betrachtet ist die erste Wahl, die zu treffen ist, dies selbst zu tun, und unter diesem Gesichtspunkt hätte Italien dies angesichts der beträchtlichen Menge an privaten Ersparnissen selbst tun können. Wenn wir die natürliche Ordnung der Dinge betrachten, stehen die Familie und die Nation vor dem Staat und den überstaatlichen Institutionen. Es muss verhindert werden, dass hinter der Post-Coronavirus-Finanzierung ein ideologischer Europäismus steht, der die Nation zermalmt, die ihr Leben und ihre Freiheit bestimmt.

 

Neue Mächte am Horizont

 

Eine weitere Gefahr für unsere wahre Freiheit, der wir in naher Zukunft große Aufmerksamkeit widmen müssen, ist das mögliche Entstehen neuer übernationaler Mächte, die durch die Notwendigkeit motiviert sind, Notfälle zu bewältigen. Das Coronavirus war ein weltweites Experiment. Es ist möglich, dass auf der Grundlage dieser Erfahrung in Zukunft neue Notfälle, vielleicht ökologischer und umweltpolitischer Art, entstehen, die zu einev verschärften Einschränkung der Freiheiten motivieren und Formen der zentralisierten Planung und einheitlichen Kontrolle schaffen. Die Kräfte, die zu einem neuen Globalismus drängen, der auf einem „neuen Humanismus“ beruht, und selbst während der Pandemie hatten wir den Beweis dafür.

 

Die Freiheit ist entweder wahr oder sie ist nicht frei

 

Schließlich wird es unmöglich sein, den Weg der wahren Freiheit zu beschreiten ohne die Freiheit, als gezeugtes Wesen geboren zu werden, unter dem Herzen einer Mutter und eines Vaters, nicht zum willentlichen Sterben gezwungen zu werden, indem man uns glauben macht, dass wir durch unseren eigenen Willen sterben, ohne die wahre Freiheit, unsere Kinder erziehen zu können. Der Ausweg aus der Pandemiekrise wird uns wiederentdecken lassen, dass heute immer der Mensch selbst der entscheidende Faktor ist (vgl. Centesimus annus, Nr. 32) und nicht Strukturen, und dass „fern von Gott der Mensch unstet und krank ist“ (Caritas in veritate, Nr. 76).


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Lesermeinungen

 Zsupan 18. Juni 2020 
 

Viele wahre Worte.

Leider hat das Subsidiaritätsprinzip auch in D trotz föderaler Tradition auch deutlich an Boden verloren...


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