03 Dezember 2017, 07:00
"Niemand interessiert sich für den kirchenpolitischen Zank"
 
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Der neugeweihte Innsbrucker Bischof Glettler mahnt in seiner Dankesansprache nach der Weihe: "Gerade als Kirche mit einer starken Pluralität haben wir den Auftrag, Einheit zu leben."

Innsbruck (kath.net/pdi) kath.net dokumentiert die Dankesworte von Bischof Hermann Glettler im Anschluss an die Bischofsweihe am 2. Dezember in der Olympiahalle in Innsbruck in voller Länge:

Als neugeweihter Bischof der Diözese Innsbruck grüße ich sie alle ganz herzlich! Ein wirkliches „Fest des Glaubens“ ist uns heute geschenkt. Ich grüße alle Gäste, die aus anderen Bundesländern angereist sind, besonders die große Delegation aus meinem Heimatland Steiermark. Ebenso herzlich grüße ich alle, die aus den benachbarten Diözesen Bozen-Brixen, Trient, Augsburg und München-Freising angereist sind. Mein ganz ausdrücklicher Gruß und Dank für die überwältigend herzliche Aufnahme sage ich als Bischof mit einem innerösterreichischen Migrationshintergrund allen Tirolerinnen und Tirolern! Ich grüße alle ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Diözese, in der Pastoral und Koordination der Pfarren Tätigen, sowie alle Diakone und Priester. Sie alle haben die Kirche dieses Landes seit Jahrzehnten durch ihr Gebet, durch ihre Arbeit und ihren Herzenseinsatz getragen und geprägt. Gehen wir den Weg gemeinsam weiter!

Der Schlüssel zu einem Leben in Fülle ist die Dankbarkeit, nicht der Anspruch oder eine Forderung. Zuerst möchte ich Gott für mein Leben danken. Es erfüllt mich mit Staunen, wie energisch und zärtlich zugleich er mich bisher geführt hat.

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Ebenso danken möchte ich allen, die mich von Kindheit an begleitet haben – zuerst meinen Eltern und Geschwistern für den familiären Rückhalt und eine vielfältige Unterstützung. Ich habe zu Hause gelernt, einfach zu leben und an den großherzigen Gott zu glauben. Das bleibt meiner Seele eingeschrieben.

Ganz herzlich danke ich allen Freunden, Lehrern und Weggefährten – Frauen und Männern, mit denen ich ein Wegstück gemeinsam gehen durfte - speziell danke ich allen Priestern, deren Vorbild mich inspiriert, aber auch die Zerbrechlichkeit priesterlicher Berufung vor Augen gestellt hat. Liebe Mitbrüder Priester Ich habe gelernt, meine Begabungen zu entfalten und an den Niederlagen nicht zu verzweifeln. Besonders dankbar erwähnen möchte ich meinen Freundeskreis unter den zeitgenössischen Kulturschaffenden. Ihre Arbeit hat mir eine Weltoffenheit geschenkt und mich innerlich gesättigt!

Ebenso danke ich allen Freunden und Geschwistern der Gemeinschaft Emmanuel, in die ich seit Mitte der 80er Jahre hineingewachsen bin. Ich habe die Freude erlebt, den Schatz des Glaubens mit anderen zu teilen! Ich danke für die Ausdauer im Ringen um Gesten und Worte, damit Gottes Barmherzigkeit heute erfahrbar wird.

Mit der Weihe wurde ich heute in das Kollegium der Nachfolger der Apostel aufgenommen. Weltkirche ist mit unserem apostolischen Nuntius, dem ich für seine erfrischenden Worte herzlich danke, und mit allen hier anwesenden Bischöfen deutlich repräsentiert – von Le Mans in Frankreich bis nach Gitega in Burundi. Ich danke den Konsekratoren, unserem Metropoliten Franz Lackner, meinem Heimatbischof Wilhelm Krautwaschl und meinem Vorgänger Manfred Scheuer – speziell auch für seine ermutigende Predigt, und allen übrigen hier versammelten Bischöfen, an ihrer Spitze unserem Kardinal Christoph Schönborn. Herzlich grüße ich die Bischöfe unserer Nachbardiözesen.

