19 Februar 2016, 11:15
Wer hat hier die Hosen an?
 
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„Ich stolperte in einer katholischen Facebook-Gruppe in eine Diskussion über ‚anständige Kleidung‘ hinein, in deren Verlauf eine nicht mehr ganz junge Dame kundtat, sie habe alle Hosen verschenkt, trage nur noch Röcke.“ Gastbeitrag von Tobias Klein

Eschenbach (kath.net/The Cathwalk) „Ob ihr oder eure Frauen Hosen tragt oder keine Hosen tragt, hindert weder euer Heil noch vergrößert es eure Tugend.“ – Papst Nikolaus I. an den bulgarischen Fürsten Boris I.

Hin und wieder begegnet man – wenn nicht im wirklichen Leben, dann aber wenigstens im Internet – Christen (und ja, darunter auch Katholiken), die den Eindruck erwecken, sie könnten sich nicht so richtig auf den Himmel freuen, wenn sie dabei nicht die zusätzliche Genugtuung haben, dass möglichst viele andere Leute in die Hölle kommen.

Das ist traurig. Auch wenn es manchmal durchaus eine gewisse Komik hat.

Unlängst stolperte ich in einer katholischen Facebook-Gruppe in eine Diskussion über „anständige Kleidung“ hinein, in deren Verlauf eine nicht mehr ganz junge Dame kundtat, sie habe alle ihre Hosen verschenkt und trage nur noch Röcke – was sie mit dem Hinweis begründete: „Man stelle sich einmal die Jungfrau Maria in Hosen vor! Geht ja gar nicht!“ Ich fand diese Aussage zunächst eher belustigend und fragte scherzhaft an: „Wieso eigentlich nicht?“ – woraufhin ich belehrt wurde, nicht umsonst sei die Jungfrau Maria in Lourdes, Fátima usw. stets in langen Kleidern erschienen. Ah ja.

Wie ich seither feststellen konnte, handelt es sich bei der Ansicht dieser Dame keinesfalls um einen skurrilen Einzelfall. Insbesondere im englischsprachigen Raum gibt es diverse Facebook-Gruppen und sonstige Diskussionsforen, die sich ausschließlich der Frage widmen, wie fromme Katholiken sich zu kleiden hätten. Eine nicht hinterfragbare Grundüberzeugung in solchen Zirkeln ist es, dass Frauen keine Hosen tragen sollen. Hosen sind für Männer da, Röcke und Kleider für Frauen – wer diese schlichte Wahrheit nicht anerkennt, der sei anathema.

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„Unsittliche Kleidung“, so liest man in einer einschlägigen Gruppenbeschreibung, „ist eins der größten Probleme, die die Katholische Kirche seit einigen Jahrzehnten plagen. Unser Klerus spricht zu selten von der Kanzel darüber.“

Aha. Nicht brutale Christenverfolgungen in Asien und Afrika sind das größte Problem der Kirche, auch nicht das Verdunsten von Glaubenswissen und Glaubenspraxis in weiten Teilen der westlichen Welt; nicht Mangel an Gottesfurcht, an Ehrerbietung gegenüber den Sakramenten der Kirche, nicht zu wenig Gebet und zu wenig Beichte, nicht Synkretismus und New-Age-Spiritualität, nicht Priestermangel, Ehescheidung, Abtreibung oder Euthanasie, nein: Frauen in Hosen sind das, worüber die Kirche sich wirklich Sorgen machen sollte. Okay, das ist nicht das einzige drängende Problem. Es gibt auch noch andere: Tattoos zum Beispiel, oder satanistische und sexualisierende Symbole in Disney-Filmen. Ja, wirklich. Bleiben wir aber zunächst einmal beim Hauptanliegen: Frauen sollen sich sittsam kleiden, und der ultimative Maßstab dafür, was sittsame Kleidung ist, ist – wer? Die Allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria, selbstverständlich.

