25 November 2013, 10:00
Die Hintergründe der 'Warnung'
 
Legionaere
 
WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA 'Sekte'
Wie eine irische PR-Dame die Welt narrt – Was genau verbirgt sich hinter „Die Warnung“ und der angeblichen Prophetin „Mary Divine Mercy“? Von Michael Hesemann

Rom-Düsseldorf (kath.net) „Sie fragten (Jesus): Meister, wann wird das geschehen (die Endzeit) und an welchem Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt? Er antwortete: Geb Acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!, und: Die Zeit ist da. – Lauft ihnen nicht nach.“ (Lk 21, 7-8)

Seit Monaten sind die Botschaften der „Warnung“ ein Thema bei vielen kirchentreuen Christen, an manchen Gebetsstätten und Wallfahrtsorten haben sich ihre Anhänger bereits so breit gemacht, dass Bücher über den amtierenden Papst Franziskus als Ladenhüter gelten. Für sie endete das Papsttum, das Zeitalter der Kirche, mit dem Rücktritt Benedikts XVI. Franziskus halten sie für den „falschen Propheten“, der dem Antichristen vorausgeht. Denn wir leben, so sind sie überzeugt, in der letzten Phase der Endzeit. Christus kommt bald, ganz wie er es „seiner Prophetin“ höchstpersönlich vorausgesagt hat.

Doch wie konnte aus einem – im englischen Original – rund 2000seitigen Gesamtwerk, das sich bescheiden „Das Buch der Wahrheit“ nennt, eine sektiererische Bewegung entstehen, die das Schisma, die Kirchenspaltung, propagiert? Welche Rolle spielen die „Warnungs“-Jünger bei den böswilligen Verdrehungen und Unterstellungen, deren Opfer der argentinische Papst seit seiner Wahl am 13. März 2013 wiederholt wurde? Wer schließlich ist „Maria Divine Mercy“, die mysteriöse „Prophetin“, die seit dem 8. November 2010 über 970 Botschaften der Gottesmutter, Jesu, ja sogar Gottvaters „empfangen“ haben will?

VOM PR-GURU ZUR PROPHETIN

Die Informationen, die sich in der deutschen Ausgabe des „Buches der Wahrheit“ finden, sind spärlich. Danach war die „Seherin“ Maria vor ihrer prophetischen Berufung eine „lau praktizierende“ Katholikin, „Mutter von vier Kindern“, die „ein geschäftiges und erfülltes Leben“ führte: „Sie glaubte an Gott, aber sie war nicht im traditionellen Sinn fromm.“ Sie selbst erklärte am 11.10.2011 in einem Interview mit "Radio Maria": "Ich war eine erfolgreiche Geschäftsfrau". In einem zweiten Interview am 17.12.2011 bestätigte sie, in Irland zu leben. Erst im November 2013 enthüllte der irische Theologe Ronald Conte jr. ihre Identität. Bei „Maria Divine Mercy“ handelt es sich danach um die irische Geschäftsfrau Mary Carberry geb. McGovern, 58 Jahre alt und Mutter von mindestens zwei Kindern, Sarah (28) und David (26) Carbery. Gemeinsam mit ihrem Ehemann John leitet sie seit März 1982 die Agentur „McGovern PR“, die sich zunächst auf „Public Relations, Marketing, Journalismus“ und seit der Jahrtausendwende auch auf „Digitale Kommunikation“ spezialisierte. Auf ihrer LinkedIn-Seite beschreibt sie sich wie folgt: „Erfahren in allen Bereichen der Marketing-Kommunikation, insbesondere PR. Ein früher Internet-Anwender, richtete in Zusammenarbeit mit AOL einen Informationsdienst über Irland für Amerikaner irischer Abstammung ein. Heute zunehmende Geschäfte auf dem digitalen Sektor. McGovern PR startete die Schwesterfirma Future Media, um als einer der Ersten in Irland digitale Inhalte und digitales Marketing anbieten zu können. (…) Spezialität: Sehr erfahrene Medienpublizisten kreieren Kampagnen für Unternehmer, Konsumenten und das öffentliche Bewusstsein. Wir starten Onlinekampagnen, die schnell Beachtung finden und hochwertige Datenbanken erzeugen, wie sie heute von Marken benötigt werden. Wir kreieren ungewöhnliche Online-Episoden und Ereignisse rund um Marken, die bei ihren Zielgruppen zu Interesse und Debatten führen.“ ZoomInfo gibt den jährlichen Umsatz des Unternehmens mit „1-5 Millionen Dollar“ an, die Mitarbeiterzahl mit „10-20“ und bezeichnet Mary McGovern als „führenden PR-Guru“ der grünen Insel. Interviews aus dieser Zeit lassen sie als ehrgeizige Karrierefrau erscheinen. „Bis zu einem gewissen Grad ist die Ansicht, dass nette Mädchen nicht reich werden können, wahr“, erklärte sie etwa dem irischen „Independent“ am 5. September 2008, „erfolgreiche Menschen sind zu 80 % ihrer Zeit angenehm, nett und ruhig; aber sie können auch rücksichtslos sein. Eine gewisse Skrupellosigkeit ist in jeder Frau, die Erfolg hat.“ Und: „Wir sind von reichen Frauen fasziniert, gleich, wie sie ihr Vermögen gemacht haben. Je reicher sie sind, je mehr sind sie unsere Idole.“ Auf ihrer LinkedIn-Seite enthüllt sie auch ihre privaten Leidenschaften: „Lese Thriller der Knife Edge (dt. Das zweite Gesicht)-Reihe und schaue mir TV-Dokumentationen an“.

