12 Oktober 2013, 18:00
Das Schuldbekenntnis
 
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Also, wenn Sie beichten wollen, dann schnell! Setzen Sie im Moment der Erkenntnis einen Schritt, den Sie später nicht zurücknehmen können. Leseprobe 4 aus Raphael Bonelli: „Selber schuld!“

Wien (kath.net) Immer wieder kommen Patienten in die Therapiestunden und sagen gleich nach der Begrüßung, kaum dass sie die Couch auch nur berühren: »Also, Herr Doktor, zuerst muss ich etwas beichten: Ich habe letzte Woche ...« Meist »beichten« sie dann gebrochene Vorsätze, die sie in der vergangenen Therapiestunde gefasst hatten: der Student, der eigentlich in der Früh aufstehen wollte, die Übergewichtige oder der Kaufsüchtige, die rückfällig wurden. Ja, ein überzeugt atheistischer Pornosüchtiger »beichtete« mir kürzlich sogar, dass er seit der letzten Therapiestunde »gesündigt« (sic!) habe. Auf meinen fragenden Blick antwortete er mit einem charmanten Schmunzeln, dass eben auch Atheisten sündigen könnten.

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Jedenfalls: Wenn »es« dann draußen ist, geht es ihnen allen besser. Die Stunde kann für sie danach zwanglos und ohne Krampf beginnen. Das Schlimmste ist nämlich bereits ausgespuckt, das schlechte Gewissen erleichtert. Freilich muss man in der Therapiesituation achtgeben, dass der Therapeut nicht in die Rolle der moralischen Instanz gedrängt wird. Aber um diese Gefahr wissen die Patienten zumeist auch.

Trotzdem ist ihnen die sofortige Klarstellung ihrer »Verfehlungen« ein Anliegen, vielleicht für ihre innere Buchhaltung im Therapieprozess. Damit haben sie auch recht, denn wenn ein Patient versuchen würde, genau seinen schmerzhaften Punkt zu umgehen, wäre die Therapie sicherlich weniger effektiv.

Bei Alkoholikern etwa erlebt man immer wieder, dass ein Rückfall phantasievoll kaschiert wird – und eben nicht »gebeichtet« –, weil er im Bewusstsein umgedeutet wird. Dann ist Hilfe schwieriger.

Das Formulieren des eigenen Scheiterns verhindert die wehleidige Verdrängung. So steht die Selbstanklage gegenüber dem Therapeuten oft stellvertretend für den mutigen Prozess der Selbsterkenntnis.

Beichten ist ein normales menschliches Bedürfnis. Jeder psychisch gesunde Mensch trägt tief in sich eine Sehnsucht, seine Schandtaten bekennen zu können und sie durch Sühne wiedergutzumachen. Irritiert Sie das Wort »Schandtat«? Nun, das ist in unserem Zusammenhang eine äußerst aufschlussreiche Bezeichnung, die unsere Sprache anbietet: eine Tat, für die man sich schämt. Die also schmerzt. Und die unser wehleidiger Bauch deshalb am liebsten ins tiefste Unbewusste verdrängen würde.

Wenn die selbstbetrügerischen Kräfte überwiegen, also Perfektionismus, Ichhaftigkeit, Selbstwerterhöhung, Narzissmus, Selbstempathie, Wehleidigkeit, Sentimentalität, Opfergejammer und Selbstmitleid, dann gibt das Herz dieser Versuchung nach. Wenn das Herz aber diese Kräfte des Bauches in Schach halten kann, ist der Kopf frei und damit auch der Weg zur Selbsterkenntnis. Zumindest kurz, bis der Bauchmechanismus der Selbstrechtfertigung wieder die Oberhand gewinnt und die Türe wieder zuschlägt.

Also, wenn Sie beichten wollen, dann schnell! Setzen Sie im Moment der Erkenntnis einen Schritt, den Sie später nicht zurücknehmen können.

Raphael Bonelli (Foto) lehrt und forscht an der Sigmund-Freud-Privatuniversität. Er leitet das "Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie" (RPP), außerdem ist er Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin in Wien

kath.net-Lesetipp:
Selber schuld! Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen
Von Raphael M. Bonelli
Gebundene Ausgabe, 336 Seiten
2013 Pattloch
ISBN 978-3-629-13028-0
Preis: 20.60 EUR
eBook: 18,20 EUR

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Foto Titelbild © Pattloch Verlag
Foto Bonelli © kathpedia







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