Christliche Frauen sollen sich kleiden wie die Jungfrau Maria – haben wir so etwas in letzter Zeit schon einmal irgendwo gehört oder gelesen? — In der Tat:

„Und weil viele Nichtmuslime ständig betonen, dass wir in einem christlichen Land leben, rufen wir dazu auf, dass Frauen hierzulande sich christlich kleiden sollten. Maria, die Mutter von Jesus, hat vorgelebt, wie eine christliche Frau sich zu kleiden hat. Es wäre also für einige Frauen sehr empfehlenswert Maria als Vorbildfunktion zu nehmen und nicht Lady Gaga.“

Auch das stand kürzlich auf Facebook – in einer Stellungnahme der Seite MuslimStern zu den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten. Nachdem der Text, aus dem dieser Auszug stammt, massive Empörung ausgelöst hatte, zog die Seite MuslimStern – die laut Selbstbeschreibung das Ziel verfolgt, „auf zunehmende Islam- und Muslimfeindlichkeit aufmerksam zu machen und diese zu dokumentieren“ – den Beitrag zurück; aber das Internet vergisst bekanntlich nichts. — Dass dieser „Ratschlag“ explizit im Rahmen einer Stellungnahme zu den Exzessen der Silvesternacht erteilt wurde, suggerierte recht eindeutig, die Opfer der sexuellen Übergriffe trügen eine Mitschuld an dem, was ihnen widerfahren ist, denn sie hätten die Täter provoziert. Der Shitstorm, den diese Äußerung zu Recht auslöste, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass derartige Auffassungen nicht nur unter Muslimen verbreitet sind. In den oben angesprochenen katholischen Facebook-Gruppen scheint man ja tendenziell ähnlich zu denken.

Ich sage „tendenziell“, weil ich explizite Aussagen dazu, dass „unsittliche Kleidung“ Sexualverbrechen provozieren würde, dort nicht gelesen habe. Wird aber beispielsweise aus der Aussage Jesu „Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Matthäus 5,28) der Schluss gezogen, eine Frau, die sich nicht ausreichend „sittsam“ kleide, verführe die Männer schon allein dadurch zur Sünde, dass sie deren lüsterne Blicke auf sich ziehe, dann ist im Prinzip derselbe Mechanismus der Schuldumkehr am Werk wie bei dem Vorwurf, Frauen würden durch ihre Kleidung oder ihr Verhalten Vergewaltigungen provozieren. — Ich weiß: Es hat in der Geschichte des Christentums durchaus Tendenzen gegeben, den Vers „Die Frau […] hat mir vom Baum gegeben, und so habe ich gegessen“ aus der Sündenfallerzählung (Genesis 3,12) dahingehend zu interpretieren, dass es prinzipiell die Frau sei, die den Mann zur Sünde verführt. Ich hätte allerdings gedacht, diese Auslegung wäre allmählich mal passé. Zumal zur Verführung immer jemand gehört, der sich verführen lässt. So betont Jesus in Matthäus 15,19, „böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Verleumdungen“ kämen „aus dem Herzen“ des Menschen – und nicht von außen. Der Mensch ist also für sein Tun und Lassen selbst verantwortlich, und das gilt auch für Männer.

Ich will bei alledem nicht leugnen, dass es Kleidung gibt, die eindeutig darauf angelegt ist, sexuell aufreizend zu wirken. Die wird man aber im Alltag verhältnismäßig selten zu sehen bekommen. Welche Art der Bekleidung oder welcher Grad an Entblößung, unabhängig von der Intention der so gekleideten Person selbst, von Anderen als sexuell aufreizend empfunden wird, ist derweil sowohl vom kulturellen Kontext abhängig als auch individuell höchst unterschiedlich. Einer findet nackte Schultern anziehend, ein anderer nackte Fußknöchel. Eine radikale „Lösung“ dieses „Problems“ stellt die Burka dar. Aber auch hier muss man nicht unbedingt mit dem Finger auf den Islam zeigen. In der Viktorianischen Ära reichten in feinen Haushalten die Tischdecken bis zum Boden, damit nur ja niemand durch den Anblick nackter Tischbeine zu erotischen Phantasien angeregt wurde. Das mag aus heutiger Sicht abstrus wirken, zeigt aber, dass erotischer Reiz im Auge des Betrachters liegt. Ein bisschen ist das so wie in dem Witz mit dem Rorschach-Test:

Ein Psychotherapeut zeigt seinem Patienten Bilder von Tintenklecksen.