Stolz verweist Mary McGovern auf den Erfolg ihrer Firma: „McGovern PR gewann zahlreiche internationale Auszeichnungen und erhielt viermal den UK Marketing- und Kommunikationspreis, darunter 2006 als beste PR-Firma sowie in 2008 den Marketingpreis für Portugal, den US-Preis als beste internationale PR-Firma und den UK-Preis als beste PR-Firma, der vom International Property Magazine in Zusammenarbeit mit CNBC TV, der Daily Mail und der New York Times vergeben wurde.“ Dieser Erfolg erlaubte dem Ehepaar McGovern/Carberry den Kauf eines 850.000 Euro teuren, schmucken, weißen, zweistöckigen Einfamilienhauses in der Muldowney Court-Straße des „angesagten“ Dubliner Vororts Malahide, malerisch in Strandnähe gelegen. Doch als es im März 2003 eine Hypothek in Höhe einer halben Million Euro auf sein Haus aufnahm, wohl um das Geld in eine Expansion seines Unternehmens zu investieren, wurde ihm dies fast zum Verhängnis. „Ehepaar fürchtet, wegen rückständiger Hypotheken sein Haus zu verlieren“, vermeldete der irische „Independent“ am 8. Dezember 2009. Seit zehn Monaten hatten John und Mary Carberry ihre monatlichen Rückzahlungen in Höhe von 5217 Euro nicht leisten können; sie standen vor einem Schuldenberg von 491.000 Euro. Der Richter gab ihnen bis Ende Januar 2010 Zeit, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Die Tatsache, dass sie heute noch in diesem Haus wohnen, lässt darauf schließen, dass die Carberries eine Lösung für sein Finanzproblem fanden.

Werbung
syrien2


Es ist billig, eine Verbindung zwischen dem drohenden Offenbarungseid und dem Beginn der himmlischen Offenbarungen im November 2010 zu vermuten, auch wenn an der „Warnung“ vor allem die Professionalität ihrer weltweiten Vermarktungskampagne beeindruckt. Sie erscheint wie das Meisterstück einer genialen PR-Maschinerie. Doch vielleicht hat sich der Himmel ja auch bewusst die bestmögliche irdische PR-Agentur gesucht, um seine Botschaften effizient zu verbreiten.

Wahrscheinlicher aber ist eine andere Annahme. Der seelische Stress, die Sorge, ihr Lebenswerk zu verlieren, die Angst vor dem Verlust des Heims und ihres sozialen Status als erfolgreiche Karrierefrau könnten Mary McGovern-Carberrys Psyche für andere Einflüsse geöffnet haben.

WIE AUS MARY MCGOVERN MARIA DIVINE MERCY WURDE

Glauben wir ihrer eigenen Schilderung, so war es keine himmlische Erscheinung, sondern eher eine Inbesitznahme, die ihrer Berufung zur Prophetin vorausging. Am 9. November 2010 wachte sie nachts gegen 3.00 Uhr früh auf und „war sich bewusst, dass ihr Körper sich anders anfühlte … (sie) fühlte sich schwerelos und spürte ein unbeschreibliches Kribbeln im Bauch“. Es folgte „eine Reihe von starken Emotionen, sowohl körperliche als auch geistige, die wie ein elektrischer Strom durch ihren ganzen Körper fuhren“. Erst jetzt bemerkte sie, wie ein Jesus-Bild auf dem Nachtschränkchen mit ihr zu kommunizieren schien. „Und dann hatte sie diesen starken Drang, das aufzuschreiben, von dem sie wusste, dass Jesus ihr es mitteilte.“ Sie schrieb wie im Wahn. „Die Botschaft, die ihr diktiert wurde, beinhaltete 745 Wörter und sie benötigte genau 7 Minuten, um diese Nachricht Wort für Wort niederzuschreiben, von Anfang bis Ende.“ Das freilich erinnert mehr an das „automatische Schreiben“ okkulter Medien als an eine echte, himmlische Offenbarung. Der Jesus, den sie sah, zeichnete sich durch „durchdringend blaue Augen“ aus und „war umgeben von einem blendenden, scharfen Licht“. Was er ihr offenbarte, war freilich schmeichelhaft: „Maria wurde gesagt, dass die Wiederkunft Christi unmittelbar bevorsteht und dass sie der letzte Bote, der letzte Prophet ist. Ihr wurde gesagt, dass sie der siebte Bote, der siebte Engel ist, welcher der Welt den Inhalt der Siegel im Buch der Offenbarung verkünden wird … das Buch der Wahrheit, das im Buch Daniel für die Endzeit vorausgesagt worden ist.“ Und der Leser fragt sich unwillkürlich: Geht es nicht auch eine Spur bescheidener?

Doch wie plötzlich war dieser Schritt von der Glitzerwelt der Public Relations, von Marys Dasein als knallharte, clevere Geschäftsfrau, zur „Maria der Göttlichen Gnade“ und Superprophetin der Endzeit? Einer Frau, der es gelang, Zehntausenden gläubigen Katholiken einzureden, der Papst sei der „falsche Prophet“?

Was zunächst nach einer plötzlichen, nächtlichen Berufung klingt, hatte ein Vorspiel, auch wenn das Buch es nur vage andeutet: „In den Monaten vor der ersten Botschaft erlebte sie eine geistliche Erneuerung und hatte private Erscheinungen der Jungfrau Maria, die sie jedoch für sich behielt.“ Doch eine E-Mail, die Mary am 1. November 2010, also acht Tage vor ihrer nächtlichen Vision, an den katholischen Theologen und Erscheinungsexperten Ronald Conte jr. schrieb, enthüllt weitere Details:

„Ron, Ich las, was Sie über Garabandal und andere Prophezeiungen von der Wiederkunft Christi schrieben und denke, Sie sollten erfahren, welche Botschaften Joe Coleman, der Visionär, Mystiker und Seher, seit August 2009 erhält.

Ich bin die zweite Visionärin. Wir beide sehen die Gottesmutter und ihren geliebten Sohn Jesus Christus. Ich sehe auch eine Nonne während dieser Erscheinungen, von der ich glaube, dass es Schwester Faustina ist, die polnische Nonne, der in den 1930er Jahren ein Gebet an die Göttliche Barmherzigkeit offenbart worden ist, um die Welt auf die Wiederkunft vorzubereiten. (…) Wir erhalten jeden Monat Botschaften. Von Anfang an bat die Gottesmutter darum, sie zu veröffentlichen. Joe ging an die Öffentlichkeit – ich manage die Website, ging aber nicht an die Öffentlichkeit, da mir der Mut fehlt, die Wahrheit zu sagen. Noch kann ich meine Familie nicht dem aussetzen, was Joes Familie erleiden musste, seit er an die Öffentlichkeit ging.“

Zumindest wissen wir jetzt, weshalb sich Mary „Maria Divine Mercy“ nennt, auch wenn dies kein Ordensname ist und den falschen Eindruck erweckt, sie habe etwas mit den „Schwestern vom barmherzigen Jesus“ zu tun. Doch wer ist dieser Joe Coleman, auf den sie sich beruft?

