10 September 2019, 12:00
"Im Aschenputtel lebt das Magnificat"
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"Und er würde die Schwäche der Kirche beklagen und polemisieren" - kath.net-Interview mit Matthias Matussek über Gilbert Chesterton. Von Roland Noé

Linz (kath.net/rn) „Meine Meinung ist, dass es sich die gegenwärtige Kirche gar nicht leisten kann, einen Champion der Orthodoxie wie Chesterton in den Stand der Altäre zu erheben, da er ein ständiger, unangenehmer Zeuge gegen den gegenwärtigen, fast häretischen Kurs der Kirche wäre.“ Das sagt der bekannte Journalist, Publizist und Buchautor Matthias Matussek im kath.net-Exklusivinterview.

kath.net: Warum ist Gilbert Chesterton so wichtig und woher kommt Deine Leidenschaft für diesen Schriftsteller?

Matussek:
Chesterton wird immer wichtiger, weil er – schon zu seiner Zeit umstritten – für die katholische Vernunft plädierte, für die Familie und gegen den Nanny-Staat, für die Nation als „geistiges Ding“ und nicht als völkisches Erbe, für die Polarität der Schöpfung aus Mann und Frau und nicht aus 56 Geschlechtern, für das Abenteuer der Geburt und gegen Eugenik und Euthanasie, die zu seiner Zeit hoch im Kurs standen (und von Churchill, Rockefeller und seinem Freund George Bernhard Shaw verfochten wurden.)

Meine Leidenschaft für ihn entzündete sich an der „Orthodoxie“ und an den wunderbaren Biografien über den Hl Franziskus und Thomas von Aquin. Beim hl. Franziskus unnachahmlich, wie er die kleine Figur beschreibt, die nach einer dunklen Nacht im rosigen Morgendämmer zu Vogelgezwitscher erscheint. Und in der Thomas-Biografie jene Stelle über diesen kranken deutschen Mönch, diesen Luther, der die Summa und alle humanistische Literatur dem Scheiterhaufen übergibt. Aber als „Apostel des Gesunden Menschenverstandes“ funkelt und sprüht Chesterton auf jeder Seite, etwa mit Sätzen wie: „Das Christentum enthält mehr Paradoxa als jede orientalische Religion – aber es baut bessere Straßen“.

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kath.net: Welches Buch von Chesterton gehört Deiner Meinung nach zur Pflichtlektüre für Katholiken?

Matussek:
Pflichtlektüre sind ohne Zweifel „Orthodoxie“, seine Essay-Sammlung „Ketzer“, der düstere Roman „Der Mann, der Donnerstag war“ und ganz aktuell, über die Begeisterung unserer Linken und der „chattering class“ für den Islam, umwerfend komisch „Das fliegende Wirtshaus“, in dem ein falscher Prophet die Schickeria auf der Insel für den Vegetarismus begeistert.

kath.net: Papst Pius XI. hat ihn dem Titel „Fidei defensor“ bezeichnet, jetzt wurde sein Seligsprechungsprozess von der englischen Diözese wieder eingestellt. Dein Kommentar dazu und was würde Chesterton dazu sagen?

Matussek:
Chesterton würde so wenig für seine Heiligsprechung plädieren wie die vielen Heiligen vor ihm. Allerdings würde er, sollte es sich um einen anderen seines Kalibers handeln, den Hl Geist bitten, den Vatikan und seine Glieder zu erleuchten. Und er würde die Schwäche der Kirche beklagen und polemisieren. Er würde argumentieren, dass große Glaubenszeugen nicht unbedingt den Märtyrertod sterben müssen, um heiliggesprochen zu werden. Und womöglich würde er auf Wunder verweisen wie das, dass es diesem Heiligen gelang, ihn, Chesterton, aus einer Finsternis der Seele (er hatte eine sehr schwarze Periode) ins heitere Licht der Glaubensgewissheit geführt zu haben, so sehr, dass er wiederum mit seinen Schriften sogar Kafka zum Lachen bringen konnte, der schrieb: „Chesterton ist so komisch, dass man fast annehmen möchte, er habe Gott gesehen“.

