05 Dezember 2016, 12:05
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Manche Katholiken vergessen, dass eine Hand für den Rosenkranz reicht und man in der anderen auch ein Buch halten könnte, und zwar nicht das neueste Büchlein mit zweifelhaften Privatoffenbarungen. kath.net-Kommentar von Anna Diouf

Bonn (kath.net/ad) Wenn man an einem gewöhnlichen Werktag in den Kölner Dom geht, so sieht man alle paar Zentimeter Menschen, die mit offenen Mündern nach oben starren. Asiaten, Araber, Afrikaner, Europäer. Menschen aller Couleur, jedweder Herkunft, jeglicher Religion bestaunen ein epochales Bauwerk, dass noch einmal bewundernswerter wird durch die Tatsache, dass für seine Errichtung deutlich weniger und deutlich archaischere Mittel zur Verfügung standen als etwa für den Bau des Flughafens Berlin-Brandenburg.

Was den wenigsten Touristen klar sein wird: Sie bestaunen zugleich auch den Glauben, der solche Meisterwerke (ich meine nicht den Flughafen) hervorgebracht hat. Es ist der katholische Glaube, der vehement und nachhaltig die Würdigkeit der materiellen Welt herausgestellt hat – der aussagt, dass das Geschaffene Zeugnis vom Schöpfer ablegen darf, soll und muss. Es ist der katholische Glaube, der dafür einsteht, dass das, was schön ist, auch gut ist, und das, was gut ist, auch wahr.

Es ist ein Glaube, der jahrtausendelang Menschen dazu inspiriert hat, Größtes zu leisten. Und es ist der Glaube, der den größten Skeptikern Bewunderung abgenötigt hat, wenn er nicht gar zu ihrer Bekehrung geführt hat. Die kulturelle Kraft des katholischen Glaubens hat nicht nur Europa geprägt, aber hier ist die Einheit von Kult und Kultur sicher mit am Intensivsten gewesen. Vom Weinbau bis zur Gotik, von der Dreifelderwirtschaft bis zur bildenden Kunst, von Astronomie und Medizin bis zur Musik: Handwerk, Kunst, Landwirtschaft. Alles ist durchdrungen von einer spezifisch katholischen Einstellung zur geschaffenen Welt: Sie soll vom Menschen durchdrungen, erkannt und geformt werden, und Sinn und Zweck des Ganzen ist schließlich und endlich das Lob dessen, der alles erschaffen hat und erhält.

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Wenn ich die katholische Kirche von heute betrachte, dann bin ich geneigt, mich kulturpessimistisch zu geben. Wo ist sie hin, diese prägende Kraft? Ist all der Entdecker- und Erfindergeist verdunstet? Ist die schöpferische Dynamik völlig erlahmt? Wenn doch Werke der Vergangenheit bis heute Menschen aller Kulturen in Staunen versetzen, können wir diesem kulturellen Erbe nicht mehr gerecht werden?

Allerdings muss man hier eine wichtige Unterscheidung vornehmen: Schaut man sich die allgemeine Kultur an, so wird man schnell bemerken, dass es die katholischen Gegenden sind, in denen authentische Volksmusik, Brauchtum und Volkskultur vorrangig gelebt und lebendig erhalten werden. Beispielsweise wird in Teilen Oberbayerns auf hohem und höchstem Niveau musiziert, geschauspielert, farbenfroh prozessiert, Kultur betrieben und gelebt. Ich bin immer wieder erstaunt von der Frische, mit der hier Jugendliche und junge Erwachsene weitertragen, was von Eltern und Großeltern vermittelt wurde. Hier kann man noch eine Ahnung erhaschen vom sinn- und gemeinschaftsstiftenden Moment der katholischen Kultur. Schauen wir aber in den Bereich der „Hochkultur“ (den ich in Anführungszeichen setze, weil ich ihn keinesfalls als höherwertig gegenüber der Volkskultur betrachte), sieht es anders aus.