DER SEHER VON KNOCK

Coleman, der sich selbst als „ungebildeten Dubliner aus der Arbeiterklasse“ bezeichnet, begann seine ungewöhnliche Karriere als spiritistisches Medium und Geistheiler, der behauptete, durch Handauflegen sogar Krebs heilen zu können. Auf seiner website aus dem Jahre 2007 (http://www.kerrytown-apparitions.com/) heißt es über ihn: „Seit er ein Kind ist, kann er Geister sehen. (…) am 1. Januar 1986 hatte er im Krankenhaus eine Nahtoderfahrung, als sein Herz für einen Moment zu schlagen aufhörte. Als er wieder zu sich kam, war er in der Lage, mit den Geistern zu kommunizieren. Es war ihm möglich, Dinge in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sehen, von denen er nicht wissen konnte. (…) Um seine Fähigkeiten auszuweiten, erlernte er Geistheilung, Hellsehen und Kommunikation mit Tieren. Er lernte, durch den Heiligen Geist zu arbeiten. 2004 gründete er in Ballyfermot, nahe dem alten Gala-Kino, eine Klinik für Geistheilung und Hellsehen. (…) Er gab Seminare über spirituelles Bewusstsein und Meditation.“ Mit anderen Worten: Er war ganz und gar Esoteriker, als er 2007 nach Kerrytown kam, wo Marienerscheinungen vermeldet wurden. Dort kniete er nieder vor der Statue der Gottesmutter, sah, wie sich ihr Gesicht verwandelte und empfing eine Botschaft: Jeder, der an diesem Tag kommen würde, würde geheilt. Er sei ihr ganz besonders wichtig; jeden Tag würde sie seine Gebete hören. Coleman: „Seitdem spreche ich jeden Tag mit Maria.“

Weil die Kirche sich weigerte, trotz dieser „Bestätigung“ Kerrytown anzuerkennen, verlagerte er sein Wirkungsfeld nach Knock. Dort fand 1879 eine Marienerscheinung statt, die von der Kirche anerkannt worden war; sogar Papst Johannes Paul II. stattete dem Gnadenort 1979 einen Besuch ab. Doch als Joe Coleman für Oktober 2009 dort ein Sonnenwunder ankündigte, waren die Folgen verheerend. 10.000 Gläubige strömten nach Knock, wo der „Seher“ ihnen versprach, sie würden die Gottesmutter sehen, wenn sie nur in die Sonne starrten. Mindestens fünf Pilger erlitten dabei schwere Netzhautverbrennungen, einige verloren später ganz ihr Augenlicht. Andere glaubten, zu sehen, wie die Sonne „tanzt“. Die irischen Bischöfe distanzierten sich daraufhin von Coleman, verboten ihm und seinen Anhängern ein Jahr später, das Heiligtum von Knock für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Dazu beigetragen hat gewiss auch die Fragwürdigkeit mancher Botschaften, die Coleman von der Gottesmutter empfangen haben wollte: „Sie wird die Fundamente der Kirche erschüttern, wenn die Leute ihr nicht zuhören, von Rom bis hinüber wo wir gerade sind, bis nach Knock“, hatte er im Oktober 2009 erklärt: „Und die Tore des Himmels werden verschlossen. Sie sagte, das werde sie machen, ich weiß nicht wie, aber sie ist wütend.“ (Zitat: http://globalcomment.com/joe-coleman-irelands-convenient-new-visionary/) Für 2012 soll er sogar das Wiederauftauchen der versunkenen Stadt Atlantis vorausgesagt haben.

Mary McGovern-Carberry pilgerte vielleicht nach Knock, um Trost und inneren Frieden zu finden, als ihr der Verlust ihrer Existenz drohte. Sie wird um ein Wunder gebetet haben, das sie und ihre Familie vor der drohenden Insolvenz rettete. Erschien es ihr als Antwort des Himmels, als sie plötzlich das Gefühl hatte, selber Botschaften zu empfangen, die sogar ganz konkrete Ereignisse ankündigten? Jedenfalls schrieb sie am 1. November 2010 an Ronald Conte: „Es wurde erwähnt, dass wir alle in die Wolken erhoben würden, doch das war nicht ganz klar. Das schien sich auf das Jahr 2013 zu beziehen, aber wir sind uns da nicht sicher.“ Dass die Vorstellung einer „Entrückung“ vor den apokalyptischen Umwälzungen zwar bei Evangelikalen weit verbreitet, aber keinesfalls Bestandteil der katholischen Eschatologie ist, war ihr offenbar zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. So waren ihre „Botschaften“ die gleiche Melange aus Katastrophenszenarien, Verschwörungstheorien und Drohungen eines mahnenden, zornigen Gottes bzw. einer zornigen Gottesmutter, wie sie zuvor Joe Coleman serviert hatte. Empathie ist die wichtigste Eigenschaft, die eine gute PR-Dame auszeichnet; sie muss in der Lage sein, sich in ihren Kunden hineinzuversetzen, ja zu denken, wie er. Wurde Mary McGovern mit der gleichen Empathie zur Kopie Joe Colemans, die freilich das Original an Intelligenz und Kreativität bald weit übertraf? Wie auch immer man das Geschehen wertet, es muss bald darauf zum Bruch zwischen den beiden „Sehern“ gekommen sein. Managte Mary McGovern zunächst Colemans website „knockapparitions.com“, wurde diese noch im selben Jahr wieder eingestellt. Nach Aussage einer Quelle aus ihrem Umfeld hatte sie sogar Colemans Buch „The Message“ (Die Botschaft) als Ghostwriter geschrieben und den „Seher“ ins irische Fernsehen und Radio gebracht. Doch als ihre Identität Anfang November 2013 enthüllt wurde und einer seiner Anhänger Coleman fragte: „Ich habe kürzlich viel über Maria Divine Mercy gelesen. Sie versteckt sich hinter ihrem falschen Namen und es heißt, sie sei Mary Carberry. Sie wird mit Ihnen in Verbindung gebracht. Können Sie das bestätigen?“, antwortete dieser am 6.11.2013 um 11.45 Uhr: „Ja, es ist wahr, es ist im ganzen Internet zu lesen, ich habe seit nunmehr drei Jahren nichts mehr von ihr gesehen oder gehört, doch ich bete für sie, dass sie zu Gott umkehrt, der Teufel arbeitet auf vielerlei Weise daran, Menschen zu täuschen und von der Wahrheit fernzuhalten…“ Deutlicher konnte eine Distanzierung von ihr kaum ausfallen.

