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Leo Kardinal Scheffczyk als „Eisbrecher“ in den Diskussionen der Gegenwart - Teil 1

15. September 2020 in Chronik, keine Lesermeinung
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Einführung in das Leben und das theologische Werk von Leo Scheffczyk. Von Manfred Hauke


Lugano (kath.net) kath.net dankt Prof. Dr. Manfred Hauke für die freundliche Erlaubnis, seinen Vortrag beim Scheffczyk-Symposium in Lugano in voller Länge zu veröffentlichen.Kardinal Scheffzcyk (Archivfoto) lebte von 1920 bis 2005.
 

- Teil 1 -

1.    Leo Scheffczyk als „Eisbrecher“ in den Diskussionen der Gegenwart

„O mein Gott, ich bekenne, dass Du meine Dunkelheit erleuchten kannst. Ich bekenne, dass Du allein es kannst. Ich verlange danach, dass meine Dunkelheit erleuchtet werde. Zugleich verspreche ich, dass ich mit Hilfe Deiner Gnade, um die ich flehe, alles annehmen will, was ich im Laufe der Zeit als Wahrheit sicher erkenne, wenn immer ich zur Sicherheit gelange. Mit Deiner Gnade will ich mich hüten vor jeder Selbsttäuschung, die mich verleiten könnte, anzunehmen, was der Natur gefällt, statt was die Vernunft gutheißt“.

 

    Dieses Gebet des Heiligen John Henry Newman wählte Kardinal Leo Scheffczyk für das Gebetsbild, das anlässlich seiner Erhebung zur Kardinalswürde am 21. Februar 2001 gedruckt wurde. Der Eifer für die ganze Wahrheit zeigt sich besonders deutlich in seinem theologischen Lebenswerk. Er hat die Wahrheit des Glaubens gesucht und bezeugt. Dabei verband er die Forschung mit einer außergewöhnlichen Fähigkeit, sowohl die Einzelheiten zu untersuchen als auch eine große Zusammenschau zu bieten. Er hat dies unternommen mit Freundlichkeit und Taktgefühl, aber auch mit großem Mut. Er war stets bereit zum Gespräch auch mit den extremsten Strömungen des modernen Denkens, ohne dabei irgendetwas aus dem Schatz der Glaubenswahrheit zu verraten.

 

    Leo Scheffczyk ist sicher einer der großen Gestalten in der Theologie der Gegenwart. Papst Johannes Paul II. verlieh ihm die Kardinalswürde gerade wegen seiner theologischen Verdienste, und Papst Benedikt XVI. betont, dass Scheffczyk dadurch „sozusagen zu einer ‚kirchenöffentlichen‘ Gestalt geworden ist, die mit diesem Gewicht in die großen Dispute der Gegenwart eingegriffen hat …“. „Seine Gelehrsamkeit war wirklich außergewöhnlich, da er sich in den biblischen Fundamenten, in der Theologiegeschichte die Jahrhunderte hindurch und in der Gegenwartssituation umfassend auskannte und dadurch begründet und der Zeit antwortend argumentieren und sprechen konnte“. Benedikt XVI. erinnert unter anderem an die gemeinsame Aufgabe in der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz, „in der wir beiden als Theologen anwesend waren. Die Zeit war damals verworren und unruhig … Dabei ist mir aufgefallen, dass Leo Scheffczyk … eigentlich immer der Erste war, der ganz klar Position ergriffen hat. Ich selbst war da fast zu ängstlich … Er aber hat mit großer Klarheit und zugleich mit wirklicher theologischer Fundierung sofort gesagt, was geht und was nicht geht. Insofern war Leo Scheffczyk der eigentliche ‚Eisbrecher‘ in diesen Diskussionen“.

 

    In diesem Jahr begehen wir den hundertsten Jahrestag der Geburt von Leo Scheffczyk. Wir bringen sein Denken vor allem ein in die Diskussion über das Verhältnis von Glauben und Erfahrung. Auch hier könnte das Denken Scheffczyks wie ein „Eisbrecher“ wirken. Dies ist nun schon die zweite internationale Tagung, welche die Theologie Scheffczyks ins Zentrum gestellt hat. Die erste war, zehn Jahre nach seinem Tod, im Jahre 2015 in Bregenz. Die Tagungsakten gibt es auf Deutsch und Spanisch. Für die gegenwärtige Tagung bereiten wir die Publikation auf Deutsch und auf Italienisch vor. Um den theologischen Beitrag Scheffczyks besser würdigen zu können, sei nun eine kurze Einführung in sein Leben und sein theologisches Werk vorgestellt. Den „roten Faden“ bildet dabei die Biographie.

 

2. Die Jugendzeit in Oberschlesien

Leo Scheffczyk wurde geboren in der oberschlesischen Industriestadt Beuthen am 21. Februar 1920. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gehörte der größte Teil Schlesiens zu Deutschland und wurde danach von Polen annektiert. Der größte Teil der deutschen Bevölkerung Schlesiens wurde 1945 und 1946 aus seiner Heimat vertrieben. Schlesien war ursprünglich von einer keltischen Bevölkerung besiedelt, der sich seit dem 6. Jh. Slawen zugesellten. Seit dem 9. Jh. geriet das Gebiet unter den Einfluß des nahen Böhmens (was mehr oder weniger der Tschechei von heute entspricht). Die Hauptstadt Schlesiens, Breslau (auf Polnisch heute „Wroclaw“), wurde von einem böhmischen König gegründet. Das Christentum begann dort um das Jahr 1000, als das Bistum Breslau entstand dank der Zusammenarbeit zwischen dem König von Polen und dem deutschen Kaiser.

 

    1163 wurde dann Schlesien ein unabhängiges Herzogtum. In diesem Jahr begann auch die deutsche Einwanderung, die ihren Höhepunkt im 13. Jh. hatte. Teilweise vermischten sich die slawische und die deutsche Kultur, auch wenn sich bald eine Vorherrschaft der deutschen Kultur herausstellte. Seit 1348 gehörte Schlesien zu Böhmen. 1526 geriet darum Schlesien als Teil Böhmens unter die Herrschaft des Hauses Habsburg. Diese Verbindung hat die schlesische Volkskultur stark geprägt, ähnlich wie den Süden des heutigen Polen, der am Beginn des Ersten Weltkriegs zum österreichisch-ungarischen Kaiserreich gehörte (gemeinsam mit Galizien, Transsylvanien und dem westlichen Teil des Balkans). Schlesien wurde jedoch (zumindest in seinem größten Teil) dem Habsburgerreich entrissen durch die preußische Aggression unter dem König Friedrich II. um das Jahr 1763. Auch in der Folge blieb Schlesien freilich eine kulturelle Brücke zwischen Deutschen, Tschechen, Polen und Österreichern.

