04 Januar 2017, 09:00
'Eine Erweckung, über die wir nur staunen können'
 
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Evangelisch-lutherischer Pfarrer Gottfried Martens über die Konversion Hunderter iranischer Zuwanderer zum Christentum, Tränen im Tauf-Unterricht und die Not der Christen in den Flüchtlingsheimen. Interview von Michael Ragg (PURmagazin)

Berlin (kath.net/PURmagazin) Kaum beachtet von der deutschen Öffentlichkeit konvertieren Hunderte Flüchtlinge aus dem Iran und Afghanistan zum Christentum – und sehen sich in Flüchtlingsheimen neuerlichen Bedrängnissen ausgesetzt. Wichtigster Anlaufpunkt für die Konvertiten ist die Dreieinigkeitsgemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Berlin. Pfarrer Dr. Gottfried Martens hat dort in den letzten Jahren schon mehr als tausend Flüchtlinge getauft. Er wurde bundesweit bekannt, als er auf die Bedrohung von Christen in Flüchtlingsheimen hingewiesen hat. Auf einer „Domspatz-Soirée“ im Bernhard-Lichtenberg-Haus des Erzbistums Berlin sprach Michael Ragg mit dem mutigen Seelsorger (Foto).

PUR: In Ihrer Gemeinde in Berlin-Steglitz sind schon fast tausend Zuwanderer mit muslimischen Hintergrund Christen geworden. Woran liegt das?

Pfarrer Dr. Gottfried Martens:
Es bleibt insgesamt immer ein Wunder des Heiligen Geistes. So etwas kann man nie selber machen. Dass Menschen sich derart dem christlichen Glauben zuwenden ist ein Wunder, eine Erweckung, über die wir immer nur staunen können. Der Hintergrund ist, dass im Iran selbst vor allem im letzten Jahrzehnt eine christliche Untergrundbewegung in ganz großem Stil entstanden ist.

PUR: Wie stark ist diese Bewegung?

Martens:
Die Dimensionen können wir nur erahnen, weil es naturgemäß keine Statistiken geben kann. Nach seriösen Schätzungen sind im Iran zwischen einer halben Million und einer Million Menschen vom Islam zum christlichen Glauben konvertiert. In aller Regel haben sie nicht die Möglichkeit, die heilige Taufe zu empfangen, treffen sich aber in Hausgemeinden. Zum Teil fahren sie nach Armenien oder in die Türkei, um dort getauft zu werden. Die Geheimdienste versuchen dann immer wieder, diese Hausgemeinden ausfindig zu machen. Ein Teil wird verhaftet, der Rest kann fliehen und konnte - ich muss leider in der Vergangenheit reden - über die Türkei nach Europa fliehen. Diese Tür ist mittlerweile geschlossen. Dir iranischen Christen sind jetzt in ihrem Land gefangen. Aber viele konnten in den letzten Jahren fliehen und auch nach Deutschland gelangen.

PUR: Was berichten Ihnen die Menschen darüber, wie sie mit dem Christentum in Berührung gekommen sind?

Martens:
Sehr oft gehen diese Geschichte so los: „Ich hatte einen armenischen Freund …“ Im Iran gibt es nationale Minderheiten, die ihren christlichen Glauben praktizieren dürfen, die Armenier, die Assyrer. Sie dürfen Gottesdienste aber nur in ihrer Muttersprache feiern, nicht auf Farsi. Es ist streng verboten, dass ein Farsi-sprachiger diese Gottesdienste besucht. Da gibt es Kamera-Überwachung, Geheimdienstler sitzen am Eingang. Das Spannende ist, dass viele dieser armenischen Christen missionarisch sehr aktiv sind und damit Kopf und Kragen riskieren, obwohl sie das gar nicht „müssten“. Sie könnten für sich selber bleiben und dann hätten sie nicht sehr viel zu befürchten. Wenn man als armenischer Christ zum Militär eingezogen wird, ist das allerdings auch wahrlich kein Vergnügen. Wenn ein armenischer Christ einen Farsi-sprachigen Iraner anspricht, und sei es nur als Taxifahrer, dann kann ihm das sofort Gefängnis einbringen – und sie machen es doch!

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PUR: Gibt es weitere Zugänge zum Christentum?