Meine Meinung ist, dass es sich die gegenwärtige Kirche gar nicht leisten kann, einen Champion der Orthodoxie wie Chesterton in den Stand der Altäre zu erheben, da er ein ständiger, unangenehmer Zeuge gegen den gegenwärtigen, fast häretischen Kurs der Kirche wäre.

kath.net: In einem Deiner jüngsten Videos meinst Du, dass Chesterton für Kardinal Marx oder Bedford-Strohm nur Hohn übergehabt hätte. Warum?

Matussek:
Weil er klargemacht hat, dass die Philanthropie, wie sie sich in der Flüchtlingskrise von nahezu jeder Kanzel ergoss, ein Missverständnis der urchristlichen Nächstenliebe ist. Chesterton zitierte Thomas von Aquin, der schrieb: „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist grausam; aber Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit führt zur Auflösung.“ Und was unsere Kardinäle predigten, also die grenzenlose Aufnahme aller Elenden der Welt, würde unsere Gemeinschaft überfordern und zerbrechen. Die Nächstenliebe verlangt keine Selbstauflösung, nach dem guten römischen Rechts-Grundsatz „ultra posse nemo obligatur“ – niemand ist verpflichtet, Unmögliches zu leisten. Über einen Zeitgenossen, der nebenbei sein Chefredakteur war, und genau das verlangte, schrieb er: „Blatchford ist der einzige Urchrist, der mit Recht an die Löwen verfüttert worden wäre.“

kath.net: Wie sah Chesterton die Familie?

Matussek:
Für Chesterton, der selber leider kinderlos blieb, aber selbstverständlich in einer Familie aufwuchs (einer diskussionsfreudigen: er debattierte mal mit seinem jüngeren Bruder Cecil non-stop 14 Stunden über ein Thema) war die Familie ein Wunder.

Ja, er nannte die Geburt ein größeres Abenteuer als die romantische Liebe, weil man mit ihr eine Welt beritt, die man selber nicht geschaffen hat. „In anderen Worten: man betritt ein Märchen.“ Und man muss mit all den merkwürdigen Menschen auskommen, die bereits dort sind, der Tante, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel ist, mit dem vielleicht bösartigen kleinen Bruder und mit dem weisen Opa, der so alt ist wie Welt.

Die Familie also: ein fantastisches Trainingsgelände für jeden jungen Rekruten, der irgendwann ins Leben hinauszieht, das manchmal aussieht wie ein Krieg.

kath.net: Chesterton vertrat das Programm des Distributismus. Was ist damit gemeint und warum vertrat er dies?

Matussek:
Da Chesterton den Sozialismus bekämpfte, weil er den Menschen zur ökonomischen Ziffer und zum Kollektivwesen degradierte und der Ausbeutung durch den Staat auslieferte, da er aber auf der anderen Seite ein großes Herz für die Unterschicht, die „kleinen Leute“ hatte – er zog die „Urteilskraft des kleinen Mannes jederzeit den Erörterungen der chattering class vor“ – überlegte er eine andere Möglichkeit der gerechten Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Er verfiel auf eine Idee, die im Mittelalter von Gesellschaftsutopisten diskutiert wurde: Den Distributismus. Simpel gesagt: Für jede Familie ein Stück Land und eine Kuh. Sicher, ein Vorschlag für Agrargesellschaften. Doch mit der gerechten Verteilung an Land, so Chesterton, wäre schon viel gewonnen. Jedem sollte die Möglichkeit gegeben werden, sich selbst zu ernähren, um ihm das entwürdigende Schicksal zu ersparen, sich dem Staat oder einem Unternehmer auszuliefern.