 

    Im Geburtsjahr des Kardinals tobten in Oberschlesien heftige Kämpfe zwischen Deutschen und Polen um die staatliche Zugehörigkeit dieses Gebietes. Dort liegt ein wichtiges Industriegebiet mit Kohlenbergwerken. Dass einmal im Jahre 2001 der polnische Papst Karol Wojtyla den deutschen Schlesier Leo Scheffczyk zum Kardinal ernennen würde, war damals noch nicht absehbar. Beuthen liegt unmittelbar an der Grenze, die nach den Kämpfen und der Volksabstimmung mitten durch das oberschlesische Industriegebiet gezogen wurde. Der Name „Scheffczyk“ (auf Deutsch: „kleiner Schumacher“) ist typisch für die dortige Mischung slawischer und deutscher Bevölkerung. Am Beginn des Zweiten Weltkrieges hatte Schlesien 4,8 Millionen Einwohner, davon 3,3 Millionen in Ober- und 1,5 Millionen in Niederschlesien. Die Unterscheidung beider Landesteile ist wichtig für das konfessionelle Profil: in Niederschlesien gab es nur 29 % Katholiken, in Oberschlesien dagegen eine Mehrheit von 89 %.

 

Leo Scheffczyk stammt aus einer armen, aber sehr gläubigen Familie. Die Mutter setzte sich sehr ein im karitativen Bereich, und der Vater war aktiv in der Männerkongregation, einer Initiative des Laienapostolates. Vor dem Beginn der Grundschule zog die Familie nach Pitschen in ein vorwiegend protestantisches Gebiet im Norden von Oberschlesien. Dort besuchte Scheffczyk die Grundschule (1926-1930). Danach kehrte die Familie wieder nach Beuthen zurück, wo Scheffczyk 1930-1938 ein humanistisches Gymnasium besuchte, das nach dem preußischen General Hindenburg benannt worden war, der im Ersten Weltkrieg eine wichtige Rolle spielte ; später hatte er eine unrühmliche Rolle als Präsident der Republik, der trotz einigen Zögerns die Türen öffnete für die Machtergreifung Hitlers. Das katholische Gymnasium hatte einen hervorragenden Religionsunterricht, der von vorbildlichen Priestern erteilt wurde und wichtig war für das Wachstum der priesterlichen Berufung unseres Theologen. Obwohl Scheffczyk als etwas scheu galt, war er über Jahre hinweg der Klassenbeste und damit auch Sprecher seiner Mitschüler.

 

Es gab aber noch zwei weitere wichtige Einflüsse, die Scheffczyk selbst hervorhebt: der langjährige, bis zum Abitur ausgeübte Ministrantendienst in der Pfarrei St. Barbara sowie die aktive Teilnahme an der Jugendarbeit des Bundes „Neudeutschland“. In dieser von Jesuiten geführten Gemeinschaft katholischer Gymnasiasten war Scheffczyk 1937, als die Jugendgruppen von den Nazis verboten wurden, Leiter des gesamten „Oberschlesiengaues“. Schon damals lernte der spätere Kardinal, gegen den Strom des Zeitgeistes zu schwimmen und sich um den Preis persönlicher Nachteile an der Wahrheit auszurichten. In der Jugendarbeit erlebte der Gymnasiast „das Bild einer in den Strömen der Zeit wachen und kämpferischen Kirche“. Als katholischer Gauleiter begegnete Scheffczyk bei den ihm anvertrauten Jugendlichen begeisterten Heroismus, aber auch schmähliches Versagen und „politisch korrektes“ Karrieredenken angesichts des Nationalsozialismus. Er selbst war stundenlangen Verhören durch die Gestapo ausgesetzt und bekam einige Tage Hausarrest. Trotzdem konnte er 1938 das Abitur ablegen und als Priesteramtskandidat in das Theologenkonvikt von Breslau eintreten.

 

Zur gleichen Zeit begannen auch seine Studien an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Breslau. Unter den Professoren gab es ein „schwarzes Schaf“, das mit den Nazis liebäugelte , aber ansonsten erlebte der junge Theologe sowohl in der Leitung des Konviktes als auch an der Theologischen Fakultät vorbildliche Priestergestalten, die Gebet und Studium ebenso miteinander zu verbinden wussten wie wissenschaftlichen Eifer und gläubige Kirchlichkeit. In der Theologie waren als zwei komplementäre Wege (die nicht als Gegensätze empfunden wurden) prägend die augustinisch-franziskanische Erfahrungstheologie (B. Rosenmüller) und die an Thomas von Aquin geschulte Rationalität (J. Koch). Im Jahre 1941 musste Scheffczyk seine Studien unterbrechen und Kriegsdienst leisten. Als Soldat war er tätig in Deutschland, Frankreich und Norwegen; danach wurde er ein halbes Jahr lang als Kriegsgefangener festgehalten.

 

3. Der Beginn des Weges in Westdeutschland

Nach dem Ende des Krieges mussten fast alle Deutschen in Niederschlesien ihre Heimat verlassen, aber auch ungefähr die Hälfte der Oberschlesier. Nach Krieg und Gefangenschaft konnte Leo Scheffczyk nicht in seine Heimat zurückkehren. Stattdessen gelangte er nach Bayern in das Erzbistum München und Freising. Im Priesterseminar und an der Philosophisch-theologischen Hochschule zu Freising konnte er seine Studien fortsetzen. Zu seinen Kommilitonen gehörte damals Joseph Ratzinger, der zwei Jahre im Freisinger Priesterseminar verbrachte (1945-47). Am 29. Juni 1947, dem Hochfest der Apostelfürsten Petrus und Paulus, empfing Leo Scheffczyk die Priesterweihe.

 

    Seelsorgliche Erfahrungen sammelte er als Kaplan in Grafing bei München (1947-1948)  sowie als Pfarrvikar in Traunwalchen (1948). Sehr bald aber wurde der Neupriester Subregens am Priesterseminar von Königstein im Taunus („Albertus-Magnus-Kolleg“) (1948-1951). Dort befand sich damals das wichtigste Zentrum der schlesischen Priester, die in den Westen geflüchtet waren, und eine Ausbildungsstätte für Seminaristen aus den deutschen Ostgebieten. Während der Zeit als Subregens schrieb Scheffczyk seine Doktorarbeit, die 1950 abgeschlossen wurde. Bald darauf übernahm er an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Königstein auch die Aufgaben eines Dozenten (1952-1959).

 

4. Die Überwindung der „Aufklärung“ in der Doktorarbeit

Die theologische Doktorarbeit wurde betreut von Franz Xaver Seppelt, Professor für Kirchengeschichte in München (und zuvor in Breslau). Seppelt zeichnet sich aus durch seine Kenntnis der Papstgeschichte, worüber er ein fünfbändiges Werk verfasste. Das Thema Scheffczyks war freilich nicht das Petrusamt (worüber er später u. a. ein eigenes Werk verfassen sollte) , sondern der kirchengeschichtliche Beitrag von Friedrich Leopold Graf zu Stolberg (1750-1819). Schon der Titel ist bezeichnend: „Friedrich Leopold zu Stolbergs ‚Geschichte der Religion Jesu Christi’. Die Abwendung der katholischen Kirchengeschichtsschreibung von der Aufklärung und ihre Neuorientierung im Zeitalter der Romantik“.

 

    Der Graf zu Stolberg stammte aus Holstein und war zur Zeit der französischen Revolution dänischer Botschafter bei der preußischen Regierung in Berlin (1798-1791). Stolberg machte sich anfangs einen Namen als Dichter und hatte engen Kontakt mit den gehobenen literarischen Kreisen Deutschlands. Gemeinsam mit dem jungen Goethe unternahm er eine Reise in die Schweiz. Stolberg begeisterte sich anfangs für die Französische Revolution, wurde aber durch die Gräuel der Revolutionäre sehr bald ernüchtert und bewahrte sich als Protestant seinen Glauben an Jesus Christus.

