28 September 2014, 08:02
‚Alles übrige ist Weltlichkeit‘
 
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Arbeitsübersetzung von Radio Vatikan der Predigt von Papst Franziskus bei der Vesper am 27. September anlässlich der Gedenkfeiern zum 200. Jahrestag der Wiedererrichtung des Jesuitenordens, der Gesellschaft Jesu, in der römischen Kirche il Gesù.

Rom (kath.net / rv)
Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Freunde im Herrn,

die Gesellschaft, welche mit dem Namen Jesu [Gesellschaft Jesu = Jesuitenorden] bezeichnet ist, hat schwierige Zeiten und Verfolgung erlebt. Während des Generalates von Pater Lorenzo Ricci haben die „Feinde der Kirche die Unterdrückung der Gesellschaft“ (Johannes Paul II., Botschaft an Pater Kolvenbach, 31. Juli 1990) durch meinen Vorgänger Clemens XIV erreicht. Heute, wenn wir an die Wiederherstellung denken, sind wir gerufen, unsere Erinnerung wach zu halten und besonders an die erhaltenen besonderen Gaben zu denken (Exerzitienbuch des Ignatius, Nr. 234). Das möchte ich heute mit euch tun.

In Zeiten von Not und Unruhe erhebt sich immer eine ganze Wolke von Zweifel und Leiden und es ist nicht einfach, vorwärts zu gehen, den Weg weiter zu gehen. Schwierige Zeiten und Zeiten der Krise sind vor allem voller Versuchungen: stehen bleiben und Ideen debattieren, sich in Trostlosigkeit führen lassen, sich darauf zu konzentrieren, dass man verfolgt wird und nichts anderes zu sehen. Beim Lesen der Briefe von Pater Ricci [Lorenzo Ricci, Generaloberer des Ordens zur Zeit der Aufhebung 1773, gestorben 1775 in Haft in der Engelsburg] ist mir etwas aufgefallen: er hatte die Fähigkeit, sich von diesen Versuchungen nicht fesseln zu lassen und hat in Zeiten der Not den Jesuiten eine Vision der Dinge gegeben, die sie noch mehr in der Spiritualität der Gesellschaft Jesu hat verwurzeln lassen.

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Pater General Ricci, der an die Jesuiten schrieb als sich am Horizont die Wolken zusammen zogen, stärkte sie in ihrer Zugehörigkeit zum Leib der Gesellschaft [Jesu] und in ihrem Auftrag. In einer Zeit der Verwirrung und der Beunruhigung hat er also eine Unterscheidung angestellt. Er hat keine Zeit verloren, Ideen zu diskutieren und sich zu beklagen, sondern hat sich der Berufung der Gesellschaft [Jesu] angenommen. Er hat sich dieser Aufgabe wirklich angenommen.

Dieses Verhalten hat die Jesuiten die Erfahrung des Todes und der Auferstehung des Herrn machen lassen. Angesichts des Verlustes von allem, sogar ihres Ansehens und Rufes, haben sie sich dem Willen Gottes nicht widersetzt, sie haben sich nicht dem Konflikt widersetzt, um sich selbst zu retten. Die Gesellschaft [Jesu] – und das ist etwas Schönes – hat den Konflikt ganz und gar gelebt, ohne ihn zu vermindern: sie hat die Demütigung mit dem demütigen Christus gelebt, sie hat gehorcht. Man rettet sich aus einem Konflikt nicht durch Schlauheit und List, um widerstehen zu können. In der Verwirrung und angesichts der Demütigung hat die Gesellschaft [Jesu] es vorgezogen, den Willen Gottes zu unterscheiden, ohne einen Weg zu suchen, dem Konflikt zu entkommen, und das in einer offenbar ruhigen Weise.

Es ist niemals die scheinbare Ruhe, die unser Herz beruhigt, sondern nur der echte Frieden, der eine Gabe Gottes ist. Man darf nie den leichten „Kompromiss“ suchen oder falschen „Irenismen“ nachgeben. Nur die Unterscheidung errettet uns vor der wirklichen Entwurzelung, vor der „Unterdrückung“ des Herzens, also dem Egoismus, der Weltlichkeit, dem Verlust unseres Horizontes, unserer Hoffnung die Jesus ist und die nur Jesus ist. Und so haben Pater Ricci und die Gesellschaft [Jesu] in der Zeit der Unterdrückung die Geschichte um eine Episode bereichert, im Wissen darum, dass die Liebe die Geschichte richten wird, und dass die Hoffnung – auch im Dunkel – größer ist, als wir erwarten.