Doch Joe Coleman war nicht der einzige Kontakt Mary McGovern-Carberrys zu einem vermeintlichen „Seher“. Eine der ersten „Bestätigungen“ für die „Echtheit“ ihrer „Warnungs-Botschaften“ erschien am 18. November 2011 auf der australischen Website „marianworldofatonement.org“: „Little Pebble bat darum, dass die Botschaften einer europäischen Seherin, bekannt nur unter dem Pseudonym Maria Divine Mercy, auf unserer Website erscheinen sollen, um zu ihrer weitestmöglichen Verbreitung beizutragen, wie der Herr es gewünscht hat.“ Dahinter steckt freilich mehr, als auf den ersten Blick offensichtlich wird.

MARIA UND DER „KLEINE KIESELSTEIN“

Denn „Little Pebble“ ist, das kann man getrost sagen, der schamloseste Betrüger, der sich derzeit in der Szene der falschen Propheten und Seher tummelt. Geboren am 16. Mai 1950 in Köln als Wilhelm Kamm und schon früh nach Australien ausgewandert, gibt er an, seit einem 18. Geburtstag mit Gott und der Heiligen Jungfrau zu sprechen. Seit 1983 will er regelmäßige Erscheinungen von Jesus und Maria haben, die ihm seine „göttliche Mission“ offenbarten. Er, der sich (in „demütigem“ Gegensatz zu Petrus, dem Felsen) „kleiner Kieselstein“ nennt („Little Pebble“), solle die Gläubigen in der bevorstehenden Apokalypse anführen bis zur Wiederkunft des Herrn. So gründete er in Nowra eine Kommune, die er „Orden des hl. Charbel“ nannte und sammelte Jünger um sich – nach eigenen Angaben 200 „Ordensangehörige“ vor Ort, 100 weitere in anderen Provinzen des Landes, 500 „freiwillige Mitglieder“ und 750.000 Anhänger in 24 Ländern der Erde. „Gott hat einen Bund mit Little Pebble geschlossen“, behauptete er 2002 auf seiner Website, „Little Pebble ist Marias Prophet, der auf Papst Johannes Paul II. folgen und als letzter Stellvertreter Christi die Kirche führen wird.“ Zuvor würde er von dem polnischen Papst zum Bischof geweiht und als Nachfolger auserkoren werden, um gemeinsam mit ihm den Antichrist zu besiegen. Als Johannes Paul II. 2005 verstarb, erkannte seine Bewegung zwar Benedikt XVI. an, behauptete aber, Johannes Paul II. würde bald von den Toten auferstehen, um Kamm zu weihen, der jetzt dem Ratzinger-Papst im Amte folgen müsse.

Zu diesem Zeitpunkt war Kamms dubioser Orden längst offiziell von der Kirche verurteilt worden. 2002 veröffentlichte der Bischof von Wollongong, Peter Ingham, ein von der römischen Glaubenskongregation bestätigtes Dekret, das Kamms „absurde Annahmen“ ausdrücklich zurückwies. Zwei Theologen und zwei Kirchenrechtler hätten die Schriften des „Sehers“ gründlich geprüft und zu „Irrlehren“ erklärt, die „in klarem Widerspruch zur Lehre, Disziplin und Autorität der katholischen Kirche“ stünden. „Little Pebble“ kündigte daraufhin an, die Diözese auf 300 Millionen Dollar Schadensersatz verklagen zu wollen.

Kurz darauf stand Kamm selber vor Gericht. 2005 wurde er wegen Unzucht mit einer Minderjährigen zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. 2007 folgte eine weitere Verurteilung zu jetzt fünfzehn Jahren Haft wegen eines 15jährigen Mädchens, das er ebenfalls sexuell missbraucht hatte. Kamm verteidigte sich mit der Behauptung, die Gottesmutter habe ihn beauftragt, „12 Königinnen und 72 Prinzessinnen“ um sich zu sammeln, um als „neuer Abraham“ nach der Apokalypse ein neues auserwähltes Volk zu zeugen.

Schon 1991 hatte er sich die damals 19jährige Bettina Lammermann zur Zweitfrau genommen, weil ihm die Gottesmutter offenbart hatte, seine Frau Anna würde „bald in den Himmel kommen“. Statt zu sterben ließ Anna Kamm sich daraufhin allerdings scheiden. Erst als er mit ihr bereits zwei Kinder gezeugt hatte, erfuhr Zweitfrau Bettina, dass der Seher eine dritte „mystische Ehe“ mit dem polnischen Teenager Bozena Golebiowska führte.

Doch auch Kamms Absurditäten haben ihren Vorläufer. So gestand er offen, seine „Berufung“ in Bayside/Long Island empfangen zu haben, das seit 1970 Schauplatz weiterer falscher Marienerscheinungen wurde. Dort (und später auf dem Gelände des Vatikan-Pavillons im Park der Weltausstellung von Flushing Meadows/New York) behauptete die Hausfrau Veronika Lueken, bis zu ihrem Tod 1995 regelmäßig mit der Gottesmutter gesprochen zu haben. Ihre umfangreichen Botschaften wurden von einem aktiven Anhängerkreis in aller Welt verbreitet. Lueken behauptete nicht nur, dass das Ende der Welt durch einen Kometen unmittelbar bevorstünde, sie erklärte auch in den frühen 1970ern, eine Verschwörung im Vatikan habe Papst Paul VI. gestürzt und durch einen Doppelgänger ersetzt. Am 4. November 1986 distanzierte sich das Bistum Brooklyn offiziell von der „Seherin“ und ihren Anhängern.