 

Durch eine mehrjährige Italienreise machte Stolberg nähere Bekanntschaft mit dem Katholizismus, der ihn tief beeindruckte. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland nahm der Graf Kontakt auf zu dem katholisch geprägten „Kreis von Münster“ um Adelheid Amalia Fürstin zu Gallitzin und Franz Freiherr von Fürstenberg. Dieser Kreis nahm Aufgaben wahr, die heute überaus aktuell scheinen, nämlich eine Vertiefung des katholischen Glaubens in kritischer Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen der Zeit. Der Kern des Münsteraner Kreises bestand aus Neubekehrten. Die Gräfin von Gallitzin selbst hatte sich zeitweise vom Leben der Kirche entfernt, aber im Jahre 1786 eine Wende vollzogen und zu einem glühenden Glauben hingefunden. Der „Kreis von Münster“ trug wesentlich dazu bei, die „Eiszeit“ der Aufklärung zu überwinden und nach der Französischen Revolution, in deren Folge die Kirche ihrer weltlichen Güter großenteils verlustig ging (einschließlich der Universitäten) (1803), in Deutschland ein neues Aufblühen des katholischen Kirche einzuleiten. Diese aktiven Laien hatten den Rationalismus der Aufklärer überwunden und waren dabei, die geheimnisvolle Wirklichkeit der Kirche neu zu entdecken. Unter dem Einfluss der Gräfin von Gallitzin konvertierte der Graf zu Stolberg zur katholischen Kirche. Diese Konversion erregte damals, im Jahre 1800, ein gewaltiges Aufsehen.


 

In der Folgezeit schrieb Stolberg ein monumentales, fünfzehnbändiges Werk unter dem Titel „Geschichte der Religion Jesu Christi“. Es behandelt die ersten Jahrhunderte der Kirche bis zum Tod des heiligen Augustinus (430). Die Doktorarbeit von Scheffczyk untersucht (ohne unkritische Glorifizierung) dieses wichtige Werk, das die katholische Kirchengeschichtsschreibung aus den flachen Wassern der Aufklärung herausführte. Unter dem Einfluss der Romantik sieht Stolberg die Kirche in einem neuen Licht, das heißt die Kirche als übernatürliche Wirklichkeit, die sich in der Geschichte konkretisiert als lebendige Überlieferung, als Einheit von Leben und Lehre. Scheffczyk kennzeichnet das Werk kurz folgendermaßen: „Als Zeugnis einer christlichen Ideengeschichtsschreibung mit erbaulich-apologetischer Tendenz konnte die Arbeit zwar kritischen Ansprüchen nicht genügen, vermochte aber doch das geschichtliche Bewusstsein des Katholizismus neu zu wecken und markierte den Beginn ‚einer besseren und glücklicheren Zeit für die deutsche Kirchengeschichte‘ (J.A. Möhler)“.

 

Die Fortschritte Stolbergs im Vergleich zur aufklärerischen Geschichtsschreibung zeigt sich nach Scheffczyk in drei Punkten: (1) der Wunsch, die Geschichte der Kirche aufs Neue aus dem Blickpunkt der Kirche im Glauben zu betrachten; (2) ein neuer geschichtlicher Sinn für die lebendige Entwicklung der Kirche und den Schatz ihrer großen Vergangenheit; (3) die Absicht, in den beiden Prämissen begründet, tiefer das Wesen der Kirche zu untersuchen, ausgehend von der Geschichte. Die Kirche hat einen übernatürlichen Ursprung, der sich in der Einheit der lebendigen Tradition des Lebens und der Lehre zeigt.

 

Die Beschäftigung mit den Epochen der Aufklärung und der Romantik hat Scheffczyk zweifellos geholfen, die verspätete Neuauflage der „Aufklärung“ in der Nachkonzilszeit zu überwinden. Bezeichnend hierfür scheint die Wertung der Aufklärungszeit in einem Lexikonartikel. Positive Gesichtspunkte werden nicht verschwiegen, aber vor allem hebt der Theologe einen schwerwiegenden Mangel hervor:

 

„Die Dominanz des Ethos über den Logos und der Vorrang des subjektiven Bedürfnisses vor dem objektiven Anspruch der Offenbarung widersprachen der tieferen Ordnung. So gab es zwar einige Reformen, die eine Erweiterung der positiven Theologie erbrachten und ihrer Verlebendigung dienten, aber keine durchgreifende Erneuerung. Diese erfolgte erst unter dem Einfluss von Romantik und Restauration im ersten Drittel des 19. Jh.“.


Mit der Forschung über Stolberg beginnt für unseren Theologen auch eine tiefere Vertrautheit mit der deutschen Theologie des 19. Jahrhunderts mit ihren sehr verschiedenen Gesichtspunkten, deren Kenntnis auch für die Einschätzung der gegenwärtigen Theologie wertvoll ist.

 

 5. Die Habilitation über die Mariologie der Karolingerzeit und das theologische Erbe von Michael Schmaus

Mit der Doktorarbeit hatte sich Scheffczyk auf dem Feld der Kirchengeschichte bewegt. In der Folge wendete er sich aber der systematischen Theologie zu, ohne sein Interesse für geschichtliche Themen dabei zu verlieren. Unter der Leitung des Münchener Dogmatikers Michael Schmaus habilitierte er sich 1957 in München mit einer Arbeit über die Mariologie der Karolingerzeit. In diesem international bekannten Standardwerk, das auch heute noch (nach über 50 Jahren) als unverzichtbar gilt , gelang Scheffczyk die gewaltige Leistung, die Mariengestalt einer ganzen Geschichtsepoche darzustellen mit ihren historischen Bedingungen und ihrem systematischen Ertrag. Als Übergangsperiode von der Väterzeit zum Mittelalter ist die Karolingerzeit von besonderer Bedeutung.

 

Die Habilitationsschrift begründet auch den Ruhm Scheffczyks als namhafter Mariologe. Seit deren Gründung im Jahre 1951 gehörte er der „Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie“ an. Auf deren Tagungen und Internationalen Kongressen der „Pontificia Academia Mariana Internationalis“ hielt er wichtige Vorträge. Weltweit bekannt als Mariologe ist er nicht zuletzt durch das sechsbändige Marienlexikon, das er gemeinsam mit dem Kirchenhistoriker Remigius Bäumer herausgab. Das Marienlexikon ist das umfangreichste Werk dieser Art im 20. Jahrhundert. Scheffczyks wissenschaftliche Bibliographie zur Mariengestalt umfasst über 200 Titel. Der Gottesmutter ist auch das am weitesten verbreitete Werk von Scheffczyk gewidmet (mit über 100.000 Exemplaren in verschiedenen Auflagen): die einzelnen Teile, die ursprünglich im Wiener Verlag des Rosenkranzsühnekreuzzuges erschienen, befassen sich mit dem biblischen Zeugnis von Maria, mit ihrer Stellung im Glauben der Kirche, mit ihrer Verehrung und mit einer theologischen Deutung der Botschaft von Fatima.

