02 April 2017, 10:30
Nachkonziliare Kirche ohne christliche Wurzeln
 
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Kardinal Sarah lässt auf der Liturgischen Tagung klare Botschaft verlesen - Kardinal sieht eine „schwere Glaubenskrise nicht nur bei Gläubigen, sondern auch und vor allem bei zahlreichen Priestern und Bischöfen“. kath.net-Bericht von Martin Lohmann

Herzogenrath (kath.net/ml) Erstaunte und sehr aufmerksame Gesichter waren am dritten Tag der 18. Liturgischen Tagung im Pfarrsaal von St. Gertrud zu beobachten, als Robert Kardinal Sarah, der römische Präfekt für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, zu Wort kam. Der aus Afrika stammende Purpurträger hatte zwar trotz mehrfacher schriftlicher Zusage seine Teilnahme absagen müssen – aus welchen Gründen auch immer –, doch sein Geist und seine Überzeugung waren anwesend. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, anstelle des wenigstens erbetenen Grußwortes einen kompletten Vortrag auszuarbeiten und diesen zu verlesen ausdrücklich gewünscht. Das, was ihm wichtig ist, wollte er zu Gehör bringen – auch wenn er sich gezwungen sah, nicht persönlich nach Herzogenrath zu kommen.

Kaplan Matthias Schmidt gab dem Vortrag des Kardinals seine Stimme. Und die Teilnehmer der Tagung staunten nicht schlecht angesichts der Deutlichkeit, mit der sich Kardinal Sarah zu äußern verstand. Von Zurückhaltung oder dem Befolgen eines angeblichen Denkverbots konnte wahrlich keine Rede sein. Suaviter in modo, fortiter in re – so war die Botschaft aus Rom zu vernehmen. Man könne, so der Kardinal beginnend, „gar nicht genug wiederholen, dass die Liturgie als Höhepunkt und Quelle der Kirche ihr Fundament in Christus selbst“ finde. Und das, was man das „liturgische Aggiornamento nennt, ist in gewisser Weise durch das Motu proprio „Summorum Pontificum“ von Papst Benedikt XVI. vervollkommnet worden.“ Zum Präludium der Kardinalsymphonie gehörte auch noch der Hinweis, dass sich die Liturgie ständig reformieren müsse, „um ihrer mystischen Essenz immer getreuer zu werden“.

Doch „meistens“ sei „diese ,Reform’, die an die Stelle der wahren, vom Zweiten Vatikanum gewollten ,Restauration’ oder ,Erneuerung’ getreten ist, mit einem oberflächlichen Geist und auf der Basis eines einzigen Kriteriums durchgeführt worden: Man wollte unbedingt ein als vollkommen negativ und überholt wahrgenommenes Erbe beseitigen, um eine Kluft aufzutun zwischen dem, was vor und dem, was nach dem Konzil existiere“. Heute aber bestehe letztlich kein Zweifel daran, dass das, „was man die ,Reform der Reform’ nennt und man vielleicht noch genauer als ,gegenseitige Befruchtung der Riten’ bezeichnen sollte, (…) eine vor allem geistliche Notwendigkeit“ sei. Diese betreffe beide Formen des römischen Ritus. Unter Berufung auf Joseph Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt verweist Sarah auf die Krise der Kirche, die vor allem seit dem Konzil zu beobachten sei und in Verbindung mit der Krise der Liturgie gesehen werden müsse. Respektlosigkeit, Entsakralisierung sowie Horizontalisierung des wesentlichen Elemente des Gottesdienstes seien hier zu nennen.

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Man könne „unsere Augen vor dem Desaster, der Verwüstung und dem Schisma nicht verschließen, die die modernen Förderer einer lebendigen Liturgie verursacht haben, indem sie die Liturgie der Kirche nach ihren Vorstellungen umgestalteten. Sie vergaßen, dass die liturgische Handlung nicht nur ein GEBET, sondern auch und vor allem ein MYSTERIUM ist, bei dem sich für uns etwas vollzieht, das wir zwar nicht gänzlich verstehen können, doch das wir im Glauben, in der Liebe, im Gehorsam und in einem anbetenden Schweigen annehmen und empfangen können“. Genau das sei die „wahre Bedeutung der aktiven Anteilnahme der Gläubigen“.