Nun könnte man Kamms Sympathie für die „Warnung“ als irrelevant für den Wahrheitsgehalt ihres Inhalts werten, wenn nicht noch etwas den australischen Gegenpapst mit der irischen „Seherin“ verbinden würde. Nämlich ihr engster Vertrauter, der umtriebige Ex-Zahnarzt, Geschäftsmann und begeisterte Radfahrer Breffni Cully. Cully hält nicht nur unter dem Pseudonym „Joseph Gabriel“ in den USA Seminare über die „Warnung“, er ist auch – zunächst zusammen mit Marys Tochter Sarah Carberry – Mitinhaber des Verlages „Trumpet Publishing Limited“, in dessen Tochterunternehmen „Coma Books“ sämtliche Original- und fremdsprachlichen Ausgaben des mittlerweile dreibändigen „Buches der Warnung“ sowie das dazugehörige „Kreuzzugs-Gebetbuch“ erschienen. Genauer gesagt: Laut dem „Irish Business Report“ wurde der das Unternehmen Coma Books am 25.2.2013 registriert, sein alleiniger Eigner ist die Trumpet Publishing Limited, Block 4 Harcourt Center, Harcourt Street, Dublin. Diese wurde am 6. Juni 2012 mit einem Aktienkapital von einer Million Euro von Cully und Carberry aus der Taufe gehoben. Am 14. Januar 2013 zog sich Sarah Carberry als Direktorin aus der Firma zurück und machte Platz für den Deutschen Martin Roth aus Köln, der die deutschsprachige Website zur „Warnung“ betreibt und hierzulande die Bücher vertreibt.

Trotz seiner vielfältigen Kontakte hat Cully nur zwei „Freunde“ auf seiner Google+-Seite, nämlich seinen Vermögensverwalter und eine gewisse Christine Lammermann aus Nowra in Australien. Sie ist die Schwiegermutter des “Little Pebble“ William Kamm, lebt noch immer im Hauptquartier der Sekte und vertreibt erfolgreich über das Internet Natur- und Gesundheitsprodukte. Auf „Facebook“ gehört sie nicht nur dem harten Kern der „Warnungs“-Promoter, den „Warriors of God“ an, sondern zählt auch den „JTM Adm“ (Jesus to Mankind-Administrator) zu ihren Freunden, der die zahlreichen „Warnungs“-Gruppen auf Facebook koordiniert. Auf ihrer Twitter-Seite verlinkt sie regelmäßig, zeitgleich mit ihrem offiziellen Erscheinen, die neuesten „Botschaften“ von Maria Divine Mercy. Der amerikanische „Midwaystreet“-Blog, der neben den Recherchen des irischen katholischen Theologen Ronald Conte jr. maßgeblich zur Aufdeckung der Identität von „Maria Divine Mercy“ beitrug, vermutet in ihr sogar die „Ghostwriterin“ der oder zumindest einiger „Warnungs“-Botschaften. Eines der Kreuzzugsgebete soll sie mit den Worten „Ich hoffe, Ihnen gefällt, was ich geschrieben habe“ kommentiert haben. Zweifellos aber bediente sich Mary McGovern des weltweiten Netzwerkes der „Little Pebble“-Jünger, um ihre eigenen Botschaften schnell und effizient zu verbreiten. So zitierte sie auf ihrer website einen „Fr. Marie-Paul“ als ersten „Priester und Theologen“, der die „Warnungs“- Botschaften für echt befand. Nur dass der Mann weder ein katholischer Priester noch ein Theologe ist, sondern ein Mitglied der Kamm-Sekte. Später sprang ein „Bischof Malcolm Broussard“ für die irische Seherin in die Bresche, erklärte auf „Facebook“ : „Diese Botschaft der Gottesmutter ist sehr erbaulich und berührt mich tief. Möge Jesus alle segnen, die diese Botschaft lesen und sie inspirieren, Maria zu lieben und ihr helfen, Seelen zu ihrem göttlichen Sohn Jesus zu führen.“ Der Mann ist ein ehemaliger Priester der Diözese Houston-Galveston/Texas, der wegen moralischer Verfehlungen 1989 in den Laienstand zurückversetzt wurde. Damals schloss er sich der Kamm-Sekte an und wurde offiziell zum „geistlichen Führer“ des Sehers. Als er sich 2003 in München von einem exkommunizierten, schismatischen Vagantenbischof zum Bischof weihen ließ, war seine „ipse facto“ -Exkommunikation die kirchenrechtliche Konsequenz. Offensichtlich hält jetzt auch er „Maria Divine Mercy“ für die legitime Nachfolgerin des nach wie vor inhaftierten „Little Pebble“.

FALSCHE PROPHEZEIUNGEN

Dass es sich bei der „Warnung“ um falsche Prophetie handelt, wird offensichtlich, wenn man sie näher studiert. Das gilt insbesondere für die brisanteste der fast tausend Botschaften, die von ihren Anhängern gerne zitiert wird, weil sie doch so offensichtlich wahr geworden scheint. Schließlich verkündete die „Gottesmutter“ am 11. Februar 2012 um 11.30: „Mein armer Heiliger Stellvertreter, Papst Benedikt XVI., wird vom Heiligen Stuhl in Rom vertrieben werden“. Exakt ein Jahr später, am 11. Februar 2013, kündigte der Papst in Rom seinen Amtsverzicht an.

Weniger überraschend erscheint der vermeintliche „Treffer“ allerdings, wenn man sich die Mühe macht, alle auf fast 2000 Seiten publizierten Botschaften durchzuarbeiten. Denn zwischen dem 26. November 2010 und dem 11.Februar 2013 sprach die „Seherin“ in 32 Botschaften von der angeblichen Verschwörung gegen den Nachfolger Petri, was das „übereinstimmende Datum“ eher als Zufallstreffer erscheinen lässt. Doch ist die Botschaft vom 11. Februar 2012 tatsächlich eingetroffen? Natürlich nicht. „Am 17. März 2011 wurde – in aller Stille – ein Plan, Meinen Heiligen Stellvertreter zu vernichten, ausgearbeitet, und dieser wird verwirklicht worden, den es ist vorausgesagt worden”, behauptete die “Seherin” weiter. Wer Benedikt XVI. in den letzten Monaten seines Pontifikats hautnah erlebt hat, der erkennt einen ganz anderen Grund für seinen Amtsverzicht. Nämlich die zunehmende körperliche Schwäche eines 86jährigen, der einfach einsah, dass seine schwindende Kraft nicht mehr den Anforderungen des Petrusamtes standhielt. Sein Rücktritt überraschte selbst die Kardinäle der römischen Kurie, versetzte den Vatikan für Tage in einen Schockzustand und wurde von vielen Tränen begleitet. Statt aus Rom „vertrieben“ zu werden, bestieg Benedikt XVI. nach seinem bewegenden Abschied einen Helikopter, um zum Papstpalast in Castelgandolfo geflogen zu werden. Von dort kehrte er zwei Monate später in den Kirchenstaat zurück – und bewohnt seitdem das Kloster Mater Ecclesiae in den vatikanischen Gärten. Dort empfängt er regelmäßig Gäste, oft auch seinen Nachfolger Franziskus, der ihn gerne um Rat fragt. Dabei hieß es doch in der Botschaft vom 20. März 2012, dass Benedikt XVI. „in Gefahr schwebt, aus Rom verbannt zu werden“. Am 16. Juli 2012 meinte die Seherin sogar, er würde „sehr bald gezwungen werden, aus dem Vatikan zu fliehen.“ Schon am 26. November 2010 war davon die Rede, dass die Kardinäle „seinen Sturz planen“. Noch am 26. Mai 2012 hieß es, er würde „fliehen müssen, denn er wird keine andere Wahl haben.“ Eben genau das war nicht der Fall.