 

Michael Schmaus, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte, hat das theologische Profil von Leo Scheffczyk entscheidend geprägt. Als einer der einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts (1897-1993) ist Schmaus bekannt geworden besonders durch seine umfangreiche Dogmatik, die in drei verschiedenen Versionen erschien und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Das von der „Verkündigungstheologie“ beeinflusste Werk bot eine flüssigere Darstellung der Glaubenslehre als die neuscholastischen Handbücher. Die bessere Zugänglichkeit auch für Personen, die des Lateins nicht kundig waren, erreichte freilich nicht immer die begriffliche Präzision der Werke von Bartmann, Diekamp, Pohle-Gummersbach und Ott – um nur die wichtigsten zeitgenössischen Alternativen zu nennen. Für einen Studenten nicht leicht zu bewältigen ist auch der Umfang, der sich in den 60er Jahren auf ca. 5000 Seiten belief. Schmaus selbst setzt (für die Theologen) die Kenntnis der klassischen Lehrbücher voraus (!) und widmet darum den an sich notwendigen begrifflichen Klärungen nur wenig Raum. In den Werken Scheffczyks findet sich hingegen eine größere Aufmerksamkeit für die philosophische Grundlegung.

 

Die angedeuteten Grenzen der Schmaus`schen Dogmatik und die Neuheit seines Ansatzes hätten beinahe zu einer Indizierung des ersten Bandes geführt. Dieser Gefahr wurde freilich begegnet durch den persönlichen Einsatz von Martin Grabmann, dem akademischen Lehrer von Schmaus, bei Papst Pius XII. Andernfalls wäre die universitäre Laufbahn des Theologen schon am Beginn zu einem jähen Ende gelangt.

 

Schmaus betont den existentiellen Gesichtspunkt der Dogmatik und die Begegnung mit den verschiedenen Fragen der Gegenwart, ohne dabei die Bedeutung der Neuscholastik zu verleugnen und ohne das Glaubensgut über Bord zu werfen. Zum theologischen Programm gehört auch der Dialog mit der evangelischen Theologie und die Aufmerksamkeit für die Religionen des Orients mit einer missionarischen Absicht. Für die systematische Darstellung ist wichtig der personalistische Ansatz, der später auch bei Scheffczyk im Zentrum steht: „Das imponierende Werk von Schmaus ist theologiegeschichtlich der erste Versuch, die gesamte Theologie von der Ich-Du-Beziehung her neu zu durchdenken“. Während die Neuscholastik das „An-sich-Sein“ Gottes betont hatte (worin in der Tat der unverzichtbare Kern der dogmatischen Gotteslehre besteht), widmet Schmaus eine ganz besondere Aufmerksamkeit auf das „Für-mich-Sein“ der göttlichen Offenbarung. Scheffczyk kennzeichnet die Anliegen der ersten Ausgabe der Schmaus-Dogmatik folgendermaßen:

 

In ihr erfuhren „die religiös-existentiellen wie die wissenschaftlichen Antriebe der Zeit vor Beginn des Zweiten Weltkrieges eine gültige Zusammenfassung … Das Positive des kerygmatischen Anliegens einer Aufhebung der Spannung zwischen Glaubenswissenschaft und Glaubensleben aufnehmend, doch ohne Preisgabe des wissenschaftlichen Erkenntnisweges, wurde hier der Versuch unternommen, das Dogma aus den Quellen der Schrift und der genuinen patristischen Tradition, die beide ausführlich zur Sprache kamen und nicht mehr nur in ‚dicta probantia’ dargeboten wurden, zu erheben und es dem Verständnis einer Zeit aufzuschließen, die von der Lebensphilosophie Nietzsches und der an Einfluss gewinnenden Existenzphilosophie Heideggers und Jaspers` beeinflusst war“.

 

Schmaus lehrte zunächst in Freising (1924-1929) und dann (als Professor für Dogmatik) in Prag (1929-1933) und Münster (1933-1946). Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt er den Ruf, die 1939 von den Nazis geschlossene Katholisch-theologische Fakultät der Münchener Universität wiederaufzubauen. Mehrmals war er Dekan der Fakultät und zeitweise (1951-52) sogar Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität. Als er 1965 in Pension ging, folgte ihm Leo Scheffczyk nach auf dem Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte. Unter der Führung von Schmaus ermöglichte die Theologische Fakultät in den 50er Jahren, als erste auf der Welt, auch Laien beiderlei Geschlechtes ein Doktoratsstudium mit der theologischen Promotion. Auf vielfache Weise erscheint Schmaus als Wegbereiter des Zweiten Vatikanums, zu dessen Ergebnis er als Konsultor in den Vorbereitungskommissionen und als offizieller Peritus während der Sitzungsperioden beitrug (mit dem Aufgabenfeld: „Systematische und mittelalterliche Theologie“).

 

Die Öffnung für die Anliegen der Gegenwart ist verwurzelt in einer gründlichen Kenntnis der Geschichte. In seiner Doktorarbeit, einem theologischen Klassiker, behandelt Schmaus die Trinitätslehre des hl. Augustinus. Außerdem kennt er gut die mittelalterliche Theologie: er ist Schüler Martin Grabmanns, dem die Theologie bahnbrechende Forschungen zur dogmengeschichtlichen Erschließung der Scholastik verdankt. Die Habilitationsschrift von Schmaus behandelt die Lehrunterschiede zwischen Thomas von Aquin und Duns Scotus, vor allem bezüglich der Dreifaltigkeit. Ausgehend von der eigenen wissenschaftlichen Vorbereitung, stellte Schmaus seinen Schülern (für das Doktorat und die Habilitation) fast ausschließlich Themen, die mit der Geschichte der Theologie in Väterzeit und Mittelalter verbunden waren. Eine „frontale“ Behandlung der großen systematischen Themen wurde so vermieden. Die Habilitationsschrift Scheffczyks zur Mariologie der Karolingerzeit fügt sich in diese Methode ein und ist nicht als Mangel an Systematik zu deuten. Schmaus gründete 1954 das Münchener Grabmann-Institut, das sich der Erforschung der mittelalterlichen Geisteswelt widmet (in Philosophie und Theologie). Was von einem bekannten italienischen Theologen über Schmaus gesagt wird, gilt auch von Scheffczyk: er ist „ein Zeuge der klassischen katholischen Fähigkeit, sich mit Mäßigung dem Neuen zu öffnen, ohne das Alte dabei zu verraten“.

