25 Oktober 2010, 17:24
Wen Gott belastet, den trägt er auch
 
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Kath.Net-Dokument: Die Predigt von Bischof Konrad Zdarsa bei seiner Amtseinführung im Wortlaut

Augsburg (kath.net)
Kath.Net dokumentiert die am Montag veröffentlichte Predigt von Bischof Konrad Zdarsa im Gottesdienst zu seiner Amtseinführung:

Hochverehrte Mitbrüder im bischöflichen,

priesterlichen und diakonischen Amt!

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Bereits bei meiner ersten Begegnung mit dem Bistum Augsburg und seinen Gläubigen habe ich im Haus St. Ulrich mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des bischöflichen Seelsorgeamtes die Hl. Messe gefeiert. Das war am 15. September, am Gedenktag des Gedächtnisses der Schmerzen Marias, am Tag nach dem Fest Kreuzerhöhung.

Was Wunder, wenn wir bei dieser Feier der Danksagung einmal mehr über die Bedeutung des Hl. Leidens und Sterbens unseres Herrn für unsere Erlösung nachgedacht haben. Nicht zuletzt auch über die Auskunft der Theologen angesichts der unzähligen Leiden und Grausamkeiten, die sich Menschen aller Zeiten immer wieder füreinander ausgedacht haben. Die Auskunft nämlich, dass nicht etwa die Intensität, das Übermaß der Leiden für unsere Erlösung ausschlaggebend gewesen sei,. sondern das freiwillige Ja, das unser Herr um unseretwillen dazu gesagt hat. Dass er in der Nacht, da er verraten wurde, Brot nahm und Dank sagte und es seinen Jüngern reichte mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.

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Mehr noch als um die Auskunft der Theologen ging es mir aber darum, davor zu warnen und dazu aufzurütteln, bei diesen Überlegungen doch nicht etwa das Ausmaß der Leiden unseres Herrn zu vernachlässigen, ja möglicherweise sogar zu relativieren.

Wer von uns vermöchte denn abschätzen, wie der, der die Sünde nicht kannte, schon lange davor gelitten hat unter der Anmaßung des Menschen, seiner Verschlagenheit und Lüge!

Wer von uns wollte denn ermessen, wie tief der Menschensohn erschrocken und bis ins Mark getroffen gewesen sein muss angesichts der kaum auslotbaren menschlichen Abgründe, die sich da vor ihm auftaten bis hinein in den Kreis seiner engsten Vertrauten! Wenn es uns die Hl. Schrift nicht selbst schwarz auf weiß überlieferte, wir hätten es wohl kaum gewagt zu formulieren: „Als er auf Erden lebte,“ so heißt es da im Brief an die Hebräer, „hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden. Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt“ (Hebr 5,7-9).

Haben nicht dagegen wir allesamt, wer wollte sich davon ausnehmen, im Umgang mit der Sünde eine gewisse Robustheit entwickelt, eine Art Hornhaut gegenüber der Konsequenz des Bösen, zu dem wir selber oft genug beigetragen haben? Fromme Menschen haben aus dieser Erkenntnis eine Maxime für sich entwickelt: Vom Unglück ziehe ab die eigene Schuld, das übrige trag’ mit Geduld.

Liebe Schwestern und Brüder, nun soll es uns an diesem festlichen Tag keineswegs darum gehen, die Frage nach dem Leiden in der Welt zu stellen, oder gar den kläglichen Versuch zu unternehmen, eine plausible Antwort darauf zu geben. Nein – vielmehr wollen wir gerade heute und erst recht aufgrund des Evangeliums, das uns die Kirche weltweit heute vorlegt, den Blick auf unseren Herr Jesus Christus richten. Auf ihn, der in diese Welt gekommen und einer von uns geworden ist, in allem uns gleich außer der Sünde. Wir wollen auf Christus schauen und uns an ihn halten, der unsere Ausweglosigkeit erkannt und nicht geflissentlich darüber hinweggesehen hat. Der in der ganzen Breite wahrgenommen hat, was der Dichter in die Worte fasst: Das ganze Grauen der Welt ist nur ein Abbild des Grauens in unserem Herzen (Reinhold Schneider).

Auf Schritt und Tritt durchschaut er den immer neuen, fortwährend aussichtslosen Versuch der Menschen, sich selber zu erlösen. Die Schuld der anderen, die Untat der Mächtigen und Gewalttätigen , das Unrecht das zum Himmel schreit, scheint dafür bestens geeignet zu sein. Maximal jedoch um von sich selber abzulenken, niemals aber um sich selber freizusprechen oder zu erlösen, wie sich jedes Mal im Nachhinein herausstellt.

Liebe Schwestern und Brüder, in den vergangenen Wochen wurde ich immer wieder nach einem Programm gefragt, mit dem ich die Diözese nach den betrüblichen Entwicklungen der Vergangenheit zu einem neuen Anfang führen wollte. Die Rede von den schweren Aufgaben, die nun vor mir stünden, war da noch das Allgemeinste, wenn auch immer, Wiederholte.

Zunehmend aber habe ich mich gegen diese einseitig negative Darstellung eines ganzen Bistums und seiner Gläubigen zu Wehr gesetzt. Und viele haben mich dabei in Wort und Schrift tatkräftig unterstützt und mir ihr fürbittendes Gebet versprochen.

Wer von uns vermag denn schon im eigenen Namen und ganz allein auf seine eigene geringe Kraft gestützt, Auftrag und Sendung zu erfüllen, die ihm von Gott gegeben sind?! Erst vor wenigen Tagen schrieb mir ein Mitbruder, ein wahrer Freund: Wen Gott belastet, den trägt er auch.