Der Kardinal sieht eine „schwere Glaubenskrise nicht nur bei den Gläubigen, sondern auch und vor allem bei zahlreichen Priestern und Bischöfen“, die uns unfähig gemacht habe, die „eucharistische Liturgie als ein Opfer zu begreifen“. Es sei „frevelhaft“, die heilige Messe auf ein „einfaches Gastmahl zu reduzieren“, auf die Feier eines profanen Festes „und auf eine Selbstzelebration der Gemeinschaft, oder – noch schlimmer – auf eine riesige Ablenkung von der Angst vor einem Leben, das keinen Sinn mehr hat oder gegen die Furcht, Gott von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, weil sein Blick entlarvt und uns dazu zwingt, die Hässlichkeit unseres Inneren in aller Wahrheit und unabgelenkt zu schauen“. Die Messe sei kein „amüsanter Zeitvertreib“. Viele Menschen wüssten nicht mehr, dass der Zweck Messfeier die „Herrlichkeit und die Anbetung Gottes ist, das Heil und die Heiligung der Menschen“. Selbst Priester und Bischöfe würden diese Lehre des Konzils nicht mehr kennen.

An der Wurzel der Liturgie finde sich die Anbetung – „und somit Gott“. Die „schwerwiegende und tiefgreifende Krise, die seit dem Konzil die Liturgie und Kirche selbst erschüttert“, habe ihren Ursprung darin, dass „im ZENTRUM nicht mehr Gott und seine Anbetung, sondern die Menschen und ihre angebliche Fähigkeit sind, etwas zu ,tun’, um sich während der Eucharistiefeier mit etwas zu beschäftigen“. Noch immer würden selbst Geistliche unterschätzen, welcher Schaden angerichtet wurde durch den „Relativismus bei der Vermittlung der Glaubens- und Morallehre, schwere Missbräuche, die Entsakralisierung und Banalisierung der Heiligen Liturgie sowie die rein soziale und horizontale Sicht der Mission der Kirche“.

Wenn man sich heute darüber beschwere, dass das politische Europa seine christlichen Wurzeln verleugne, dann müsse man zunächst feststellen: „Wer zuerst seine christlichen Wurzeln und seine christliche Vergangenheit aufgegeben hat – das ist mit Sicherheit die nachkonziliare katholische Kirche.“ Als einen der Belege, die man nennen könne, zitiert Sarah den Bischof von Metz aus dem Jahre 1968, wo dieser „einen entsetzlichen Unsinn“ verkündete und meinte, man müsse selbst die Auffassung über das von Christus der Welt gebrachte Heil überdenken, Apostel und die Christen in den ersten Jahrhunderten hätten, im Unterschied zu unserem erleuchteten Zeitalter, „vom Evangelium nichts begriffen“.

So gesehen brauche man sich über die „Verwüstungen, die Zerstörungen und die Kämpfe auf liturgischer, doktrineller und moralischer Ebene“ nicht zu wundern. Und dennoch gebe es viele, die den Ernst der Lage nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollen: „Obwohl das Boot der Kirche das stürmische Meer dieser dekadenten Welt durchpflügt und die Wellen so sehr auf das Boot einpeitschen, dass es bereits mit Wasser gefüllt ist, schreit eine wachsende Anzahl von Geistlichen und Gläubigen ,Alles klar! (auf dem sinkenden Schiff)’.“

Die Krise der Kirche, die Krise des Glaubens, die Krise der Liturgie – das alles hängt zusammen. Es gibt zu wenige selbstverständliche Räume des Auftankens von Ehrfurcht, Anbetung und Andacht für die Seele. Heute komme es vor allem darauf an, die Augen zu öffnen und zu erkennen, worauf die Gläubigen „ein Recht haben: die Schönheit der Liturgie, ihre Heiligkeit, die Stille, die Andacht, die mystische Dimension und die Anbetung“. Die Liturgie müsse uns vor allem und gleichsam sicher „vor das Angesicht Gottes in eine persönliche Beziehung und intensive Vertrautheit bringen. Sie muss uns in die Vertrautheit der Allerheiligsten Dreifaltigkeit hinabsenken.“ Schon allein deshalb müsse klar sein, dass die Liturgie kein „Essen im Freundeskreis, kein gemütliches Mahl in geselliger Runde“ sei, sondern ein heiliges Mysterium“.