 

6. Theologieprofessor in Tübingen

Nach der Lehrtätigkeit in Königstein (1952-1959) wurde Scheffczyk als Professor der Dogmatik nach Tübingen berufen (1959-1965). Dort erfuhr er als Kollegen unter anderem Hans Küng, Alfons Auer und Herbert Haag. Über mehrere Jahre hinweg war er Mitherausgeber der „Tübinger Theologischen Quartalschrift“ (1962-1964). In der Theologiegeschichte ist die schwäbische Fakultät bekannt insbesondere durch die „Tübinger Schule“. Zwischen 1817 und 1835 blühte dort eine theologische Richtung, die noch stark von der späten Aufklärung beeinflusst wurde, aber auch Anregungen des Deutschen Idealismus und der Romantik in sich aufnahm. Die Kenntnis des mittelalterlichen Geisteserbes war dort freilich weniger verbreitet. Die Tübinger Schule stellte damals die Inkarnation als Systemprinzip in den Mittelpunkt und war bemüht, eine „organische“ Synthese der Glaubenswahrheiten zu erarbeiten. Scheffczyk beschäftigte sich sehr intensiv mit den Vertretern der Tübinger Schule , dem „goldenen Zeitalter“ der Tübinger Fakultät, mit dem sich bereits Josef Rupert Geiselmann, Vorgänger Scheffczyks auf dem Dogmatiklehrstuhl und Nachfolger Karl Adams, auseinandergesetzt hatte. Als „das leuchtendste Gestirn am Himmel der Katholischen Tübinger Schule“ tritt dabei Johann Adam Möhler hervor († 1838). Während der junge Möhler, im Gefolge seines Lehrers Johann Sebastian von Drey und nicht unbeeinflusst von Hegel, nur den göttlichen Faktor als Prinzip der Geschichte anerkannte, entdeckt er später die systematische Bedeutung der menschlichen Mitwirkung in der Heilsgeschichte. „Von diesem Grundsatz ausgehend, kann Möhler in seinem zentralen Werk, der ‚Symbolik’ (1832), nicht nur die protestantische Lehre kritisieren und den Irrtum letztlich auf eine unvollständige Anthropologie zurückführen, sondern auch die Grundwahrheiten des katholischen Glaubens in ein gültiges Licht und eine den Menschen anziehende Beleuchtung heben.

 

    Die in diesem Werk erreichte Schau der Kirche und des Katholizismus als Einheit von Göttlichem und Menschlichem, von Mystischem und Vernunftgemäßen, von Subjektivem und Objektivem stellt das tiefste und lebendigste Wort über die Kirche dar, das in der Tübinger Schule gesprochen wurde. Es war zugleich auch die deutlichste Demonstration der neuerwachten Kirchlichkeit, die lange Zeit nachwirken sollte“.

 

    Die Möhler`sche „Symbolik“ ist eine auch heute noch sehr lesenswerte Gegenüberstellung der katholischen und der protestantischen Lehrauffassungen. Die Unterschiede werden dabei nicht zu einer „versöhnten Verschiedenheit“ verflacht, sondern in ihrem Wahrheitsanspruch ernst genommen. Gleichzeitig erweist sich hierbei der katholische Glaube als harmonisches Ganzes, in dem jedes Detail seinen Sinn hat wie die Pfeiler und Kapitelle in einer gotischen Kathedrale. Eines der schönsten Werke von Scheffczyk, die Darstellung des spezifisch Katholischen in der „Katholischen Glaubenswelt“, atmet deutlich den Einfluss Möhlers.

 

7. Lehre und Forschung in München

Die Zeit in Tübingen blieb für Leo Scheffczyk freilich nur ein Zwischenspiel. Als der Lehrstuhl seines Lehrers in München, Michael Schmaus, frei wurde, berief ihn die dortige Fakultät als dessen Nachfolger (obwohl es an qualifizierten Mitbewerbern nicht fehlte: man denke nur an Joseph Ratzinger, der später nach dem Fortgang Scheffczyks von Münster nach Tübingen wechselte). Zwanzig Jahre lang war Scheffczyk in München Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte (1965-1985). Als zweiter Dogmatiker wirkte dort fast zur gleichen Zeit (1968-1986) der bayerische Theologe Josef Finkenzeller. In dem genannten Zeitraum hatte die Münchener Theologische Fakultät den Ruf eines gewissen Gleichgewichtes zwischen „progressiven“ und „konservativen“ Strömungen, während in Tübingen eine „progressistische“ Ausrichtung dominierte. In der Nachfolge von Schmaus wurde Scheffczyk Mitherausgeber der „Münchner Theologischen Zeitschrift“ (1966-1984). Als die Zeitschrift (bzw. deren Namen) nach einem Gerichtsprozess von der Theologischen Fakultät übernommen wurde, setzten die Herausgeber (Scheffczyk, Ziegenaus und Krenn) das Unternehmen unter einem neuen Titel fort, dem ein noch größerer Erfolg beschieden war: das „Forum Katholische Theologie“ (seit 1985).

 

    Ich selbst durfte Scheffczyk kennen lernen während meiner in München verbrachten „Freisemester“ (1977-1978) und vor allem während meines Promotionsstudiums bei ihm (1980-1981). Von der Persönlichkeit des Professors und seiner theologischen Lehre war ich tief beeindruckt. In ihm war eine gründliche Kenntnis der Überlieferung verbunden mit einer hellwachen kritischen Offenheit für alle neuen Entwicklungen. Die Vorlesungen waren brillant in ihrer Klarheit und von der Literaturauswertung her immer auf dem neuesten Stand. Beeindruckend waren für mich die Reaktionen des akademischen Lehrers auf die Zwischenfragen von Studenten. Während manche Kollegen diese Fragen eher als lästig empfinden oder die Antwort schon „wissen“, bevor das Gefragte überhaupt formuliert worden ist, hat Scheffczyk zunächst einmal genau hingehört und dabei auch die „Zwischentöne“ gespürt, um das einschlägige Thema in den rechten Zusammenhang einzuordnen. Die Antworten waren vorbildlich, sowohl im Blick auf den Inhalt als auch auf dessen didaktische Vermittlung. Das Gleiche gilt auch für die Seminare, die herausragten durch die hervorragende und oft originelle Themenauswahl sowie durch den umfassenden geistigen Horizont, der auch die Philosophie und verschiedene Aspekte der zeitgenössischen Wissenschaften einbezog. Ich erinnere mich etwa an ein Seminar unter dem Titel „Symbol und Sakrament“, in dem unter den unterschiedlichsten Gesichtspunkten das Vorverständnis für die Wirklichkeit des Sakramentalen beleuchtet wurde. Scheffczyk war geistig aufgeschlossen für den ganzen Bereich der Wahrheit, wo immer sie auch zu finden war, aber keineswegs ein Liebhaber kurzlebiger Modeströmungen. Er selbst hat sich einmal folgendermaßen charakterisiert: er wolle für sich „beanspruchen, dass er weder ‚rechts’ noch ‚links’ steht, sondern dass er geht, sogar weitergeht, aber auf dem Wege, den die ‚Catholica’ bisher auch gegangen ist“.

 

8. Die „zwei Augen“ der Theologie im Werk Leo Scheffczyks

Nach einem bekannten (wenngleich tragisch geendeten) Münchner Theologen des 19. Jahrhunderts (Ignaz von Döllinger) braucht die Glaubenswissenschaft zwei scharfe Augen: ein historisches Auge für die geschichtliche Entwicklung und ein philosophisches Auge für den denkerischen Zusammenhang der Offenbarungswahrheiten. Viele Theologen sind gleichsam auf einem Auge kurzsichtig (manchmal vielleicht sogar auf beiden). Leo Scheffczyk dagegen weiß die genaue Analyse komplizierter geschichtlicher Sachverhalte zu verbinden mit der synthetischen Zusammenschau der großen Linie der Glaubenslehre, wobei im Gesamtwerk der Akzent auf der Systematik liegt.