Martens:
Oft höre ich: Ich habe Menschen getroffen, die waren einfach anders. Die waren so voller Hoffnung, voller Freude. Das kannten wir gar nicht im Iran. Hier sind die Menschen so traurig und bedrückt. In der schiitischen Religion wird bei allen Festen geweint, weil wieder ein Märtyrer ermordet worden ist. Während wir jubeln, wenn wir Heiligenfeste haben, weil die Leute im Himmel sind! Das ist etwas, was für sie neu war. Da sind sie dann neugierig geworden und haben nachgefragt.

PUR: Wie wichtig sind dann Medien, die über das Christentum informieren?

Martens:
Der größte Feind jeder Diktatur ist ja mittlerweile das Internet. Es gibt auch christliche Exil-Sender auf Farsi, die in den Iran hineinstrahlen. Was viele bewegt, ist eine ganz wunderbare Verfilmung des Lebens Jesu nach dem Lukas-Evangelium, sehr nah am biblischen Text. Es ist ein großer Nachteil des Islam, dass er bildliche Darstellungen von Mohammed und anderen verbietet.

PUR: Gibt es auch eine Art Leidensdruck im Alltag des Irans, der die Menschen offen macht für andere Weltsichten?

Martens:
Die Menschen erleben, dass dieses Regime in moralisch-religiöser Hinsicht völlig abgewirtschaftet hat. Die Mullahs werden von vielen fast nur noch als Witzfiguren angesehen, weil sie immer wieder vor allem am Geld interessiert sind. Siebzig Prozent der Einwohner des Irans sind jünger als dreißig Jahre. Zugleich gibt es noch eine relativ hohe Bildung aus der Zeit des Schah. Das alles führt dazu, dass die Menschen durchaus willens sind, selbständig zu denken. Das trägt zu dieser großen Offenheit bei.

Ich habe jetzt erst einmal nur von den Menschen aus dem Iran gesprochen. Unsere große Freude ist, dass immer mehr Menschen aus Afghanistan den Weg zum christlichen Glauben finden, in aller Regel aber erst auf der Flucht oder hier in Deutschland. Bei mir waren aber tatsächlich auch schon Afghanen, die in Afghanistan selbst heimlich Christen geworden waren, in einem Land, in dem es kein einziges Kirchengebäude gibt. Selbst da verbreitet sich der christliche Glaube. Er ist nicht aufzuhalten!

PUR: Wie kommt es, dass so viele Konversionswillige zum Tauf-Unterricht in Ihre Gemeinde kommen?

Martens:
Bei uns fing das einmal ganz klein an. Zwei Asylbewerber, die eigentlich aus Leipzig kamen, sind nach ihrer Anerkennung nach Berlin umgezogen. Sie hatten einen Pfarrer in Leipzig, der Missionar in Botswana gewesen war. Er hatte immer schon ein Gespür für missionarische Möglichkeiten und hat als erster die Offenheit dieser Menschen aus dem Iran und Afghanistan für den christlichen Glauben erkannt. Zwei von ihnen waren nach Berlin gekommen. Wir haben sie gut betreut, und man hat es wirklich nicht in der Hand, wie es dann weitergeht. Dann kam ein dritter dazu und im Sommer 2011 habe ich zum ersten Mal einen ehemaligen Muslim nach entsprechendem Tauf-Unterricht in die Kirche aufgenommen. Im Jahr 2011 blieb es bei zwei Taufen, 2012 ging dann die Lawine los: In der Heiligen Osternacht habe ich acht Zuwanderer getauft, Pfingsten waren es schon 14 und dann ging es immer weiter, so dass wir innerhalb eines Jahres schon mehr als hundert Getaufte und Taufbewerber hatten. Im Mai 2013 sind wir dann von Zehlendorf nach Steglitz umgezogen mit etwa 150 getauften iranischen Christen.

PUR: Dann kam die Öffnung der Balkanroute …

Martens:
… und der Boom ging los, einfach so, dass einer den nächsten ansprach. Unsere Leute sind ungeheuer missionarisch aktiv in den Heimen. Wir liegen jetzt schon bei über tausend Getauften und gut dreihundert weiteren, die getauft werden wollen. Insgesamt gehören jetzt etwa 1.400 Gemeindeglieder zu uns, wovon etwa zweihundert Einheimische sind, der Rest spricht Farsi oder Dari. Und es geht immer weiter. Im neuen Tauf-Unterricht, den ich im August begonnen habe, sind schon wieder hundert Leute. Im Oktober habe ich die nächste Gruppe angefangen. Es ist ein Wunder, über das man sich nur von Herzen freuen kann!