Besonders während der Depression in den USA in den 30er Jahren wurde die Idee leidenschaftlich diskutiert. Dieses Prinzip wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit blühte erneut auf in den Land-Kommunen der 60er Jahre, scheint aber auch heute durchaus Anhänger zu haben, nicht nur bei den Grünen, sondern auch in der Pius Bruderschaft und in der Katholischen Jugend. In Houellebecs „Unterwerfung“ schimmert sie auf als Utopie für eine neue Gesellschaftsform.

kath.net: Der Einfluss von Chesterton auf die Literatur und Geisteswelt war riesig. Er beeinflusste unter anderem die Schriftsteller C. S. Lewis, J.R.R. Tolkien, Charles Williams, T.S. Eliot und D.L. Sayers.

Matussek:
Dass Chesterton so viele Schriftstellerkollegen beeinflusste (und teilweise zur Konversion zur una sancta bewegte), liegt auf der Hand. Beziehungsweise im Handwerk. Sie erkannten den sicher den Esprit und die enorme stilistische Kraft, mit der er dieses Handwerk beherrschte, Anerkennung schon dafür von den Zunftgenossen. Dazu eine, die sich mit dem einfachsten und gleichzeitig kompliziertesten Gegenstand beschäftigt, den es geben kann: dem Glauben. Ein Mann, der den Glauben „aus sich herauszieht“, ist ein Krüppel. Man darf getrost behaupten, schrieb Martin Mosebach in seinem berühmten Vorwort zur Orthodoxie, „dass er sich im Spiel seiner unerschöpflichen Begabung genoß wie ein Seehund, dem niemals die Lust ausgeht, sich von einem Felsen ins schäumende Wasser zu werfen“

kath.net: Chesterton war ja ein Verteidiger der Märchen. Was waren Märchen für ihn und warum waren diese so wichtig?

Matussek:
Warum Märchen? Das vierte Kapitel seiner „Orthodoxie“ widmete Chesterton der „Ethik des Feenlandes“. Er ist mit Märchen aufgewachsen und mit dem unerschütterlichen Glauben an Wunder. Die Erwachsenen sagten ihm, eines Tages würde er das aufgeben und sich dem Pragmatismus ergeben. Sie hatten Unrecht. „Meine Ideale hatte ich behalten... Eingebüßt habe ich meinen kindlichen Glauben an den Pragmatismus“.

Das Märchenreich bedeutete für Chesterton das „sonnige Land des Gesunden Menschenverstandes“. Zudem ist es lehrreich. In Hans Riesentöter lernt man den Stolz. Im Aschenputtel lebt das Magnificat auf mit seinem „exaltavit humile“.

Die Ethik des Feenlandes trifft auf die frühkindliche Fähigkeit des Staunens. Die 7-jährige Sophie ist entzückt über den Satz: „Fritzchen öffnete die Tür und sah einen Drachen.“ Die 3-jährige Sophie aber ist schon außer sich über den Satz: „Fritzchen öffnete die Tür“. Diese „pränatale“ Staunen, mit dem wir auf die Welt kommen, sollten wir uns behalten, egal was die Wissenschaft sagt. Das schönste Geburtstagsgeschenk ist unsere Geburt selbst. Nicht dass die Sonne jeden Tag aufgeht ist das Wunder, sondern dass sie überhaupt aufgeht.

kath.net: Danke für das Interview.

kath.net Buchtipps

White Rabbit oder Der Abschied vom gesunden Menschenverstand
Von Matthias Matussek
FinanzBuch Verlag (16. April 2018)
320 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3959720809
Preis Österreich: 22,99 Euro


Orthodoxie: Eine Handreichung für die Ungläubigen Taschenbuch
Von Gilbert Keith Chesterton (Autor), Martin Mosebach (Vorwort)
Taschenbuch, 304 Seiten
Verlag: fe-Medienverlag
Preis Österreich: 10,30 Euro


Hl. Franziskus von Assisi
Von G K Chesterton (Autor)
Gebundenes Buch.
Verlag: Media Maria
Preis Österreich: 15,50


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