 

    Die Habilitationsschrift über die Mariologie der Karolingerzeit bezeugt ein intensives Schaffen, das die geschichtliche Entwicklung der Glaubenswahrheiten nachzeichnet. Die tiefgründige Kenntnis der Theologiegeschichte zeigt sich nicht zuletzt seit 1968 in der Mitherausgabe des „Handbuches der Dogmengeschichte“, das über 50 Bände umfasst. Bis zur Vollendung des Jahrhundertwerkes fehlen nur noch wenige Traktate. Die anspruchsvolle Arbeit hatte 1951 begonnen mit den Herausgebern Michael Schmaus, Josef Geiselmann und Alois Grillmeier. Zwei Bände des „Handbuches“ stammen von Scheffczyk selbst und stehen für zwei wichtige Themen, die der Theologe auch in anderen Veröffentlichungen entfaltet: die Lehre von der Schöpfung und Vorsehung  sowie die Erbsündenlehre in ihrer Entwicklung bis zu Augustinus. Beachtenswert ist dabei auch die Vergewisserung um den systematischen Ansatz der Dogmengeschichtsforschung.

 

Die organische Zusammenschau der Glaubenswahrheiten wird gekrönt durch die achtbändige „Katholische Dogmatik“, die Leo Scheffczyk gemeinsam mit seinem Schüler und Kollegen Anton Ziegenaus herausgegeben hat (1996-2003). 2010-2020 erschien eine italienische Ausgabe. Scheffczyk hat hier die Bände veröffentlicht über die Einführung in die Dogmatik, über das Geheimnis Gottes, über die Schöpfungslehre und über die Gnade. In diesem Werk finden wir die reife Synthese eines jahrzehntelangen intensiven theologischen Schaffens. Die vier Bände sind freilich nur ein repräsentativer Ausschnitt aus einem riesigen Werk, das den gesamten Bereich der Dogmatik umfasst (und darüber noch hinausgeht). Das Eintreten in den „Ruhestand“ (1985) gilt keineswegs für den Bereich der Veröffentlichungen. Beachtlich ist dabei auch die innige Verbundenheit mit den Anliegen der einfachen Gläubigen, was sich in unzähligen Vorträgen und Predigten zeigt. Aus der Feder von Scheffczyk stammen ungefähr 1.800 Veröffentlichungen, darunter 54 Monographien, ca. wissenschaftliche 800 Artikel für Zeitschriften und Lexika und 484 Rezensionen. Viele Werke sind in fremde Sprachen übersetzt: italienisch, spanisch, portugiesisch, französisch, englisch, niederländisch, ungarisch und polnisch. Es gibt kaum ein Thema der systematischen Theologie, mit dem sich der schlesische Theologe nicht befasst hätte.

 

Ein hervorragender Einstieg wird geboten durch drei Bände seiner gesammelten Schriften, deren 76 Beiträge eine Auswahl von Themen bieten aus dem gesamten Bereich der dogmatischen Theologie. Überaus wichtige Abhandlungen finden sich auch in der Reihe „Quaestiones non disputatae“: dabei geht es um den richtigen Weg des Ökumenismus und das Zentrum des Glaubens in der Christusgestalt. In der gleichen Reihe hat der Münchener Dogmatiker schon zuvor einen Durchblick zur Lehre von der Kirche gegeben, die im Zentrum der nachkonziliaren Diskussionen steht. Die italienische Übersetzung dieses wichtigen Werkes erschien 1998 mit einem Vorwort von Joseph Kardinal Ratzinger. In der Zeit nach dem Zweiten Vatikanum, betont der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, habe es eine „oft einseitige und parteiische“ Deutung der wichtigsten Konzilsdokumente gegeben. Diese Fehlinterpretation hat „in vielen Bereichen der katholischen Welt eine tief greifende Krise hervorgerufen. Diese Krise findet ihren tiefste Wurzel in einem verbreiten Verlust des ‚katholischen’ Sinnes der Wirklichkeit ‚Kirche’. Vielen, auch Katholiken, erscheint die Kirche als menschliche Konstruktion, ein Werkzeug, das von der Gemeinschaft der Christen geschaffen wurde und das man nach Gutdünken gemäß den zeitgenössischen Erfordernissen neu organisieren kann“. Zurückzugewinnen sei „die Überzeugung, dass die Kirche nicht uns gehört, sondern dem Herrn“. Scheffczyk zeige vor allem „die vollständige Kontinuität der Lehre des Zweiten Vatikanums mit der vorausgehenden Ekklesiologie. Gleichzeitig weist er auf die Entwicklung und den Fortschritt im Verständnis des Geheimnisses der Kirche. Zweitens beweist er, dass der Gegensatz zwischen dem Auftrag der konziliaren Erneuerung und der Krise nach dem Konzil die Folge einer einseitigen, selektiven und letzten Endes abwegigen Deutung“ des Zweiten Vatikanums darstellt. „Der wichtigste Vorzug des Buches ist es zweifellos, dem Leser sichere Bezugspunkte zu liefern, angesichts der tiefen Kenntnis, die der Verfasser besitzt von den Zeugnissen der Überlieferung, den Weisungen des Lehramtes und dem systematischen Nachdenken der Theologie, im Zusammenhang einer realistischen Darstellung der gegenwärtigen Lage, in der die Kirche lebt und wirkt“.

 

Lohnenswert wäre es nun, im Einzelnen die von unserem Theologen behandelten Bereiche vorzustellen. Dieser Versuch würde freilich den Rahmen eines Vortrages sprengen. Hingewiesen sei freilich auf das meines Erachtens typischste Werk von Leo Scheffczyk: die originelle systematische Zusammenschau der Theologie unter dem Titel: „Katholische Glaubenswelt“. Der Theologe analysiert hier die typischen Kennzeichen des katholischen Glaubens, unterschieden in formgebende, inhaltliche und existentielle Prinzipien. Das tiefgründige und trotzdem sehr eingängige Werk ist in der Lage, neue Freude am Katholischsein zu erwecken und an der Fülle der Wahrheit, die nur in der von Christus gestifteten und vom Nachfolger Petri geleiteten Kirche zu finden ist.

 

9. Die „Theologie des Wortes“ als Ausdruck des personalistischen Ansatzes

Ein Thema, das sich im gesamten systematischen Werk Scheffczyks findet, ist die Theologie des Wortes. Der Ausgangspunkt ist die auf das Mensch gewordene göttliche Wort konzentrierte Christologie; die Wurzel zeigt sich im Leben der Dreifaltigkeit und seine Anwendung in der Lehre von der Schöpfung, der Gnade, der Kirche und den Sakramenten. Die Theologie des Wortes nimmt einen wichtigen Faden des biblischen Denkens auf und konfrontiert ihn mit der modernen Personalismus, der in verschiedenen Ausprägungen auf die Beziehung zwischen „Ich“ und „Du“ zielt. Die Begegnung zwischen Gott und dem Menschen zeigt sich in der Struktur von Ruf und Antwort. Schon Schmaus hatte seine Dogmatik aus diesem Horizont heraus geschrieben. Auch Scheffczyk unterstreicht für seinen eigenen geistigen Werdegang die „Einflüsse einer personologisch ausgerichteten Glaubenslehre“.

