19 November 2009, 12:15
Warum die Geburt Christi im März 5 vor Christus war
 
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Kath.Net-Exklusiv-Interview mit Michael Hesemann über sein neues Bestsellerbuch "Jesus von Nazareth. Archäologen auf den Spuren des Erlösers"

Köln (kath.net)
Kath.Net: Es ist offenbar der Herbst der Jesus-Bücher. Nach Peter Seewalds „Jesus Christus“ erschien jetzt auch Ihr „Jesus von Nazareth. Archäologen auf den Spuren des Erlösers“ im Augsburger St. Ulrich-Verlag. Worin unterscheiden sich die beiden Bücher?

Hesemann: Sie sind zum Glück grundverschieden, denn unter Kollegen soll man sich keine Konkurrenz machen. Peter Seewalds Buch ist eine sehr leidenschaftliche, persönliche und moderne Evangelienharmonie mit einigen Ausflügen in die Theologie, die Wirkungsgeschichte der Evangelien und die Zahlenmystik. Im Grunde genommen ist es ein Glaubensbekenntnis und eine sehr moderne und erfrischende Apologetik. Doch obwohl ich das Buch mit großem Vergnügen gelesen habe - die Archäologie kommt darin eindeutig zu kurz.

Mein Buch hat mit ihm nur dreierlei gemeinsam: Es ist ebenfalls journalistisch geschrieben, der „rote Faden“ ist auch bei mir eine Israelreise – allerdings die unseres Papstes, die wir im Mai 2009 als Journalisten begleiten durften – und es steht ebenso leidenschaftlich für die Glaubwürdigkeit der christlichen Tradition ein. Theologische Deutungen überlasse ich denen, die es besser können, ob nun Benedikt XVI. oder Klaus Berger. Dafür erzähle ich die vielen spannenden Geschichten archäologischer Entdeckungen auf den Spuren Jesu, die oft genug bis ins kleinste Detail belegen, dass die Evangelien von Augenzeugen stammen oder auf Augenzeugenberichten beruhen müssen. Dabei ist es hochaktuell – die jüngsten Funde und Ausgrabungen sind bereits berücksichtigt!

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Kath.Net: Also eher ein archäologisches Begleitbuch zum neuen Jesus-Buch des Papstes, das im nächsten Jahr erscheinen soll?

Hesemann: So hoch möchte ich gar nicht greifen. Meine Intention war, einen populären, lesbaren Überblick zum Thema „Jesus-Archäologie“ zu schreiben. Das Standardwerk war bislang Gerhard Krolls „Auf den Spuren Jesu“, ein ganz hervorragendes Buch – aber eben aus dem Jahre 1988. Seitdem sind 21 Jahre vergangen. Nun gibt es kein Land der Welt, in dem so viel ausgegraben wird wie in Israel, jedes Jahr fördern die Archäologen dort Neues zutage. Das summiert sich mit der Zeit, und so war Kroll irgendwann einfach nicht mehr up-to-date, nicht mehr auf dem neuesten Stand der Forschung. Da wollte ich Abhilfe schaffen!

Kath.Net: Welche dieser Entdeckungen haben Sie am meisten beeindruckt?

Hesemann: Das sind oft genug kleine Details, die erst bei meiner Recherche zutage gefördert wurden. Natürlich kennt jeder das „Jesus-Boot“, das Fischerboot aus dem See Gennesaret, das 1986 im Uferschlamm entdeckt wurde. Aber das wirklich spannende sind die Begleitumstände. Zuvor herrschte in ganz Israel eine Dürre, als man es fand, setzte schlagartig der Regen ein und ein riesiger Regenbogen lag über dem See. Das klingt wie ein kitschig inszenierter Film, doch seriöse, nüchterne Archäologen versicherten mir, dass es tatsächlich so war und zeigten mir zum Beweis ihre Fotos. Oder nehmen wir das Herodes-Grab, das ein Archäologe erst vor drei Jahren, nach jahrzehntelanger Suche, endlich entdeckte. Herodes wurde bestattet mit Blick auf Bethlehem! Er war so unbeliebt beim Volk, dass man schon nach wenigen Jahren sein Grab völlig verwüstete und seinen Sarkophag in tausend Stücke zerschlug.

Geradezu wie Schuppen fiel es mir von den Augen, als wir endlich die Ruinen von Kana gefunden hatten, der Stadt, in der Jesus auf der Hochzeit sein erstes Wunder gewirkt hatte und wo er danach fast den ganzen Sommer des Jahres 28 verbrachte. Das war nämlich nicht in Kafr Kenna, wo den Touristen heutzutage der leckere Wein kredenzt wird! Bei der Verwandlung des Wassers in Wein ging es natürlich nicht darum, die Stimmung auf einer Hochzeitsfeier zu retten. Nein, es war tatsächlich ein Zeichen, mit dem Jesus gleich zu Beginn seines Wirkens auf die Eucharistie verwies! Denn das Wasser, das in den Steinkrügen gelagert wurde, diente kultischen Waschungen nach der Halacha, dem jüdischen Reinheitsgesetz. Man fand solche Steingefäße überall in Israel, sie sind quasi eine Art „Leitfossil“ für jüdische Siedlungen des 1. Jahrhunderts. Jesus aber setzte auf innere Transformation anstelle von Äußerlichkeiten. Nicht das Wasser in den Steingefäßen reinigt uns von unserer Schuld, sondern Sein Blut allein. Sein erstes Zeichen war die Wandlung von Wasser in Wein, sein letztes, das er heute noch täglich millionenfach wirkt, ist die Wandlung von Wein in Sein kostbares Blut.