Ich erlebe in diesem Bereich unter Katholiken vor allem zweierlei: Skepsis und Desinteresse. Zum einen ist da das Vorurteil, Künste und Kultur seien im Grunde eine Erfindung linker, atheistischer Eliten – oder zumindest derart „kontaminiert“, dass man als gläubiger Mensch in diesem Umfeld nichts zu suchen habe. Das mag zum Teil stimmen – aber es stimmt, weil man diesem Milieu das Feld geräumt, manchmal gar kampflos überlassen hat. Immer noch ist ein Großteil der in Deutschland aufgeführten und ausgestellten Kunst zumindest geistlich geprägt oder widmet sich Themen, die sich aus einem geistlichen Blickwinkel heraus betrachten lassen. Warum überlässt man sie denen, die sie dekonstruieren oder lächerlich machen? Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich ein Teil der glaubenstreuen Katholiken ängstlich am Rosenkranz und an der Weihwasserphiole festhält, in panischer Furcht vor – sagen wir – E-Gitarren, oder auch Darstellungen von Nacktheit, Gewalt oder unmoralischen Zuständen. Dabei vergessen sie, dass eine Hand zum Festhalten des Rosenkranzes reicht, und man in der anderen durchaus auch ein Buch halten könnte – und zwar nicht das neueste Andachtsbüchlein mit zweifelhaften Privatoffenbarungen. Mehrfach habe ich etwa gehört, dass die Darstellung von Sünde nicht statthaft sei – dies ist aber nicht in Einklang zu bringen mit den alten Traditionen der katholischen Mysterienspiele oder mit den zahllosen Gemälden, die den Ernst des Gerichts durch die Darstellung von Sünden deutlich machen. Sehr wohl darf das Böse gezeigt werden, wenn das Gute und Erstrebenswerte dadurch herausgestellt wird. So gut und richtig die Kritik am Exzess ist: Besuchen Menschen, die so denken, die vatikanischen Museen nur mit blickdichtem Gesichtsschleier, oder wie kommen sie mit der Lebensfülle der mittelalterlichen oder barocken Kunst klar, ohne in Ohnmacht zu fallen? Anstatt in Passivität gegenüber einem gottlosen Mainstream zu erstarren wie eine Maus vor der Schlange sollte man sich auf die eigene kulturelle Wirkmacht besinnen, und selbst kulturell prägend wirksam werden: Kunst schaffen, Bräuche mit Leben füllen, Nichtkatholisches inkulturieren, soweit es gut ist, so, wie man es seit eh und je getan hat.

Wir müssen uns darüber klar sein, dass der linke Hang dazu, von einer absoluten Gleichheit auszugehen, dazu geführt hat, dass die Kultur in unserem Land langsam aber sicher niedergeht, obgleich dies kaschiert wird durch ein schier unüberschaubares kulturelles Erbe. Mit dem Adel ist die Schicht, die jahrhundertelang in erster Linie für Kunstförderung zuständig war, verschwunden, mit dem Bildungsbürgertum stirbt auch der Nachfolger in Sachen Kultur aus. Mit der Proklamation des grenzenlosen Materialismus ist die Beschäftigung mit sperrigen, zeitintensiven Betätigungen immer weiter ins Abseits geraten. Durch die Relativierung und Nivellierung des Kunstbegriffs wurde die Kunst auch häufig von ihrem handwerklichen Charakter bereinigt, so dass gewisse qualitative Parameter zur Bewertung von Kunst nicht mehr greifen, und eigentlich alles, was sich Kunst nennt, auch als solche gesehen werden muss.

Ein Schlüssel zur Wertschätzung von Kultur ist Bildung. Comenius schreibt im Vorwort zu seinem berühmten Lehrbuch über Pädagogik sinngemäß, dass dem Christenmenschen Bildung eine hohe Pflicht sei: Da der Mensch Gottes Ebenbild sei, und Gott allwissend, habe der Mensch die Berufung, in seinem Rahmen am Wissen teilzuhaben und damit auch die Pflicht, sich zu bilden. Die Durchdringung der Welt mit der eigenen Vernunft ist eine Grundlage, um selbst die Welt zu gestalten. Wer authentisch für den Glauben begeistern will, der in einzigartiger Weise die Schönheit und Güte Gottes auch durch seine Schöpfung bekennt, der sollte dies auch in seinem Lebensstil verdeutlichen: Indem man das Gute nicht verachtet, sondern entdeckt und befördert, wo man kann.

Nun, das sind ja nette Ausführungen, könnte man nun sagen; aber was soll ich konkret tun? Nun, aktivieren Sie ihren katholischen Pioniergeist. Gehen Sie in Konzerte. Werden Sie Mitglied eines Chores. Hören Sie Arvo Pärts Johannespassion und entdecken Sie zeitgenössische Künstler abseits des Aktionskunst-Mainstream. Lernen Sie, Weihnachtslieder auf der Blockflöte zu spielen, um gemäß dem Wunsch Angela Merkels etwas gegen Islamisierung zu tun. Lesen Sie Chesterton. Gründen Sie einen literarischen Salon. Diskutieren Sie nicht nur über die neuesten falsch wiedergegebenen Aussagen des Papstes oder den allgemeinen Glaubensabfall, diskutieren Sie über Oscar Wilde, die Kunst des fin de siècle oder zeitgenössische Photographie. Werden Sie Mäzen! Sorgen Sie dafür, dass ausgehungerte Menschen auf der Suche nach Sinn und Schönheit etwas finden können, das ihren Hunger stillt und sie vielleicht sogar zur Quelle aller Schönheit und alles Guten führt.

Foto Anna Bineta Diouf




Foto Heike Mischewsky







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