 

    Die Bedeutung der Theologie des Wortes zeigt sich in allen Bereichen des Werkes von Scheffczyk, auch wenn eine der Beziehung zwischen Natur und Gnade hier eine besondere Bedeutung zukommt. „Die fundamentale Bedeutung der ‚Theologie des Wortes‘ bei Scheffczyk liegt darin, dass der Extrinsezismus durch die personale Beziehungsgröße des Wortes in den verschiedensten Trakten der Theologie – vor allem in der Gnadentheologie – überwunden werden kann, ohne dabei in einen Intrinsezismus zu verfallen“. Auf diese Weise zeigt sich die existentielle Ausrichtung des Menschen auf das Wort Gottes, das ihn ruft, indem es ihn erschafft. So wird der Extrinsezismus überwunden, die in der göttlichen Offenbarung nur einen dem Menschen äußerlichen Faktor sieht. Der Mensch ist offen für das Ereignis der Offenbarung und der Gnade, wie das Ohr auf das menschliche Wort ausgerichtet ist, aber es ist nicht möglich, die göttliche Offenbarung und die umsonst geschenkte Gabe der Gnade aus der Struktur des Menschen abzuleiten. Auf diese Weise wird auch ein Intrinsezismus zurückgewiesen, der die übernatürliche Gemeinschaft mit Gott schon im menschlichen Wesen verankert.

 

    Scheffczyk gelingt es, einen wichtigen Faden des Denkens aufzunehmen, der sich – wenngleich oft in einseitiger Weise – im modernen Personalismus und in der protestantischen Theologie findet, wo freilich die Bedeutung der „Antwort“ auf das „Wort“ weniger entwickelt ist. Der Personalismus ist auch ein Gesichtspunkt, der unseren Autor mit Karol Wojtyla verbindet, und Scheffczyk selbst versäumt es nicht, bezüglich der Theologie der Ehe, das personalistische Denken von Papst Johannes Paul II. hervorzuheben.

 

    Im personalistischen Ansatz gleicht die Theologie von Leo Scheffczyk den geistigen Denkwegen von Joseph Ratzinger und Hans Urs von Balthasar, die ebenfalls die personale Begegnung, den „Dialog“ von Gott und Mensch, ins Zentrum stellen. Der Personalismus von Scheffczyk erreicht seinen Höhepunkt im theologischen Traktat von der Gnade, wenn die persönliche Freundschaft zum Schlüssel wird, um die Beziehung zwischen Natur und Gnade zu vertiefen.

 

    Eine ganz andere Färbung findet sich hingegen in der Transzendentaltheologie Rahner`scher Prägung, die dazu neigt, sämtliche Glaubensinhalte aus dem geistigen Horizont abzuleiten, den der „Hörer des Wortes“ kraft seines Transzendenzbezuges „immer schon“ in sich trägt. Die Neuheit und Gnadenhaftigkeit des christlichen Ereignisses drohen dabei in der „transzendentalen Erfahrung“ zu versinken, die sich in allen Menschen aller Zeiten findet. Die kritische Distanz zur Transzendentaltheologie zeigt sich in fast allen dogmatischen Traktaten Scheffczyks. Die Ansätze Rahners werden keineswegs als Ganzes zurückgewiesen, aber der Münchener Dogmatiker ist eindeutig gegen die Anleihen aus dem Deutschen Idealismus, die dem gesunden Menschenverstand zuwider laufen und die Bedeutung der praeambula fidei, wie sie die christliche Tradition erschließt, nicht einholen können. Die Gegnerschaft zur Transzendentaltheologie bekundet sich seit der Mitte der 60er Jahre und wird in aller Klarheit offenkundig durch die kritische Rezension des Rahner´schen „Grundkurs des Glaubens“ in der Zeitschrift „Communio“ 1977.

 

    Die fragwürdige Öffnung zum Deutschen Idealismus in manchen Strömungen der modernen Theologie ist entscheidend begründet durch den Blick auf die protestantische Theologie, ohne die Kant und Hegel geistesgeschichtlich überhaupt nicht zu verstehen sind. Scheffczyk hat unter anderem einen Beitrag geschrieben zur Absolutheit des Christentums nach Hegel, worin unser Theologe einige positive Gesichtspunkte sichtet, aber die Gesamtausrichtung eindeutig zurückweist. Scheffczyk kennt sehr genau die verschiedenen Verästelungen der deutschen protestantischen Systematik in der Gegenwart und nimmt darauf des Öfteren Bezug. Bei der behutsamen kritischen Sichtung überwiegt freilich der Gegensatz. Da der „real existierende Ökumenismus“ trotz bester Absichten nicht selten den Schatz des katholischen Glaubens ruiniert, betont Scheffczyk mit aller Deutlichkeit die organische Einheit der gesamten Glaubenslehre, deren Wahrheitsanspruch in keiner Weise in Frage gestellt werden darf. Die Kenntnis und kritische Benutzung der protestantischen Theologie geht einher mit einer klaren katholischen Identität.

 

10. Die Einfügung in die wissenschaftliche Gemeinschaft

Die Einfügung eines Gelehrten in die wissenschaftliche Gemeinschaft ist wichtig für die Verbreitung seines Werkes und für den geistigen Austausch. Diese Einfügung ist beachtlich, wie etwa die Herausgabe von Zeitschriften bezeugt (worauf wir schon hingewiesen haben) und von wissenschaftlichen Reihen. Neben dem monumentalen „Handbuch der Dogmengeschichte“, das schon genannt wurde, können wir hier vor allem die Herausgabe einer Reihe für systematisch-theologische Dissertationen erwähnen, „Theologie im Übergang“ (ab 1976), sowie einiger Tagungsbände der deutschen Arbeitsgemeinschaft katholischer Dogmatiker und Fundamentaltheologen (im Rahmen der Reihe „Quaestiones disputatae“).

 

    Diese Zusammenarbeit scheint besonders wichtig im Blick auf die Schöpfungslehre. Obwohl dieser Bereich eigentlich das ideale Feld wäre für eine Begegnung zwischen der Theologie und den übrigen Wissenschaften, hat sich die Theologie der letzten Jahrzehnte häufig (besonders krass in den 60er und 70er Jahren) in ein Ghetto zurückgezogen. Dies zeigt sich nicht zuletzt in billigen Zugeständnissen an eine neodarwinistische Evolutionslehre, die für das „Verdunsten“ des Glaubens eine große Verantwortung trägt. Der christliche Glaube wird dagegen in ein existentialistisches Reservat verfrachtet, das mit der harten Realität der Naturwissenschaften nichts mehr zu tun hat. Leo Scheffczyk hat freilich über Jahrzehnte hinweg den Dialog mit Wissenschaftlern anderer Disziplinen gesucht. Dies zeigt sich etwa seit 1972 in seiner Mitarbeit in der „Görresgesellschaft“, in der katholische Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen zusammenarbeiten bei einer interdisziplinären Forschung im Horizont des Glaubens; in der wissenschaftlichen Reihe „Grenzfragen“ gab Scheffczyk mehrere Bände heraus.