PUR: Mitunter wird geargwöhnt, die Menschen wollten nur getauft werden, um als Asylberechtigte anerkannt zu werden. Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Martens:
Ich spreche dieses Thema am Anfang des Tauf-Unterrichts immer offen an und sage: Es mag sein, dass manche unter euch sind, die einfach nur denken, sie hätten eine bessere Chance im Asylverfahren. Macht euch da keine Hoffnungen, Taufschein allein bringt überhaupt nichts beim Bundesamt!

Aber ich sage auch: Herzlich willkommen! Wie schön, dass ich euch die christliche Botschaft bringen kann. Kommt also! Wenn ihr die christliche Botschaft hört, geht ihr nicht mehr so hinaus wie ihr hereingekommen seid. Immer wieder erlebe ich, dass Menschen sagen: Anfangs war ich nur interessiert an Hilfe im Asylverfahren. Aber als ich die christliche Botschaft hörte, hat das mein Leben total verwandelt. Nach den vier Monaten Tauf-Unterreicht haben wir Einzelprüfungen. Da muss mir jeder einzeln ganz klar erklären, warum er Christ werden will und muss sich auskennen in den Grundlagen des christlichen Glaubens. Beim ersten Mal fallen 20-25 Prozent der Bewerber durch. Es gibt dann welche, die sagen: Mist, hat nicht geklappt - und sie gehen weg. Aber es gibt nicht wenige, die dann auch richtig darum kämpfen und die ein paar Monate später auch ihre nächste Chance bekommen. Aber das wichtigste Argument, warum ich denke, dass sie es wirklich auch ernsthaft machen, ist, dass mehr als neunzig Prozent von denen, die getauft werden, auch nachher dabei bleiben. Hätten sie es nur des Papierchens wegen gemacht, könnten sie ja anschließend verschwinden. Das tun sie aber nicht!

PUR: Was spricht denn Menschen mit muslimischen Wurzeln am Christentum besonders an?

Martens:
Es ist die Botschaft von der Nähe und Liebe Gottes, die sich in der Person Jesu Christi zeigt. Sie müssen sich vorstellen, dass eine Grundaussage der Erziehung in vielen iranischen Familien lautet: Du kommst sowieso in die Hölle! Das ist ihre Perspektive. Im Koran steht es auch: Allah sagt, ich schicke euch erst einmal alle in die Hölle und ein paar ganz Gerechte hole ich wieder heraus. Dieser Vers spielt in der Frömmigkeit des Islams eine ganz große Rolle. Dazu kommt, dass Gott zwar als sehr groß aber auch als sehr fern angesehen wird.

PUR: Gerade die Weihnachtsbotschaft von der Menschwerdung Gottes spricht viele Muslime also besonders an?

Martens:
Ja! Da hören sie jetzt, es gibt einen Gott, der mich liebt, der nicht will, dass ich in der Hölle lande, sondern der mich einlädt zum ewigen Leben. Da ist ein Gott, der mir so nahe kommt, dass er selber Mensch wird. Der sich für mich so klein macht, dass ich ihn in einer Hostie leibhaftig berühren und empfangen kann. Das ist etwas, was sie so ungeheuer fasziniert, dass sie dieser christliche Glaube sehr anzieht. Sie merken, das ist genau das Gegenteil von dem, was sie vorher gehört hatten. Es ist nicht so, dass sie im christlichen Glauben nur ein liberales Update des Islams suchen. Sie suchen wirklich das genaue Gegenteil. Darum sagen sie auch, der christliche Glaube ist keine Religion. Unter einer Religion verstehen sie die Bemühung des Menschen, zu Gott zu kommen. Und sie erkennen: Im christlichen Glauben ist es genau umgekehrt: Gott kommt zu uns! Diese Botschaft führt dazu, dass die Leute, wenn sie im Tauf-Unterricht sitzen, immer wieder Tränen der Freude weinen.

PUR: Sie sind ja bundesweit bekannt geworden, weil sie auf die Drangsalierung von Christen in Flüchtlingsheimen aufmerksam gemacht haben. Sie sind ja nun direkt an der Quelle von Informationen aus erster Hand. Was geht denn nun tatsächlich in diesen Heimen vor sich?