Die Unterscheidung muss mit aufrechter Intention gemacht werden, mit schlichten Augen. Deswegen konnte Pater Ricci in dieser Zeit der Verwirrung und des Verlustes von den Sünden der Jesuiten sprechen. Er verteidigt sich nicht damit, dass er sich als Opfer der Geschichte darstellt, sondern er bekennt sich als Sünder. Sich selbst als Sünder erkennen vermeidet, sich selbst in als Opfer vor einem Henker zu sehen. Sich selbst also als Sünder zu sehen, sich selbst wirklich als Sünder zu sehen, bedeutet, sich in die richtige Haltung begeben, um Trost zu erhalten.

Gehen wir kurz diesen Weg der Unterscheidung nach, den Pater General der Gesellschaft [Jesu] vorgeschlagen hat. Als im Jahr 1759 die Dekrete Pombals [Marquês de Pombal, 1756-77 erster Minister Portugals] die portugiesische Ordensprovinz zerstörten, erlebte Pater Ricci den Konflikt nicht in der Klage und im Versinken und Trostlosigkeit, sondern er lud zum Gebet um den guten Geist ein, dem echten göttlichen Geist der Berufung, der ganzen Hingabe an die Gnade Gottes. Als im Jahr 1761 der Sturm Frankreich erreichte, forderte Pater General dazu auf, das ganze Vertrauen in Gott zu setzen. Er wollte, dass die Prüfungen, denen man unterworfen war, zu einer inneren Reinigung führten: sie führen uns zu Gott und können so seiner größeren Ehre dienen.

Dann empfahl er das Gebet, die Heiligkeit des Lebens, die Demut und den Geist des Gehorsams. 1760, nach der Vertreibung der Jesuiten aus Spanien, lud er wiederum zum Gebet ein. Und schließlich, am 21. Februar 1773, einige Monate vor der Unterzeichnung des Breves Dominus ac Redemptor [durch Papst Clemens XIV. zur Aufhebung des Ordens], in vollständiger Hilflosigkeit, sah er die Hand der Barmherzigkeit Gottes, die alle, die Prüfungen unterworfen sind, einlädt das Vertrauen nur in ihn zu setzen. Das Vertrauen wächst, wenn uns die Umstände zu Boden werfen. Für Pater Ricci und die Gesellschaft [Jesu] war es wichtig, dass sie bis zu letzt dem Geist ihrer Berufung treu waren, der größeren Ehre Gottes und der Rettung der Seelen.

Die Gesellschaft [Jesu], vor ihrem eigenen Ende, ist bis zuletzt dem treu geblieben, für das sie gegründet war. Deswegen endet Pater Ricci mit einer Ermahnung, den Geist der Nächstenliebe lebendig zu halten, den Geist der Einheit, der Geduld, der evangelischen Einfachheit, der echten Freundschaft mit Gott. Alles übrige ist Weltlichkeit. Die Flamme der größeren Ehre Gottes ergreife uns auch heute, alle Genügsamkeit verbrennend und uns in eine Flamme hüllend, die wie in uns tragen, die uns konzentriert und expandiert, uns größer macht und wieder verkleinert.

So hat die Gesellschaft [Jesu] die ihr ungerechter weise auferlegte größte Prüfung mit dem Gebet des Tobit durchlebt, der mit gebrochenem Herzen und seufzend weint und dann betet: „Herr, du bist gerecht, alle deine Wege und Taten zeugen von deiner Barmherzigkeit und Wahrheit; wahr und gerecht ist dein Gericht in Ewigkeit. Denk an mich und blick auf mich herab! Straf mich nicht für die Sünden und Fehler, die ich und meine Väter dir gegenüber begangen haben. Sie haben nicht auf deine Gebote gehört. Darum hast du uns der Plünderung, der Gefangenschaft und dem Tod preisgegeben; bei allen Völkern, unter die wir zerstreut worden sind, hast du uns zum Gespött gemacht.“ Und dann endet er mit der Bitte „Wende deine Augen nicht von mir ab!“ (Tobit 3: 1-4.6d)

Der Herr antwortete und sandte Rafael, um die weißen Flecken von den Augen Tobits zu entfernen, damit er wieder das Licht Gottes sehen konnte. Gott ist barmherzig, Gott ist die Krone der Barmherzigkeit. Gott will Gutes für uns und er rettet uns. Manchmal ist der Weg der zum Leben führt eng und schmal, aber die Not, wenn sie im Licht der Barmherzigkeit erlebt wird, reinigt uns mit Feuer, sie gibt uns so viel Trost und entzündet unser Herz. Unsere jesuitischen Mitbrüder während der Unterdrückung glühten für den Geist und den Dienst für den Herrn, freudig in der Hoffnung, beständig in der Not, ausdauernd im Gebet (Röm 12:13). Und das gereicht der Gesellschaft [Jesu] zur Ehre, nicht aber ihre Verdienste in der Welt. So wird es immer sein.