 

In die gleiche Richtung geht seine ebenfalls jahrzehntelange Mitarbeit an der Gustav-Siewerth-Akademie, die aus christlicher Sicht eine philosophische Bildung vermittelt in enger Tuchfühlung mit den Naturwissenschaften. Bezeichnend ist dabei der Ursprung der Akademie in den Wirren der Studentenrevolution. Die Gründerin ist Baronin Alma von Stockhausen (1927-2020), langjährige Professorin für Philosophie an der Universität Freiburg im Breisgau. Als deren Vorlesungen gewaltsam von marxistischen Studenten unterbunden wurden, so dass zeitweise gar keine Lehrtätigkeit für sie möglich war, bot sie private Vorlesungen und Seminare an in ihrer Wohnung im Schwarzwald (Weilheim-Bierbronnen). Prof. von Stockhausen lud auch ihre Gegner ein, insbesondere zu einem Seminar über den jungen Marx. Das von den Quellen ausgehende Studium des Denkens von Karl Marx öffnete vielen jungen Studenten die Augen; nicht wenige marxistische Rabauken wurden in der Folge zu gläubigen Christen. Die Akademie der Baronin von Stockhausen lud in der Folge berühmte Persönlichkeiten zu wichtigen Themen ein, darunter Joseph Ratzinger und Hans Urs von Balthasar. Die räumlichen Kapazitäten und finanziellen Mittel der Akademie sind begrenzt, bieten aber die Möglichkeit zu einem intensiven geistigen Austausch in einer familiären Atmosphäre. Die Vorträge von Leo Scheffczyk gehörten zweifellos zu den Höhepunkten im Leben der Akademie. Nach der Ankunft der „Grünen“ in der Regierung von Baden-Würtemberg wurde 2013 die staatliche Anerkennung für den Lehrbetrieb entzogen, mit dem Hinweis darauf, dass die Professoren nur ehrenamtlich wirkten. Das Leben der Hochschule ist derzeit sozusagen „eingefroren“, aber es werden nach wie vor Sommerkurse angeboten, die ein reges Interesse finden.

 

Schon erwähnt wurde das mariologische Wirken Scheffczyks im Rahmen der „Pontificia Academia Mariana Internationalis“ (seit 1973) und seine Mitgliedschaft seit deren Gründung 1951 in der (seit 1962 so genannten) „Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie“. 1977-2001 war er Mitglied der „Pontificia Academia Theologica Romana“. 1980 wurde ihm die bedeutendste staatliche Ehrung zuteil, die Aufnahme in die Bayerische Akademie der Wissenschaften. Er war Berater der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz (1970-1985)  und des Päpstlichen Rates für die Familie (1983-2001). 1994 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität von Navarra (Pamplona). Noch als Professor erhielt Scheffczyk eine kirchliche Anerkennung für seine theologische Arbeit durch die Ernennung zum päpstlichen Ehrenprälaten (Monsignore, 1978).

 

Scheffczyk hatte zweifellos ein beachtliches Netz wissenschaftlicher Verbindungen, aber während der Kirchenkreise nach dem Zweiten Vatikanum hat er sich nicht in die sich selbst als „fortschrittlich“ verstehende Euphorie eingereiht, wonach die Überlieferung der Kirche zugunsten ideologischer Utopien preisgegeben werden sollte. Deshalb erfuhr er „viel Widerspruch, Unverständnis und Ablehnung … Seinen schweren Stand ertrug Scheffczyk über Jahrzehnte hinweg mit bewundernswertem persönlichem Gleichmut und gläubiger Unbeirrbarkeit“.

 

11. Die Verbindung zu John Henry Newman und zur Geistlichen Familie „Das Werk“

Seit dem Ende der 70er Jahre ist Leo Scheffczyk eng verbunden mit dem Leben der Geistlichen Familie „Das Werk“. Die neue geistliche Gemeinschaft hat ihren Ursprung in Belgien (1938) mit dem Wirken von Julia Verhaeghe (1910-1997). Im Sommer 2001 wurde sie approbiert als Familie des geweihten Lebens päpstlichen Rechtes (Familia Spiritualis Opus = FSO). „Die Zielsetzung des ‚Werkes’ besteht darin, zum Lob des dreifaltigen Gottes und zum Heil der Menschen ein Abglanz der Kirche zu sein und ihre übernatürliche Schönheit als Leib Christi und als Familie Gottes zu bezeugen. Verwurzelt in der heiligen Eucharistie, der Quelle der Einheit mit Gott und untereinander, und in Treue gegenüber dem Nachfolger Petri und der gesunden Glaubenslehre wollen die Mitglieder dazu beitragen, dass die Menschen das Geheimnis der Kirche tiefer erfassen und in der Liebe zu ihr angesichts der Zeichen der Zeit gestärkt werden. In ihrer kontemplativen und apostolischen Berufung und in ihrer Sendung zur Heiligung der Welt lassen sie sich vor allem vom Beispiel des heiligen Paulus leiten und ahmen seine Liebe für den Herrn und seinen Leib, die Kirche, nach. Mit Vertrauen blicken sie auch auf die Heilige Familie von Nazaret, in der sie das wahre Vorbild der Einheit und der Komplementarität in der geistlichen Vater- und Mutterschaft erblicken“.

 

Das „Werk“ besteht je aus einer Gemeinschaft von Schwestern und von Priestern, die klar voneinander unterschieden sind, doch untereinander zusammenarbeiten. Zur Priestergemeinschaft gehören auch Diakone, Brüder und Seminaristen. Neben den Mitgliedern im engeren Sinn gibt es eine weitere Form der Zugehörigkeit. Dazu zählen Ehepaare, Alleinstehende und Familien, aber auch Bischöfe, Diakone und Diözesanpriester, zu denen Kardinal Scheffczyk gehörte. In der Niederlassung des Werkes in Bregenz (im Kloster Thalbach) findet sich das Leo-Scheffczyk-Zentrum mit einem Archiv, in dem die Schriften des Theologen gesammelt sind und andere Gegenstände aus seinem Nachlass. Leiter des Zentrums ist P. Dr. Johannes Nebel FSO.

 

Als Leo Scheffczyk zum Kardinal ernannt wurde, ergab sich die Notwendigkeit, in München eine größere Wohnung einzurichten, um den neuen Aufgaben gewachsen zu sein. Zwei Schwestern vom „Werk“ übernahmen für den Kardinal den Haushalt und das Sekretariat. Die Gemeinschaft vermittelte Leo Scheffczyk eine geistliche Heimat und familiäre Geborgenheit. Pater Dr. Peter Willi FSO, der Leiter der Priestergemeinschaft, hat die letzten Erdentage des Kardinals geistlich begleitet.

 

    Neben Scheffczyk ist der große theologische Mentor des „Werkes“ John Henry Newman. Als der schlesische Theologe in Rom zum Kardinal erhoben wurde, am 21. Februar 2001, wurde weltweit der 200. Geburtstag Newmans gefeiert, der ebenfalls die Kardinalswürde seinen theologischen Verdiensten verdankt. Newman beeindruckt durch seine radikale Liebe zur Wahrheit, die ihn zur katholischen Kirche führte. Sein Widerstand gegen den weltanschaulichen Liberalismus, für den die Wahrheit im Bereich der Religion nur eine Angelegenheit des Geschmackes darstellt, und seine Verbundenheit mit dem Nachfolger des hl. Petrus machen ihn, neben vielen anderen Qualitäten, zu einem „Kirchenvater der Neuzeit“. Die gleiche Leidenschaft für die Wahrheit beseelte auch Leo Scheffczyk, der dafür manche Nachteile in Kauf nahm. In gewisser Weise könnte man ihn als den „deutschen Newman“ bezeichnen, auch wenn sein Werk umfangreicher und theologisch tiefgründiger ist als das des berühmten englischen Konvertiten.


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