Vorbildlich für die Feier der heiligen Messe seien „die Anmut und die Inbrunst“, mit der ein heiliger Pfarrer von Ars, ein heiliger Pater Pio oder ein heiliger Josemaria die Messe feierten. Das sei der Maßstab für die dringend benötigte liturgische Versöhnung, zumal man es ablehnen müsse, eine Liturgie einer anderen entgegenzusetzen. Kardinal Sarah spricht in diesem Zusammenhang von einem „Anfangen von innen her“, wo hingegen Show und modische Mätzchen und kesse Moralismen nur schädlich seien und Verwüstungen anrichteten.

Das päpstliche Dokument „Summorum Pontificum“ von Benedikt XVI. vom 7. Juli 2007 sei schließlich ein wichtiger Beitrag zum „gegenwärtigen und zukünftigen liturgischen Leben der Kirche, wie auch zur liturgischen Bewegung unserer Zeit , aus der immer mehr Menschen, insbesondere die jungen, soviel Gutes, Wahres und Schönes schöpfen“. Robert Kardinal Sarah schloss mit einem Zitat von Benedikt XVI. aus dem Jahre 2008: „Dann ist die Welt am Ziel, dann ist sie heil, wenn sie als ganze Liturgie Gottes, in ihrem Sein Anbetung geworden ist.“ Ein lang anhaltender Applaus signalisierte, dass die eben klare wie mutige Botschaft des Kardinals angekommen war – wenigstens in Herzogenrath. Zu hörende Bemerkungen wie „Stark“, „Hammer“ und „Das macht Mut“ offenbarten ein freudiges Erstaunen angesichts dieses deutlichen Signals aus Rom.

Eine sich anschließende (von Martin Lohmann moderierte) Podiumsdiskussion brachte das Tagungsthema sowie den Kardinalappell noch einmal in die Mitte des Dialogs. Neben dem Erzbischof von Portland/Oregon, Alexander Sample, nahmen der am Wyoming Catholic College lehrende Professor Peter Kwasniewski, der deutsche Prälat und Untersekretär im Päpstlichen Rat für Gesetzestexte, Professor Markus Graulich sowie der örtliche Gastgeber und Spiritus Rektor, Pfarrer Guido Rodheudt, teil.

Ja, es brauche eine Reform der Reform, auch wenn man sich auf den Begriff nicht festlegen müsse, meinte Erzbischof Sample. Die Notwendigkeit der Wiederentdeckung der Tiefe und des Reichtums heiliger Liturgie sei evident. Er selbst habe sich ja auch auf den Weg gemacht, die außerordentliche Messfeier zu entdecken. Gleichwohl habe er als Priester auch in der ordentlichen Form des Novo Ordus schon vorher die Stille der Andacht gesucht und auch gefunden. Doch in der alten Liturgie habe er dann zu seiner eigenen Überraschung erfahren, dass hier der eigentliche Charakter des priesterlichen Dienstes sich in einer viel tieferen Weise entfalten könne. So müsse man sein Bekenntnis in Herzogenrath verstehen, als er in einem Vortrag sagte: Auf einmal begriff ich viel klarer, was es bedeute, Priester zu sein.

Peter Kwasniewski betonte ebenfalls, dass die Liturgie sich stets an Christus orientiere, in diesem Sinne also auch eine Liturgie semper reformanda brauche, also eine behutsame Änderung hin zu der eigentlichen Quelle und ihrem Ursprung. Reform um der Reform willen brauche man nicht. Bewegung zu Gott hin schon. Markus Graulich bedauerte, dass die liturgische Ausbildung in neueren römischen Dokumenten „ein wenig auf die Seite geschoben“ werde. Es sei schade, dass man das formative Einüben und Lernen offenbar für nicht so sehr wichtig halte. Die Notwendigkeit der Wiederentdeckung der Bedeutung von Liturgie werde gleichwohl von einer Mehrheit von Persönlichkeiten in Rom erkannt.

