14 Juli 2017, 17:00
Der Abschied – Leseprobe 2
 
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An der Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Erinnerung und Traum erlebt der Erzähler den Trip seines Lebens. Leseprobe 2 aus dem Buch „Der Abschied“ von Giuseppe Gracia

Linz (kath.net)
Ich gehe zu unserer gemeinsamen Wohnung und erinnere ich mich erst dort, daß Veronika seit ihrem Zusammenbruch bei der Mutter wohnt. Also suche ich ihr Elternhaus auf. Ohne ein Wort zu sagen, es reicht nicht einmal für eine knappe Begrüßung, werde ich von der Mutter hereingelassen.

Ich durchschreite den Korridor zum Wohnzimmer und sehe Veronika auf dem Sofa sitzen und erschrecke über die dünnen blassen Arme und das dünne blasse Gesicht. Und die Augen, die still auf mich gerichtet bleiben, als müsse sie überlegen, wer ich bin.

Ich setze mich zu ihr und nehme ihre Hand und halte sie und kann ihre Kraftlosigkeit nicht fassen. Immer wieder denke ich, wie grausam es von mir gewesen ist, erst jetzt zu kommen, obwohl ich doch wusste, daß Veronika von der Mutter gepflegt wird, in diesem Haus mit der in allen Zimmern spürbaren Stimmung der Maximalverwirklichung, wehrlos ausgesetzt. Und ich sitze da und begreife, daß ich sie im Stich gelassen habe.

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Ich sitze da, während sie mich mustert, ohne etwas zu sagen. Immer länger warte ich in ihr Schweigen hinein. Ich möchte sie umarmen, getraue mich aber nicht und denke, daß auch die Schultern und alles an ihr vollkommen zerbrechlich geworden ist und sie kaputtgehen wird, wenn ich eine falsche Bewegung mache.

Ich warte und höre in der Ferne ein Geräusch. Wie das Donnern eines Gewitters irgendwo im Osten oder im Westen. Aber vielleicht kommt gar kein Gewitter auf uns zu, denke ich. Weil das Geräusch zu gleichmäßig klingt, ohne einen Moment des Unterbruchs, wie von einer Maschine. Ein Zug, denke ich, der sich nähert. Mit dem Tonnengewicht der Schweizerischen Bundesbahnen, das durch die Stadt rollt, direkt auf unser Quartier zu, in Richtung Veronika. Veronika, die auf genau diesen Zug wartet und unter genau diesem Zug sterben möchte und vielleicht auch das Elternhaus von genau diesem Zug vernichtet sehen will.

Ich befehle Veronika aufzustehen und mit mir zu kommen. Sie reagiert nicht, also reiße ich sie hoch und dränge sie aus der Wohnstube, während die Zuggeräusche lauter werden. Im Korridor stoße ich Veronikas Mutter auf die Seite, die immer noch dort lauert und beginnt, auf uns einzureden, um uns ihre Vorstellungen und Ansichten aufzudrängen. Wie es immer wieder vorgekommen ist, daß wir von den Vorstellungen und Ansichten der Eltern bedrängt und behindert worden sind.

Daß wir in ihrem Haus immer wieder mit den Wänden und verschlossenen Türen dieser Vorstellungen und Ansichten konfrontiert worden sind und immer wieder versucht haben dagegen anzurennen, um ins Freie zu gelangen, gegen diese Wände und Türen zu schlagen, um die für uns falschen und von Grund auf fremden Vorstellungen und Ansichten zu durchbrechen und vorzustoßen ins Neue, Unverbaute. Aber dieser Kampf ist jetzt überhaupt nicht mehr nötig, denke ich.

Ich kann sehen, wie zuerst die zitternden Fensterscheiben und dann die Türen und die Wände Risse bekommen, als der Zug eintrifft und in das Elternhaus donnert. Sofort werden Veronikas Mutter und der Hausgang und die Wände und Türen und Möbel von der Wucht fortgerissen.

Veronika und ich schaffen es nach draußen auf die Straße und rennen weiter. Für einen Moment denke ich, daß wir es doch nicht schaffen und ebenfalls fortgerissen werden. Aber wenigstens beide. Wenigstens geht Veronika nicht allein und nimmt sich das Leben. Ich kann es verhindern, denke ich.

Bestellmöglichkeit beim Verlag

kath.net Buchtipp
Der Abschied
Autor: Giuseppe Gracia
Bucherverlag 2017
112 Seiten
ISBN 978-3-99018-400-4
Preis: Euro 13,50

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