Auch die Folgen seines Rücktritts wurden falsch vorausgesagt. Die Verschwörer, also Männer der Kurie, die der Sekte der Freimaurer angehörten, würden den apokalyptischen „falschen Propheten“ zum Gegenpapst ausrufen. Tatsächlich wurde Papst Franziskus von einem legitimen Konklave gewählt. Benedikt XVI. schwor seinem Nachfolger schon im Vorfeld die Treue. Die Wahl des Argentiniers war für alle Insider eine Überraschung; die Kardinäle wählten ihn wohl gerade, weil er bislang keine engeren Kontakte zur Kurie hatte, von den Intrigen und Flügelkämpfen, die während der Vatileaks-Affäre bekannt geworden waren, unberührt geblieben war. Doch noch vor Beginn des Konklaves, am 8.3.13, ließ „Maria Divine Mercy“ verkünden: „Er hat seine Position sorgfältig manipuliert, und bald wird man sein pompöses Auftreten inmitten seines herrlichen Hofes sehen. Sein Stolz, seine Arroganz und seine Selbstbesessenheit werden anfangs sorgfältig vor der Welt versteckt werden. Nach außen hin wird ein Seufzer der Erleichterung zu hören sein, wenn die Trompeten erschallen, um seine Amtszeit als Haupt Meiner Kirche zu verkünden.“ Nichts beschreibt das demütige erste Auftreten des Papstes, mit dem er die Herzen der Welt gewann, schlechter als diese Zeilen. Und auch die nächste Prophezeiung über seine erste Amtshandlung war falsch: „Er wird sich bemühen, jene treuen Anhänger Meines geliebten Heiligen Stellvertreters Papst Benedikt XVI., die von Mir bestellt worden sind, zu entlassen.“ Mit Ausnahme des 78jährigen Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone, der in den Ruhestand entlassen wurde, blieben alle Männer Benedikts XVI. im Amt. Der falsche Prophet, so prophezeite die „Seherin“, würde bald nach seinem Amtsantritt eine Einheitsreligion propagieren, ihr in Rom einen pompösen neuen Tempel errichten. Tabernakel und Monstranzen würden aus den Kirchen verschwinden, die Eucharistie zur „Gedenkfeier“ degradiert, die Eucharistische Anbetung verboten, schließlich ein neues Kruzifix eingeführt, das „auf diskrete Weise den Kopf des Tieres“, also des Satans, zeigt. Dass all dies ausblieb, trieb die Anhänger der „Warnung“ bereits in die Verzweiflung. Als Papst Franziskus tatsächlich am Allerheiligentag eine neue Ferula benutzte, die den Auferstandenen vor dem Kreuz zeigte, versuchten sie krampfhaft, in der Brustmuskulatur Jesu eine Teufelsfratze zu erkennen - die peinliche Bankrotterklärung einer Sekte.
Noch drei Tage nach Bergoglios Wahl zum Papst, am 16.3.2013, hatte die „Prophetin“ verkündet: „Der Zeitplan für die Ankunft des falschen Propheten wird sich decken mit der Erklärung von Kriegen überall auf der Welt. Diese Kriege werden augenblicklich ausgelöst werden, und die Menschen werden sich in Angst ducken…“ Doch auch davon blieb die Welt in den folgenden acht Monaten verschont. Der drohende Kriegsausbruch in Syrien konnte verhindert werden, nicht zuletzt durch das weltweite Friedensgebet und Fasten, zu dem der Papst für den 7. September 2013 aufgerufen hatte. Die bewegende Zeremonie auf dem Petersplatz bestand übrigens ausschließlich aus gut katholischen Andachtsformen – einer feierlichen Eucharistischen Anbetung und dem Rosenkranz.

So blieb auch „Maria Divine Mercy“ nichts anderes übrig, als sich in ihren Durchhalteparolen auf Äußerlichkeiten zu konzentrieren. Wie etwa in dieser „Botschaft“ vom 29. März 2013: „Ihr müsst durchhalten und Mir treu bleiben, und ihr müsst Mich um Führung bitten zu einer Zeit, wo der Mann, der auf dem Stuhl Petri sitzt und der sich weigert, in seine Fußstapfen zu treten oder seine Schuhe zu tragen, eure Treue zu Gott zerstören will.“

Rote Slipper als „Schuhe Petri“? Welch ein köstlicher Unsinn! Denn natürlich trug der Apostelfürst, wie alle Menschen seiner Zeit, braune, lederne Sandalen. Purpurne Stiefel waren damals allein dem römischen Kaiser vorbehalten. Erst als die Päpste die Herren in Rom wurden, übernahmen sie auch dieses kaiserliche Privileg, ohne daraus eine Verpflichtung zu machen; bis ins 18. Jahrhundert trugen die meisten Nachfolger Petri weiße Seidenslipper, Darstellungen aus dem Mittelalter zeigen sie auch mit braunen oder schwarzen Schuhen. Dass Franziskus mit der Tradition seiner unmittelbaren Vorgänger brach, hat freilich zwei Gründe. Zunächst einmal ist er ein Ordensmann und zu einem Jesuiten passen keine roten Schuhe. Als Südamerikaner schließlich lehnt er monarchische Symbole ab, auch wenn diese längst theologisch umgedeutet wurden. Selbst der Papsttitel, den Franziskus selten benutzt, ist nicht petrinisch; er wurde zunächst im 3. Jahrhundert für den Patriarchen von Alexandrien auf dem Stuhl des hl. Markus verwendet, bürgerte sich erst im 4. Jahrhundert in Rom ein und ist nichts anderes als die liebevolle Anrede eines Vaters („Papa“). Insofern setzt Bergoglio nur die Entmythologisierung des Papstamtes fort, die von seinen Vorgängern mit dem Verzicht auf die Tiara (Paul VI.), die Papstsänfte (Johannes Paul II.) und die Tiara im Wappen (Benedikt XVI.) sowie der Option auf den Amtsverzicht (ebenfalls Benedikt XVI.) begonnen wurde. Ein Papst mit einem modernen Amtsverständnis ist auch er, doch das stellt seine Treue zu Gott gewiss nicht infrage.

