07 Oktober 2019, 09:59
Wegbereiter der Erneuerung der Kirche - John H. Newman - Leseprobe 1
 
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John Henry Kardinal Newman gehört zu den bedeutendsten Theologen der Moderne und wird von vielen auch als „Kirchenvater der Neuzeit“ bezeichnet. Ein neues Buch von Charles Stephen Dessain. 4 Leseproben im Oktober.

Linz (kath.net)

Leseprobe 1
John Henry Newman wurde am 21. Februar 1801 in der City of London – dem historischen Stadtkern – im Haus Old Broad Street 80 geboren und starb am 11. August 1890 im Oratorium in Birmingham. Sein Vater, ein Londoner Bankier, war in religiösen Fragen liberal und dem Evangelikalismus wie auch jeder anderen Art von religiösem Enthusiasmus abhold. Seine Mutter, Jemima Fourdrinier, entstammte einer Hugenottenfamilie, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes aus Frankreich vertrieben worden war.

Sie führte ihren Sohn in jene „Bibelreligion“ ein, die er später in An Essay in Aid of a Grammar of Assent (Entwurf einer Zustimmungslehre) sowohl den anerkannten Titel als auch die beste Beschreibung der englischen Religion nennen sollte. „Sie besteht nicht in Riten oder Bekenntnissen, sondern hauptsächlich darin, dass die Bibel in der Kirche, in der Familie und privat gelesen wird. Das prägte die religiöse Gedankenwelt der englischen Menschen, bestimmte ihren hohen moralischen Anspruch sich selbst gegenüber und vermittelte ihnen eine Erkenntnis von der Vorsorge Gottes für die Menschen. Sie ist nicht eine Religion von Personen und Dingen, von Glaubensakten und unmittelbarer Andacht, sondern von heiligen Szenen und frommen Gefühlen.“

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Und obwohl ihm der anglikanische Katechismus gelehrt worden war, konnte Newman sagen, dass er als Kind keine eigentlichen religiösen Überzeugungen hatte. Aber er kannte die Bibel in allen Einzelheiten und gründlich, da ihm seine Mutter und seine Großmutter daraus vorgelesen hatten, noch bevor er selbst lesen konnte. Seine Eltern waren praktizierende Glieder der Kirche von England und blieben vom Evangelikalismus unberührt. Briefe aus der Zeit nach ihrer Hochzeit im Jahr 1799 sprechen von Abendgesellschaften, an denen sie teilnahmen, und Theaterbesuchen. Auch ihre sechs aufgeweckten Kinder, drei Jungen und drei Mädchen, von denen John Henry der Älteste war, gingen gern ins Theater und spielten Theater. Sie wuchsen in solidem Wohlstand auf und ihre literarischen, musikalischen und künstlerischen Begabungen erfuhren jede Art von Förderung.

Im Jahr 1808 ging John zusammen mit seinem Bruder Charles als Internatsschüler an die im 17. Jahrhundert gegründete große Privatschule in Ealing. Diese Einrichtung für 200 bis 300 Jungen war damals im Besitz und unter der Leitung von Dr. George Nicholas. Im Allgemeinen richtete sich der Unterricht nach dem Eton’schen Modell, doch hatte die Schule ein höheres kulturelles Niveau als die damaligen public schools, wenn auch, bedingt durch den Abschluss bereits mit sechzehn Jahren, die Ausbildung in den alten Sprachen nicht so gründlich war.

In pädagogischer Hinsicht folgte man jedenfalls fortgeschritteneren Auffassungen, und die spätere Kritik Newmans an den Anforderungen und Lehrmethoden in Oxford wurzelte in der hier genossenen Erziehung. Später pflegte Nicholas, sein Schuldirektor, zu sagen, dass niemand seine Lehranstalt so rasch durchlaufen hätte wie John Newman. George Huxley, der Vater des Naturforschers, war einer seiner Lehrer, und als Newman die Schule verließ, schrieb er ihm, er sei stolz darauf, dass er dazu beitragen konnte, Ihnen zu dem Rüstzeug zu verhelfen, das Ihren künftigen Möglichkeiten angemessen ist. Auch darf ich Ihr stets untadeliges Betragen und Ihr unermüdliches Interesse während der ganzen Zeit Ihres Hierseins nicht unerwähnt lassen und werde beides immer in Erinnerung behalten.

Wenn ich eine glänzende Zukunft für Sie voraussehe, so bin ich mir dessen gewiss, dafür gute Gründe zu haben. Unter den Mitschülern Newmans waren der Bildhauer Richard Westmacott, George Selwyn, später Bischof von New Zealand, und Frederick Thesiger, der spätere Lord Chelmsford, der im Achilli-Prozess gegen Newman die Anklage vertreten sollte. Kurz nach Newmans Abgang wurde Charles Francis Adams, Sohn und Enkel von Präsidenten der Vereinigten Staaten, auf Wunsch seines Vaters, der damals amerikanischer Gesandter in London war, als Schüler aufgenommen.

