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Der letzte Feind – Leseprobe 3

16. Juli 2020 in Buchtipp, keine Lesermeinung
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Leseprobe 3 des neuen Romans von Giuseppe Gracia


Linz (kath.net)

Unter der Führung eines neuen Papstes - für viele ein rückständiger Traditionalist - plant die katholische Kirche in Rom das «Dritte Vatikanische Konzil»: eine Versammlung von über 3.000 Bischöfen und Kardinälen aus aller Welt, geprägt von heftigen Richtungskämpfen. Bereits im Vorfeld kommt es zu mysteriösen Todesfällen und schließlich, während des Konzils, zu einem brutalen Anschlag.

 

Leseprobe 3: 

Nein, sagt der Papst in seiner Ansprache, es sei jetzt nicht die Zeit, für Kuschelreden und den faulen Frieden der Heuchler! Zu drängend seien die Mächte der Gegenwart, mit denen sich die Menschen weltweit konfrontiert sähen. Zu groß die Wucht des globalisierten, digitalisierten Wettbewerbs, der Familien und Völker auseinanderreiße, der die Natur aussauge und die Würde des Lebens mit den Füssen der Gier zertrete.

 

Ein Kult der Optimierung, so der Papst, der das unerwünschte Leben schon am Anfang im Labor aussortiere und den leistungsschwachen, kranken Menschen am Ende des Lebens in die chemische Selbsttötung treibe. Sekundiert von einer globalistischen Elite, die in den armen Ländern Gott spiele und die Gezeiten des Lebens, die Geburtenraten, zu beherrschen trachte. Ein neuer, digitaler Turmbau zu Babel, gegen den die Kirche Widerstand leisten müsse. Dies könne aber nur von einer entschlossenen Kirche kommen. Die Kirche dürfe nicht länger unverbindliche Kuschelreden und eine Diplomatie der Anpassung mit Evangelisierung verwechseln, dürfe nicht länger der eigenen Irrelevanz und Selbst-Infantilisierung durch Feigheit zuarbeiten. Dürfe nicht länger, besonders in Europa, widerstandsfeige Hirten der politischen Korrektheit hervorbringen.


 

Wer, so der Papst, brauche solche Hirten? Und wer, wenn nicht die eine heilige, katholische und apostolische Kirche, wäre in der Lage, dem globalisierten Zeitgeist die Stirn zu bieten? Wer könne den Menschen die nötige Nahrung schenken, welche die Seele gegen den Jahrmarkt der Gegenwart stärke, gegen den abstumpfenden Bazar der Parteien und Wirtschaftsinteressen?

 

Während der Papst seine Ansprache hält, steht rund 1‘400 Kilometer von Rom entfernt, in Brüssel, steht Mister Kane von seinem Platz auf.

Er hält eine Kaffeetasse in der Hand und stellt sich vor das Panoramafenster des Büros, das auf die Gemeinde Kortenberg hinausgeht.

In der Ferne blinkt der Flughafen.

„Ich verstehe,“ sagt Mister Kane leise.

Alexander Martens, der Untergebene von Mister Kane, in dessen Büro sie sich befinden, wartet einige Sekunden schweigend. Dann erklärt er Kane, daß es nie seine Absicht gewesen sei, „das Leben des Erzbischofs zu gefährden“, so wie es nie seine Absicht gewesen sei, „unnötige polizeiliche Ermittlungen“ auszulösen. Die Sache sei aus dem Ruder gelaufen.

„Ich verstehe,“ wiederholt Mister Kane.

Er legt die Kaffeetasse auf den Tisch und greift nach dem Orangensaft.

 

Plötzlich beginnt er – in einem nahezu väterlichen Ton – von seinen ersten Dienstjahren für die Global Humanitarian Foundations. Vor zwanzig Jahren, so Mister Kane, habe man ihn als Spezialist für europäische Geistesgeschichte in eine Arbeitsgruppe gesetzt, die den Auftrag gehabt habe, dem Stiftungsrat eine Analyse der Postmoderne zu liefern, unter besonderer Berücksichtigung der Erfolgsfaktoren für Demokratie und Rechtsstaat. Ihnen sei klar gewesen, daß es die Freiheitsgeschichte in Europa und den USA niemals gegeben hätte, wären Religion und Aberglaube nicht zurückgedrängt worden, um eine aufgeklärte Gesellschaft zu begünstigen. Um diesen Zusammenhang zu sehen, genüge ein Blick in jene Weltregionen, in denen nach wie vor autoritäre Religionen und Machtsysteme das Leben bestimmten, ob in Südamerika, Afrika oder Asien, ob im Namen von Christentum, Islam, Hinduismus oder Buddhismus. Wo immer die herrschende Klasse nicht auf die Freiheit des Einzelnen setze, ernte man millionenfache Unterdrückung, Krieg und Armut. Gewiss seien die Religionen nicht die einzige Geißel der Menschheit, doch aber eine der schlimmsten und beständigsten.

 

„Natürlich,“ nickt Martens.

Die Religion sei nicht nur der erste, sondern auch der letzte Feind der Freiheit, erklärt Mister Kane. Nie wieder dürften religiöse Gruppen eine Hauptrolle in der Menschheitsgeschichte spielen. Sonst würden Aufklärung, Wissenschaft und Säkularisierung zugrunde gehen, noch bevor die westliche Kultur ihre volle Reife erreicht habe und alle Völker dazu bereit seien, aus voller Überzeugung den Fortschritt zuzulassen.

 

Giuseppe Gracia ist sizilianisch-spanischer Abstammung, verheiratet und hat zwei Kinder. Der Schweizer arbeitet als Publizist, Medienberater und Schriftsteller: «Das therapeutische Kalifat» (2018), «Der Abschied» (2017), «Santinis Frau» (2006), «Kippzustand» (2002) u.v.m. Gracia ist fester Kolumnist bei der Schweizer Zeitung «Blick» und publiziert Gastbeiträge in Medien wie NZZ und Focus Online. Als PR-Berater betreut er verschiedene Mandate, u.a. für das Schweizer Bistum Chur.

 

kath.net Buchtipp

Der letzte Feind

Von Giuseppe Gracia

Fontis Verlag 2020

ISBN: 9783038481966

Broschiert, 256 Seiten

Preis: 18,- Euro

 

Bestellmöglichkeiten bei unseren Partnern:

 

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