Martens:
Es gab einzelne Übergriffe von Anfang an. Einzelne radikale Muslime sind ausgeflippt, wenn ein Muslim Christ wurde. Ich erinnere mich an die Osternacht 2014. Da kam einer unserer Afghanen mit der Taufkerze heim und wurde gleich von seinen Mitbewohnern krankenhausreif geschlagen. Das waren damals immer noch Einzelfälle. Darauf konnte man immer noch gut reagieren, mit Polizei-Einsatz, mit Verlegung in ein anderes Heim usw.

PUR: Und nach der Öffnung unserer Grenze?

Martens:
Seit in großen Scharen konservativ muslimisch geprägte Menschen in unser Land gekommen sind, hat sich die Lage grundlegend geändert. Es ist aber wichtig, sich erst einmal klarzumachen: Die Öffnung der Balkanroute war eine Rettung für viele Christen. Bitte vergessen sie das niemals! Die meisten der Menschen, die wir in unserer Gemeinde haben, wären nicht hier, wenn sie an den Grenzen abgewiesen worden wären.

Ich habe am Anfang gedacht: Die Flüchtlinge, die zum Beispiel aus Syrien kommen, die haben vom radikalen Islam die Nase voll, die sind froh, dass sie hier in Freiheit leben können. Erst viel später habe ich entdeckt, es sind tatsächlich zum Großteil sehr konservativ geprägte Muslime, die aus Gegenden kommen, wo sie nie irgendetwas gehört haben von einem Zusammenleben von Religionen. Für sie ist völlig klar: Wenn ein Muslim Christ wird, dann begeht er ein todeswürdiges Verbrechen. So ist es ja auch nach der offiziellen Lehre des Islams.

PUR: Vertreten das also nicht nur islamische „Fundamentalisten“?

Martens:
Im März diesen Jahres war der Chef-Theologe der Al Azhar Universität aus Kairo im Deutschen Bundestag, hat dort auch eine Rede gehalten und wurde als der große Gelehrte gefeiert, der die Religion des Friedens vertritt. Dann ist er nach Kairo zurückgefahren. Dort hat er einen eigenen TV-Nachrichtenkanal. Er wurde dann gefragt, wie sollen wir mit Konvertiten zum christlichen Glauben umgehen? Da sagte er: mit Barmherzigkeit. Man soll ihnen Zeit geben zur Umkehr, und erst, wenn diese Zeit verstrichen ist, soll man sie töten. Er wurde als der Cheftheologe des Islams angepriesen. Diese Lehren sind in den Köpfen vieler dieser Heimbewohner fest verankert.

PUR: Wie wirkt sich das im Alltag aus?

Martens:
Nehmen Sie zum Beispiel ein Heim mit dreihundert Bewohnern, davon sind 290 Muslime, drei oder vier Christen, vielleicht noch zwei Jesiden und noch zwei, drei andere. In den meisten Heimen beginnt der Tag morgens mit dem Ruf: Allahu Akbar. Da stehen alle auf. Wer da nicht aufsteht und mitmacht, der outet sich sofort. Es geht also da schon los, dass ein Christ Farbe bekennen muss. Wenn er nicht mitmacht, hat es, je nach Zusammensetzung des Heimes, unterschiedliche Konsequenzen. Es gibt Heime, wo die Leitung das einigermaßen im Griff hat. Es gibt aber auch viele Heime, wo die Heimleitungen überhaupt nicht mitbekommen, was da bei ihnen abläuft.

PUR: Was passiert da?

Martens:
Allein heute Nachmittag, zwischen Bibelstunde und Gottesdienst, sind wieder drei Leute gekommen, haben erzählt, wie ihnen die Taufkreuze vom Hals gerissen wurden, wie ihnen christliche Bücher zerstört, wie sie mit dem Tode bedroht wurden. Das ist für uns Alltag. Aber das ist etwas, was verantwortliche Stellen nicht hören wollen. Da kann man sagen, was man will, man stößt auf taube Ohren.

PUR: Woran liegt das?