Apostel haben Namen, eine konkrete Lebensgeschichte, Begabungen und Defizite. Das Amt, das mir heute übertragen wurde, übersteigt mich als Person. Die Erwartungen, die in der Vorfreude der Weihe auf mich gerichtet wurden, sind uneinlösbar hoch. Doch trotz meiner persönlichen Schwächen und Unsicherheiten, die mir deutlich vor Augen stehen, führt uns das Bischofsamt zurück in die ursprüngliche Dynamik der Jesus-Bewegung. Es ist am Fuße des Berg Isel die gleiche Berufung wie damals am See von Genesareth. Es ist die Dynamik der Liebe, die von Jesus ausgeht und über alle Jahrhunderte hinweg Menschen berührt und in die Nachfolge ruft. Angesichts der Gefahr einer generellen Bürokratisierung aller Lebensbereiche und auch der kirchlichen Dienste, ist es umso dringlicher in die Dynamik des ersten Aufbruchs, in die Frische, Liebe und Großzügigkeit des Aufbruchs zurückzufinden. Ich grüße alle Kinder und jungen Leute, die heute zahlreich da sind. Bitte macht etwas mehr Lärm in der Kirche und vergesst nicht, „das bequeme Sofa des Wohlstands zu verlassen, um euch in die Welt einzumischen“ (Papst Franziskus). Ich war sehr jung, als ich den Ruf Gottes erahnte. Gott schreit nicht, er flüstert uns ins Herz. Hört auf ihn. Ihr werdet gebraucht! Ich meine das nicht ausschließlich, aber sehr deutlich auch in Richtung neuer Priesterberufungen!

Ich möchte als Bischof einer Ortskirche vorangehen, die nicht im Selbstmitleid, nicht in der Erschöpfung und nicht in der Diskussion um interne Fragen erstarrt, sondern den Willen hat, sich auf den Weg zu machen. Licht und Salz sein – mitten in unserer Gesellschaft! Der Künstler Gustav Troger hat mir als Haltegriff in den Bischofsstab eine Gewürzmühle eingebaut. Ja, wir brauchen alle die Geh-Würze, besonders in Phasen der Müdigkeit und bei lähmenden Auseinandersetzungen. Gerade als Kirche mit einer starken Pluralität haben wir den Auftrag, Einheit zu leben. Einheit zu leben! Niemand interessiert sich für den kirchenpolitischen Zank. Wir sind uns gegenseitig geschenkt! Ich bete um eine Erneuerung des Vertrauens innerhalb unserer Kirche. Wir haben unterschiedliche theologische und spirituelle Profile, Berufungen und Charismen. Beginnen wir von neuem heute damit, dem Misstrauen und dem Verdacht, der Unterstellung und der Geringachtung der anderen Überzeugung oder Position ein klares Nein entgegen zu halten!
Wir müssen uns als Kirche „neu wagen“, uns aussetzen – uns nicht in eine spirituelle Sonderwelt flüchten. Wir dürfen unsere Gesellschaft in ihrer Turbulenz und Nervosität heutigen Lebens nicht allein lassen. Wir haben nur diese eine Welt mit ihrer überwältigenden Vielfalt von Leben, von Kulturen, Geschichten und Milieus – und gleichzeitig mit ihrer bedrängenden Vielfalt von Leid, Unrecht und Verworfenheit. Aber es ist diese eine Schicksalsgemeinschaft, in die wir als Kirche eingeschrieben sind. Als Gläubige müssen wir ein Plus an Vertrauen und Zuversicht einbringen. Lassen wir uns nicht von Ängsten manipulieren und fehlleiten! Ich grüße ganz herzlich alle zahlreich anwesenden Vertreter/innen des öffentlichen Lebens – alle, die in politischen, sozialen und kulturellen Belangen in unserem Land Verantwortung übernommen haben. Stellvertretend für viele erwähne ich die Landeshauptleute von Steiermark und Tirol, sowie die Bürgermeisterin der Stadt Innsbruck. Herzlichen Dank für die freundlichen Grußworte, die Unterstützung der von mir vorgeschlagenen Sozialprojekte und für die „brauchbaren“ Geschenke.