Kath.Net: Begreifen wir die Welt Jesu besser Dank der Archäologie?

Hesemann: Auf jeden Fall! Völlig zurecht nannte Bargil Pixner, der große, verstorbene Benediktiner-Archäologe, Landschaft und Archäologie des Heiligen Landes „das fünfte Evangelium“, mit dessen Hilfe man die vier Evangelien viel besser verstehen kann. Oft genug kam ich, mit der Bibel in der Hand, an eine Ausgrabungsstätte, schaute mir den archäologischen Befund an und hatte so ein „Aha!“-Erlebnis: So also hat das der Evangelist gemeint! Ja, dann macht seine Schilderung Sinn! Dabei muss mit einem Vorurteil aufgeräumt werden: „Die kleine Welt Jesu“, diese kitschige Idylle aus der Nazarenermalerei des 19. Jahrhunderts, war das Heilige Land der Zeitenwende gerade nicht. Die Paläste des Herodes übertrafen die meisten römischen Kaiserresidenzen, der Tempel in Jerusalem war das grandioseste Bauwerk seiner Zeit und schon durch die Diasporajuden in aller Welt, von Rom bis Babylon und von Nubien bis Pontus auf der Krim, war man global bestens vernetzt.

Jesus wuchs zwar in einem winzigen Dorf auf, doch Nazareth lag nur sechs Kilometer von der Residenzstadt des Herodes Antipas, Sepphoris, entfernt. Das wurde in den Jahren nach Christi Geburt nach griechischem Vorbild ausgebaut, es hatte sogar ein Theater, in dem die Werke der großen antiken Dramatiker aufgeführt wurden. Undenkbar, dass der Bauhandwerker Joseph (im griechischen Originaltext der Evangelien wird er als tekton und nicht als Dorfschreiner bezeichnet) die Gelegenheit nicht wahrnahm, hier Arbeit zu finden.

Vielleicht hat Jesus hier sogar seine Lehrjahre verbracht, denn im Judentum hatte jeder Junge, auch wenn er in sich eine religiöse Berufung verspürte, zunächst ein Handwerk zu erlernen.

Kath.Net: Sie sind in Ihrem Buch ziemlich präzise, was die Lebensdaten Jesu betrifft. Dabei kommen Sie zu dem Schluss, dass Jesus von Nazareth erst 5 v.Chr. geboren wurde, nicht 7 v.Chr., wie ihre meisten Kollegen annehmen. Was macht Sie da so sicher, dass man bisher falsch lag?

Hesemann: 7 v.Chr. war ein rein spekulatives Datum, das ich hinterfragt habe, statt es, wie andere, einfach zu übernehmen. Es basiert auf zwei Faktoren: Einmal der Tatsache, dass Jesus zu Lebzeiten Herodes des Großen geboren wurde, also vor 4 v.Chr. – das ist unbestreitbar! – und zweitens der Hypothese, der Stern von Bethlehem sei die Jupiter-Saturn-Konjunktion des Jahres 7 v.Chr. Aber nirgendwo steht im Matthäus-Evangelium ein Plural: es ist nur von einem einzelnen Stern die Rede, nicht von zwei sich nähernden Planeten. Nun gibt es eine noch konkretere Schilderung im sogenannten „Protevangelium des Jakobus“, das so viele Details aus dem jüdischen Leben zur Zeit des Zweiten Tempels schildert, dass ein frühes Entstehungsdatum sehr wahrscheinlich ist; Pixner vermutete seine Ursprünge sogar in Überlieferungen der Familie Jesu. Und darin werden die Magi zitiert: „Wir sahen einen gewaltigen Stern, der leuchtete unter den anderen Gestirnen (auf) und ließ ihr Licht erblassen“. Das klingt nicht nach einer Konjunktion, sondern nach einem ganz anderen Himmelsphänomen, einer Supernova, einer Sternexplosion. Eine solche fand tatsächlich im fraglichen Zeitraum statt – nach chinesischen und koreanischen Quellen war sie zwischen Mitte März und Ende Mai 5 v.Chr. im Sternbild des Adlers sichtbar!

Zuvor, zwischen Mai 7 v.Chr. und Februar 5 v.Chr. gab es gleich drei astrologisch interessante Konjunktionen, die diesem Ereignis vorausgingen. Kein Wunder also, dass die Sterndeuter alarmiert waren. Und jetzt verrate ich Ihnen, weshalb ich mir so sicher bin, dass ich richtig liege. Die Magi, die Jerusalem wohl im Mai erreichten, erzählten Herodes, was sie seit genau zwei Jahren am Himmel beobachtet hatten. Und was tat der König? Er erteilte Befehl, „alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren (zu) töten“ (Mt 2,16).

Welchen Sinn hätte das gehabt, wenn die Magi bereits ein halbes Jahr nach Beginn der Beobachtungen, etwa im November 7 v.Chr., an der Krippe gestanden hätten? Nein, es waren genau zwei Jahre! Christi Geburt war also im März 5 v.Chr., deshalb lagerten schon die Hirten mit ihren Herden auf den Weiden vor Bethlehem. Laut dem Talmud verbrachten die Schafe den Winter vom November bis zum 1. Nisan, der in diesem Jahr auf den 9. März fiel, in den Ställen. Das aber heißt, dass Jesus geboren wurde, als die Opferlämmer für das bevorstehende Paschafest auf die Welt kamen ...

Kath.Net: Herzlichen Dank für das Interview

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Michael Hesemann
Jesus von Nazareth
Archäologen auf den Spuren des Erlösers
gebunden, 304 Seiten, 135 mm x 215 mm,
EUR 22,70

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