Und wenn es wahrhaft so schlimm um uns bestellt sein sollte, wie mancher meint, uns immer wieder vorhalten zu müssen: Die Erkenntnis unserer eigenen Armseligkeit und Schwäche ist nicht die schlechteste Voraussetzung dafür, uns endlich helfen zu lassen. Doch lassen wir uns auch nicht entmutigen: Je mehr die Macht des Bösen uns bedrängt, um so höher muss doch auch das Potenzial an Gutem sein, dass solchen Aufwand erforderlich zu machen scheint.

Vor allem aber glaube ich daran, und möchte mit Gottes Hilfe immer wieder davon ausgehen dürfen, dass es hier wie anderswo unzählige Menschen gibt, die ihren Glauben leben und bezeugen, ihn leben und bezeugen wollen. Unzählige Brüder und Schwestern, die sich nicht haben verwirren lassen und, von Gott selber vor Sünde und Verwirrung bewahrt, das Kommen unsres Herrn erwarten.

Das habe ich die Fragesteller schon auch wissen lassen, dass es für jeden Einzelnen und jede Einzelne von uns darauf ankommt, sich auf seine Berufung und Erwählung zu besinnen und sich immer wieder von Neuem dafür zu entscheiden. Damit uns nämlich immer wieder neu bewusst wird, wozu wir eigentlich auf Erden sind und was wir da zu tun haben. Dass es – in der Sprache des Evangeliums gesprochen – nicht etwa nur darauf ankommt, schön in Blüte dazustehen und jede Menge Blätter zu treiben, sondern Frucht zu bringen. Frucht zu bringen, die zu bringen wir von unserem Herrn berufen und bestimmt sind und die beständig ist und bleibt.

Schon die Väter haben es gewusst: Ein Christ ist kein Christ. Niemand kann für sich alleine Christ sein. Es kann auch nicht genügen, unseren notleidenden Mitmenschen Brunnen in der Wüste zu bauen, wir müssen ihnen auch aus den Quellen göttlichen Lebens zu trinken geben. Es reicht nicht, an unseren Mitmenschen nach dem Recht zu handeln, wir müssen ihnen auch Gerechtigkeit und Liebe zuteil werden lassen. Es ist zu wenig, Gutes zu tun und davon zu reden, zuerst muss es uns darum gehen, Gottes Reich und seine Gerechtigkeit zu suchen. Alltag und gelebter Glaube dürfen nicht voneinander getrennt werden. Und auch in der Öffentlichkeit müssen wir beginnen, mit dem Evangelium zu argumentieren, wenn auch nicht in Stil und Sprache aus dem 18. Jahrhundert.

Sogar noch für den unfruchtbaren Feigenbaum legt der Weingärtner beim Herrn des Weinbergs Fürsprache ein. Sein hoffnungsvolles „Vielleicht“ ist keine vage, unsichere Vermutung sondern wird gedeckt durch seinen ganz persönlichen Einsatz.

Liebe Schwestern und Brüder, der Leerlauf und die Unfruchtbarkeit der Anderen darf uns nicht gleichgültig bleiben lassen. Jeder von uns ist dafür verantwortlich und mit schuld, wenn der Glaube des anderen ohne Frucht bleibt. Jeder von uns ist gefragt, muss Fürbitter und Helfer sein für seinen Nächsten, für die Gemeinde und für das ganze Bistum, wie Jesus.

Lasst uns darum auf Jesus Christus schauen, der reich war und unseretwegen arm geworden ist, um uns durch seine Armut reich zu machen (2 Kor 8,9). Lasst uns auf ihn schauen, der angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen hat (Hebr 12,2).

Lasst uns auf Jesus Christus schauen, „den Hirten und Bischof unserer Seelen“, der er für uns ist (1Petr 1,25), wenn „mich ängstigt, was ich für euch bin“ (Augustinus). Und lasst uns dadurch selber zu dem werden, was wir füreinander sein sollen, damit „uns tröstet, was wir miteinander sind“. Nämlich Menschen, die auf Jesus Christus getauft sind, auf seinen Tod und seine Auferstehung, Christen, die gewürdigt worden sind, seinen Namen zu tragen und befähigt, ihn vor den Menschen zu bezeugen.



Im Film „Mission“ über die Geschichte der Reduktionen der spanischen Jesuiten in Paraguay beklagt der Gesandte des Papstes in einem der letzten Dialoge die Zerschlagung dieses „heiligen Experiments“ durch Spanier und Portugiesen. Einer der anwesenden Diplomaten sucht ihn zu beschwichtigen und halbherzig zu trösten: Exzellenz, wir leben in dieser Welt. Die Welt ist nun einmal so. Wir haben sie so gemacht!

Nein, antwortete der päpstliche Gesandte nach einigem Zögern, ich habe sie so gemacht.

In der Zeit der Ernte und des zu Ende gehenden Jahres wird in den Pfarrgemeinden der Bistümer, aus denen ich komme, immer wieder einmal ein Lied gesungen, das uns zur Besinnung auffordert, wenn es da in der ersten Strophe heißt:


Die Felder alle reifen, was einst geblüht, trägt Frucht;

bald kommt der Herr der Ernte, der nach den Früchten sucht.

Unsre Lebenstage sind flüchtig wie der Wind;

darin Freud und Plage gar eng verschlungen sind.

Das Jahr ist ernteschwer; bin ich an Früchten leer?

Habe, Herr und Christus, mit uns doch Erbarmen!

Der Einsicht des päpstlichen Gesandten sollten auch wir uns nicht verschließen. Im Vertrauen auf die Fürsprache unseres Fürsprechers Jesus Christus beim Vater aber dürfen wir niemals nachlassen. Amen

Foto: (c) pba/zoepf

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