12 Juli 2019, 08:00
„Gott ist immer größer“
 
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„Die Heimat Kirche sollte sich verändern. Auch nehmen wir Bekenntnisse zum Wandel wahr.“ Gastbeitrag von Thorsten Paprotny

Hannover (kath.net) Vor etwa 25 Jahren, rund 20 Jahre nach der „Würzburger Synode“, riefen Laien zum „Kirchenvolksbegehren“ auf, erst in Österreich, dann in Deutschland. Die Forderungen der selbstbewusst auftretenden Reformchristen bewegten auch Pfarrgemeinden in der Diaspora, zumindest wurde darüber diskutiert. Zur selben Zeit wurde in Europa des 50. Jahrestages des Kriegsendes gedacht. Noch ganz andere Erinnerungen stiegen in vielen Katholiken seinerzeit auf, schmerzhafte Erinnerungen, für die viele bis zum Ende ihres Lebens keine Worte fanden. Wer heute noch lebt und sich daran erinnern kann, der sieht manche Phänomene dieser Zeit vielleicht in einem ganz anderen Licht.

Vor etwa 25 Jahren wurde auf einer Sitzung des Pfarrgemeinderates darüber debattiert, ob Unterschriftenlisten in der Kirche ausgelegt werden sollten. Die „Kirche von unten“ hatte geschrieben. Ein Schlesier, damals etwa 70 Jahre alt, ein entfernter Verwandter des Berliner Kardinals Georg Sterzinsky, gehörte dem Gremium auch an. Er meldete sich zu Wort: „Ich bin der Älteste hier, na – einer muss ja auch der Älteste sein … Aber … Hier wird leeres Stroh gedroschen …“ Mehr sagte er nicht, er blieb in der Runde sitzen und schwieg fortan. Der Vorsitzende des Gremiums korrigierte ihn und bekräftigte die Bedeutung der Debatte. Das Gespräch zirkulierte noch eine Weile, wogte hin und her, und die versammelten Laien trafen einen Mehrheitsbeschluss zur Unterschriftensammlung. Die Themenbereiche lauteten damals unter anderem: Mitsprache und Mitentscheidung der Ortskirchen bei Bischofsernennungen, Öffnung des ständigen Diakonates für Frauen, Zugang der Frauen zum Priesteramt, eine positive Wertung der Sexualität etc. Knapp 500.000 österreichische Katholiken unterstützten mit ihrer Unterschrift den Protest, in Deutschland unterzeichneten etwa 1.500.000 Katholiken die Erklärung. Neben der Kirchengeschichte in Deutschland und Österreich gibt es auch eine Art Kirchenprotestgeschichte, mit wiederkehrenden Themen.

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Die Heimat Kirche sollte sich verändern. Auch nehmen wir Bekenntnisse zum Wandel wahr. Mein Bekannter damals erinnerte sich daran, dass die Kirche so vielen Mitgliedern seiner Familie im Krieg, in den Zeiten der NS-Diktatur, als Soldat der Wehrmacht, in der Kriegsgefangenschaft und nach der Vertreibung ein Obdach geschenkt hatte. Er spürte, dass sich etwas wandeln, etwas verändern sollte in der Heimat Kirche. In den Debatten wurde auch deutlich, dass ein Riss durch die Pfarrgemeinde ging. Vielleicht fürchtete er sich vor einer zweiten Vertreibung. Auch heute spüren wir Unmut und Unruhe. Einige nennen das Aufbruch, andere Aufruhr. Wir bezeugen Proteste aller Art. Sorgenvoll und bekümmert beobachten manche von uns diese Entwicklungen. Mir geht es nicht anders. Ich kann das deswegen gut verstehen, weil meine Familie und so dann auch ich auf gewisse Weise in Schlesien und Ostpreußen verwurzelt sind, weil ich in der Diaspora lebe. Aber nur in der römisch-katholischen Kirche, in der Kirche unseres Herrn Jesus Christus, fühle ich mich wirklich ganz zu Hause. Ich möchte das einfach so formulieren, wie ich das immer deutlicher und dankbarer erkenne: In Seinem Haus darf ich sein, nicht weil ich getauft und gefirmt bin, sondern weil Er das möchte. Dieses Haus, Seine Kirche, ist nicht unser Eigentum, aber sie schenkt uns Obdach, Zuflucht und Heimat – überall auf der Welt. Gelassen denke ich auch in den Stürmen dieser Zeit an den Wappenspruch von Kardinal Sterzinsky: „Deus semper maior.“ (= „Gott ist immer größer.“)

Wir müssen nicht protestieren und dürfen weiter ganz normal katholisch sein. Wir müssen nichts unterschreiben. Wir müssen keine Banner vor uns hertragen. Wir müssen uns auch nicht an „synodalen Wegen“ beteiligen. Wir dürfen uns zu der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche bekennen. Vielleicht können wir neue Hoffnung und Zuversicht gewinnen, wenn wir ein schlesisches Marienlied singen oder beten. Diese drei Strophen möchte ich Ihnen gern ans Herz legen:

„Sei gegrüßt, du Gnadenreiche,
in des Himmels Herrlichkeit;
sei gegrüßt, du Engelgleiche,
aus dem Tale dieser Zeit!

Bitte für uns, wenn die Sünde,
uns in ihrem Banne hält,
dass die Seele heimwärts finde
aus der Fremde dieser Welt.

Lass uns nicht aus deinen Händen,
wenn das Leben von uns geht,
dass wir uns in Gott vollenden
wie ein ewiges Gebet.“

Heilige Maria, Mutter der Kirche, bitte für uns.

Dr. Thorsten Paprotny lehrte von 1998-2010 am Philosophischen Seminar und von 2010 bis 2017 am Institut für Theologie und Religionswissenschaft der Leibniz Universität Hannover. Er publizierte 2018 den Band „Theologisch denken mit Benedikt XVI.“ im Verlag Traugott Bautz und arbeitet an einer Studie zum Verhältnis von Systematischer Theologie und Exegese im Werk von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.

kath.net-Buchtipp
Theologisch denken mit Benedikt XVI.
Von Thorsten Paprotny
Taschenbuch, 112 Seiten
2018 Bautz
ISBN 978-3-95948-336-0
Preis 15.50 EUR

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Blick in die Kathedrale von Metz




Foto (c) Petra Lorleberg/kath.net

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