Vom Evangelikalismus war die Schule unberührt: Man erteilte Tanzunterricht, ermunterte zum Musizieren (Newman lernte dort das Geigenspiel) und führte alljährlich ein Stück von Terenz oder Plautus in Latein auf. Als einige Jahre später – Newman hatte die Schule schon verlassen – sein jüngster Bruder Francis während seiner Schulzeit evangelikale Ansichten und Verhaltensweisen übernahm, hatte er von seinen Mitschülern einiges zu erdulden.

Newman war jedoch nicht nur ein glänzender Schüler, sondern entwickelte sich auch zu einem Führer unter seinen Altersgenossen. Er gab eine Schülerzeitschrift heraus und war Vorsitzender eines Klubs. Aber der Erfolg birgt auch Versuchungen. „Mit vierzehn Jahren las ich Paines Abhandlungen gegen das Alte Testament und mit Vergnügen dachte ich über die Einwände nach, die sie enthielten. Auch einige von Humes Essays las ich, vielleicht auch den über die Wunder. So gab ich es wenigstens meinem Vater zu verstehen, es kann jedoch sein, dass ich damit nur großtun wollte. Ebenso erinnere ich mich, dass ich französische Verse, vermutlich von Voltaire, gegen die Unsterblichkeit der Seele abschrieb und mir dabei sagte: ›Wie furchtbar und doch wie einleuchtend!“ So bekannte er später öffentlich in der Apologia Pro Vita Sua.

Schon 1823 schrieb er in sein privates Tagebuch:
„Ich erinnere mich (1815 war es, glaube ich) des Gedankens, ich möchte wohl tugendhaft sein, aber nicht religiös. Es lag etwas in der Vorstellung des Letzteren, das ich nicht mochte. Auch hatte ich nicht erkannt, was es für einen Sinn hätte, Gott zu lieben.“ Noch war der Glaube Newmans nicht eine »Religion von Personen«. Und doch stand jener Wendepunkt seines Lebens, von dem er an so vielen Stellen seiner Schriften, den veröffentlichten wie auch den unveröffentlichten, spricht, unmittelbar bevor – seine erste Bekehrung.

In der Apologia beschrieb er sie so:
„Als ich fünfzehn war (im Herbst 1816) erlebte ich einen tiefgreifenden Denkwandel. Ich kam unter den Einfluss eines bestimmten Glaubensbekenntnisses und mein Denken wurde von dogmatischen Grundsätzen geprägt, die durch Gottes Barmherzigkeit niemals wieder ausgelöscht oder verdunkelt wurden.“

Ein Unglück, das über die Familie hereinbrach, bereitete den Weg für diesen »großen Denkwandel«. Im Gefolge der Finanzkrise nach den Napoleonischen Kriegen war die Bank, zu deren Eigentümern Newmans Vater gehörte, am 8. März 1816 gezwungen, ihre Zahlungen einzustellen. Zwar wurden die Gläubiger innerhalb eines Monats vollständig befriedigt, aber die Bank musste ihre Pforten schließen und der Newman’sche Wohlstand war dahin. Das Haus in London wurde vermietet, das Landhaus in Norwood verkauft und für den Vater begann eine unsichere Existenz als Direktor einer Brauerei in Alton in der Grafschaft Hampshire.

Im gleichen Sommer wurde sein Sohn von einer schweren Krankheit niedergeworfen. Von dieser Krankheit schrieb er lange Zeit danach in seinem Tagebuch: „Sie machte mich eigentlich zum Christen – mit Erfahrungen vorher und nachher, Ehrfurcht gebietend und nur Gott allein bekannt.“ Dr. Nicholas erwies sich als Freund in der Not und Newman durfte zur Genesung während der Sommerferien an der Schule bleiben. Zugleich war er so aus dem Weg, während sich seine Familie in die neuen Verhältnisse hineinfinden musste. Außer ihm blieb während der Ferien ein junger Latein- und Griechischlehrer an der Schule – der sechsundzwanzigjährige Geistliche Walter Mayers, der erst kürzlich seine Bekehrung erlebt und sich dem Evangelikalismus zugewandt hatte.

In der Apologia nannte ihn Newman »das menschliche Werkzeug für den Beginn des göttlichen Glaubens in mir«. Nun, da seine Freunde fort waren, hatte er Zeit zum Nachdenken, und Mayers’ Worte fielen auf fruchtbaren Boden.

kath.net Buchtipp
John Henry Newmann – Wegbereiter der Erneuerung der Kirche
Von Charles Stephen Dessain
Media Maria Verlag 2019
ISBN: 978-3-9479310-8-8
Gebunden, 352 Seiten
Preis: Euro 20,50

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