Doch auch an anderer Stelle zeugen die Botschaften von einer erschreckenden Unkenntnis über das Neue Testament. So soll „Jesus“ am 1. September 2013 erklärt haben: „Ich wusste ab dem Alter von zwölf Jahren, was Meine Mission war, und Ich begann langsam, ohne zu viel zu offenbaren, bevor die Zeit reif war. Ich wusste, dass Ich die Welt auf das Kommen des Messias noch vorbereiten musste. Ich wusste auch, innerhalb kurzer Zeit, dass die Kirche Meines Vaters auf Erden Mich ablehnen würde und sagen würde, dass Ich ein Betrüger sei.“ Die Kirche dagegen lehrt, dass Jesus, dessen göttliche Natur untrennbar mit der menschlichen verbunden war, zu jedem Zeitpunkt im Bewußtsein seiner Mission lebte. Als er geboren wurde, erwartete die halbe Welt den Messias. Für die Juden war der Bau des herodianischen Tempels das erwartete Zeichen. Selbst im heidnischen Rom nutzte Kaiser Augustus die sybillinische Prophezeiung von einem kommenden Friedensherrscher für seine Propaganda. Sein Hofdichter Vergil erklärte ihn zum „Sohn Gottes und Bringer der Goldenen Endzeit“. In einer Inschrift im kleinasiatischen Priene ließ er sich als „Soter“ (Erlöser) und Bringer der „Evangelien“ (Frohbotschaften!) bezeichnen. Die „Kirche Seines Vaters“ aber hat Jesus gewiss nicht abgelehnt, denn der Geburtstag der Kirche ist das Pfingstfest; hier hätte es „Tempelhierarchie“ heißen müssen. „Jesus“ weiter zu seiner „Seherin“: „Ich wählte zwölf einfache Männer, ungebildet und unkundig der Heiligen Schrift, arme Fischer.“ Tatsächlich waren aber nur vier der Zwölf mit Sicherheit Fischer (nämlich Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes); die anderen Apostel wahrscheinlich Bauern, Handwerker und Zöllner. „Unkundig in der Schrift“ dürfte keiner von ihnen gewesen sein, denn sie waren alle Juden. Schon als Jungen lernten sie in der Synagogenschule, die Tora und die Schriften der Propheten zu lesen und zu verstehen.

DROHBOTSCHAFT STATT FROHBOTSCHAFT

Doch eine reflektierte Auseinandersetzung mit diesen Botschaften ist in den Kreisen der „Warnungs-Jünger“ unerwünscht. Hier wird blinder Glaube verlangt. Schließlich konstatierte doch Jesus selbst, zumindest laut „Maria Divine Mercy“, am 23. Februar 2013: „Ich führe Meine Tochter Maria. Sie ist als die Endzeitprophetin auserwählt worden. Ich spreche durch sie. Ihre Stimme ist die Meine. Ihr Leid und ihr Schmerz sind der Meine. Ihre Liebe für andere ist Meine Liebe. Ihre Freude kommt aus Meinem Heiligsten Herzen. Ihre Hand wird von der Meinen geführt. Ihr Verständnis in Hinsicht darauf, wie Ich möchte, dass Mein Wort gehört wird, kommt von Mir.“

Denen, die Zweifel anmelden, wird mit der ewigen Verdammnis gedroht: „Für diejenigen, die die Botschaften ignorieren, die diese der Menschheit bringen: Es wird bei euch Heulen und Zähneknirschen geben. Wenn ihr Mein heiliges Wort, das einem wahren Propheten gegeben wird, attackiert, dann stört ihr den Willen Gottes. Ihr mögt jetzt vielleicht keine Scham empfinden. Ihr mögt vielleicht glauben, dass ihr Mein Wort verteidigt, wenn ihr Meine Propheten angreift, aber mit der Zeit wird euch der Schaden, den ihr dieser Meiner letzten Mission auf Erden zufügt, nachdem sie euch offenbart worden ist, furchtbare Angst und Schmerzen bringen… Euer Jesus“ (am 6. März 2013).

Dieser totalitäre Anspruch, diese völlige Ablehnung jeder kritischen Reflektion im Licht von Glauben und Vernunft, entlarvt die Drohbotschaften der „Maria Divine Mercy“ freilich als falsche Prophetie. Sie verbreiten keine Hoffnung und keine Liebe, sondern erzeugen Angst in den Herzen gläubiger Christen, die vor die beklemmende, schmerzhafte Alternative gezwungen werden, dem Jesus der Botschaften zu gehorchen oder der Kirche, seiner angeblichen Prophetin oder dem Papst. Sie arbeiten mit einer perfiden Psychologie, indem sie durch Halbwahrheiten und fromme Gemeinplätze Vertrauen gewinnen und gleichzeitig abgrundtiefes Misstrauen sähen. Sie versprechen ihren Anhängern nicht weniger als das ewige Heil in einer Zeit der Apostasie, verlangen dafür aber den Preis des Schismas. Nicht zufällig prophezeite „Maria Divine Mercy“ eine Spaltung der Kirche, weil sie selbst Abspaltungen verursachen könnte. Schon heute ist die „Warnungs“-Website im Internet eine nicht zu unterschätzende Größe; allein ihre deutsche Version, „dasbuchderwarnung.de“, zählte seit 2011 über 5 Millionen Zugriffe. Dazu trägt raffiniertes Marketing in den sozialen Medien bei, etwa das massenhafte Posten von „Warnungs“-Botschaften in katholischen „Facebook“-Gruppen.

