12 Mai 2016, 13:00
Die Gnade, sich auf die Zunge zu beißen
 
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Franziskus in Santa Marta: Die Scham der Christen ob ihrer Uneinigkeit. Unkraut-Säer spalten. Der Neid des Teufels und die Sünde lassen die Spaltungen in die Welt und in die Kirche eintreten. Das gerupfte Huhn des Philipp Neri. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Das große Gebet Jesu im Anschluss an seine Abschiedsgespräche mit den Jüngern, das der Apostel Johannes bringt (Joh 17,20-26), stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Papst Franziskus in seiner Predigt bei der heiligen Messe in der Kapelle des vatikanischen Gästehauses „Domus Sanctae Marthae“ am Donnerstag der siebten Woche im Osterkreis.

Jesus betet für die Einheit der Gläubigen, für die Einheit der christlichen Gemeinden: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (V. 21):

„Die Einheit der christlichen Gemeinden, der christlichen Familien: sie ist das Zeugnis für die Tatsache, dass der Vater Jesus gesandt hat. Und vielleicht gehört es zu etwas vom Schwierigsten, in einer christlichen Gemeinde, in einer Pfarrei, in einem Bistum, in einer christlichen Einrichtung, in einer christlichen Familie zur Einheit zu gelangen. Unsere Geschichte, die Geschichte der Kirche, beschämt uns viele Male: wir haben Krieg gegen unsere christlichen Brüder geführt! Denken wir nur an einen, an den Dreißigjährigen Krieg“.

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Wo die Christen gegeneinander Krieg führten, so der Papst, „gibt es kein Zeugnis“:

„Wir müssen den Herrn sehr um Vergebung bitten für diese Geschichte! Eine Geschichte der vielen Spaltungen, und dies nicht nur in der Vergangenheit... Auch heute! Auch heute! Und die Welt sieht, dass wir gespalten sind, und sagt: ‚Tja, die sollen sich erst untereinander einigen, und dann schauen wir weiter... Wie nun, Jesus ist auferstanden und lebt, und diese da – seine Jünger – kommen nicht überein?’ Einmal fragte ein katholischer Christ einen anderen Christen aus dem Osten, der auch katholisch war: ‚Die Auferstehung von meinem Christus ist übermorgen. Und deiner, wann wird er auferstehen?’ Nicht einmal an Ostern sind wir geeint! Und das in der ganzen Welt. Und die Welt glaubt nicht“.

„Es war der Neid des Teufels“, so Franziskus, „der die Sünde in die Welt eintreten lassen hat“. So sei es auch in den christlichen Gemeinden fast gewöhnlich so, dass sich Egoismus, Eifersucht, Neidereien, Spaltungen einstellten – „und das führt dazu, dass einer hinter dem Rücken schlecht über den anderen redet. Viel wird hinter dem Rücken geschwätzt!“. In Argentinien „nennt man solche Leute ‚Unkraut-Säer’. Sie säen Unkraut, sie spalten. Und diese Spaltungen – sie nehmen ihren Anfang bei der Zunge. Aus Neid, Eifersucht, auch aus Verschlossenheit! ‚Nein! Das ist die Lehre!’“.

Die Zunge und das Gerede „sind fähig, eine Familie, eine Gemeinde, eine Gesellschaft zu zerstören, Hass und Kriege zu säen“. Statt nach einer Klärung zu suchen, sei es bequemer, hinter dem Rücken schlecht über einen zu reden und den guten Ruf des anderen zu zerstören.

Der Papst zitierte die bekannte Anekdote vom heiligen Philipp Neri, der einer Frau, die schlecht über andere geredet hatte, als Buße aufgab, ein Huhn zu rupfen, die Federn im Wohnviertel zu verteilen, um sie dann wieder aufzusammeln: „‚Aber das ist doch nicht möglich!’, ruft die Frau aus. – Und so ist es, wenn man über einen anderen schlecht redet“:*

„So ist es, wenn man hinter dem Rücken schlecht über einen anderen redet: man beschmutzt den anderen. Der, der so spricht, beschmutzt! Er zerstört! Er zerstört den guten Ruf, viele Male zerstört er das Leben, und zwar viele Male, ganz viele Male, ohne Grund, gegen die Wahrheit. Jesus hat für uns gebetet, für uns alle, die wir hier sind, und für unsere Gemeinden, für unsere Pfarreien, für unsere Bistümer: ‚Alle sollen eins sein’.

Beten wir zum Herrn, dass er uns die Gnade schenke, denn groß, sehr groß ist die Kraft des Teufels, der Sünde, die uns zur Uneinigkeit drängen. Immer! Er schenke uns die Gnade, er gebe uns dieses Geschenk: und welches ist das Geschenk, das die Einheit schafft? Der Heilige Geist! Er gewähre uns dieses Geschenk, das Harmonie schafft, denn er ist die Harmonie, die Herrlichkeit in unseren Gemeinden. Und er schenke uns Frieden, aber in Einheit. Wir wollen um die Gnade der Einheit für alle Christen bitten, um die große Gnade und um die kleine Gnade aller Tage für unsere Gemeinden, für unsere Familien. Und um die Gnade, uns auf die Zunge zu beißen“.


*
„Als Contessa Bianchi bekannte, sie habe wiederholt schlecht über andere Menschen gesprochen, trug ihr der weise Beichtvater Folgendes auf: ‚Zur Buße wirst du dir am Markt ein Huhn besorgen und dann damit zu mir kommen. Unterwegs musst du es so gut rupfen, dass dabei auch nicht eine Feder übrigbleibt’.

Die Contessa führte dies folgsam aus, sehr zum Amüsement der römischen Bevölkerung. Angesichts des gerupften Huhns verlangte Philipp Neri von der stadtbekannten Adeligen jedoch, alle Federn wieder einzusammeln und keine dabei zu vergessen. Darauf die Contessa bestürzt: ‚Das ist doch nicht möglich! Der Wind hat die Federn bereits in ganz Rom verweht’. Daraufhin Philipp: ‚Daran hättest du vorher denken müssen. So wie du die einmal ausgestreuten Federn nicht mehr aufsammeln kannst, weil der Wind sie verweht hat, so kannst du auch die bösen Worte, die du einmal ausgesprochen hast, nicht wieder zurücknehmen’“. Vgl.: Der „lachende Heilige“ und das gerupfte Huhn.

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