Guido Rodheudt freut sich darüber, dass Kardinal Sarah auch weiter öffentlich über die Reform der Reform spricht und den Bedarf einer Reform der Reform festgestellt hat. Die Bestandsaufnahme des Kardinals sei schonungslos und ehrlich, Sarah sehe die Situation sehr klar. Als Pfarrer sei er froh, dass der Kardinal deutlich sage: Wir brauchen mehr Verbindlichkeit, mehr Anbetung, mehr Stille. Er als Priester, 1964 geboren, wolle eigentlich auf die Reform der Reform nicht mehr warten, weil er das zu seinen Lebzeiten wohl nicht mehr erleben könne. Aber man könne ja viel tun. Er zelebriere auch den neuen Ritus so, wie er wohl ursprünglich gewollt gewesen sei, also mit Andacht und Würde und im Licht der Tradition. Das sei so etwas wie bereits vor Ort gelebte Reform der Reform. Er, Rodheudt, fühle sich durch den Vortrag von Kardinal Sarah als Priester ermutigt, auf diesem Weg weiterzugehen.

Erzbischof Sample betonte, dass der Priester kein Showmaster der Liturgie sein könne und dürfe. Aber im Neuen Ritus gebe es halt viele Versuchungen, weil die Gemeinde viel intensiver auf persönliche Gesten, die jeweilige Betonung und Stimmlage achtet als im objektiven überlieferten Ritus. Der Meister der Liturgie sei Jesus Christus, nicht aber zum Beispiel Alexander Sample. Christus ist der Akteur der Liturgie, er sei der Handelnde in der Liturgie. Und das verlange viel Respekt und Ehrfurcht. Er als Bischof sei fest davon überzeugt, dass jeder Priester die außerordentliche Form der Messfeier kennen müsse, auch wenn er sie nicht vornehmlich zelebriere. Jeder Priester sollte sie wenigstens kennen.

Guido Rodheudt sprach im Blick auf die Glaubenskrise, die ja auch Priester und Bischöfe erreicht habe, davon, dass eine solche Krise auch damit zu tun habe, dass man „falsch gebetet“ habe. Ein anthropozentrischer Gottesdienst vernebele auch den Glauben, weil Gott nicht mehr Mittel- und Zielpunkt sei. Wer falsch bete, könne weder richtig glauben noch richtig handeln. Das liturgische Desaster sei so zerstörerisch gerade für die Seelen, weil vielfach der Glaube nicht mehr richtig gefeiert werde. Durch eine Wiederentdeckung der objektiven Liturgie, so könne man sagen, könne man nicht zuletzt dem Seelenheil der Gläubigen als Priester besser dienen und gerecht werden.

Von den Bischöfen wünsche man sich, dass sie mehr für die Verbindung der Gläubigen mit dem Reichtum der Tradition und vor allem die Stärkung des Glaubens an Gott tun – in ansteckend andächtiger Treue zu Jesus Christus.

So endete die eigentliche 18. Kölner Liturgische Tagung in Herzogenrath – vor einem Festakt am Samstag im ehemaligen Kloster Rolduc – mit viel Hoffnung, Wohlwollen und wertschätzender Gesprächsbereitschaft, um gemeinsam in der Kirche friedlich und engagiert zugleich die den Glauben stärkenden und befruchtenden Quellen einer reichen Liturgie zu finden, die vor allem eines vermag: den Menschen in das Mysterium der Gegenwart Gottes mitten in dieser Welt staunend zu führen und den Raum des Heiligen, den der Mensch so dringend braucht, andächtig und würdevoll zu erschließen.

Buchhinweise:
Markus Graulich (Hg.): Zehn Jahre Summarum Pontificum. Versöhnung mit der Vergangenheit - Weg in die Zukunft. (Pustet)
Peter A. Kwasniewski: Neuanfang inmitten der Krise. Die heilige Liturgie, die traditionelle lateinische Messe und die Erneuerung in der Kirche. Una Voce Edition.

Papst em. Benedikt XVI. empfing im Januar 2017 Kurienkardinal Robert Sarah










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