Martens:
Zum einen stößt man Drohungen natürlich nicht direkt vor den Ohren des Heimleiters aus. Besonders in Berlin gibt es aber auch Probleme mit dem Sicherheitspersonal. Da hat man im letzten Jahr versucht, sehr schnell muttersprachliche Sicherheitsleute zu finden. Sie mussten zwei Kompetenzen haben: erstens arabisch-sprachig sein und zweitens einen gewissen Bizeps-Umfang haben. Das nannte man dann „interkulturelle Kompetenz“. Das bedeutet, dass es oft sogar die Wachleute selbst sind, die Christen mit dem Tode bedrohen. Wenn man sich bei ihnen beschwert, stellen sie sich immer auf die Seite ihrer Glaubensbrüder. Gibt man sich damit nicht zufrieden, gehen die Sicherheitsleute zur Heimleitung und sagen: Die Christen machen wieder Ärger. Also bekommen die Christen Hausverbot. Es ist immer wieder dasselbe.

PUR: Und wenn man die Polizei einschaltet?

Martens:
Selbst dann geht es am Ende aus wie das Hornberger Schießen. In der großen Erstaufnahme-Einrichtung am Flughafen Tempelhof waren sechs Christen, von denen einige aus unserer Gemeinde stammten, von einem Mob von etwa hundert Muslimen angegriffen worden. Sie hatten vorher noch den Sicherheitsleuten gesagt: Achtung, sie greifen uns jetzt an! Die sagten: Ihr seid Christen, für euch tun wir gar nichts. Sie konnten sich in ein Zimmer flüchten. Die Polizei hat sie mit Polizeihunden, die sie von der Leine gelassen hat, vor einem Pogrom gerettet. Was sagten die Sicherheitsleute zur Polizei? Es war nur ein Streit ums Essen, das war natürlich um 23 Uhr nachts sehr logisch … Glücklicherweise habe ich Kontakt mit einem Mitarbeiter vom Staatsschutz. Der kam extra in unsere Gemeinde, hat mit den Leuten gesprochen. Dann hat man im Heim herumgefragt und sofort Hunderte von Zeugen gefunden, die gesagt haben: Die Christen haben die Muslime angegriffen. Also: Einstellung des Verfahrens – jedes Mal dasselbe.

PUR: Kommt dergleichen nur in Berlin vor?

Martens:
Sie haben vielleicht von dem Fall aus Hamburg gehört, wo ein Muslim einen konvertierten Christen aus dem Iran fast getötet hat. Es gab ein Gerichtsverfahren. Das endete damit, dass angeblich herauskam, der Iraner hat den Afghanen angegriffen und der Afghane hat nie etwas von Religion gesagt. Selbst in so extremen Fällen passiert nichts. Der Iraner ist nachher in seine Heimat zurückgeflohen, weil er gesagt hat: Die bringen mich in Deutschland doch nur um. Hier nimmt mich doch keiner ernst.

Bei einem unserer Brüder aus dem Iran, hatte ein anderer Heimbewohner unter der Dusche gehört, wie eine Gruppe einen Mordplan gegen ihn schmiedete. Der Zeuge hat sich dann an die Polizei gewandt. Am nächsten Tag wurde der bedrohte iranische Christ in ein anderes Heim gebracht, unter großem Tamtam, nach dem Motto: „Wir kümmern uns um diese armen bedrängten Menschen“. In dem Heim, in das er gebracht werden sollte, standen die Muslime schon vor der Tür und sagten: „Hier kommt kein Christ rein.“ Da wollte er wenigstens auf die Toilette, und es wurde ihm gesagt: „Kein Christ macht unsere Toilette unrein.“ Er wurde also wieder zurückgeschickt und man hatte ihm noch nicht einmal gesagt, dass es ein Mordkomplott gegen ihn gibt. Er wurde einfach wieder neben die Leute gelegt, die ihn töten wollten. Dann habe ich das aber erfahren und bei ihm nachgefragt, wie es ihm geht, er hat durch mich erfahren, dass er getötet werden sollte. Wir haben ihn dann aus dem Heim herausgenommen und privat untergebracht. Ich könnte ihnen stundenlang von solchen Vorfällen erzählen.

PUR: Warum erfährt man so wenig davon?