Kein Wunder also, dass Vertreter der Kirche bereits vor dieser neuen Sekte warnten. Längst haben Bischöfe wie Bischof Ronald-Peter Fabbro von der Diözese London/Ontario, Bischof Richard Mallone aus Bufalo/USA, der Erzbischof von Brisbane/Australien, Mark Coleridge, Weihbischof Andreas Laun aus Salzburg und Bischof Stefan Secka aus Spis - letzterer im Auftrag der Slowakischen Bischofskonferenz - die Botschaften als „häretisch“ und „schismatisch“ verurteilt. Der Theologe Ronald Conte jr. wies bereits darauf hin, dass sich die Warnungsgläubigen nach Canon 1364, § 1 des CIC durch ihre Ablehnung des Papstes „latae sententiae“ selbst exkommunizierten. Doch auch das änderte bislang nichts am Missionseifer der Jünger „Maria Divine Mercys“, die immer wieder versuchen, Gebetsstätten und Wallfahrtsorte zu infiltrieren, um neue Gläubige für ihre Sache zu gewinnen. Besonders in traditionalistischen Kreisen, dort, wo man besonders verunsichert auf den pastoralen Stil des neuen Papstes reagiert, finden sie fruchtbaren Boden. Im Internet diskutieren derweil die Warnungs-Jünger, wie sie am besten Vorräte anlegen für die bevorstehenden Katastrophen.

VON DEN EIGENEN BOTSCHAFTEN UNBERÜHRT?

Doch wer die Aktivitäten der „erwählten Prophetin“, Mary McGovern-Carberry, verfolgt, ist verwundert, nur „business as usual“ vorzufinden. Ihr Sohn, der Webdesigner David Carberry, ist seit März 2013 für Gaming VC tätig, eine Firma, die „verschiedene Online-Spielseiten betreibt“. Tochter Sarah leitet jetzt die „Future Media Communications“, eine Unterabteilung der Firma ihrer Mutter, die Online-Videos, Online-Promotions, Webdesign und Smartphone-Apps entwickelt. In diesem Jahr begann sie eine Weiterbildung am „Digital Marketing Institute“ im Bereich Multimedia. Auch Mary McGovern selbst ist nach wie vor in der PR-Branche tätig. Am 24. Juli 2011 gab sie bekannt, dass sich ihre Firma jetzt auf „Marketing in sozialen Medien“ konzentrieren würde, ein Sektor, der, wie sie glaubte, „bald 40 % des Marketingbudgets im Konsumgüter-Sektor“ ausmachen würde. In einer Pressemitteilung vom 21. September 2013 bezeichnete sie sich als „dot.com-Unternehmerin“ und rühmte sich, „zu den ersten Nutzern des Internets“ gehört zu haben.

Auch ihr Twitter-Account „McGovern PR“ lässt nicht darauf schließen, dass das Ende naht. Der letzte Eintrag stammt vom 11. Juli 2012 und handelt von der Haarpflege: „Verlängern sie das Leben ihrer Haarverlängerungen“. So bleibt ein schaler Beigeschmack auch angesichts der Laufzeiten ihrer Internet-Domäne. „TheWarningSecondComing“ hat sie nicht nur in sechs Variationen (.com, .net, .org, .info, .biz und .us) registriert, sondern auch bis zum 25. Februar 2022. Glaubt sie etwa selbst nicht an das baldige Eintreffen ihrer Prophezeiungen? Dann wäre die „Warnung“ vielleicht doch nur das diabolische PR-Experiment eines irischen Marketing-Genies, das bei Sektierern und falschen Propheten in die Lehre ging. Doch ihre Gefährlichkeit ist auch dann nicht zu unterschätzen.

Michael Hesemann ist Historiker, Autor vieler Bücher und kirchenhistorischer Fachjournalist

kath.net-Lesetipp:
Papst Franziskus
Das Vermächtnis Benedikts XVI. und die Zukunft der Kirche
Von Michael Hesemann
Gebundene Ausgabe,288 Seiten; m. 16 Abb.
2013 Herbig
ISBN 978-3-7766-2724-4
Preis 20.60 EUR

Bestellmöglichkeiten bei unseren Partnern:

- Link zum kathShop

- Buchhandlung Christlicher Medienversand Christoph Hurnaus:
Für Bestellungen aus Österreich und Deutschland: buch@kath.net
Für Bestellungen aus der Schweiz: buch-schweiz@kath.net
Alle Bücher und Medien können direkt bei KATH.NET in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Christlicher Medienversand Christoph Hurnaus (Auslieferung Österreich und Deutschland) und dem RAPHAEL Buchversand (Auslieferung Schweiz) bestellt werden. Es werden die anteiligen Portokosten dazugerechnet. Die Bestellungen werden in den jeweiligen Ländern (A, D, CH) aufgegeben, dadurch entstehen nur Inlandsportokosten.


Lesetipp - erscheint am 1.12., jetzt vorbestellen!

Privatoffenbarung im Licht der Kirche
von Mark Miravalle
150 Seiten; 190 mm x 127 mm
2013 Dip3 Bildungsservice Gmbh
ISBN 978-3-902686-48-0
Preis 8.90 EUR

Link zum kathShop


Vortrag von Michael Hesemann beim FORUM DEUTSCHER KATHOLIKEN 2012 in Aschaffenburg


Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung auf ein Konto in Ö, D oder der CH oder via Kreditkarte/Paypal!










Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben

Sie können nur die Lesermeinungen der letzten sieben Tage einsehen.

 
App play store iTunes app store Jetzt kostenlos herunterladen! mehr Infos Instagram
meist kommentierte Artikel

"Terroristen sind Tiere, sie müssen erbarmungslos bestraft werden" (72)

Tantum ergo sacramentum veneremur cernui (33)

Wir Christen glauben das (33)

Sri Lanka: 290 Tote bei Explosionen in drei Kirchen (26)

"Katholische Kirche hat mir 120.000 Euro Schweigegeld geboten" (23)

"Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen" (23)

Päpstlicher Prediger im Petersdom: Ostern wandelt Leid der Welt (19)

„Wie wäre es, wenn wir Muslime für einen Tag #Kreuze tragen?“ (18)

„Ich stehe völlig allein in der brennenden Kathedrale Notre Dame“ (17)

Hillary Clinton: Attacken auf „Osterbetende“ (16)

Nur 15.000 Teilnehmer beim Kreuzweg am Kolosseum (15)

Tobin verunglimpft Katechismus als "sehr unglückliche Sprache" (15)

Ratzinger-Preisträger Heim: Kritik an Benedikt XVI. unangemessen (13)

US-Präsident kondoliert Papst nach Brand von Notre-Dame (12)

Panik bei Osternachtsmesse in München (12)