„Was sehen Sie auf diesem Bild?“
„Geschlechtsverkehr.“
„Und auf diesem?“
„Geschlechtsverkehr.“
„Und auf diesem?“
„Geschlechtsverkehr.“
„Sie scheinen übersteigerte sexuelle Phantasien zu haben.“
„Wieso ich? Sie zeigen mir doch die ganze Zeit diese versauten Bilder!“

Und, ich sag mal so: Wer, siehe oben, selbst in Disney-Filmen stets und überall sexuelle Symbole zu sehen meint, der hat offenbar ein gewisses Problem in dieser Hinsicht.

Aber bei der Frage, was „anständige Kleidung“ ist, geht es ja nicht nur um erotische Reize, sondern vielfach auch ganz schlicht um gesellschaftliche Konventionen. Was die Verfechter der „Marianischen Sittlichkeit“ offenbar nicht einsehen, ist, dass diese Konventionen kulturell unterschiedlich und historisch veränderbar sind. So lange ist es auch hierzulande noch nicht her, dass es für erwachsene Frauen verpönt war, ihre Haare offen zu tragen, und dass von Männern erwartet wurde, auf der Straße einen Hut zu tragen, diesen in geschlossenen Räumen jedoch abzunehmen. Wer für sich selbst einen konservativeren Kleidungsstil bevorzugt, als allgemein üblich ist, der mag das ja gerne tun; deswegen aber anderen Menschen vorzuwerfen, sie kleideten sich „unanständig“, ist, ahem, unanständig. Und wenn das dann auch noch als besonders christlich ausgegeben wird… Nun ja.

Was aber ist nun eigentlich so unanständig an Hosen, bzw. an Frauen, die Hosen tragen? Die Ansicht, christliche Frauen sollten bzw. dürften keine Hosen tragen, wird gern mit dem Hinweis auf Deuteronomium 22,5 untermauert: „Eine Frau soll nicht die Ausrüstung eines Mannes tragen und ein Mann soll kein Frauenkleid anziehen; denn jeder, der das tut, ist dem Herrn, deinem Gott, ein Gräuel.“ Einmal ganz abgesehen davon, dass dasselbe Kapitel, in dem sich dieser Vers findet, auch Vorschriften für das Ausnehmen von Vogelnestern und den Bau von Dachterrassen enthält und Mischgewebe aus Flachs und Wolle verbietet, stellt sich hier doch wohl die Frage: Was genau ist Männer- und was Frauenkleidung? Ist nicht auch das vielleicht kulturell unterschiedlich und historisch veränderbar? Hosen jedenfalls wurden meines Wissens im Vorderen Orient in biblischer Zeit auch von Männern nicht getragen.

Aber um solche Details sollen sich meinetwegen evangelikale Fundamentalisten streiten; aus katholischer Sicht lässt sich die ganze Debatte zum Thema „Frauen und Hosen“ unschwer mit einem Verweis auf den Briefwechsel zwischen Papst Nikolaus I. und dem bulgarischen Fürsten Boris I. aus dem Jahr 866 niederschlagen. Auf eine diesbezügliche Frage des Bulgarenherrschers antwortete der Papst nämlich:

„Nam sive vos, sive feminae vestrae, sive deponatis, sive induatis femoralia, nec saluti officit, nec ad virtutum vestrarum proficit incrementum.”
(„Ob ihr oder eure Frauen Hosen tragt oder keine Hosen tragt, hindert weder euer Heil noch vergrößert es eure Tugend.“)

Ich denke mal, damit wäre alles zum Thema gesagt. Und wenn es in naher Zukunft wieder einmal eine Aufsehen erregende Marienerscheinung geben sollte – und ich meine nicht in Medjugorje! -, dann würde ich mir ja schon so ein bisschen wünschen, dass die Allerseligste Jungfrau diesmal in Hosen erschiene. Nur so aus Jux. Und weil sie es kann.

Dr. Tobias Klein, geboren 1976 in Nordenham/Niedersachsen, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und lebt seitdem in Berlin. Auf „Huhn meets Ei (hey hey, my my)“ bloggt er über Glaube, Kirche und Religion in Medien und Gesellschaft.

Dieser Beitrag erschien zuerst in dem katholischen Blog „The Cathwalk“.






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