Erinnern wir uns an unsere Geschichte: der Gesellschaft [Jesu] „wurde die Gnade zuteil, für Christus da zu sein, also nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch seinetwegen zu leiden.“ (Phil 1:29) Es tut uns gut, uns daran zu erinnern.

Das Schiff der Gesellschaft [Jesu] wurde von den Wellen durchgeschüttelt, das darf uns nicht erschüttern. Auch dem Schiff Petri kann das heute geschehen. Die Nacht und die Mächte der Dunkelheit sind immer nahe. Es ist mühsam, zu rudern. Die Jesuiten sollen „erfahrene und wackere“ Ruderer sein [Pius VII, Sollecitudo omnium ecclesiarum, die Bulle, welche den Orden 1814 wieder weltweit zuließ]. Also rudert! Rudert, seit stark, auch im Gegenwind! Lasst uns im Dient der Kirche rudern. Lasst uns gemeinsam rudern! Aber während wir rudern – und wir alle rudern, auch der Papst im Schiff Petri – lasst uns beten „Herr, rette uns!“, „Herr, erlöse dein Volk!“ Der Herr errettet uns, auch wenn wir nur einen kleinen Glauben haben. Hoffen wir auf den Herrn! Hoffen wir immer auf den Herrn!

Die von meinem Vorgänger Papst Pius VII. wiederhergestellte Gesellschaft [Jesu] bestand aus mutigen und demütigen Männern, sie gaben Zeugnis von der Hoffnung, der Liebe und von apostolischer Kreativität, der Kreativität des Geistes. Pius VII. schrieb, dass er die Gesellschaft [Jesu] wieder ereichten wolle um „auf angemessene Weise den geistlichen Bedürfnissen der christlichen Welt ohne Unterschied von Volk und Nation zu entsprechen“. Deswegen gab er den Jesuiten, die dank eines protestantischen Herrschers und einer orthodoxen Herrscherin weiterbestanden hatten, die Vollmacht, „eins zu sein in einem Leib“. Möge die Gesellschaft [Jesu] immer ein einziger Leib sein!

Die Gesellschaft [Jesu] war sofort wieder missionarisch tätig und stellte sich dem Apostolischen Stuhl zur Verfügung, sie diente freigiebig „dem Herrn unter dem Zeichen des Kreuzes und unter seinem Vertreter auf Erden“ (formula instituti, das Gründungsdokument des Ordens). Die Gesellschaft [Jesu] nahm ihre apostolische Aktivität wieder auf, predigte und lehrte, war in Seelsorge tätig, engagierte sich in Forschung und Sozialapostolat, der Mission und der Sorge um die Armen, Leidenden und die Außenseiter.

Heute nimmt sich die Gesellschaft [Jesu] mit Klugheit und Ausdauer dem tragischen Problem der Flüchtlinge und der Vertriebenen an; sie setzt sich ein für die Integration von Dienst am Glauben und Förderung der Gerechtigkeit, dem Evangelium gemäß. Ich bestätige heute, was Paul VI. unserer zweiunddreißigsten Generalkongregation [1975] sagte und was ich selber mit meinen eigenen Ohren gehört habe: „Überall in der Kirche, in den schwierigsten Feldern und als Spitze, an den Kreuzungen der Ideologien, in den sozialen Schützengräben, dort war und ist die Auseinandersetzung zwischen den verletzenden Erfahrungen des Menschen und der ewigen Botschaft des Evangeliums, dort wart ihr und dort seid ihr Jesuiten.“

1814, im Augenblick der Wiedererrichtung, waren die Jesuiten eine kleine Herde, eine „minima Compania“, der aber bewusst war, dass sie beauftragt war, nach den Prüfungen des Kreuzes, das Licht des Evangeliums an die Enden der Erde zu tragen. So sollen auch wir uns heute sehen: aufbrechend, im Einsatz. Ein Jesuit ist jemand, der nur Gott verehrt und seine Brüdern und Schwestern dient, der durch sein Beispiel zeigt nicht nur was er glaubt, sondern auch was er erhofft von dem, in den er sein Vertrauen gesetzt hat (2 Tim 1:12). Ein Jesuit will Gefährte Jesu sein, jemand der fühlt wie Jesus.

Die Bulle Pius VII., welche die Gesellschaft [Jesu] wiedererrichtete, wurde am 7. August 1814 in der Basilika Santa Maria Maggiore unterzeichnet, wo unser heiliger Vater Ignatius seine erste Messe gefeiert hatte, Weihnachten 1538. Maria, unsere Herrin, Mutter der Gesellschaft [Jesu], wird ergriffen sein von unseren Anstrengungen im Dienst für ihren Sohn. Sie schütze und behüte uns immer.

Papst Franziskus: Feier der Vesper und des Te Deum anlässlich der Neugründung des Jesuitenordens vor 200 Jahren in der Kirche Il Gesù











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