Mein Auftrag als Bischof ist es, unsere Wahrnehmung immer wieder auf Jesus zu richten, der sich ganz in unsere Welt hinein begeben hat. Er war menschlich nahe und angreifbar – damit hat sich Gott selbst verwundbar gemacht. Am deutlichsten sichtbar in der gewaltsam geöffneten Seitenwunde des Gekreuzigten . Seit 1796 ist das Land Tirol dem Herzen Jesu geweiht. Diese traditionelle Frömmigkeit hat das Potential für eine neue Vitalität. Dazu müssen die Kruste des Kitsches und die Kruste einer übertriebenen nationalen Aufladung entfernt werden. Wenn uns das gelingt, sind wir mit dem geöffneten Herz-Jesu in einer wirksamen Schule von Gottes Barmherzigkeit. Das verwundete Herz Gottes macht uns nämlich berührbar für die vielen, die in ihrem Leben zu kämpfen haben – für die verzweifelt Trauernden, die Enttäuschten, die Verbitterten, die sozial Benachteiligten, die Fremden und Heimatlosen. Nicht zu vergessen die seelisch Vereinsamten und im Herzen obdachlos Gewordenen. Eine Spiritualität des Herzens lehrt uns auf den Herzschlag Gottes zu achten. Das Herz Jesu schlägt für alle!

Wir haben uns aufgrund der geringen Anzahl von Sitzplätzen in der Domkirche für die Olympiahalle entschieden. Vielleicht ein Zeichen zum Aufbruch. Hier finden Konzerte und alle möglichen sportlichen Wettkämpfe statt. Wir wollen uns als Kirche weder in den Sakristeien, noch in den Barockräumen verstecken – so wunderschön und wertvoll die barocken Sakralräume unseres Landes sind! Wir möchten an den pulsierenden Orten unserer Zeit mit möglichst vielen Menschen den Schatz unseres Glaubens teilen! Das ist Evangelisation, nicht Propaganda, sondern Freude an der Begegnung mit der Achtsamkeit und Kraft des Glaubens. Ich danke dem großen Vorbereitungsteam unter der Leitung des bisherigen Diözesanadministrators und nun Bischofsvikars Jakob Bürgler. Ihr habt es möglich gemacht, dass wir dieses „Fest des Glaubens“ für und mit allen feiern konnten. Behalten wir uns den Mut, in neue Lebensräume zu gehen, um auf die Gottessehnsucht unserer Zeit zu antworten!

Mein Auftrag als Bischof ist es, das Volk Gottes zu leiten. Es entfaltet erst dann seine Lebendigkeit, wenn möglichst viele die Zuschauerränge verlassen und sich mit ihren Charismen selbst ins Spiel bringen. Es ist das Spiel Gottes, das Spiel des von ihm geschenkten Lebens, das uns ergreift und nicht als Zuseher draußen lässt. Wir haben das soeben in der Eucharistiefeier erlebt. Die Kommunion, die wir empfangen haben, drängt uns, sie mit jenen zu teilen, die an den Rand des Spielfeldes oder auf die Straße der Verlierer gedrängt wurden. In unserem Alltag, in der unmittelbaren Nachbarschaft und unter den Arbeitskollegen sind wir als „Kommunion-Helfer“ gefragt! Kirche gibt es nur als eine solidarische Gemeinschaft und in einer Verbundenheit, die weit über die institutionellen Grenzen hinausreicht. In der ökumenischen Tradition Tirols, die ich gerne aufgreife und verstärke, grüße ich herzlich die Schwestern und Brüder der anderen christlichen Kirchen. Mit besonderer Wertschätzung die Vertretung der israelitischen Kultusgemeine und alle Repräsentanten anderer Religionsgemeinschaften, die heute mit uns sind. Uns verbindet mehr als uns trennt. Ebenso grüße ich alle jene, die zu uns als Kirche auf eine ablehnende Distanz gegangen sind oder den Glauben unserer Gemeinschaft nicht teilen können. Ich bete darum, dass wir in einer respektvollen Beziehung bleiben und einander den Dienst kritischen Fragens leisten.

Mit dem Motto „aufbrechen“ wurde 2014 das 50-jährige Diözesanjubiläum begangen. Den damals begonnenen Erneuerungsprozess der immer noch jungen Diözese möchte ich gerne aufgreifen und fortsetzen. JETZT ist es Zeit, mit Freude auf Gottes Ruf zu antworten. Also: Geht, heilt und verkündet!

Ich danke Euch und Ihnen allen von Herzen und erbitte für uns und für alle, die mit uns verbunden sind, den Segen Gottes!

+Hermann Glettler

Der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler am Tag seiner Bischofsweihe




Foto Bischof Glettler (c) Diözese Innsbruck







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marguerite am 10.12.2017
@schlegl: stephansdom
 
Sefa am 7.12.2017
@antony wg. Olympiahallenkritiker
 

 

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