26 März 2013, 12:00
Sektenexpertin über Pädophilie und Gewalt in satanischen Sekten
 
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Sektenexpertin Brigitte Hahn: „Wir brauchen eine viel größere Aufmerksamkeit für das Thema.“ Von Andreas Otto (KNA)

Münster (kath.net/KNA) Die Münsteraner Sektenexpertin Brigitte Hahn warnt vor der Gefahr durch Satanisten. In deren Zeremonien würden schon Kinder extremer sexualisierter und anderer Gewalt ausgesetzt, sagte die Leiterin des «Arbeitskreises Rituelle Gewalt» der Bistümer Essen, Münster und Osnabrück am Montag im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Münster. Sie forderte eine viel größere Aufmerksamkeit für das Thema.

KNA: Frau Hahn, Sie haben vor einigen Tagen eine große Fachtagung zum Thema satanische Sekten organisiert. Wegen der starken Nachfrage konnten viele Experten gar nicht teilnehmen. Wie verbreitet ist das Problem?

Hahn:
Es gibt keine soliden Zahlen, aber deutliche Anhaltspunkte. 2005 gab es unter 1.000 Psychotherapeuten von Krankenkassen im Münsterland und im Ruhrgebiet eine Befragung. 120 davon berichteten von Klienten, die Erfahrungen mit satanistischen Ritualen haben. Umfragen in Rheinland-Pfalz und im Saarland ergaben ähnliche Rückmeldungen. Meine Erkenntnisse beruhen auf zahlreichen Ausstiegsbegleitungen.

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KNA: Was passiert bei den Ritualen?

Hahn:
Die Sekte empfindet sich als auserwählte Rasse und Elite der Gesellschaft, die Satan huldigt. Alle Rituale geschehen zu dessen Ehren. Im Zentrum steht dabei die Gewalt: Je mehr Leid und Gewalt jemand erträgt, desto näher kommt man Satan. Entsprechend dieser Ideologie gibt es Zeremonien, bei denen schon Kinder extremer sexualisierter und anderer Gewalt ausgesetzt sind.

KNA: Das klingt mehr nach Pädophilie und sexuellen Exzessen, die ideologisch überhöht werden...

Hahn:
In erster Linie geht es um die Ideologie rund um Satan. Ihr Geschäft macht die Sekte allerdings mit illegalen Machenschaften. Sie bieten ihre Kinder zum sexuellen Gebrauch an und beteiligen sich am Drogen- und Menschenhandel. Neben den enormen Summen, die dort verdient werden, hat die Sekte darüber die Möglichkeit, die Kunden zu erpressen und in ihre Hand zu bringen.

KNA: Wann und wo finden satanistische Rituale statt?

Hahn:
Vorzugsweise nachts in Privathäusern, Burgen, Schlössern oder im Wald. Und leider versuchen sie auch Kirchen zu benutzen.

KNA: Wie kann man Satanisten erkennen?

Hahn:
Sie fallen nach außen hin nicht auf und verstecken sich hinter einer völlig bürgerlichen Existenz.

KNA: Fallen die Kinder nicht in Kitas oder Schulen irgendwie auf?

Hahn:
Schon die Kinder werden darauf getrimmt, nicht über die Sekte zu sprechen. Aber Symptome können auf einen satanistischen Hintergrund hinweisen: Hohe Fehlzeiten, Übermüdung, verwirrter Eindruck, vergessene Sachen, blaue Flecken oder ein sexualisiertes Verhalten. Die Krux: Bei solchen Auffälligkeiten müssen nach unserem Recht die Eltern, die möglicherweise Mitglieder der Sekte sind, eingeschaltet werden. So behält die Sekte die absolute Kontrolle über die Kinder. Der Effekt: Die Kinder werden fürchterlich bestraft – und wenn sie trotzdem weiterhin auffällig bleiben, vom Kindergarten abgemeldet oder einfach an einer anderen Schule angemeldet.

KNA: Gibt es auch Missionierungsversuche?

Hahn:
Die meisten Ratsuchenden wurden in die Sekte hineingeboren. Darüber hinaus gibt es Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die angeworben worden sind. Ein Beispiel aus meiner Beratungsarbeit: Ein Jugendlicher wird auf dem Fußballplatz angesprochen, zunächst zu einer kleinen Straftat und später zu schweren Delikten bis hin zur Tötung eines Menschen bewegt.

KNA: Was kann man tun gegen solche Sekten?

Hahn:
Vor allem brauchen wir eine viel größere Aufmerksamkeit für das Thema. Viele im sozialen Bereich Tätige kommen mit Menschen in Kontakt, die von ritueller Gewalt berichten. Satanistische Sekten haben die Vernichtung unserer demokratisch-christlichen Werteordnung zum Ziel. Deshalb sind alle gesellschaftlichen Instanzen gefragt, hier tätig zu werden. Auch die Kirche. Wir brauchen den politischen Willen, diesen Berichten nachzugehen. Für die Aussteiger aus diesen Sekten brauchen wir fachkundige Therapeuten und Mediziner, qualifizierte Unterbringungsmöglichkeiten und geschulte Polizisten.

KNA: Wieso ist die katholische Kirche besonders gefragt?

Hahn:
Die katholische Kirche verfügt über ein umfangreiches Hilfsangebot für Aussteiger und Aussteigerinnen. Seelsorger, Ehrenamtliche, Sozialarbeiter, Ärzte, Psychologen und Berater unterstützen schon jetzt in vielfältiger Weise Aussteiger. Außerdem steht die katholische Kirche im besonderen Fokus satanistischer Sekten. Unsere Werte wie Nächstenliebe, Mitleid, die Würde des Menschen, und die Wahrung der Menschenrechte sollen zerstört werden. Die satanistischen Sekten stehlen Hostien, Kelche und andere Gegenstände. Sie werden entwertet, indem sie für abscheuliche Taten benutzt werden.

KNA: Wie verbreiten die Satanisten ihre Ideologie?

Hahn:
Es gibt Bücher im Buchhandel und viele Informationen im Internet. Und in den Sekten selbst lernen die Mitglieder, was sie zu tun und zu lassen haben. Sie lernen, dass der «Höchste» der Stellvertreter Satans ist, dem sie absolut zu gehorchen haben.

KNA: Gibt es einen Weg aus der Sekte?

Hahn:
Ja, es gibt einen Weg raus. Aussteiger benötigen aber ein gutes soziales Umfeld und viele fachkundige Menschen, die diesen schweren Weg begleiten und sich von Rückfällen nicht irritieren lassen.

(C) 2013 KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

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