05 Oktober 2017, 13:00
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Franziskus in Santa Marta: die schwere Krankheit der psychologischen Selbst-Exilierung. Ohne Wurzeln kann man nicht leben. ein Volk ohne Wurzeln ist ein krankes Volk. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Wer seine Wurzeln findet, ist ein Mensch der Freude, während die „psychologische Selbst-Exilierung“ sehr schlecht ist. Papst Franziskus ging in seiner Predigt bei der heiligen Messe in der Kapelle des vatikanischen Gästehauses „Domus Sanctae Marthae“ am Donnerstag der 26. Woche im Jahreskreis von der ersten Lesung aus dem Buch Nehemia aus (Neh 8, 1-4a.5-6.7b-12). Der Papst mahnte dazu, seine Zugehörigkeit wiederzufinden.

In der Lesung vom Tag werde „eine große liturgische Versammlung“ beschrieben: „Das ganze Volk versammelte sich geschlossen auf dem Platz vor dem Wassertor und bat den Schriftgelehrten Esra, das Buch mit dem Gesetz des Mose zu holen, das der Herr den Israeliten vorgeschrieben hat (V. 1). Es sei dies auch das Ende einer Geschichte, die siebzig Jahre gedauert habe: die Geschichte des Exils in Babylon, das heißt: eine Geschichte der Tränen für das Volk Gottes. Nach dem durch die Perser verursachten Zusammenbruch der babylonischen Herrschaft sehe der Perserkönig Artaxerxes seinen Mundschenk Nehemia, der traurig sei, während er ihm den Wein eingieße. So beginne er, mit ihm zu sprechen. Nehemia habe sein Verlangen zum Ausdruck gebracht, nach Jerusalem zurückzukehren, und „er weinte“ vor Heimweh nach seiner Stadt:

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Der Papst richtete seine Aufmerksamkeit dann auf den Psalm, der sagt: An den Strömen von Babel, / da saßen wir und weinten, / wenn wir an Zion dachten“ (Ps 137,1). Sie hätten es nicht vermocht, zu singen: „Wir hängten unsere Harfen / an die Weiden in jenem Land“ (V. 2). Doch sie hätten nicht vergessen wollen. Franziskus brachte dies auch in Zusammenhang mit dem „Heimweh des Migranten“, derer, „die fern von ihrer Heimat sind und zurückkehren wollen“. Der Papst erinnerte besonders an die Geste des Chors am Ende der Messe während seines Pastoralbesuchs in Genua: an das historische Lied in Genueser Dialekt „Ma se ghe penso“(„Wenn ich denke“), „gleichsam um an alle Migranten zu erinnern, die dort sein wollten, bei der Messe mit dem Papst, die jedoch in der Ferne waren“.

Nehemia bereite sich also darauf vor, zurückzukehren und das Volk nach Jerusalem zurückzubringen. Es habe sich um eine „schwierige Reise“ gehandelt, da „er viele Menschen überzeugen“ und alles mitnehmen musste, um die Stadt, die Mauern, den Tempel wiederaufzubauen. Vor allem aber war es eine Reise, „um die Wurzeln des Volkes wiederzufinden“. Nach vielen Jahren „waren die Wurzeln schwächer geworden“, doch sie seien nicht verloren gegangen. Zu den Wurzeln zurückzukehren, so Franziskus, „bedeutet, sich die Zugehörigkeit eines Volkes wieder zu nehmen“. Ohne Wurzeln „kann man nicht leben: ein Volk ohne Wurzeln oder ein Volk, s sich nicht um seine Wurzeln kümmert, ist ein krankes Volk":

„Ein Mensch ohne Wurzeln, der seine Wurzeln vergessen hat, ist krank. Die Wurzeln wiederfinden, wiederentdecken und die Kraft schöpfen, um weiterzugehen, die Kraft, um Frucht zu tragen und, wie der Dichter sagt, ‚die Kraft, um zu erblühen, denn – so sagt er – was der Baum an Blüten trägt, kommt von dem, was unter ihm in der Erde ist’. Gerade jene Beziehung zwischen der Wurzel und dem Guten, das wir tun können“.

Auf diesem Weg jedoch gebe es viele Widerstände: „man kann nicht“, „da sind Schwierigkeiten“:

„Die Widerstände – da sind jene, die das Exil vorziehen, und wenn es sich um kein physisches Exil handelt, dann um ein psychologisches: die Selbst-Exilierung von der Gemeinschaft, von der Gesellschaft, jene, die es vorziehen, ein entwurzeltes Volk zu sein, ohne Wurzeln. Wir müssen an diese Krankheit der psychologischen Selbst-Exilierung denken: sie ist sehr schlecht. Sie nimmt uns die Wurzeln. Sie nimmt uns die Zugehörigkeit“.

Das Volk aber gehe weiter und es komme der Tag, an dem der Wiederaufbau vollendet sei. Dann versammle sich das Volk, um die Wurzeln wiederherzustellen, das heißt: um das Wort Gottes zu hören, das der Schriftgelehrte Esra verlesen habe. Und das Volk habe geweint, doch diesmal sei es nicht das Weinen Babylons gewesen: „es war ein Weinen aus Freude, das Weinen der Begegnung mit den eigenen Wurzeln, der Begegnung mit der eigenen Zugehörigkeit“. Am Ende der Lesung lade Nehemia dann ein, ein Fest zu feiern. Es handle sich um die Freude dessen, der seine Wurzeln wiedergefunden habe:

„Der Mann und die Frau, die ihre Wurzeln wiederfinden, die ihrer Zugehörigkeit treu sind, sind ein Mann und eine Frau in Freude, der Freude, und diese Freude ist ihre Kraft. Vom Weinen vor Traurigkeit zum Weinen vor Freude. Vom Weinen aus Schwäche, weil man fern seiner Wurzeln ist, fern von seinem Volk, zum Weinen aufgrund der Zugehörigkeit: ‚Ich bin zuhause’. Ich bin zuhause“.

Abschließend lud der Papst alle ein, das achte Kapitel des Buchs Nehemia zu lesen und sich zu fragen: „Lasse ich die Erinnerung an den Herrn fallen? Beginne ich einen Weg, um meine Wurzeln wiederzufinden, oder ziehe ich die psychologische Selbst-Exilierung vor, in mich selbst verschlossen?“.

Franziskus erklärte eindeutig: wenn man Angst vor dem Weinen habe, so habe man auch Angst vor dem Lachen. Wenn man dagegen vor Traurigkeit weine, dann werde man später auch vor Freude weinen. Somit müsse man um die Gnade „des reuigen Weinens“ bitten: „traurig über unsere Sünden“, doch auch um die Gnade des Weinens vor Freude, „weil der Herr uns vergeben und in unserem Leb das getan hat, was er mit seinem Volk getan hatte“. Schließlich um die Gnade, „sich auf den Weg zu machen, um seinen Wurzeln zu begegnen“.

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