16 März 2017, 10:00
Kein schlechtes Gewissen mehr wegen deines Gebetslebens
 
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Wie oft bleiben wir im Glauben stehen? Die Scham, nicht auszureichen – eben mehr beten zu müssen. Immer wieder aufs Neue der Versuch, doch am Ende das Versagen. Gastbeitrag von Thaddäus Schindler

Berlin (kath.net/Blog „Stay on Fire“)
Dieser Blog-Beitrag ist ehrlich aus dem Herzen geschrieben. Ein Statement. Ein Weckruf. Eine Provokation. Viele werden sich in den Gedanken wiederfinden. Daran besteht kein Zweifel. In Liebe möchte ich etwas ansprechen, was einige längst in ihrem Kopf denken.

Wie oft bleiben wir im Glauben stehen? Verfangen in unserem Gewissen. Die Scham, nicht auszureichen – eben mehr beten zu müssen. Immer wieder aufs Neue der Versuch, doch am Ende das Versagen.

Junge Christen wenden sich vom Glauben ab, weil sie das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein. Ständig dieser Druck nach diesem „christlichen Mehr“. Schon erstaunlich, wo wir doch eigentlich an ein Evangelium glauben, in dem es gar nicht um unsere Leistung geht.

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Werden wir ein wenig konkreter. Lass uns über den Aufruf (auch bekannt als Altarruf*) reden. Hierbei meine ich keinen Aufruf, der sich um die erste Entscheidung für Jesus handelt, sondern um einen Aufruf im Kontext der Nachfolge.

Ich predige selbst des Öfteren, habe eine Menge an Konferenzen als Teilnehmer besucht und bin zu der Annahme gekommen, dass viele unserer Aufrufe nicht zielführend, sondern einfach manipulativ sind. Natürlich hüte ich mich davor, diese Annahme zu pauschalisieren. Ich meine konkrete Beispiele.

Ein erfahrener Prediger hat die Möglichkeit, seinen Aufruf so zu formulieren, dass theoretisch alle aufstehen müssten. Nun, das passiert für gewöhnlich nicht, doch werden dann die, die sitzen bleiben, als stolz und arrogant abgetan: „Ah, du bist also Mr./Mrs. Perfekt ohne Probleme!“ Und ganz ehrlich? Man fühlt sich auch so.

Das Problem beginnt dort, wo ein Defizit in einer absoluten Sprache kommuniziert wird. Nehmen wir ein Beispiel zum Gebet: „Wenn jemand hier ist, der Probleme mit seinem Gebetsleben hat, der nicht zufrieden ist mit dem aktuellen Zustand und mehr möchte – der soll jetzt aufstehen.” Die Mehrheit wird aufstehen.

Das Problem geht dort weiter, wo nun die Lösung ebenfalls in einer absoluten Sprache kommuniziert wird. In unserem Beispiel: „Gott wird dir heute einen Durchbruch schenken. Dein Gebetsleben wird sich komplett auf den Kopf stellen. Stehe jetzt auf, und alles wird sich verändern.“

Was beim nächsten Aufruf dieser Art passiert, würde ich mal als dezenten Logikfehler bezeichnen. Es werden nämlich wieder die meisten aufstehen. Upps. Ist der absolute Durchbruch denn nicht eingetreten? Es scheint mir, als haben wir es geschafft, uns ein eigenes Hamsterrad zu bauen. Dabei ist das Thema Gebet nur eines von vielen.

Was ich mich frage, ist Folgendes: Was steckt hinter diesem christlichen Mehr? Haben wir irgendwann das Mehr erreicht? Wann werden wir mit unserem Gebetsleben wirklich zufrieden sein? Geht nicht immer mehr? Wie arbeitet Gott für gewöhnlich? Durch einen Prozess oder eine sofortige Perfektion? Welche Kultur wird geprägt, wenn jemand immer wieder als Problemfall aufstehen muss?

Vielleicht mögen einige wirklich diesen Durchbruch erlebt haben und immer wieder erleben, doch bleiben die meisten mit einem Schamgefühl zurück. Das Ergebnis ist nicht Fortschritt, sondern Stillstand.

Es entsteht eine defizitäre Kultur, in der wir uns selbst deckeln. Wir streben nach sofortiger Perfektion, wogegen die Bibel von einer anhaltenden Infektion des Geistes spricht. (vgl. Galater 5:22-26) Fang doch lieber klein an und geh’ einen Schritt nach dem anderen.

Wenn ich dir heute einen Satz mitgeben möchte, dann den folgenden: Lebe im Optimum, nicht im Maximum. Das Maximum treibt dich unweigerlich in ein schlechtes Gewissen. Das Optimum stellt dagegen eine realistische Einschätzung im Kontext deiner Verantwortungsbereiche dar.

Jemand, der studiert, Beziehungen und Freundschaften pflegt, in der Gemeinde ehrenamtlich mitarbeitet und persönlichen Hobbies nachgeht, wird nicht so viel beten können wie jemand, der gerade ein Gebetshaus gründet.

Doch was oft passiert, ist, dass sich der Student ein schlechtes Gewissen einredet und im Hamsterrad endet. “Ich bete zu wenig!” Er steht bei den oben genannten Aufrufen auf und erlebt aufgrund seines vollen Alltags kaum Veränderung. Scham kommt auf.

Wenn er jedoch erkennt, dass es darum geht, im Optimum seiner Verantwortungsbereiche zu beten, wird er versuchen, ein Zeitfenster fürs Gebet in seinem vollen Alltag zu finden. Andere werden vielleicht mehr beten, doch er weiß, dass es sein persönliches Optimum ist. Er gewinnt an Freiheit. Seine Motivation verändert sich von der Pflicht zur Freude.

Dein nächster Schritt

Höre auf, dir ein schlechtes Gewissen zu machen. Entspanne dich und fange an, in deinem Optimum zu beten. Glaube im Normalfall keiner sofortigen Perfektion. Akzeptiere den Fakt, dass dein Gebetsleben immer besser laufen könnte. So ist es. Und wir nennen es Leben.

Du kannst auch guten Gewissens, ein großes Verlangen nach Gott haben und deinen Status quo durchbrechen. Davon bin ich überzeugt.

Anm. d.R.: * Der Altarruf ist in eher freikirchlichen Gemeinden gebräuchlich. Der Prediger ruft dazu auf, in der Kirche nach vorn zu kommen und für sich beten zu lassen. Dies trägt oft einen Entscheidungscharakter in sich.

Thaddäus Schindler/StayOnFire: Was werden Leute auf deiner Beerdigung sagen? Was zählt am Ende wirklich?










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