Martens:
Sie werden immer wieder geleugnet, nicht zuletzt auch von den Heimbetreibern. Leider sind es auch kirchliche Heimbetreiber, die sich nicht mit Ruhm bekleckern. Sie kennen ja die Stellungnahme der beiden großen Kirchen vom Juli 2016. Da ist der Tenor: Es mag ja sein, dass es Einzelfälle gibt. Aber in unseren kirchlichen Heimen passiert so etwas nie. Ich erlebe das Gegenteil. Wir kommen an diesem Punkt einfach nicht weiter. Wir wissen mittlerweile, die Kirchen wollen dieses Problem einfach aussitzen. Und sie werden mit dieser Taktik Erfolg haben. Wie sollen denn christliche Flüchtlinge jetzt noch nach Deutschland kommen? Es ist fast unmöglich. Wir werden in Zukunft einfach keine Christen mehr in den Heimen haben, die bedroht werden können.

PUR: Hat sich das Problem damit erledigt?

Martens:
Einer unserer Brüder hat gesagt: Es ist schön, jetzt sind einige unserer größten Peiniger nicht mehr im Heim. Sie sind als Asylberechtigte anerkannt worden - während aber die Christen nicht so leicht anerkannt werden. Mittlerweile werden unsere Leute auch auf der Straße angegriffen, wenn man sieht, dass sie ein Kreuz tragen. Das wird natürlich nicht mehr so wahrgenommen. Das Problem verlagert sich allmählich aus den Heimen auf die Straße. Das werden wir in Zukunft ganz massiv erfahren.

In den letzten beiden Monaten hat im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ein sehr bedauerlicher Umschwung stattgefunden: Selbst ganz treue Gemeindeglieder wie etwa Kommunionhelfer bekommen mittlerweile negative Antworten und sollen abgeschoben werden. Was im Augenblick in den Anhörungen des Bundesamtes passiert, ist eine Farce: Religiös völlig ungebildete Leute entscheiden über das Schicksal von Christen - in den allermeisten Fällen ablehnend, weil sie mit dem christlichen Glauben nichts anfangen können.

Ein Beispiel, das ich schon auf Facebook gepostet habe: Da wird ein Gemeindeglied nach seinem Taufspruch gefragt. Der Dolmetscher kann aber offenbar das Wort für „Taufspruch“ nicht richtig übersetzen, woraufhin unser Gemeindeglied ganz richtig das Apostolische Glaubensbekenntnis als sein Taufbekenntnis aufsagt. Der Dolmetscher versucht, diesen ihm völlig unbekannten Text irgendwie wiederzugeben. Eine Kostprobe: „der durch den Heiligen Geist in der Gebärmutter eingesetzt wurde und im Reich von Ponsius und Pilatus sich erhob und gekreuzigt wurde". Daraufhin herrscht bei Dolmetscher und Anhörerin großes Rätselraten. Auch die Anhörerin hat solch einen merkwürdigen Text wie das Apostolische Glaubensbekenntnis offenbar noch nie gehört. Zitat aus dem Protokoll: „Der Antragsteller hat einen Taufspruch auf seiner Taufurkunde. Dieser entspricht nicht dem gesagtem (sic!). Beim von ihm genannten Taufspruch handelt es sich um das Vater Unser.“ Das sind die Leute, die darüber entscheiden, ob jemand ernsthaft Christ ist oder in den Iran zurückgeschickt werden soll!

PUR: Immer wieder wird auch von kirchlicher Seite gefordert, Homosexuelle getrennt unterzubringen, weil ihnen in den Heimen Gefahr drohe. Warum fordert man das nicht für christliche Flüchtlinge ebenso?

Martens:
Man hat den Regierenden Bürgermeister von Berlin gefragt: Gibt es denn nicht die Möglichkeit der Einrichtung christlicher Unterkünfte? Er hat geantwortet: wenn die Kirchen das wollten, sofort. Die Kirchen wollen es nicht, mit der Begründung, damit würde man ein Signal senden, dass es kein friedliches Zusammenleben der Religionen gibt. Auf dem Altar dieser Ideologie werden die Christen geopfert. Dagegen kommt man einfach nicht an. Da haben wir auch aufgegeben, weil wir merken, wir rennen da bei den großen Kirchen gegen Beton.

Wir helfen in unserer Kirche genauso Menschen aus anderen Religionen. Aber man darf diese Frage nicht ansprechen, weil dann der Eindruck entstehen könnte, dass es vielleicht doch Zusammenhänge zwischen Islam und Gewalt gibt. Dieses Thema will man partout nicht diskutiert haben.

PUR: Wie empfinden christliche Flüchtlinge die Diskussion um Zuwanderung in Deutschland?

Martens:
Es schmerzt sie schon, dass oft in verallgemeinernder Weise über „die Flüchtlinge“ gesprochen wird, und sie auf der Straße dastehen, als ob sie nur darauf aus wären, die nächste Frau zu vergewaltigen. Sie erleben nicht selten, dass sie auf die Straße gehen, von Nazis bedroht und zusammengeschlagen werden. Dann kommen sie ins Heim und da warten die Muslime. Sie sind so richtig im Sandwich zwischen beiden. Immer wieder sagen sie uns: Ihr habt keine Ahnung, was es heißt, unter dem Islam zu leben. Wie naiv seid ihr? Sie treten dafür ein, dass man differenziert. Und das ist ja in der ganzen Diskussion so entscheidend wichtig.

PUR: Was kann man überhaupt tun, um den Religionsfrieden bei uns zu fördern?

Martens:
Wir müssen die liberalen Kräfte unter Muslimen stärken. Wenn wir von dem Islam sprechen, geben wir dem IS recht gegenüber anderen Gruppen wie den Aleviten. Es gibt tatsächlich liberale islamische Gruppen in Deutschland. Die sollte man nicht vor den Kopf stoßen, mit der Behauptung: Ihr seid ja gar keine richtigen Muslime.

Das Problem lässt sich aber nicht dadurch lösen, dass man einen bestimmten Teil der deutschen Öffentlichkeit mundtot macht. Meines Erachtens können wir nur dann ein offenes Land bleiben, und dafür setze ich mich ein, wenn wir gleichzeitig die Probleme ganz offen ansprechen. Solange wir sie unter den Tisch kehren, werden sie uns irgendwann einmal in ganz anderer Weise einholen. Wenn wir die Diskussion offen führen und kritische Fragen von jeder Seite zulassen, sind wir hoffentlich stark genug, um ein offenes Land zu bleiben.

PUR: Herr Pfarrer Martens, vielen Dank für das Gespräch und Gottes Segen für Ihren Dienst!

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Dr. Gottfried Martens, Pfarrer der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Berlin-Steglitz, wurde bundesweit bekannt, weil in seiner Gemeinde bereits neunhundert iranische und afghanische Flüchtlinge zum Christentum konvertiert sind. Weil Pfarrer Martens die zahlreichen Übergriffe von Muslimen auf Christen in Flüchtlingsheimen öffentlich angeprangert und damit das Schweigen über diese Vorgänge gebrochen hat, wurde er mit dem Stephanus-Preises 2016 ausgezeichnet.

Die SELK ist eine christlich-konservative Kirche lutherischer Prägung. Sie entstand als organisatorisch eigenständige Kirche im 19. Jahrhundert, als lutherische Christen nach der Einführung der preußischen Union an der Realpräsenz des Leibes und Blutes Christi im Altarsakrament festhielten. Die Sakramentsfeier steht im Zentrum ihrer sehr festlich ausgerichteten Gottesdienste. Immer wieder sind prominente evangelische Persönlichkeiten zur SELK gewechselt, weil sie die jeweilige EKD-Gliedkirche als bekenntnisfern oder ideologisch einseitig empfunden haben. Zu ihnen gehören die frühere Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, die Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach, der Verleger Axel Springer und seine Frau, der ermordete Bankier Jürgen Ponto und andere. Auch Königin Silvia von Schweden war vor ihrem Umzug nach Schweden Mitglied der SELK.

Michael Ragg leitet die christliche Agentur „Ragg`s Domspatz“ (www.raggs-domspatz.de). Sie organisiert Podiumsgespräche, Vorträge, Pilgerreisen und andere Veranstaltungen, darunter das Bühnenprogramm der Kirchen-Messe GLORIA in Augsburg. Als Pressesprecher des weltweiten katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“ von 1998-2009 organisierte Ragg die Kongresse „Treffpunkt Weltkirche“ in Augsburg und etablierte Radio- und Fernsehformate auf einer Reihe christlicher Sender.


Foto oben Pfr. Martens im Gespräch mit Michael Ragg bei der „Domspatz-Soirée“ © Ragg´s Domspatz







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